1940 Himmler - Der Weg zum Reich: Difference between revisions
Der Weg zum Reich |
no <big> |
||
| Line 106: | Line 106: | ||
Die angedeuteten, uns heute unglaublich erscheinenden Ansichten über unsere ältesten Vorfahren waren in Deutschland allgemein herrschend, als ''Gustav Kossinna'' seinen Kampf um unsere art-eigene Vorzeit begann. Das Wort Jakob Grimms: „Weil ich lernte, daß seine Sprache, sein Recht und sein Altertum viel zu niedrig gestellt werden, wollte ich mein Vaterland erhöhen”, stellte er an den Anfang seines grundlegenden Buches: „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft”. 1895 hat er das älteste Siedlungsgebiet der Germanen genau umrissen. Später hat er auch den '''nordischen Ursprung''' der Indogermanen, der Völkerfamilie, der auch die Germanen angehören, nachweisen können. | Die angedeuteten, uns heute unglaublich erscheinenden Ansichten über unsere ältesten Vorfahren waren in Deutschland allgemein herrschend, als ''Gustav Kossinna'' seinen Kampf um unsere art-eigene Vorzeit begann. Das Wort Jakob Grimms: „Weil ich lernte, daß seine Sprache, sein Recht und sein Altertum viel zu niedrig gestellt werden, wollte ich mein Vaterland erhöhen”, stellte er an den Anfang seines grundlegenden Buches: „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft”. 1895 hat er das älteste Siedlungsgebiet der Germanen genau umrissen. Später hat er auch den '''nordischen Ursprung''' der Indogermanen, der Völkerfamilie, der auch die Germanen angehören, nachweisen können. | ||
'''Damit war klar erwiesen, daß Deutschland und die nordische Rasse schon seit frühester Zeit im Mittelpunkt des europäischen Geschehens stand.''' [11] | |||
==II. Aus dem Norden kommt die Kraft== | ==II. Aus dem Norden kommt die Kraft== | ||
| Line 126: | Line 126: | ||
Sicher waren es zunächst nicht nur nordische Menschen, die damals Norddeutschland besiedelten. Erst allmählich zeigte sich die ''Überlegenheit'' der nordischen (kämpferischen) und der mit ihr verwandten fälischen (erhaltenden) Rasse im Kampf mit der Natur der nordischen Länder. Von Anfang an erweist sich der nordische Lebenskreis den sich etwa zur gleichen Zeit in Europa bildenden anderen Kulturkreisen weit überlegen. Die Träger dieses nordischen Kreises waren die unmittelbaren Vorfahren der Germanen, Wir können sie als Vorgermanen, Arier oder ''Indogermanen'' bezeichnen, ein Ausdruck. der für das Ursprungsvolk aller der Völker [14] geprägt wurde, die von Indien über Vorderasien bis hinüber nach Spanien und hinauf zu den germanischen Ländern des Nordens verwandte Sprachen sprechen. | Sicher waren es zunächst nicht nur nordische Menschen, die damals Norddeutschland besiedelten. Erst allmählich zeigte sich die ''Überlegenheit'' der nordischen (kämpferischen) und der mit ihr verwandten fälischen (erhaltenden) Rasse im Kampf mit der Natur der nordischen Länder. Von Anfang an erweist sich der nordische Lebenskreis den sich etwa zur gleichen Zeit in Europa bildenden anderen Kulturkreisen weit überlegen. Die Träger dieses nordischen Kreises waren die unmittelbaren Vorfahren der Germanen, Wir können sie als Vorgermanen, Arier oder ''Indogermanen'' bezeichnen, ein Ausdruck. der für das Ursprungsvolk aller der Völker [14] geprägt wurde, die von Indien über Vorderasien bis hinüber nach Spanien und hinauf zu den germanischen Ländern des Nordens verwandte Sprachen sprechen. | ||
'''„Die deutsche Geschichte beginnt nicht mit Karl, sondern mit den Hünengräbern der Heide.”''' | |||
Was uns die Hünengräber offenbaren | Was uns die Hünengräber offenbaren | ||
| Line 499: | Line 499: | ||
Da es daran vollständig gebrach, so war das Ergebnis freilich nirgends befriedigend. Die letzten Folgerungen wurden nicht gezogen, und die Grenze erhielt eine unmögliche Gestalt. So war z. B. der Zusammenhang zwischen ''Livland'' und ''Preußen'' wesentlich auf dem Seeweg gegründet, da man die Eroberung des dazwischenliegenden ''Samogitien'' (Kowno) unterließ. | Da es daran vollständig gebrach, so war das Ergebnis freilich nirgends befriedigend. Die letzten Folgerungen wurden nicht gezogen, und die Grenze erhielt eine unmögliche Gestalt. So war z. B. der Zusammenhang zwischen ''Livland'' und ''Preußen'' wesentlich auf dem Seeweg gegründet, da man die Eroberung des dazwischenliegenden ''Samogitien'' (Kowno) unterließ. | ||
'''Die deutsche Kolonisation im Osten ist die größte Tat, die das deutsche Volk im Mittelalter vollbracht hat, eine Tat, die allein genügen würde, ihm seinen Platz unter den führenden Kulturvölkern zu sichern.''' | |||
Man braucht ja nur das weite Gebiet auf der Karte zu betrachten. (Karte 11.) Es war eine ''Wildnis'' gewesen und durch die Deutschen in ein Land hoher Kultur verwandelt worden. Diese Leistung kann sich schon mit dem messen, was die Römer im Altertum aus den unterworfenen Provinzen gemacht haben. | Man braucht ja nur das weite Gebiet auf der Karte zu betrachten. (Karte 11.) Es war eine ''Wildnis'' gewesen und durch die Deutschen in ein Land hoher Kultur verwandelt worden. Diese Leistung kann sich schon mit dem messen, was die Römer im Altertum aus den unterworfenen Provinzen gemacht haben. | ||
| Line 691: | Line 691: | ||
Der '''30jährige Krieg''' ist wohl das trübste Kapitel der deutschen Geschichte. Zu der grauenhaften Entvölkerung — von rund 20 Millionen sank Deutschland auf etwa 5 Millionen zurück — und Verwüstung des deutschen Raumes kommt die Tragik hinzu: Deutschland ist von [73] der Höhe des glanzvollen mittelalterlichen Kaiserreiches soweit herabgesunken, daß es — ''politisch und weltanschaulich zerrissen'' — zum Objekt der Politik fremder Mächte, zum Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen den anderen europäischen Staaten geworden ist. | Der '''30jährige Krieg''' ist wohl das trübste Kapitel der deutschen Geschichte. Zu der grauenhaften Entvölkerung — von rund 20 Millionen sank Deutschland auf etwa 5 Millionen zurück — und Verwüstung des deutschen Raumes kommt die Tragik hinzu: Deutschland ist von [73] der Höhe des glanzvollen mittelalterlichen Kaiserreiches soweit herabgesunken, daß es — ''politisch und weltanschaulich zerrissen'' — zum Objekt der Politik fremder Mächte, zum Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen den anderen europäischen Staaten geworden ist. | ||
'''Als treibende Kräfte standen hinter diesem grausamen Geschehen Frankreich und der politische Wille der Romkirche, die rassisch geistige Eigenart des deutschen Menschen zu tilgen. Der als dogmatische Glaubensstreitigkeit begonnene Kampf wuchs sich alsbald zu einem Tilgungsfeldzug wider die nordische Rasse, die im deutschen Menschen ihren hauptsächlichsten Vertreter fand, aus. Hierzu wurden alle übrigen, damals greifbaren Rassen der Erde aufgeboten, hierzu waren alle Mittel der Wüstung und Mord und Brand gerade recht.''' | |||
===10. Deutsche Ohnmacht nach 1648=== | ===10. Deutsche Ohnmacht nach 1648=== | ||
| Line 704: | Line 704: | ||
'''Deutschland war zu einer Wüste geworden. Hungersnot und ihre Folgen, Krankheiten und Seuchen hatten die Menschen ausgerottet. Dazu kam die Verseuchung der nordischen Rasse. 30 Jahre lang waren ''Spanier, Italiener, Tschechen, Franzosen'' und ''Ungarn'' als Söldner durch Deutschland gezogen und hatten die Frauen und Mädchen gewaltsam unter ihren Willen gezwungen.''' | '''Deutschland war zu einer Wüste geworden. Hungersnot und ihre Folgen, Krankheiten und Seuchen hatten die Menschen ausgerottet. Dazu kam die Verseuchung der nordischen Rasse. 30 Jahre lang waren ''Spanier, Italiener, Tschechen, Franzosen'' und ''Ungarn'' als Söldner durch Deutschland gezogen und hatten die Frauen und Mädchen gewaltsam unter ihren Willen gezwungen.''' | ||
'''Deutschland war um Jahrhunderte zurückgeworfen, und es mußten viele Jahre vergehen, ehe das Bewußtsein, ein Deutscher zu sein, wieder als Stolz empfunden wurde.''' | |||
Der Westfälische Friede keine Lösung der Religionsfrage | Der Westfälische Friede keine Lösung der Religionsfrage | ||
| Line 732: | Line 732: | ||
Mag damals auch so mancher Tropfen fremden Blutes in unsern Volkskörper eingedrungen sein, mag auch der Verlust eigenen Blutes zum Teil erschreckend groß gewesen sein, in seinem Kern ist unser Volk dennoch erhalten geblieben. Wir danken das dem ''stillen Heldentum'' jener zahllosen unbekannten deutschen Menschen, der deutschen Mutter — vor allem den '''deutschen Bauern''', die trotz allem Elend und aller Drangsale auf ihrer Scholle ausgeharrt, die immer wieder den verwüsteten Acker neu bestellt und so den Weiterbestand unseres Volkes gesichert haben. | Mag damals auch so mancher Tropfen fremden Blutes in unsern Volkskörper eingedrungen sein, mag auch der Verlust eigenen Blutes zum Teil erschreckend groß gewesen sein, in seinem Kern ist unser Volk dennoch erhalten geblieben. Wir danken das dem ''stillen Heldentum'' jener zahllosen unbekannten deutschen Menschen, der deutschen Mutter — vor allem den '''deutschen Bauern''', die trotz allem Elend und aller Drangsale auf ihrer Scholle ausgeharrt, die immer wieder den verwüsteten Acker neu bestellt und so den Weiterbestand unseres Volkes gesichert haben. | ||
'''Weil sie sich selbst, ihrem Volke und seinem Boden die Treue gehalten haben, konnte dereinst auf den Trümmern des alten Reiches, aus dem politischen Zusammenbruch von 1648 ein neues Deutsches Reich sich wieder erheben, ein Reich, dessen Vorbild und Kristallisationskern sich eben damals nach dem langen Kriege zu bilden begann in einem der deutschen Bundesstaaten, in ''Brandenburg-Preußen''!''' | |||
===11. Brandenburg» Preußen=== | ===11. Brandenburg» Preußen=== | ||
| Line 1,196: | Line 1,196: | ||
In den Plastiken ''„Künder”'' und ''„Kämpfer”'' im Ehrenhof der neuen Reichskanzlei sind der Schutzstaffel beide Sinnbilder als [116] Einheit zur Lebensaufgabe und Nacheiferung gestellt. Fackel und Schwert — Idee und Waffe — sind die gemeinsamen Grundpfeiler des Kampfes der Schutzstaffel für das Reich. | In den Plastiken ''„Künder”'' und ''„Kämpfer”'' im Ehrenhof der neuen Reichskanzlei sind der Schutzstaffel beide Sinnbilder als [116] Einheit zur Lebensaufgabe und Nacheiferung gestellt. Fackel und Schwert — Idee und Waffe — sind die gemeinsamen Grundpfeiler des Kampfes der Schutzstaffel für das Reich. | ||
'''Als politische Soldaten ist uns die nationalsozialistische Weltanschauung, das politische Testament ''Adolf Hitlers'', dabei Richtschnur in unserem Kampf. Wir haben aus der Geschichte unseres Volkes gelernt und sind überzeugt, daß das Reich nur dann von Bestand sein kann, wenn wir das politische Sendungsbewußtsein unseres Volkes wach erhalten, pflegen und hegen. Die Schutzstafiel ist so eine geschworene Kampigemeinschaft in guten und schlechten Tagen zur Behauptung der Reichsinteressen und der nationalsozialistischen Weltanschauung.''' | |||
[[Category:Sources German]] | [[Category:Sources German]] | ||
Latest revision as of 20:38, 29 May 2026
[Die OCR-Fehler müssen noch korrigiert und die Formatierung verbessert werden. Original mit Bilder und Karten.]
