DE157.32 Sprache
U. Konrad
3. Wiedervereinigung
Gosa: Reine Sprache
Wirth 1933
[/113] Hier fehlt in der Abschrift ein Blatt, zwei Seiten, welches dem Schreiber des Kodex D bei seiner Abschrift von Kodex C bereits gefehlt haben muß.)
... seine Frau, sagte er, die Maid gewesen war zu Texland, hatte davon eine Abschrift erhalten. Auf Texland werden noch viele Schriften gefunden, die nicht in dem Buche der Adelingen[1] abgeschrieben sind. Von diesen Schriften hat Gosa eine zu ihrem letzten Willen gelegt, welche durch die älteste Maid, Albethe, offenkundig werden sollte, sobald Gosa gestorben wäre.
Hier ist die Schrift mit Gosas Rat
Als Wralda den Müttern des menschlichen Geschlechtes Kinder gab, da legte er eine Sprache auf alle Zungen und auf alle Lippen. Dies Geschenk hatte Wralda den Menschen gegeben, damit sie einander dadurch erkennbar machen konnten, was man meiden muß und welchen Dingen man nachstreben muß, um Seligkeit zu finden und Seligkeit zu behalten in aller Ewigkeit. Wralda ist weise und gut und alles vorhersehend. Sintemal er nun wußte, [114] daß Glück und Seligkeit von der Erde fliehen müssen, wenn die Bosheit die Tugend betrügen kann, so hat er mit der Sprache eine gerechte Eigentümlichkeit fest verbunden. Diese Eigentümlichkeit liegt darin, daß man damit keine Lüge sagen, noch trügerische Worte sprechen kann sonder Stimmentstellung und sonder Schamrot, wodurch man die von Herzen Bösen zur Stund erkennen mag. Nachdemmalen unsere Sprache also den Weg zum Glück und zur Seligkeit zeigt und also mitwacht wider die bösen Neigungen, darum ist sie, mit Recht Gottessprache geheißen, und alle diejenigen, die sie in Ehren halten, haben dadurch Freude.
Doch was ist geschehen? Alsobald inmitten unserer Halbschwestern und Halbbrüder Betrüger aufstanden, die sich selbst für Gottesknechte ausgaben, ist das gar schnell anders geworden. Die betrügerischen Priester und die ruchlosen Fürsten, die immer miteinander verschworen sind, wollten nach Willkür leben und außer dem Gottesgesetz handeln. In ihrer Schlechtigkeit sind sie hingegangen und haben andere Sprachen ersonnen, damit sie heimlich sprechen können in Gegenwart aller anderen über alle bösen Dinge und über alle unwürdigen Dinge, ohne daß Stammeln sie verraten noch Schamrot ihr Antlitz entstellen könnte. Aber was ist daraus geboren? Ebenso leicht wie der Same der guten Kräuter in der Erde aufgeht, der offenkundig gesäet worden ist von guten Leuten am hellen Tage, ebenso leicht bringt die Zeit die schädlichen Kräuter an das Licht, die gesäet sind von bösen Leuten im Verborgenen und in der Finsternis.
Die lockeren Mädchen und die unmännlichen Knaben, die mit den unreinen Priestern und Fürsten hurten, entlockten die neuen Sprachen ihren Buhlen. Auf solche Weise sind sie weitergekommen unter die Völker, bis daß die Gottessprache gänzlich vergessen wurde. Willst du nun wissen, was daraus geworden ist? Nun Stimmentstellung und Miene ihre bösen Leidenschaften nicht länger verrieten, ist die Tugend aus ihrer Mitte gewichen, Weisheit ist gefolgt und Freiheit ist geschwunden; Eintracht ist verlorengegangen und Zwiespalt hat ihre Stätte eingenommen; Liebe ist geflohen und Hurerei sitzt mit Neid am Tisch, und da, wo ehemals Gerechtigkeit waltete, waltet nun das Schwert. Alle sind Sklaven geworden, die Leute von ihren Herren, die Herren von Neid, bösen Gelüsten und Begehrlichkeit. Hätten sie nun [115] noch eine Sprache erfunden, möglicherweise wäre es dann noch eine Weile gut gegangen.
Aber sie haben so viele Sprachen erfunden, als es Staaten gibt. Dadurch vermag das eine Volk das andere ebensowenig zu verstehen als die Kuh den Hund oder der Wolf das Schaf. Dies können die Seefahrer bezeugen. Daher ist es nun gekommen, daß alle Sklavenvölker einander als andere Menschen betrachten und daß sie zur Strafe für ihre Unachtsamkeit und ihre Vermessenheit einander so lange bekriegen und bekämpfen müssen, bis sie alle vertilget sind.
Hier ist nun mein Rat
Bist du also begierig, die Erde allein zu erben, so sollst du nimmer eine andere Sprache über deine Lippen kommen lassen als die Gottessprache, und dann geziemt es dir zu sorgen, daß deine eigene Sprache freibleibt von ausheimischen Klängen. Willst du nun, daß welche von Lydas Kindern und von Findas Kindern bleiben, dann tuest du desgleichen. Die Sprache der Ost-Schonländer ist von den unreinen Magjaren verhunzt ; die Sprache der Keltana-Folger ist von den schmutzigen Golen verdorben. Nun sind wir so mild gewesen, die zurückkehrenden Hellenja-Anhänger wieder in unsere Mitte aufzunehmen, aber ich befürchte sehr, daß sie unsere Milde vergelten werden durch Verhunzung unserer reinen Sprache.
Vieles ist uns widerfahren, aber von allen Burgen, die durch die arge Zeit zerstört und vertilgt worden sind, hat Irtha Fryasburg unversehrt erhalten. Auch darf ich dabei berichten, daß Fryas oder Gottes Sprache hier ebenso unversehrt erhalten ist.
Hier auf Texland sollte man also Schulen stiften: von allen Staaten, die es mit den alten Sitten halten, muß das junge Volk hierher gesandt werden; danach dürfen diejenigen, die ausgelernt haben, den anderen wieder helfen, die daheim verharren. Wollen die anderen Völker Eisenwaren von euch kaufen und darüber mit euch sprechen und dingen, so müssen sie zur Gottessprache wiederkehren. Lernen sie die Gottessprache, so werden die Worte »frei sein« und »recht haben« zu ihnen eingehen, in ihren Häuptern wird es dann beginnen zu glimmen und glühen, bis es zu einer [116] Lohe wird. Diese Flamme wird alle bösen Fürsten und Scheinfrommen und schmutzigen Priester verzehren.
Fußnoten
- ↑ Der Adal-Bund oder die Adela-Folger.
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