DE076.13 Athenia
M. Auf Fryasburg 2
Der Niedergang Athenias
Entwurf Wallis
[hier fehlen drei Sätze]
Von den anderen Krekaländern habt ihr sicher viel Übles über Sekrops gehört, denn er stand in keinem guten Ruf. Aber ich wage zu sagen: Er war ein erleuchteter Mann, hoch gerühmt, ebenso sehr bei den Einheimischen wie auch bei uns. Denn er unterdrückte das Volk nicht wie die anderen Priester, sondern er war tugendhaft und wußte die Weisheit ferner Völker zu schätzen. Darum [077] hatte er uns erlaubt, nach unserem eigenen Gesetzbuch zu leben. Es gab das Gerücht, daß er uns wohlgesonnen war, weil er der Sohn eines Fryas-Mädchens und eines ägyptischen Priesters sein sollte, da er blaue Augen hatte und viele unserer Mädchen entführt und nach den Ägypterlanden verkauft worden waren. Doch selbst hat er das niemals bestätigt. Wie dem auch sei, sicher ist, daß er uns mehr Freundschaft bewies als alle anderen Priester zusammen.
Aber als er gestorben war, begannen seine Nachfolger, sich in unsere Gesetze einzumischen, und faßten nach und nach so viele untaugliche Beschlüsse, daß von Gleichheit und Freiheit schließlich nichts mehr übrig blieb als der Schein und die Worte. Sie wollten auch nicht zulassen, daß Satzungen schriftlich festgehalten wurden, so daß das Wissen darüber vor uns verborgen blieb. Früher wurden alle Angelegenheiten in Athenia in unserer Sprache besprochen, danach aber in beiden Sprachen, und zuletzt nur in der Landessprache [Wallis hatte: ‘Muttersprache’].
In den ersten Jahren nahmen sich die athenischen Männer nur Frauen unseres eigenen Geschlechts, aber als die jungen Männer mit den einheimischen Mädchen aufwuchsen, nahmen sie auch von ihnen. Die entarteten Kinder, die daraus hervorgingen, waren die hübschesten und klügsten [078] der Welt, aber auch die schlimmsten, die zwischen beiden Seiten schwankten und sich nicht um Moral oder Traditionen scherten, es sei denn, sie konnten davon profitieren. [Fortsetzung folgt]
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[/68] Von diesem König ist hier ein Schreiber zurückgeblieben von reinem Fryasblut, geboren in dem neuen Hafen von Athenia, und was hier folget, hat er für uns über Athenia geschrieben. Daraus mag man ersehen, wie wahr die Mutter Hell-Licht gesprochen hat, als sie sagte, daß Fryas Sitten in Athenia keinen Stand halten konnten.
[69] »Von den anderen Krekaländern hast du gewiß viel Übeles über Sekrops gehört: denn er stand in keinem guten Ruf. Aber ich wage zu sagen: er war ein erleuchteter Mann, hochgerühmt sowohl bei den Einheimischen als bei uns. Denn er war keiner, der die Menschen duckte, wie die anderen Priester, aber er war tugendsam und er wußte die Weisheit der weitab wohnenden Völker nach Wert zu schätzen. Darum, weil er das wußte, hat er uns gestattet, daß wir nach unserem eigenen gleichen Asegabuch leben durften. Es ging eine Erzählung herum, daß er uns gewogen wäre, weil er gezeugt sein sollte aus einem Fryasmädchen und einem ägyptischen Priester, aus dem Grunde, weil er blaue Augen hatte, und daß bei uns viele Mädchen geraubt und nach den Egiptalanden verkauft worden waren.
Doch selber hat er es nimmer gestanden. Wie es damit sei, sicher ist, daß er uns mehr Freundschaft bewies als alle anderen Priester zusammen. Aber als er gestorben war, fingen seine Nachfolger gar bald an, unsere Gesetze zu zerstückeln und allmählich so viele schlechte Küre zu machen, daß zu guter Letzt von Gleichheit und Freiheit nichts anderes als der Schein und der Name übrig blieb. Weiter wollten sie nicht gestatten, daß die Satzungen schriftlich abgefaßt wurden, wodurch das Wissen darum für uns verborgen ward. Vorher wurden alle Sachen innerhalb Athenias in unserer Sprache bedingt. Nachdem mußte es in beiden Sprachen geschehen, zuletzt allein in der Landessprache.
In den ersten Jahren nahm das Mannvolk in Athenia nur Weiber von unserem Geschlecht: aber das Jungvolk, aufgewachsen mit den Mädchen der Landeseinsassen, nahm auch diese. Die Bastardkinder, die daraus entsprossen, waren die schönsten und gescheitesten in der Welt, aber sie waren auch die Ärgsten. Hinkend auf beiden Seiten, sich kümmernd um keine Sitte noch Brauch, es sei denn, daß es zu ihrem eigenen Nutzen wäre. Also lange als ein Strahl von Fryas Geist einwirkte, wurden alle Baustoffe zu gemeinen Werken verarbeitet, und niemand durfte ein Haus bauen, das geräumiger und reicher war als das seines Nächsten. Doch als einige entartete Städter reich geworden waren durch unsere Fahrt und durch das Silber, das die Sklaven aus den Silberlanden gewannen, da gingen sie draußen auf den Halden oder in den Tälern wohnen. Allda hinter hohen Wällen von [70] Laubbäumen oder Stein bauten sie Höfe mit kostbarem Hausrat, und um bei den schmutzigen Priestern in gutem Rufe zu stehen, stellten sie dort falschen Göttern gleichende und unzüchtige Bilder auf. Bei den schmutzigen Priestern und Fürsten wurden die Knaben vielfach mehr begehrt als die Töchter, und oft durch Reichtümer oder Gewalt von dem Pfade der Tugend abgeführt. Da Reichtum bei dem verdorbenen und entarteten Geschlecht weit über Tugend und Ehre galt, sah man allzumal Knaben, die sich selber mit weiten reichen Kleidern schmückten, ihren Eltern und den Mädchen zur Schande und ihrem Geschlechte zum Spotte. Kamen unsere einfältigen Eltern in Athenia auf die gemeine Acht und wollten sie darüber Klage führen, so wurde gerufen: »Hört, hört, da wird eine Seemumme reden.«
So ist Athenia geworden gleich einem Moorland in den heißen Landen, voll Blutsaugern, Poggen und giftigen Schlangen, in das kein Mensch von strengen Sitten seinen Fuß setzen kann.
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