Der Weg zum Reich
Der Reichsführer
Geschichte in gröbsten Zügen. Gegenwärtige Formung des Reiches. als Vorkämpferin und Garant des großgermanischen Gedankens
Erarbeitung und Herausgabe: -Hauptamt
Gliederung
I. Die deutsche Vor- und Frühgeschichte, eine Kraftquelle unseres Volkes
II. Aus dem Norden kommt die Kraft
- 1. Der nordische Kernraum
- 2. Die Germanen
III. Das Reich Karls I.
- 1. Karl als Staatengründer
- 2. Karl und Widukind
IV. Das mittelalterliche Reich
- 1. Heinrich I., Gründer des 1. Reiches der Deutschen
- 2. Machtzuwachs der geistlichen und weltlichen Fürsten
- 3. Kampf zwischen Kaiser und Papst
- 4. Die Kreuzzüge, Roms neue Machtäußerung
- 5. Besiedlung Ostdeutschlands. Hanse und Ritterorden
- 6. Die Gefahr im Westen
- 7. Zersplitterung der Kräfte im 15. Jahrhundert
- 8. Entfaltung deutscher Geisteskräfte
- 9. Bauernkrieg und Glaubenskampf
- 10. Deutsche Ohnmacht nach 1648
- 11. Brandenburg-Preußen
- 12. Friedrich der Große als leuchtendes Vorbild
- 13. Der Zusammenbruch Preußens
- 14. Deutsche einig in der Abwehr des Fremden
V. Das Bismarck-Reich
- 1. Bismarcks Bundesstaat
- 2. Deutschlands Wirtschaftsaufschwung
- 3. Die überstaatlichen Mächte
- 4. Auswärtige Gefahren
- 5. Kolonien
- 6. Die innere Zersetzung des Reiches
- 7. Das Volksheer
- 8. Reich und Einkreisung
VI. Die große Läuterung 1914—1920
- 1. Der Weltkrieg als Saatboden der Volkwerdung
- 2. Der große Betrug von Versailles
VII. Die nationalsozialistische Bewegung
- 1. Jahre der Ohnmacht, Not und Schande
- 2. Wiederbesinnung und Kampf der NSDAP.
VIII. Das nationalsozialistische Reich
- 1. Sieg des völkischen Gedankens
- 2. Die gegenwärtige Formung des Reiches
- 3. Das Reich und die Welt '
- 4. Aufgaben der
I. Die deutsche Vor- und Frühgeschichte, eine Kraftquelle unseres Volkes
[5] Haben die Geschehnisse vor 5000 Jahren für uns Heutige noch Bedeutung? Genügt es nicht, wenn wir uns in der Gegenwart als lebendiges Volk fühlen? Bedeutet Rückschau nicht müde Greisenhaftigkeit?
Sicher nicht. Wir wissen heute, daß wir alle nur ein Glied sind in der Kette des Blutstromes unserer Ahnen, der von der Ewigkeit kommt und in die Ewigkeit zu gehen hat. Daß dieser Blutstrom nicht versiege, ist die große Aufgabe jedes Geschlechtes. Unsere auf der Rassenkunde aufbauende nationalsozialistische Weltanschauung lehrt, daß die in reinem Blute ruhende Erbmasse eines Volkes über die Jahrtausende hinweg unverändert bleibt. Geschichtsbewußtsein ist daher Selbstbewußtsein, bedeutet Wissen von eigener Art, von ihren Entfaltungsmöglichkeiten, Fehlern und Schwächen, bedeutet Aufgeschlossenheit für die Stimme des Blutes als Voraussetzung der allgemeinen Erkenntnis von der schicksalsgewollten Sendung des eigenen Volkes.
Überall sehen wir in der Geschichte, daß gerade Völker, die sich im Aufbruch, im Anstieg befinden, ihre besten Kräfte aus dem Beispiel der Vergangenheit holen.
Für die Griechen zum Beispiel bedeutete vor 100 Jahren die Befreiung von der türkischen Herrschaft eine starke Hinwendung zu ihrem Altertum.
Mussolini hat das neue Italien auch ganz bewußt auf den Grundlagen des alten Roms aufgebaut.
Auch die Japaner sind trotz aller technischen Neuerungen, die sie aus Europa übernahmen, der Tradition ihres Volkes treu geblieben.
Und das neue Reich, dessen Anbruch wir erleben, errichtet nach Jahrzehnten des Verfalles und der Entartung den Neubau der Nation auf den Grundfesten seines Lebens und seiner Sendung. Wir verstehen nunmehr, warum die führenden Männer des neuen Staates immer wieder auf die Vor- und Frühgeschichte unseres Volkes als auf ein Fundament dieses Neubaues hinweisen. [6]
Sagen und Lieder bei den Germanen
Die Germanen haben ihre Überlieferungen sorgsam gepflegt und in Sagen und Liedern nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich weitergegeben. Erinnerungen an wichtige Geschehnisse aus germanischer Zeit haben sich sogar bis heute in Sagen und Märchen erhalten. Wenige denken daran, daß die Urahne ehemals genau so wie heute unsere Großmutter am Herdfeuer sitzend Geschichten erzählte. Im Bauerntum ist uns heute noch ein reicher Schatz an germanischem Erbe bewahrt in seinen Liedern, in seinen Sprüchen, Redensarten, in seinen Sprichwörtern, in seinen Sagen, seinen Mären, Schwänken, in der bäuerlichen Kinderwelt, im Kinderspiel und Kinderlied. So spiegelt sich in dem Schimmelreiter‚ einer Brauchtumsgestalt in der Weihnachtszeit, die Odin-Wodan-Gestalt des Volksglaubens wider. Eine andere weihnachtliche Gestalt ist Frau Holle, Frau Harke oder Frau Percht — die wir häufig als Spinnerin im Weihnachtsgebäck vor uns haben. Auch die drei Nornen leben noch fort, die — ähnlich wie im Dornröschen Märchen die weisen Frauen — in der nordischen Überlieferung dem Neugeborenen sein Lebensschicksal als „Angebinde” bringen. Im Volksglauben sind die Nornenfäden noch heute im Altweibersommer lebendig. Im Bayerischen heißt man diese Fäden bezeichnenderweise „Muttergottesgespinst” oder „Marienfäden”! Daß die Germanen nicht nur mündliche Überlieferungen besaßen, können wir schon aus runenartigen Zeichen der Steinzeit, besonders aber aus den Sinnbildern und Felsritzungen erschließen.
Warum wissen wir so wenig über die deutsche Vor- und Frühgeschichte?
Wenn wir uns heute wieder mühsam in das germanische Altertum hineintasten müssen, wenn es uns heute so schwerfällt, das Leben und Treiben, das Kämpfen und Ringen der Germanen zu erforschen, so kommt das daher, weil zu Anfang des Mittelalters die germanische Überlieferung bewußt und künstlich zerstört wurde, Nur vielfach unverstandene und vom Gegner falsch gedeutete Reste germanischer Inhalte schimmern in Kunst und Brauchtum des Bauerntums, in Weihnacht und Johannisfeuer durch den christlichen Deckmantel hindurch. Denn das Wissen um unsere Ahnen wurde durch eine artfremde Überlieferung ersetzt. Das zeigt sich besonders in den Gesetzen, die Karl der Große nach dem Kampfe gegen die Sachsen erließ. Karl ließ alle aufgefundenen germanischen Schriften sammeln und setzte römischen Gottesdienst an Stelle der heimischen Gesittung. Sein Sohn Ludwig, dem die dankbare Kirche den Beinamen der „Fromme” gegeben hat, ging in seinem Christeneifer so weit, daß er die von Karl gesammelten germanischen Heldenlieder verbrennen ließ. Danach konnte man dann mit eiserner Stirn behaupten, die Germanen hätten überhaupt keine schriftliche Überlieferung gehabt. Bar jeden Selbstbewußtseins starrten die deutschen „Gebildeten” gebannt nach dem Süden, von dem alle Kultur gekommen sein sollte. Vor noch nicht allzu langer Zeit lehrte man in deutschen Schulen, daß die barbarischen Germanen zur Zeit der Landnahme die herrlichen Kulturwerte des Südens zerstört, sich aber doch schließlich der höheren römischen Kultur gebeugt [8] hätten. Erst dadurch sei ein Licht in die finsteren Wälder Germaniens gedrungen, erst dadurch seien die Germanen von der Stufe eines wilden Naturvolkes zur Stufe eines Kulturvolkes aufgerückt. Genau so wie frühere Jahrhunderte den Satz prägten „aus dem Osten kommt das Licht”, so sagen wir heute, nachdem wir bewußt den Spuren unserer Vorfahren nachgegangen sind, die beweisen, daß die Kulturschöpfungen dem Norden zu verdanken sind:
„Aus dem Norden kommt die Kraft.”
Fremdes Gebaren konnte die Wiederbesinnung auf unsere germanisches Vor- und Frühgeschichte nicht hindern.
Tacitus „Germania”
Aus dem zur Zeit Luthers neuentdeckten Büchlein „Germania” des Römers Tacitus erfuhr man allerlei über unsere Vorfahren.
Aber doch führten alle diese Bemühungen nicht zu einer Verlebendigung unserer Vorzeit, denn die Brücke zu dieser war durch artfremde Kultur abgebrochen. Man sah unsere Vorfahren ja nur durch die Augen des Fremden, des Römers, dem man die einzigen, oft mißverstandenen und böswilligen Berichte über unsere Vorfahren verdankte. Die unbestechlichen Zeugen der Bodenfunde wußte man noch nicht zu deuten; und so waren die damaligen Versuche, wieder mit unserer Vorzeit Fühlung zu bekommen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Befreiungskriege als Ansporn der deutschen Vorgeschichtsforschung
Erst durch die Begeisterung, die die Befreiungskriege auslösten, wurde die deutsche Vorgeschichtsforschung von neuem zu emsiger Arbeit angespornt. Immer seltener wurden die Stimmen, die behaupteten, der Germane sei ein Raubtier, welches schlafe, wenn es nicht jage, saufe oder fresse. Man erkannte, daß die bisherige Forschungsrichtung falsch war.
Gebr. Grimm
Unsere alte, arteigene Kultur wurde nun mit Eifer erschlossen. Die Gebrüder Grimm sammelten Recht, Sprache, Märchen und Sagen unserer deutschen Frühzeit. Man erkannte, daß all die bisher gesammelten Altertümer nicht nur Raritäten seien, die man ob ihrer merkwürdigen Gestaltung bewunderte, sondern daß die Dokumente der frühesten Entwicklung unserer Vorfahren darstellten. Man las aus ihnen, daß als älteste Stufe eine Steinzeit, dann eine Bronzezeit kam und endlich die Eisenzeit heranreifte — drei Perioden menschlichen Werdens! Auf Grund seiner Ausgrabungen erkannte der deutsche Forscher Lisch die kulturelle Überlegenheit der bronzezeitlichen Germanen gegenüber zur selben Zeit lebenden Südvölkern. Es ist auch kein Zufall, daß der zum ersten Male auf die in germanischen Tonurnen eingeritzten Hakenkreuze aufmerksam machte und ihnen eine „heilige Bedeutung” zumaß.
Ebenso wie das damals aufkeimende Deutschbewußtsein durch die Reaktion in der Mitte des letzten Jahrhunderts gewaltsam unterdrückt wurde — hier fanden sich Juden, Freimaurer und die christlichen Kirchen! —, so sollten auch die hoffnungsvollen Anfänge einer deutschen Vorgeschichtsforschuug durch die [9] alte humanistische Wissenschaft, die alles Heil im Süden suchte, vernichtet werden. Man behauptete wieder, die Germanen seien bis zur Römerzeit auf der Stuie der Steinzeit verharrt und die herrlichen Bronzekunstwerke des Nordens seien sämtlich aus den Mittelmeerländern eingeführt. Die italienischen Kaufleute selbst glaubte man in den Baumsargiunden Jütlands und Schleswig-Holsteins mit ihrer kleidsamen Wolltracht zu erkennen; denn die Germanen konnte man sich nur mit rohen Fellen behängt und mit mächtigen Keulen bewehrt vorstellen!
Kossinna, der Meister der Vorgeschichtsforschung
Die angedeuteten, uns heute unglaublich erscheinenden Ansichten über unsere ältesten Vorfahren waren in Deutschland allgemein herrschend, als Gustav Kossinna seinen Kampf um unsere art-eigene Vorzeit begann. Das Wort Jakob Grimms: „Weil ich lernte, daß seine Sprache, sein Recht und sein Altertum viel zu niedrig gestellt werden, wollte ich mein Vaterland erhöhen”, stellte er an den Anfang seines grundlegenden Buches: „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft”. 1895 hat er das älteste Siedlungsgebiet der Germanen genau umrissen. Später hat er auch den nordischen Ursprung der Indogermanen, der Völkerfamilie, der auch die Germanen angehören, nachweisen können.
Damit war klar erwiesen, daß Deutschland und die nordische Rasse schon seit frühester Zeit im Mittelpunkt des europäischen Geschehens stand. [11]
II. Aus dem Norden kommt die Kraft
Nordisch-indogermanisches Bauerntum zur Jungsteinzeit. (Nordische Urzeit, etwa 3000 bis 1800 vor der Zeitrechnung)
1. Der nordische Kernraum
Menschen zur Eiszeit
Über die ersten Anfänge der Besiedlung unserer Heimat wissen wir wenig, denn Eis und Schutt haben ihre Spuren zerstört und überdeckt. In wiederholten Vorstößen gelangten die Eismassen von Skandinavien bis an den mitteldeutschen Gebirgsrand und von den Alpenkämmen bis über die Donau (Karte 1).
Erst zur letzten Eiszeit, vor vielen Jahrzehntausenden, können wir die Urformen der heutigen europäischen Rassen, besonders der nordischen Rasse, deutlich erkennen. Vielleicht hat schon damals die Auslese, die das Leben am Rande der skandinavischen Gletscher forderte, zur Formung der nordischen Rasse beigetragen.
Der nordische Kernraum
Gegen Ende der Altsteinzeit, seit etwa 10 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung, schmolzen die Gletscher dann endgültig ab. Das Klima wurde milder, der Norden trocken und zum Pilanzenwuchs geeignet. Damit wurde der norddeutsch-südskandinavische Raum für die Besiedlung dauernd frei. Er wurde zum Kernraum der nordischen Rasse, die für die Bildung unseres Volkes ausschlaggebend werden sollte. Hier liegt der Ursprung unseres Volkes.
Der nordische Lebenskreis
Sicher waren es zunächst nicht nur nordische Menschen, die damals Norddeutschland besiedelten. Erst allmählich zeigte sich die Überlegenheit der nordischen (kämpferischen) und der mit ihr verwandten fälischen (erhaltenden) Rasse im Kampf mit der Natur der nordischen Länder. Von Anfang an erweist sich der nordische Lebenskreis den sich etwa zur gleichen Zeit in Europa bildenden anderen Kulturkreisen weit überlegen. Die Träger dieses nordischen Kreises waren die unmittelbaren Vorfahren der Germanen, Wir können sie als Vorgermanen, Arier oder Indogermanen bezeichnen, ein Ausdruck. der für das Ursprungsvolk aller der Völker [14] geprägt wurde, die von Indien über Vorderasien bis hinüber nach Spanien und hinauf zu den germanischen Ländern des Nordens verwandte Sprachen sprechen.
„Die deutsche Geschichte beginnt nicht mit Karl, sondern mit den Hünengräbern der Heide.”
Was uns die Hünengräber offenbaren
So sagt Alfred Rosenberg einmal. Der Rückblick auf die deutsche Geschichte, die im Lichte der Rassenforschung neu gesehen wurde, machte nicht halt bei Kaiser Karl, sondern verlängerte durch die Einbeziehung der Vorgeschichte die deutsche Volksgeschichte um Jahrtausende nach rückwärts. Der germanische Mythus, nicht das Christentum, steht am Anfang der deutschen Geschichte. Entscheidend für unsere Geschichtsbetrachtung ist die Kraft des Blutes, die das deutsche Volk seit der Zeit der Germanen bis heute gestaltet hat. Beim Anblick dieser gewaltigen steinernen Totenmale wird sich niemand des Gefühls tiefster Ehrfurcht vor unserer ältesten Geschichte erwehren können. Die in den Hünengräbern liegenden Toten gehören der nordischen und besonders der fälischen Rasse an. Die beigegebenen Waffen zeigen einen Kunststil, der uns heute wieder besonders anspricht. Dieses älteste nordische Volk muß technisch hervorragend begabt gewesen sein, um diese ausgezeichneten Waffen und Gerätschaften herzustellen, besonders aber um die Gräber selbst zu bauen. Ohne Kran und Maschine, nur mit Hilfe einer aus der Erde aufgebauten schiefen Ebene wurden mittels Hebeln und Rollen bis zu 500 Zentner schwere Felsblöcke aufeinandergetürmt. Diese Bauten ließen sich nur durch organisierte Zusammenarbeit einer großen Gemeinschaft bewerkstelligen. Es muß also schon um 3000 vor der Zeitrechnung ein staatlicher Zusammenhalt bei unseren Vorfahren bestanden haben.
Höhe des nordischen Totenglaubens
Diese Großsteingräber bezeugen auch die Höhe des nordischen Totenglaubens.
Der Gedanke an eine Trennung von Leib und Seele war in der Steinzeit auch im Norden anfangs unbekannt. In dieser alten Anschauung steckt eine tiefe Wahrheit, nämlich, daß zwischen Körper und Seele unergründlich tiefe, von Geschlecht zu Geschlecht fortlebende Zusammenhänge bestehen. Weil man sich in der Steinzeit das Fortleben nach dem Tode körperlich dachte, sorgte man liebevoll für den Toten, indem man ihm ein unvergängliches Haus baute und ihn mit allem versah, was er nach dem Tode benötigte. Am Ende der Jungsteinzeit hat der Seelenglaube, der Glaube an ein neues, anderes Leben nach dem Tode im Norden den alten Glauben an den weiterlebenden Leichnam völlig überwunden. Das beweist der aufkommende Brauch der Totenverbrennung. Die Erhaltung des Leibes war unnötig geworden; durch die Verbrennung wurde die Seele von den letzten Resten der Körperlichkeit befreit. Erst unter den Fremdeinflüssen der nachchristlichen Perioden haben die Germanen die Körperbestattung teilweise wieder aufgenommen.
[16] Die Menschen dieser Kultur hinterließen uns nicht nur diese riesigen Totendenkmale, deren Steinsetzung bis zu 100 m Länge reicht, sondern auch besonders schön gearbeitete Tongefäße und schön geschliffene Streitäxte und Dolche.
Der nordische war Bauer
Der nordische Mensch aus der Jungsteinzeit war seßhaft und hatte neben seiner Vorliebe für Jagd eine volle Bauernkultur entwickelt.
Das beweisen uns Funde vom Pflug, der von diesem Raum aus seinen Weg durch die Welt machte, von verschiedenen Getreidearten, vom Pferd, Wagen und von dem nordischen Rechteckhaus, das später während der indogermanischen Landnahme überall dort erstand, wohin die Wanderung die nordischen Menschen führte.
Die Indogermanen
Gegen Ende der jüngeren Steinzeit, als das Klima trockener wurde, begannen in mehreren Wellen die großen Landnahmezüge der Menschen des nordischen Kreises, deren Hauptstoßrichtung nach Osten ging (Karte 2). Als Bauern brauchten sie für ihre nachgeborenen Söhne neuen Acker und neues Weideland. Aber in den weiten Zügen offenbaren sich auch zugleich die Charakterzüge des Angriffs und wagemutiger Unternehmerlust, der Drang nach Kolonisation und Raumgewinnung. Diese Nordleute, [17] die mit den Indogermanen oder Ariern gleichzusetzen sind, breiten sich fast über ganz Europa und große Teile Asiens aus. Der Westzug reichte bis nach England und Spanien. Der Südzug ging über den St. Gotthard nach Italien. Im Südosten drangen die Indogermanen über Böhmen und Mähren nach Ungarn und Siebenbürgen und von dort nach Griechenland vor. Am großartigsten aber war der Siegeszug nach Osten: Durch Polen und Südrußland ging es über den Kaukasus nach Persien und Indien bis nach Hinterindien und Japan. Im Nordosten wurden Finnland und große Teile Rußlands bis zum Ural und Nordost-Sibirien besiedelt.
Nordisch-indogermanische Kultur ist das Bindemittel Europas
Durch die Ausbreitung der nordischen Indogermanen wurde Europa gänzlich neugestaltet. Die meisten der heutigen europäischen Völker gehen auf die gemeinsame indogermanische Grundlage zurück.
Aus dieser Wurzel entstanden die Germanen, Kelten, Slawen, Balten, Italiker (Römer), Griechen, Perser, Inder und andere Völker. Es ist bezeichnend, daß die Hochblüte der Kultur aller dieser Völker erst mit dem Eintreffen der indogermanischen Nordleute beginnt. Die hohen Kulturen dieser Völker gingen überall da wieder zugrunde, wo die nordische Herrenschicht durch ein südliches Klima verweichlicht wurde und sich mit den Ureinwohnern des Südens, Westens und Ostens zu stark vermischte, z.B. in Indien, Persien, Griechenland und Rom. Die Germanen der Völkerwanderungszeit haben nicht, wie es eine frühere Geschichtsforschung wahrhaben wollte, die alten Kulturen des Südens zerstört, sondern sie haben aus ihren Trümmern die nordischen Grundlagen Europas erneuert und damit das heutige Europa geschaffen.
2. Die Germanen
Kernraum der Germanen
Ein Teil der Indogermanen war aber im nordischen Kerngebiet sitzengeblieben und hatte sich nicht mit fremdem Blut vermischt; das waren die Germanen. Wir sprechen seit der Beendigung der indogermanischen Wanderung, seit dem Beginn der Bronzezeit (1800 bis 800 v.d.Ztr.), von Germanen, die wieder dasselbe Gebiet an der Nord- und Ostseeküste innehaben, in dem einst die Indogermanen vor dem Beginn ihrer Abwanderung wohnten (Karte 3).
Die Germanen sind also die einzigen reinen Nachkommen der nordischen Indogermanen.
Sie, die nach der alten Lehre als letztes europäisches Volk der Segnungen einer höheren Kultur teilhaftig geworden sein sollten, bilden in Wahrheit den Stamm des europäischen Völkerbaumes.
Kein Wunder, daß sich die Germanen den umgebenden Mischvölkern gegenüber überlegen zeigten und ihnen immer wieder neue Bluts- und Kulturwerte schenkten. [20]
Kulturblüte zur Bronzezeit
Die erste Periode der germanischen Entwicklung, die Bronzezeit steht aber nicht unter dem Zeichen des Angriffs und des Kampfes, sondern sie bedeutet nach dem Blutverlust durch die indogermanische Landnahme eine Zeit ruhiger Reife zu ungeahnter Kulturblüte.
Unerreichte Meisterwerke des Bronzegusses stellten die Germanen her. Die Bronze, eine Mischung von neun Teilen Kupfer und einem Teil Zinn, wurde schon am Ende der Jungsteinzeit von nordisch-indogermanischen Völkern ausgebeutet und verhüttet. Eines der ältesten und wichtigsten Kupferländer ist Mitteldeutschland; dorther und aus den Ostalpen bezogen die Germanen ihr Kupfer und Zinn für das neue Metall. Daß die Germanen ihre Bronzetechnik selbständig ausbildeten, zeigt am besten die Tatsache, daß zunächst die Steingeräte in dem neuen Werkstoff nachgebildet wurden; erst allmählich erlangte man in Form und Verzierung jene Vollkommenheit, die wir bei den germanischen Bronzen bewundern.
Holz als Werkstoff
Bei aller Höhe der Metallarbeit bildet aber das Holz die Grundlage germanischen Gewerbes.
Leider sind uns diese Holzarbeiten nur in sehr geringem Umfange erhalten geblieben, weil dieser Stoff den Zersetzungserscheinungen rasch unterliegt. Aber aus den Felszeichnungen können wir sie erschließen. Manche Felsbilder zeigen z.B. in Schlachtenreihen ausgerichtete Schiffe, vor denen einige größere Führerschiffe liegen, unvergängliche Zeugnisse für die frühe Seetüchtigkeit unserer germanischen Vorfahren!
Tracht der Germanen
Ein Ausdruck ihrer inneren Haltung ist die Tracht der Germanen.
Man muß die Germanen vor 3500 Jahren vergleichen mit den Germanendarstellungen, wie sie noch vor kurzem in Wort und Bild, Film und Theater vorgeführt wurden, um zu sehen, wie sehr wir an unseren Ahnen gesündigt haben.
Körperpflege und Sport
Viel hielten unsere Vorfahren auf Körperpilege und Sport. Genau wie die Kleidung ist die Körperpflege ein unfehlbarer Maßstab ihrer Kultur. Seife und Dampfbad kamen von den Germanen zu anderen europäischen Völkern. In den bronzezeitlichen Männergräbern sind immer Rasiermesser und Bartzange: die Männer waren glattrasiert und trugen langes Haupthaar. Es ist also nichts mit den Rauschebärten, die man den Germanen andichtete. Kein Wunder, daß die Germanen ihre gesunden und gepflegten Leiber gern im sportlichen Kampfe tummelten. Schwerttanz, Pferdsprung, Wettlauf, Steinstoßen und andere Sportarten sind uns aus späterer germanischer Zeit überliefert. Der ritterliche Zweikampf war die den Germanen angemessene Kampfart.
Kultisches Denken
Das kultische Denken unserer Vorfahren hatte als Sinnbild des Lebens die Sonne zum Mittelpunkt. Die Hauptfeiern der Germanen fanden zur Winter- und zur Sommersonnenwende statt. Die Sonnenwendfeier gibt ein anschauliches Bild von der Kulturhöhe [21] unserer Vorfahren. Festlich gekleidet und in Waffen erwarten die Männer, und mit ihnen Frauen und Kinder, das Erscheinen der Sonne. Ein Baum mit einem geflochtenen Kranz, ein Sonnensinnbild, wird errichtet, das bei uns heute noch übliche Sonnenwendfeuer brennt, und die Lurenbläser begrüßen das Sonnenlicht mit feierlichen Klängen. Es wurden auch festliche Umzüge veranstaltet, bei denen der Sonnenwagen mitgeführt wurde.
Der Kampf der Germanen zur Eisenzeit (Seit 800 v.d.Ztr.)
Eisenzeit
Mit Beginn der jüngeren Bronzezeit setzt jene große Bewegung ein, die wir in ihrer Gesamtheit als germanische Landnahme bezeichnen; sie setzt also viel früher ein als die geschichtliche Völkerwanderung ab 375 n.d.Ztr. (Karte 4).
Diese gewaltige Erscheinung umfaßte ganz Europa und griff schließlich bis nach Afrika und Amerika über. Tatendurst, Übervölkerung, der Drang nach dem sonnigen Süden mag die Germanen im einzelnen zur Wanderung bewegt haben. Der Anfang der großen germanischen Landnahme war aber eine Folge des Klimasturzes am Ende der Bronzezeit. Eine feucht-kalte Periode begann; im Jahresmittel wurde es um 2 Grad kälter. Der Boden Norddeutschlands und Skandinaviens reichte nicht mehr aus, seine zahlreichen Bewohner zu ernähren.
Eisen, das neue Metall
Die Klimaverschlechterung mit ihren Folgen vermehrte den Bedarf an Geräten und Waffen aus Metall. Die Zufuhr von Kupfer und Zinn stockte infolge der Völkerbewegungen. Da griffen die Germanen zum Eisen als Ersatzstoff, das bei ihnen als Schmuckstoff schon länger bekannt war. Infolge der Notlage lernten die germanischen Handwerker den neuen Werkstoff bald richtig zu gewinnen und zu bearbeiten.
Der Ostzug der Germanen
Der Zug der Weichselgermanen
Um den durch die Klimaverschlechterung verlorenen Lebensraum wiederzugewinnen, setzte schon in der frühen Eisenzeit der Germanenzug nach dem Osten ein. Die Bewegung ging vom Gebiet zwischen Oder und Weichsel aus. Dort hatte sich ein kräftiger germanischer Volksstamm herausgebildet, der um 500 v.d.Ztr. ganz Posen und Schlesien besiedelte. Hier stießen diese Weichselgermanen auf die Illyrer, die nach anfänglichem Widerstand dem Ansturm der jugendstarken germanischen Volksscharen nicht standhalten konnten und teils nach Süden auswichen, in das spätere Illyrien, teils sich auch mit den germanischen Eroberern vermischten, bei denen wir nun die Bastarnen — d.h. die Bastarde — und die Skiren — d.h. die Schiren — Unvermischten — unterscheiden können. Aber es hielt sie nicht lange in Ostdeutschland. In breiter Front zogen die Germanen weiter bis an die südrussische Küste des Schwarzen Meeres. Dort traten sie in den Gesichtskreis der griechisch-römischen Kultur. [28]
Der Zug von Jütland
Die zweite germanische Welle nahm ihren Ausgang von Jütland. Auf dem Seewege erschienen im zweiten Jahrhundert v.d.Ztr. zunächst die Kimbern und Teutonen an der Ostseeküste und drangen in schnellem Zuge die Oder aufwärts. Wir wissen alle, wie sie den Römern einen gewaltigen „kimbrischen‘ Schrecken einjagten und siegreich in römische Gebiete vordrangen, dann aber doch, weil der Nachschub aus der Heimat fehlte und römische List sie schlau getrennt hatte, tragischen Untergang fanden.
Wanderung der Wandalen
Eine andere jütische Landschaft, Vendsyssel, bewahrt den Namen des Stammes der Wandalen, der von hier seinen Ausgang nahm und im letzten Jahrhundert v.d.Ztr. in Schlesien und großen Teilen Polens und Galiziens Wohnsitz nahm. In der neuen Heimat siedelten sie Jahrhunderte hindurch und brachten es zu hoher Lebensart und großem Reichtum. Sie waren Meister der Gold- und Schmiedekunst.
Die Sitze der Burgunden
Nördlich der Wandalen dehnte sich das Gebiet der Burgunden, die vom heutigen Bornholm auf das Festland herübergekommen waren. Reiche Grabfunde weisen sie vor allem als Meister der Waffenschmiedekunst aus.
Goten und Gepiden ziehen nach Südosten
Als letztes ostgermanisches Volk zogen zu Beginn unserer Zeitrechnung die Goten und Gepiden aus den schwedischen Landschaften Öster- und Westergötland und aus Gotland über See an die Weichselmündung. Wie einige Jahrhunderte vor ihnen die Bastarnen und Skiren zogen auch sie nach dem Südosten; die Ostgoten gründeten um 200 n.d. Ztr. am Schwarzen Meer ein mächtiges Reich. Auf der Halbinsel Krim wurde noch im 16. Jahrhundert gotisch gesprochen. Die Westgoten besetzten Siebenbürgen und die Walachei, die Gepiden Ungarn,
Schon früh wurde der Rhein ein germanischer Strom.
Die Germanen am Rhein
Genau so folgerichtig wie im Osten geht die germanische Landnahme im Westen vor sich. Gegen Ende der Bronzezeit, um 800 v.d. Ztr., erreichten die Germanen den Niederrhein. Bis 500 v.d. Ztr. war das Rheingebiet bis hinauf nach Bingen und ebenso Belgien und ein Teil Nordfrankreichs germanisch, Im Westen haben sich die Germanen mehr und mehr mit den unterworfenen Kelten vermischt und sind teilweise im keltischen Volkstum aufgegangen. So rühmten sich beispielsweise die keltischen Stämme der Belgen noch zu Caesars Zeiten ihrer germanischen Abstammung.
In Süddeutschland saß in der frühen Eisenzeit das Volk der sogenannten Hallstattkultur, eine von reichen Fürsten beherrschte Bauernbevölkerung, deren schöne birnenförmige, buntbemalte Gefäße ins Auge fallen. Aber selbst ihre Fürstenburgen haben die Hallstattleute nicht schützen können, als um 500 v.d. Ztr., wohl von der Moselgegend her, die ursprünglich unter starker nordischer Führerschicht stehenden Kelten eindrangen. Die Kelten wurden aber wieder von den Germanen verdrängt. [30]
Vordringen der Germanen nach Süd-deutschland
Schon seit dem 6. Jahrhundert stießen einzelne Germanenstämme von der Niederelbe bis in die Alpen vor. Im 1. Jahrhundert v.d. Ztr. wurde Süddeutschland samt dem Elsaß bis zum Bodensee von den aus dem Mittelelbegebiet kommenden Sueben nicht nur durchstreift, sondern bäuerlich besiedelt. Die Sueben nahmen die großen Fluchtburgen der Kelten in Süddeutschland ein; darüber hinaus eroberte der Suebenkönig Ariovist große Teile des heutigen Frankreich.
Die Zeit der römischen Fremdherrschaft am Rhein konnte die germanische Eigenart nicht beeinflussen.
Der Ansturm der Germanen über den Rhein
Der weitblickende Caesar wußte, daß ein germanisches Gallien früher oder später den Untergang des Römerreiches bedeuten würde. Nur der Besitz des Rheinstromes konnte den Römern selbst ihre Vorherrschaft in Europa sichern. Nach schweren Kämpfen gelang es Caesar, den Germanenfürsten Ariovist zu schlagen und über den Rhein zurückzudrängen. Dann siedelte Caesar am linken Rheinufer germanische Stämme als Grenzwacht gegen ihre Stammesgenossen im Osten an.
Der Cherusker Hermann, der Hüter des Germanentums
Diese Politik veriolgten auch Caesars Nachfolger. Um aber den immerwährenden Einfällen der Germanen ein Ende zu setzen, beschloß Augustus die Eroberung Innergermaniens. Nach anfänglichen Erfolgen der Römer setzte aber die Tat des Cheruskers Hermann im Teutoburger Wald im Jahre 9 dem römischen Vordringen ein Ende.
Aber Hermanns Werk des Zusammenschlusses der Germanen im Kampfe gegen die römische Fremdherrschaft wurde durch Verrat vernichtet. Und wenn ihm sein Vorhaben auch nicht in vollem Umfange gelang, so fanden durch seine Tat die nordisch-germanische Rasse und ihre Kultur Zeit, sich weiter in arteigener Weise zu entwickeln und zu vervollkommnen. Das Schicksal hatte sich gegen eine einheitliche kulturelle Entwicklung in Europa entschieden, neben der römisch geführten, südlichen, wuchs eine germanisch geführte, nordische Kultur (Karte 5).
Rom und Germanien achten einander
Die Beziehungen zu Rom blieben zunächst friedlicher Natur. Die Schlacht im Teutoburger Walde und die ihr folgenden wild durchkämpften Jahre hatten einen Zustand gegenseitiger Achtung geschaffen, den beide Teile anerkannten. Die Volkskraft der Germanen aber wuchs dank ihrer raschen zahlenmäßigen Vermehrung. Es mußte einmal die Stunde heranrücken, in der die zurückgestaute Kraft der Germanen über alle von der römischen Macht und Kultur gezogenen Wälle hinwegbrauste.
Die Germanenzüge z.Zt. der Völkerwanderung
Und diese Stunde kam. Geschichtlich ist diese Periode als „Völkerwanderung” bekannt. Während bei den Ostgermanen die ganzen Volksstämme in Bewegung gerieten, betrieben die Westgermanen von ihren festen Stammsitzen aus eine systematische Siedlungspolitik. Die Einzelstämme wuchsen schon im 4. Jahrhundert, also vor der Einführung des Christentums, zu größeren Einheiten (Friesen, Sachsen, Thüringer, Franken, Alemannen [Schwaben] und Bayern) [34] zusammen und untersiedelten nach zahlreichen Grenzkämpfen friedlich das römische Grenzgebiet.
Die Ostgermanen verlassen ihre ostpreußischen Sitze und erobern das Römerreich.
Gründe und Wanderwege
Landmangel, hervorgerufen durch den Hunneneinfall, Tatenlust und eine Sehnsucht nach Weite und Größe trieben die junge Mannschaft der Stämme in alle Himmelsrichtungen. Die Ostgoten zogen vom Schwarzen Meer nach Italien, die Westgoten von Siebenbürgen nach Spanien, die Wandalen von Schlesien und Nor lungarn bis nach Afrika. Die Markomannen zogen aus Böhmen nach Bayern und die Burgunder von der Ostseeküste an den Oberrhein und später ins Rhonetal. Die Langobarden verlegten ihre Sitze von der Niederelbe nach Italien. Die Sueben wanderten mehr und mehr nach Südwestdeutschland ab (Karte 6a).
Eindringen der ostischen Menschen slawischer Sprache in den Ostraum
Damit war aber der germanische Ostraum fast leer geworden. Ganz allmählich konnten im 8. und 9. Jahrhundert die ostischen Menschen slawischer Sprache in das nur noch dünn besiedelte Ostdeutschland eindringen. Wir bedauern es, daß der Großteil der Germanen den deutschen Osten verließ und daß damit wertvollstes deutsches Blut für immer verlorenging und ebenso wertvollster deutscher Volksboden, der erst durch die deutsche Ostkolonisation zu Anfang des Mittelalters unter großen Opfern wiedergewonnen werden mußte. Aber doch stehen wir voll Bewunderung vor den Taten der Ostgermanen im Süden.
Germanische Reichsgründungen
Es kam nun zu zahlreichen Reichsgründungen auf römischem Boden (Karte 6b). Diese germanischen Mittelmeerstaaten, in denen sich durchweg die germanische Oberschicht in der Minderheit gegenüber den beherrschten Romanen befand, waren nicht von Bestand. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit von mächtiger Größe zerfielen sie wieder in ein Nichts, weil die Einheit von Volk und Raum fehlte. Fern von der Heimat, inmitten fremden Volkstums mußten die Germanen schließlich ihre Sprache und damit"ihr völkisches Bewußtsein verlieren. Gegenseitige Kriege taten ein übriges, und vor allem fehlte der Nachschub aus dem Stammlande. So erlosch eines nach dem anderen ihrer Reiche und ihr Volkstum ging in fremder Gesittung unter.
Daß die germanische Wanderung auch in rassischer Beziehung im Süden von ungeheurem Einfluß war, zeigt heute noch der starke nordische Einschlag in gewissen Teilen Frankreichs, Oberitaliens und des Balkans.
Die staatenbildende Kraft der Germanen
Wir müssen uns heute von dem irrigen Gedanken befreien, als sei der germanische Mensch erst durch die Berührung mit dem im Niedergang befindlichen römischen Staat zu Staatsbildungen angeregt worden. Die Geschichtswissenschaft erkennt immer mehr, daß die Germanen nicht nur gewaltige Rechtsschöpfer, sondern auch [36] gewaltige Staatsschöpfer sind. Nicht allein die antiken Staatsgründungen in Griechenland und Rom sind ursprünglich Schöpfungen des nordischen Menschen, sondern auch die vormittellalterlichen und mittelalterlichen Gebilde Europas. Ein solches Beispiel sind die germanischen Stammesstaaten, unter denen das Frankenreich das stärkste wurde und aus dem der deutsche und französische Staat des Mittelalters hervorgingen. Auch bei den übrigen heutigen großen europäischen Staatsgebilden erkennen wir den nordisch-germanischen Menschen als deren ursprünglichen Träger und Schöpfer: der englische Staat ist eine Schöpfung angelsächsisch-normannischer Völkerschaften; das spanische Reich ist aus dem west-Sotischen Staat hervorgegangen; das mittelalterliche Staatswesen Italiens ist von germanischen Menschen beeinflußt worden; das russische Reich war die Gründung des Warägerfürsten (Wikinger) Rurik; die skandinavischen Staatengebilde endlich waren rein germanischen Ursprungs.
Schon bevor eine Berührung mit dem römischen Universalreich stattfand, lebten die Germanen in völkischen Gemeinschaften. Das ausgeprägte Gemeinschaftsgefühl, die sittliche Idee der Gemeinschaft mußte den germanischen Menschen zu einer seinem Wesen entsprechenden Form des Gemeinschaftslebens führen. So treten uns deshalb auch unsere germanischen Vorfahren schon in der Frühzeit in kleineren und größeren festorganisierten und geordneten Lebensgemeinschaften entgegen.
Die Formen der germanischen Gemeinschaft
Die Grundzelle des germanischen Staatswesens war die Sippe. Darüber standen die Markgenossenschaften (Dorfgemeinschaften), der Gau und der Stamm. Auf einem langen Wege haben sich die Sippen zu Völkerschaften zusammengeschlossen, Diese Völkerschaftsstaaten waren Baueinstaaten. Vollberechtigte Mitglieder des Staates waren die Freibauern. Diese — also das ganze Volk — traten zusammen in der Volksversammlung. Die Volksversammlung war souverän; sie hatte die Gesetzgebung und die Rechtsprechung. Sie entschied über Krieg und Frieden und über die Beziehungen zu anderen Völkerschaften; sie berief vor Kriegs- und Wanderzeiten einen Herzog und übertrug diesem die Befehlsgewalt.
Entstehen der Stammesstaaten
Etwa seit dem 3. Jahrhundert schließen sich verwandte und benachbarte Völkerschaften zu politischen Stammesstaaten zusammen. Es entstehen die Stammesstaaten der Sachsen, Thüringer, Bayern, Schwaben (Alemannen) und Franken.
Der Einbruch des Christentums
Konstantin der Große hatte 325 die christliche Lehre des Bischofs Athanasius — Christus ist gottgleich — zum allein gültigen Staatsbekenntnis des römischen Weltreiches erhoben. Roms politische Macht war damals immer mehr gesunken, und so versucht der römische Kaiser, mit Hilfe dieser neu erstandenen Einheit, der Kirche. einen neubelebenden Gedanken in das große Staatsgefüge hineinzutragen. Im Laufe der folgenden Zeit verstand es die Romkirche [037] ganz geschickt, als allbeherrschender Machtfaktor ihre weltlichen und geistlichen Herrschaftsansprüche in der ganzen Welt geltend zu machen.
Rom war durch den elementaren Ansturm der Germanen zur Zeit der Völkerwanderung zertrümmert worden. Aber mit dem Eindringen der germanischen Völkerwellen in römische Gebiete setzte zugleich auch eine rassische Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung ein, die die Aufnahme des Christentums zur Folge hatte. Bei den südwärts gewanderten Germanen erlahmte der geistige Widerstand gegen diese ihnen artiremde Lehre, weil sie durch die Blutmischung mit den südlichen Rassen ihre stolzen, nordischen Eigenschaften verloren hatten.
In Germanien selbst war die Christianisierung planmäßig vom Papst durchgeführt worden. Von 200 an waren Mönche und Bischöfe in seinem Auftrag tätig, um die germanischen Vorstellungen von Gott mit christlichen Begriffen zu vermischen und so geschickt und bewußt die fremde Gedankenwelt den Germanen einzuimpfen. Die Germanen folgten im wesentlichen [38] aber nur der Lehre des Bischofs Arius, der sagte, daß Christus nur Gott wesensähnlich sei. Aus seiner ganzen inneren Haltung und Veranlagung heraus konnte der Germane sich nicht dem ihm zugemuteten Glaubenswunder des Athanasius beugen. Erst von diesem arianischen Bekenntnis aus sind sie dann später dem katholischen Glauben zugefallen. Bei dieser Bekehrung verschwand der bis dahin auch durch den Arianismus aufrechterhaltene Unterschied zu der mischrassigen römischen Provinzialbevölkerung. Die Kirche, die grundsätzlich Rassenunterschiede auch in jener Periode in keiner Weise anerkannte, hat den Unterschied zwischen Germanen und unterworfenen Spätrömern bewußt eingeebnet. Durch die Rassenvermischung haben dann diese germanischen Völker ihre Sprache und Eigenart verloren, so daß die edien Goten in Spanien und Italien, die Vandalen in Afrika — soweit sie nicht überhaupt aufgerieben wurden — und die Langobarden in Norditalien in der romanischen Provinzialbevölkerung versanken. Zwar haben sie mit ihrem Blut diesen Romanen neue kulturschöpferische Kraft zugeführt, aber sie selbst wurden ihrer Eigenart entfremdet und sind vom Boden der Geschichte verschwunden.
Mit den überall erstehenden Klöstern und Bistümern schuf sich der Papst eine Macht, die sich im Verlaufe der deutschen Geschichte als ein Verhängnis für das deutsche Volk erweisen sollte. [39]
III. Das Reich Karls I.
1. Karl als Staatengründer
Die Franken entwickeln ein Staatsgebilde
Aus den Wirren der Völkerwanderung hatte sich nur ein westgermanischer Stamm, die Franken, zu einem bedeutenden Staatsgebilde entwickeln können. Die Franken waren nur wenig weit gewandert und erhielten aus dem Heimatland im Rücken dauernd neue Volkskraft. Unter Karl Martell lag noch eine ausgesprochen nordische Tendenz in dem Frankenreiche, das sich um die große Kulturader des Rheins und seines Flußgebietes gegliedert hatte. Er sicherte das Abendland gegen die Angriffe der Mauren durch die Schlacht bei Poitiers im Jahre 732. Die Schenkungsurkunde seines Sohnes Pippin an den Papst, in der er diesem den Besitz von Gebieten bei Rom, Ravenna und Ancona bestätigt, schuf die Voraussetzungen für den Kirchenstaat, somit für die weltlichen Ansprüche des Papstes und hatte für die deutsche Kirchenpolitik die verhängnisvollsten Folgen.
Höhepunkt des Frankenreiches unter Karl I.
Den Höhepunkt seiner Machtentfaltung erreichte das Frankenreich unter Karl I., dem Enkel Karl Martells. Ihm gelang es, die Vereinigung der deutschen Stämme — der Bayern, Sachsen, Thüringer und Alemannen — mit dem Frankenreich abzuschließen und damit eine staatliche Einheit größeren Ausmaßes zu schaffen (Karte 7). Aber sein Reich bildete nicht die Einheit von Volk und Raum. Im Grunde [41] hat er schon kein Frankenreich mehr beherrscht, sondern ein deutsch-französisches Reich, für dessen Zweigestalt schon die Lage seiner Residenz Aachen Zeugnis ablegte. [42]
2. Karl und Widukind
Dennoch sollte dieses Weltreich nach dem Willen Karls durchaus ein germanisches Gesicht haben, und in der Tat war Karl der Große zum ersten Male Herr über ein großes, germanisch geführtes Reich. Er organisierte auch die ersten Ausgangspunkte für einen Vorstoß nach dem Osten.
Karl und Widukind
Bei der Verfolgung seiner machtpolitischen Pläne hat er vor keinem Mittel zurückgeschreckt, um die eigenwilligen germanischen Stämme zu einer Einheit zusammenzuzwingen. Es war ein hartes Los, dem sich der Sachsenherzog Widukind, der sich Karl am stärksten widersetzte, beugen mußte. Und so sehr wir die einzelnen Zwangsmittel Karls ablehnen, so sehr muß anerkannt werden, daß er das damalige Europa zu einer machtvollen Einheit zusammenführte. Widukind, der Verteidiger germanischer Ursprünglichkeit, und Karl, der große Staatenschöpfer — beide lassen von der Größe und Schwere der germanischen und deutschen Anfangsgeschichte spüren.
Die Grundlagen des karolingischen Reiches / Ludwigs Abhängigkeit von Rom
Die einheitliche Leitung und Zusammenfassung der Kräfte erreichte im karolingischen Weltreich Großes auf allen Gebieten. Dark seiner überragenden Persönlichkeit hielt Karl das Reich zusammen und verfügte über die Macht, die Kirche nach seinem Willen zu lenken. Aber unter seinen Nachfolgern zeigten sich immer stärker die auseinanderstrebenden Kräfte des Reiches. An Stelle der dem Staat untergeordneten Kirche entstand die politische Romkirche, und schon Karls Sohn Ludwig der „Fromme” wurde das willfährige Werkzeug dieser neuen Macht. Die römischen Teile des Reiches setzten sich mit der Zeit von den germanischen Gebieten mehr und mehr ab. Unfähige Erben auf dem Kaiserthron taten ein übriges, und so kam es zur Teilung des Reiches in den Verträgen zu Verdun 843 und von Mersen 870. [43]
IV. Das mittelalterliche Reich
1. Heinrich I., Gründer des 1. Reiches der Deutschen
Teilung des Frankenreiches / Das Reich der Deutschen
Die unnatürlich gewordene Einheit Deutschland—Frankreich zerbrach unter Ludwig des „Frommen” Söhnen in drei Teile, deren östlichster — das alte germanische Kerngebiet, das heutige Deutschland — die germanischen Stämme der Ostfranken, Sachsen, Schwaben (Alemannen), Bayern und Lothringer umfaßte. Aber selbst nach dieser Teilung trat eine Lockerung des ostfränkischen Reiches ein; die Stämme erstarkten wieder zusehends infolge der Schwäche der Könige, und mächtige Herzogsgewalten bildeten sich heraus. Der [44] erste Herrscher, der die auseinanderstrebenden Stämme vereinigte und die Grundlagen legte zum eigentlichen ersten deutschen Reich, war König Heinrich der Erste, der Sachse (919-936).
Damit ging die Führung des Reiches an denjenigen deutschen Stamm über, der sich sein germanisches Wesen noch am reinsten erhalten hatte und in dem der Großteil der Bevölkerung noch aus freien Bauern bestand.
Der erste Sachsenkönig, Heinrich I., stellte durch eine kluge Politik gegenüber den Stämmen die Einheit wieder her. Bewußt lehnte er dabei eine zu enge Bindung mit der Kirche ab. Der politische Einfluß der römischen Kirche war damit wieder zurückgedrängt und die Grundlage für die wirkliche Einheit eines Reiches der Deutschen geschaffen (Karte 8).
Die Macht des Reiches
Eine gewaltige Macht bedeutete es für damals, die der deutsche König in seiner Hand vereinigte, als es ihm einmal gelungen war, die Herrschaft im ganzen Lande zu erringen. Nirgends ringsum gab es ein Reich, das sich mit dem deutschen hätte messen können, da im Westen das französische Königtum zur selben Zeit in Ohnmacht versank und im Süden, in Italien, die Zersplitterung noch nicht überwunden war, die der Zerfall des fränkischen Reiches dort hinterlassen hatte. Deutschland war, modern gesprochen, im Abendland die einzige Großmacht.
Geschichte und Geopolitik
Welchen Aufgaben diente nun diese Großmacht? Im allgemeinen sind jedem Staat seine Aufgaben von außen her gestellt, d.h. durch die Lage und Art des Landes. Durch die Lage und Art des Landes wird jedem Staat vorgeschrieben, ob und wie er sich zu verteidigen hat. ob und wie er wachsen kann und soll. Darum ist der konstante Faktor, der die politische Geschichte aller Zeiten mit am stärksten bestimmt, eben die Geographie. Wir nennen eine solche Betrachtungsweise heute die Geopolitik.
Auch die deutsche Geschichte steht von Anfang an unter dem Zwang der geographischen Lage. Durch sie wird ihr ein Problem gestellt, das sich vom ersten Tage an durch alle Jahrhunderte bis in die Gegenwart hinzieht und heute wohl auch dem völlig ungeschulten Auge sichtbar ist:
Das Problem der doppelten Front.
Kampf nach zwei Fronten ist gleichsam das Leitmotiv der deutschen Geschichte. Es entspringt daraus, daß Deutschland ein ausgesprochenes Binnenland ist, das zwischen großen fremdartigen Nachbarländern liegt und von ihnen nur durch schwache oder gar keine Scheidelinien getrennt wird. Das trat schon bei der Entstehung des altdeutschen Staates hervor und äußerte sich in gleichzeitigen Kämpfen gegen Ost und West.
Die Grenze im Westen
Im Westen besaß das deutsche Reich bei seinem Entstehen eine scheinbar vortreffliche Grenze: es reichte bis zum Rhein und den Vogesen. Was jenseits auf dem linken Ufer lag, das ehemalige [46] Königreich Lohtaringien — in heutigen Begriffen: Lothringen, Pfalz, Rheinprovinz, Holland und Belgien bis zur Schelde —, hatte den Abfall vom karolingischen Königreich nicht mitgemacht und war somit „französisch” geworden. Wenn es dabei geblieben wäre, so hätte Deutschland eine natürliche Grenze mit einem Verlust auf anderem Gebiete erkauft, der einer dauernden Verstümmelung gleichkam. Es handelt sich da nicht nur um einen beträchtlichen Bruchteil deutschen Volkes, sondern um Länder, die zu den bevölkertsten, reichsten und zivilisiertesten nördlich der Alpen gehörten und vor dem übrigen deutschen Reich einen weiten Vorsprung hatten. Man muß sich immer vergegenwärtigen, daß der größere Teil dessen, was das deutsche Reich damals umfaßte, kulturelles Neuland war.
Heinrich I. erwirbt Lothringen
Schon aus diesen Gründen bedeutete der Verzicht auf Lotharingien für das deutsche Reich Selbstmord, eine Selbstverurteilung zur Bedeutungslosigkeit. Heinrich I. benutzte sehr klug die Gelegenheit, sich selbst die Anerkennung als König von Lotharingien zu verschaffen und damit dieses wertvolle Gebiet für das Reich zu gewinnen.
Aufgaben im Osten
Im Osten war die Aufgabe nicht so einfach. Erst nach harten Kämpfen wurden die militärisch furchtbaren Gegner, die Ungarn, bis über die Leitha in Niederösterreich zurückgedrängt. Den siegreichen Waffen folgte der Strom deutscher Ansiedier aus Bayern und der südlichen Ostmark: damit war die endgültige Germanisierung der Ostmark eingeleitet.
Leichter wurde man mit den übrigen Nachbarn slawischer Sprache im Osten fertig, den Wenden jenseits der Elbe, Saale und des Böhmerwaldes. Sie waren weder militärisch gefährlich noch politisch geeint, ein Bündel kleiner Völker, von geringer Kraft im Krieg und im Frieden. Das Land zwischen Saale und Elbe wurde behauptet und ebenso die Einverleibung des Landes Böhmen, das Bismarck einmal wegen seiner bedeutungsvollen Lage als die „Zitadelle Europas” bezeichnete. Die Festung wurde wertvoll, als seit dem Jahre 1000 ein einiges Großpolnisches Reich entstand, das auf Kosten des deutschen zu wachsen begann, aber bald wieder zerfiel.
Zwei tatkräftige deutsche Männer haben das Werk der deutschen Ostkolonisation im 10. Jahrhundert besonders befestigt und erweitert: Hermann Billung, der 961 mit dem Herzogtum Sachsen belehnt wurde, und Markgraf Gero, der den deutschen Lebensraum bis zur Oder erweiterte und selbst den Polenkönig Misiko besiegte.
So waren in West und Ost die natürlichen Aufgaben gelöst, die Grenzen Deutschlands gesichert durch die Ohnmacht der Nachbarn. Das deutsche Volk schien die Wahl zu haben, sich nach Ost oder West oder zugleich nach beiden Richtungen auszudehnen.
Es hat keines von beiden getan. Man begnügte sich damit, die Nachbarn im Zaume zu halten, dachte nicht an eine Eroberung Polens; die Kolonisation machte im Süden an den Grenzen des eigentlich madyarischen Landes halt, und von einem Wachstum nach Westen war erst recht nicht die Rede. [47]
Anziehungskraft des Südens / Entstehung des deutschen Kaisertums
Statt dessen richten sich die Blicke seit der Mitte des 10. Jahrhunderts dauernd nach Süden; Italien ist das Ziel der deutschen Auslandspolitik, der deutschen Machtentfaltung, der deutschen Ausbreitung. Wir stehen damit vor einer neuen Epoche: der Entstehung des deutschen Kaisertums. Es erfüllt die ganze ältere deutsche Geschichte, drei Jahrhunderte sind von ihm beherrscht, und auch später, als es in der Wirklichkeit längst vergangen war, hat seine Erinnerung noch eine starke, schließlich sogar steigende Wirkung ausgeübt.
2. Machtzuwachs der geistlichen und weltlichen Fürsten
Machtzuwachs der Kirche unter Otto I.
Otto I., der Sohn Heinrichs, machte den ersten Versuch, Oberitalien zu unterwerfen und ließ sich auch in Rom zum Kaiser krönen. Unter Otto nimmt die Macht der Kirche wieder zu. Die Stütze der deutschen Herrschaft in der Lombardei ist wie jetzt in Deutschland selbst die Kirche. Der König allein kann den Bischöfen die Reichsunmittelbarkeit und damit ihre ganze Machtstellung verbürgen gegenüber den westlichen Dynastien, die nach der Unterwerfung der Kirchen in Italien streben. Mehr Schwierigkeiten hat die Sache in Rom gemacht. Schließlich bürgert sich aber auch dort die Vorstellung ein, daß der deutsche König ohne weiteres ebenso wie König der Lombardei auch Kaiser der Römer ist. Rom, Italien und Deutschland bilden eine feste Einheit, und der in Deutschland gewählte König ist zugleich Herrscher im Gesamtreich, für das der Name eines römischen Reiches aufkommt.
Stellung der Bischöfe zu Kaiser und Papst
Die hohen geistlichen Würdenträger, auf die sich das Reich stützte, anterstanden freilich zugleich auch der Herrschaft des Papstes. Das mochte unbedenklich sein, solange eine starke Königsgewalt in Deutschland bestand, solange Kirche und Papsttum ohnmächtig waren. Trat ein umgekehrtes Verhältnis der Kräfte ein, so wurde die Königsgewalt, die von den westlichen Großen seit jeher nur ungern anerkannt und ertragen wurde, zum Spielball der geistlichen Machthaber, weil diese gleichzeitig zweierlei Waffen bei einem entbrennenden Streit in die Waagschale der Entscheidung werfen konnten: einmal den mächtigen kirchlichen Grundbesitz, der unabhängig von dem jeweiligen Bistumsverwalter doch immer Kircheneigentum blieb und als solches unantastbar war, auch wenn der König den ihm unbequemen Verwalter absetzte. Es kam dann eben der Nächste und das Spiel konnte von neuem beginnen, Zweitens aber — und das war entscheidend — hielt die Geistlichkeit bei einer gleichmäßigen, ständigen Seelsorge das Gewissen des einfachen Volkes in seiner Masse in den Händen. Und bei der innerlichen und frommen Veranlagung des deutschen Volkes war hier ein Hebel, auch ein volkstümlich verankertes Königtum seiner Macht zu entheben, wie er stärker nicht gedacht werden konnte. [48]
An dem Tag, wo die Kirche dem König den Gehorsam auisagte und der Papst des Kaisers Feind wurde, waren Staat und Reich, Königtum und Kaisertum in Frage gestellt.
3. Kampf zwischen Kaiser und Papst
Dieser Tag kam. Reich und Kirche zerfielen in den 70iger Jahren des 11. Jahrhunderts und bekämpften einander fast 50 Jahre lang mit äußerster Erbitterung. Und als der Kampf vorüber war, da war doch kein wirklicher Friede gewonnen, nur ein Waffenstillstand. Reich und Kirche blieben Gegner, die wohl oft nach Verständigung strebten, aber sie auf die Dauer doch nicht finden konnten. Das Ende war der Untergang des deutschen Kaisertums und die Auflösung des deutschen Staates.
Herrschaft der Kirche über die Welt
Rom war im Schutz des deutschen Kaisertums zu immer größerer Macht herangewachsen. Der Papst Gregor VII. lehnte in seiner Anmaßung sogar die Belehnung und Einführung der Bischöfe und Äbte durch weltliche Fürsten ab. Diese letzte Forderung richtete sich ausdrücklich gegen die kaiserliche Gewalt. Es war gewissermaßen der Todesstoß gegen die Reichsverfassung. Gegen diese Neuerung mußte die deutsche Krone kämpfen bis zum letzten Aufgebot; sie hatte da ihr Dasein zu verteidigen.
Zu den Ideen seiner Kirchenreiorm brachte Gregor noch eine neue mit: Die Herrschaft der Kirche über die Welt. Im buchstäblichen Sinne: den Apostelführern gehört die Erde ebenso wie der Himmel, sie können über allen irdischen Besitz und alle Herrschaft entscheiden, sie geben und nehmen nach Verdienst, alle Könige und Fürsten sind ihnen und ihrem irdischen Stellvertreter, dem Papste, zu Gehorsam verpflichtet und von Rechts wegen seine Vasallen und Lehnsträger.
Als der Papst die Beachtung dieser geradezu unglaublichen Forderung auch vom deutschen Könige verlangte, war der offene Konflikt da.
Heinrich IV. gegen Gregor VII.
Heinrich IV. vergab nach wie vor die Bischofsstellen nach seinem Gutdünken. Auf die Androhung von Kirchenstrafen antwortete der König mit der Absetzung des Papstes. Da sprach Gregor über ihn den Bannfluch aus, verstieß ihn damit aus der Gemeinschaft der Christen und entband seine Untertanen des ihm als König geschworenen Eides.
Canossa
Bald zeigte sich, wer der Stärkere war. Die deutschen Herzöge erkannten die Gelegenheit, den allzu mächtig werdenden König zu stürzen. Sie verbanden sich mit dem Papst. Die Bischöfe, die ja zugleich weltliche, also vom Kaiser abhängige, und geistliche Machthaber waren, hatten nicht den Mut, den offenen Kampf gegen den Papst, ihr kirchliches Oberhaupt, durchzufechten. Drohte das Reich jetzt nicht auseinanderzufallen? Da entschloß sich Heinrich, um die gegnerische Koalition zu spalten und das Reich zu retten, zur kirchlichen Unterwerfung. Durch persönliche Buße vor dem Tor von Canossa, wo er den Papst schon auf der Reise nach [49] Deutschland überrascht hatte, Ende Januar 1077, nötigte er Gregor, ihn vom Banne zu lösen. Damit war Heinrich wieder regierungsfähig. aber das deutsche Ansehen, die Würde des deutschen Königs und der deutsche Kaisergedanke hatten unermeßlichen Schaden gelitten.
Aber das war noch nicht die Entscheidung. Der Kampf ging unentwegt weiter. Der Papst nutzte geschickt den Zwiespalt zwischen Kaiser und Fürsten aus, um die deutsche Macht aus Italien zu verdrängen, um sich selbst zum Führer und Oberhaupt der italienischen Staaten zu machen. Man hatte sich in Rom wohl in die Übermacht des Kaisers gefügt, sich aber für später alles vorbehalten. Nach wie vor war das Papsttum der alte Gegenspieler und Hauptgegner des Reiches. Das Ergebnis dieses Kampfes bildet das Ende des Kaisertums, d.h. die Vormachtstellung im Abendlande ist zu Ende, und die Auflösung des Reiches beginnt.
Die verhängnisvolle Schuld der deutschen Fürsten
Heute wissen wir, woran neben den Gründen des Kampfes zwischen Kaiser und Papst das deutsche Kaisertum zugrunde gegangen ist: an der Uneinigkeit, der Selbstsucht, der Kurzsichtigkeit der deutschen Fürsten. Wer kann sich darüber täuschen, daß hier Eigenschaften verhängnisvoll hervortreten, die uns auf den Blättern der deutschen Geschichte immer wieder begegnen:
Der Mangel an Sinn für das Ganze und Gemeinsame, die Bevorzugung des Besonderen und Eigenen, die Schwäche des politischen Instinktes! Diese nationalen Fehler sind schuld daran, daß Deutschland seine beherrschende Stellung im Abendland um die Wende des 12. und 13, Jahrhunderts verfehlt hat.
Die zunehmende Schwächung der Krone
Als die äußeren Erfolge dahinschwanden und der Zusammenbruch der äußeren Machtstellung kam, da trat alsbald sichtbar hervor, wie die Dinge im Innern des Reiches standen. Der König beherrschte die Fürsten nicht mehr, weil er zu viel seiner früheren, eigenen Macht verloren hatte. Dagegen hat sich die Macht der Fürsten gehoben. Sie verfügen über geschlossene Gebiete, die sich abrunden und wachsen, während das Königsgut zerbröckelt. Die Krone ist geschwächt, ihre Konkurrenten haben sich gestärkt.
Die Fürsten sind nicht mehr die Stammesherzöge der früheren Zeit. Die alten Herzogtümer sind nur noch dem Namen nach vorhanden, ihrem Umfang nach sind sie geschwunden durch Teilung. Vom alten Herzogtum Bayern sind schon 980 Kärnten, 1156 Österreich. 1180 Steiermark als selbständige Herzogtümer abgetrennt worden. Sachsen wird 1180 geteilt zwischen Köln und Anhalt. Nur Schwaben hat sich erhalten, verschwindet aber auch nach dem Erlöschen des staufischen Könighauses und wird unter die Nachbarn aufgeteilt.
Machtvolles Emporwachsen der Landesstaaten
So beobachten wir überall ein Zerbrechen und Zerbröckeln. Statt auf Zusammenfassung in großen Machtkomplexen, geht die Entwicklung auf Teilung, Spaltung, Zersplitterung. Durch diesen Prozeß der Zerbröckelung ist nun aber das Fürstentum als Ganzes nicht etwa geschwächt. sondern gestärkt worden. Der geringere Umfang des Territoriums erleichterte die Regierung, erlaubte die stärkere [50] Zusammenfassung. Das Fürstentum gewann an Festigkeit, was es an Ausdehnung verlor. Es entstanden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wirkliche Landesregierungen, Landesstaaten; das Reich, die Herrschaft des Königs war im Grunde ja nur eine Summe von Oberhoheiten. Die wirkliche Regierungsgewalt an Ort und Stelle — Gericht, Polizei, bewaffneter Schutz, Zoll und Münze und vor allem das Recht der Steuern — lag in den Händen der Landesherren. Der König beschränkte sich auf die Oberhoheit, von der er nur gelegentlich Gebrauch macht.
Gründe für die Niederlage des deutschen Kaisertums
Die Bischöfe konnten niemals eine feste Stütze des Reiches sein. Als Geistliche hatten sie ja dem Papst zu gehorchen, und als Fürsten des Reiches waren sie selbständige Landesherren, wie einst die Herzöge geworden, ein jeder der Regent eines eigenen Staates mit besonderen Aufgaben und Interessen. Das Reich ging sie wenig mehr an, sie hatten von der Krone nichts zu erwarten, höchstens zu fürchten, daß ihnen die neu verliehenen Rechte wieder beschnitten wurden.
Dies sind die Ursachen, die sich in Deutschland gleichzeitig mit dem Ende des Kaisertums in Italien abspielten.
Wir glauben heute, daß dieser Untergang hätte vermieden werden können, wenn die deutschen Könige zunächst ihre Macht im eigenen Lande ausgebaut hätten, bevor sie an große auswärtige Aufgaben herantraten. Es war unnatürlich, daß der Schwerpunkt des Königtums außerhalb Deutschlands lag. Das Rom zugewandte Auge der Könige sah nicht, daß ihrer in Deutschland selbst viel wichtigere Aufgaben harrten, daß die Welle des Slawentums von Osten gegen des Reiches Grenzen brandete und Jahr und Jahr ursprünglich deutsches Gebiet bedrohte, und daß die Macht der einzelnen Landeshoheiten auf die Dauer nur dann dem Kaiser ergeben sein konnte, wenn der Kaiser sich dazu entschloß, sein deutsches Königtum vor den Titel eines Lenkers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu setzen.
Der entscheidendste Grund für diesen Kampf zwischen Kaisertum und Papsttum ist die Frage nach der obersten Autorität gewesen. Wo ist im Abendlande die höchste Spitze, dem die Menschen im Innersten angehören? Staat, Kaiser und König oder Priester, Kirche und Papst? Man kämpft um die Seele des Menschen. Warum erliegt das Kaisertum in diesem Kampf?
Die Organisation der Kirche ist fester gewesen als die des Staates. Der Papst hat seine Priester zu einer Einheit zusammengefaßt und so geschult, daß sie ganz unter der päpstlichen Autorität und für den Papst standen. Mit dieser Organisation hat er gesiegt. Dem deutschen Kaiser hat es an dieser festen Organisation gefehlt. Der Lehnsstaat der Herzöge und Grafen war nicht fest genug. Dazu kam die räumliche Entfernung Deutschland—Italien. Die Heerzüge dauerten jahrelang, so daß die Führer dem Volk entfremdet wurden. [51]
4. Die Kreuzzüge, Roms neue Machtäußerung
Die Erstarkung der politischen Macht der Kirche in der gesamten Kulturwelt fand eine neue Ausdrucksform in den Kreuzzügen. Es erscheint uns heute vielleicht verwunderlich, daß die Völker Europas sozusagen spontan von einer Idee ergriffen wurden, die die Befreiung des Heiligen Grabes von der Herrschaft des Islams auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Gerade heute wissen wir aber, welche weltbewegende Kraft in jeder Idee steckt, sofern der hinter ihr stehende Wille des Erweckers unerschütterlich ist.
Hinter der Idee der Kreuzzüge stand der treibende Wille der Romkirche, es war die neue Machtäußerung des politischen Papsttums, das auf diese Weise die oberste Leitung des Abendlandes zu übernehmen gedachte. Für das deutsche Volk bedeutete dieses Unternehmen eine erneute Schwächung seines in ihm verkörperten nordischen Blutes, einen Verlust an bestem Blut für eine sinnlose Sache.
Wir stehen an einem entscheidenden Wendepunkt der deutschen Geschichte.
Das Geschlecht der Hohenstaufen stellte dem Reiche in Friedrich Barbarossa noch einmal einen der größten Repräsentanten deutscher Kaiserherrlichkeit. Unter seiner Regierung beginnt Heinrich der Löwe wieder um den deutschen Osten zu kämpfen und als dann im 13. Jahrhundert die Macht des Reiches immer mehr dahinsinkt, führt das [52] deutsche Volk mit seinen Bürgern und Bauern und durch den Ritterorden mit der Kolonisation des Ostens eine seiner glanzvollsten Taten durch.
Praktisches Ende des Reiches
Zugleich mit der Hohenstaufenzeit, unter deren Regierung die Kreuzzüge stattfanden, endete auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (Karte 9). Zwar blieb sein Name und auch der Kaisertitel erhalten, aber die geistigen Grundlagen, die solchen äußeren Formen doch erst Gewicht verleihen, waren von nun an gänzlich andere. Trugen sie bis dahin sowohl in ihren Herrscherhäusern als auch in ihrem inneren Machtgehalt noch immer vorwiegend einen deutschen Charakter, so wurde das von nun an ganz anders.
Die Habsburger verlegen Schwerpunkt des Reiches nach dem Süden
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation verlegt unter der nun folgenden Führung des Hauses Habsburg seinen Schwerpunkt auf den römisch-päpstlich bestimmten Teil seines Gebietes, die deutsche Nation, der bisherige Machtträger des Reiches, wird mehr oder weniger politisch ausgeschaltet und versinkt daher nach und nach in einen inneren Auflösungsprozeß, der in Kleinkämpfen, Ritter- und Stadtfehden seinen sichtbaren Ausdruck findet.
Zunftwesen
Es ist erstaunlich und erscheint oft widersinnig, daß dieses Volk, das sich so schwer zu einer Reichseinheit zusammenfand, aus sich heraus so gewaltige und machtvolle Zusammenschlüsse, wie etwa das Zunftwesen, geschaffen hat.
Stadtwesen
Ebenso ist die Organisation des Stadtwesens, gewissermaßen als,Fortentwicklung der Zünfte, eine so kraftvolle, daß die Blütezeit der hohenstaufischen Regierung vielmehr in diesen Dingen, als etwa in kaiserlichen Regierungsmaßnahmen begründet ist. Es ist das Volk selbst, das sich emporgearbeitet hat, trotz der ewigen Aderlässe, zu denen die Kaiser mit ihren Italienzügen die Veranlassung gaben.
5. Besiedlung Ostdeutschlands. Hanse und Ritterorden
Zwei Organisationen, die das Volk aus sich heraus geboren hat, treten in der Folgezeit führend in die Erscheinung. Sie sind uns ein Beweis für die Kraft, die in diesem Volke war, ebenso wie für die Versäumnisse, deren sich die Lenker des Reiches seit vielen Jahrhunderten schuldig gemacht hatten. Es sind dies der deutsche Ritterorden und die deutsche Hanse. Beide sind zum Träger des deutschen Gedankens geworden, in einer Zeit, da in dem splitternden Reich die Großen sich um den Kaiserthron balgten und weiter zu einer Zeit, als das endlich gewählte Haus Habsburg seine Uninteressiertheit an Deutschland bewies, indem es nur Hausmachtpolitik verfolgte.
Ritterorden
Aus solchem Empfinden erwuchs die Grundlage für eine neue Ostkolonisation (Karte 10).
Es ist der deutsche Ritterorden gewesen, der gen Osten zog und das Weichselland, alten germanischen Volksboden, wieder unter [53] deutsche Kultur brachte. Die Eroberungszüge der Ordensritter trugen deutsche Kultur tief hinein ins baltische Land (Karte 11). 700 Jahre sind das Land und seine hohe geistige Kultur immer nur deutsch gewesen, obwohl bereits im Jahre 1410 mit dem zunehmenden inneren Zerfall der Orden auch äußerlich zur Auflösung kam. Erst im Jahre 1919 gelang es dem lettischen Bolschewismus unter der wohlwollenden Begünstigung der Entente, auch die deutsche Kultur im Baltenlande zu vernichten. Das freilich war eben doch nur möglich, weil der Orden es versäumt hatte, im baltischen Land eine gleich gründliche Kolonisation des Bauern- und Handwerkstums durchzuführen, wie er es im eigentlichen Preußen getan hatte.
In diesem Teil des Ordensgebietes saß ein bodenständiges deutsches Volkstum, im baltischen Land stand das Rittertum allein ohne die Masse deutschblütiger Hintersassen.
Gleich einem warnenden Schicksal stehen wiederum vor uns die Worte Blut und Boden als der geheimnisvolle Urquell allen völkischen Lebens.
Darin liegt auch der wesentliche Unterschied zwischen dem Ritterorden und dem Orden der . Der [56] deutsche Ritterorden war ein Männerbund‚ während die
eine Sippengemeinschaft innerhalb der Volksgemeinschaft darstellt. Die Ehelosigkeit der Ritter war der tragische Vorbote des kommenden Verfalls in dem von anderen beherrschten Lande. Denn auf die Dauer wird nur der Staat Lebensberechtigung haben, der auf einer gesunden und zahlreichen Bevölkerung organisch aufgebaut ist.
Durch seinen letzten Ordensmeister kam das Herzogtum Preußen, das alte Ordensland, etwa 250 Jahre später schließlich an den damaligen Kurfürsten von Brandenburg.
Die Hanse
Die zweite höchst bedeutungsvolle Erscheinung in diesem Zeitalter ist für uns die Entstehung der Hanse und ihre Blüte. Sie bildete die politische und wirtschaftliche Flankendeckung für das Deutschtum in den neu gewonnenen Gebieten des Ritterordens. Die Hanse entwickelte sich von der Vereinigung deutscher Fernhandelskaufleute. besonders der Ostsee, zu einem Bund deutscher Städte. der von Reval im Nordosten bis Brügge im Nordwesten reichte. Den ursprünglichen Mittelpunkt Wisby auf Gotland löst Lübeck ab, die „Königin der Hanse”. Hansische Kontore befinden sich in Nowgorod, Bergen und London.
Es ist die Zeit, in der in Deutschland sich die Münze als Tauschmittel des Handelsverkehrs durchsetzt. Damals hatten allerdings jeder kleine Fürst und jede kleine Stadt ihre eigene Münze. Man kann sich also denken, wie schwierig zu damaliger Zeit Handel und Geldverkehr waren, war doch die Wohlhabenheit und Sicherheit einer Stadt entscheidend für den wirklichen Wert des von ihr gemünzten Geldes.
Blutezeit der Hanse
Um das Jahr 1350 steht die Hanse als eine politische Macht da. die über eine zahlreiche und gut ausgerüstete Kriegsflotte verfügt. Die Nordsee und die Ostsee sind ihr Machtbereich. Auf Grund ihrer wirtschaftlichen Überlegenheit erhalten die Handelsstädte von den fremden Herrschern Handelsprivilegien, die monopolartig sind. Auch König Waldemar IV. von Dänemark muß sich der vereinigten politischen Macht der Städte beugen. Damals stieg die Hanse zu ihrer höchsten Blüte unter der Leitung Hamburgs empor.
Niedergang der Hanse
Durch die Vereinigung der drei nordischen Reiche in der Kalmarer Union 1397 steht die Hanse einer einheitlichen Macht gegenüber, die der Ausbreitung der Hanse und damit der des Deutschtums im Norden Halt bietet. Es fehlten Führer, die vielleicht neue Wege für die Entwicklung hansischer Macht hätten öffnen können. Mit dem Stillstand trat daher bald der unvermeidliche Rückgang der Macht der Hanse ein.
Die Eroberungen der anderen Völker in der Welt
Portugiesen, Spanier, Holländer und später auch die Engländer wiesen zur Zeit der Entdeckung Amerikas ihren Völkern den Weg in die Welt. Als diese Staaten ihre Handelsbeziehungen über den Ozean ausdehnten und die Schätze und Erzeugnisse tropischer Länder [57] nach Europa brachten, fehlte dem schon sinkenden Machtgefüge der Hanse der Mann, dessen Geist die Bedeutung dieser Tatsache abzumessen wußte.
In diesem Augenblick entschied sich das Schicksal der Hanse. Sie war zu einer kleinen Binnenschiffahrtsgesellschaft von minderer Bedeutung herabgesunken, der naturgemäß auch alsbald die Grundlage ihrer Kraft und damit ihre politische Stärke entschwand.
Geschichtliche Bedeutung der Hanse und des Ritterordens
Die Hanse und der deutsche Ritterorden waren die Mächte, die der deutschen Kolonisation und dem deutschen Einfluß in den Nachbarländern des Ostens und Nordens den nötigen Rückhalt boten. An ihrer Entstehung war das Reich ganz unbeteiligt, wie es sie auch später nie unterstützt hat. Das ist aber das Tragische an diesem ganzen Schauspiel, das die deutsche Kolonisierung des Mittelalters bietet, daß sie so ganz von partikularen Kräften, ohne jeden Halt an einer starken Zentralgewalt, entstand und darum doch nicht minder von bewußt nationalem Geiste erfüllt ist.
Deutsch war die Hanse und deutsch war der Orden.
Wie jene keinen anderen Zweck kannte, als die gemeindeutschen Interessen und nur sie dem Ausland gegenüber zu verfechten, so ist der Orden allem, was nicht deutsch von Ursprung ist, grundsätzlich verschlossen, der einzige streng nationale geistliche Orden, den das Mittelalter kennt. Wie stark müssen doch die Triebfedern [58] gewesen sein, die eine solche Bewegung so weit ausgreifend, so geschlossen und bewußt entstehen ließen, ohne jeden einheitlichen Plan und Entschluß, völlig spontan aus dem Lebensbedürfnis örtlicher Kräfte! Kann man diesem Anblick die Verwunderung nicht versagen. so meldet sich zugleich allerdings auch das Bedauern:
Was hätte mit solchen Kräften gewonnen werden können bei einheitlicher und planmäßiger Leitung durch eine starke Reichsgewalt!
Da es daran vollständig gebrach, so war das Ergebnis freilich nirgends befriedigend. Die letzten Folgerungen wurden nicht gezogen, und die Grenze erhielt eine unmögliche Gestalt. So war z. B. der Zusammenhang zwischen Livland und Preußen wesentlich auf dem Seeweg gegründet, da man die Eroberung des dazwischenliegenden Samogitien (Kowno) unterließ.
Die deutsche Kolonisation im Osten ist die größte Tat, die das deutsche Volk im Mittelalter vollbracht hat, eine Tat, die allein genügen würde, ihm seinen Platz unter den führenden Kulturvölkern zu sichern.
Man braucht ja nur das weite Gebiet auf der Karte zu betrachten. (Karte 11.) Es war eine Wildnis gewesen und durch die Deutschen in ein Land hoher Kultur verwandelt worden. Diese Leistung kann sich schon mit dem messen, was die Römer im Altertum aus den unterworfenen Provinzen gemacht haben.
Deutsche Siedler werden in fremde Länder gerufen
Die Wirkungen der deutschen Kolonisation beschränkten sich keineswegs auf die Grenzen des Gebietes, das für das Reich sonst gewonnen war. Sie gingen tatsächlich weit darüber hinaus, über ganz Polen und Galizien bis in die Ukraine und nach Rumänien erstreckten sie sich.
Deutsche Siedler wurden im 13. und 14. Jahrhundert von einheimischen Fürsten nach Polen, Böhmen und Ungarn gerufen. Die Überlegenheit deutscher Kultur veranlaßte slawische Fürsten, deutsche Bauern und Bürger ins Land zu rufen. Pommern war ganz dem Deutschtum gewonnen; in Schlesien wurde ein Staatswesen nach deutscher Art aufgebaut. In Polen erhielten deutsche Ritter große Ländereien zu Lehen, und deutsche Bürger gründeten die ersten polnischen Städte. Ganz Polen wurde mit einem Netz deutscher Siedlungen überzogen. Damals wurde in Kirchen von Krakau und Lemberg deut:sch gepredigt, vor Gericht in deutscher Sprache verhandelt, und die Universität Krakau war eine deutsche Hochschule im polnischen Land. Die Stärke des deutschen Einflusses in den Gebieten der Weichsel und der Karpaten war so groß, daß man getrost sagen kann: dieses Land wurde durch Deutsche der höheren Gesittung erschlossen.
Sudetendeutschtum
In Böhmen und Mähren hatten sich Reste germanischer Bevölkerung erhalten. Das Land schien unter Karl IV. ganz dem Deutschtum gewonnen. Von dem Ungarnkönig gerufen, schufen [60] deutsche Bauern in Siebenbürgen ein eigenes deutsches Gemeindewesen mit einem gesund gegliederten deutschen Volkstum, das sich durch sieben Jahrhunderte voller Kämpfe sein Deutschtum bewahrte.
Erstarken Polens und Ungarns
Durch die deutsche Einwanderung und die damit verbundenen kulturellen Leistungen erstarkten die nichtdeutschen Staaten, besonders Polen und Ungarn, ganz gewaltig. Unter starken Herrschern erfolgte ihre politische Einigung. Dadurch mußte zwangsläufig auch ein Rückschlag der überragenden deutschen Stellung im Osten folgen, da hinter den starken deutschen Einzelmächten kein einiges deutsches Reich, kein machtvolles Königtum stand. Schlagartig setzte auch der Rückgang der deutschen politischen Macht ein. Der deutsche Ordensstaat wurde durch die 1386 erfolgte Vereinigung der polnisch-litauischen Macht von zwei Seiten umfaßt und erfuhr seinen wirtschaftlichen und politischen Untergang durch die Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410.
Der hussitische Separatismus
In Böhmen erhielt das Deutschtum durch die hussitische Bewegung einen schweren Schlag. Die Kulturarbeit, die von dem deutschen Element geleistet wurde, weckte mit der Zeit die nationale Reaktion der tschechischen Separatisten, die ihren Ausdruck fand in der lebhaften religiös-sozialen Bewegung, die an den Namen Johann Hus anknüpft. Sie war von Anfang an auf die Beseitigung der deutschen Vorherrschaft in Staat und Kirche, Wissenschaft und Wirtschaft gerichtet. Dem Reich gelang es nicht, den böhmischen Separatismus zu besiegen, es mußte ihm vielmehr weitestgehende Selbständigkeit in politischer Hinsicht einräumen, aus der sich später, 1458, ein ausgesprochen national-tschechisches Königtum entwickelte. An der Stelle also, die für den germanisierenden Einfluß der Deutschen im Osten bisher den Mittelpunkt und Stützpunkt gebildet hatte, regierte jetzt slawisches Wesen in offen bekannter Gegnerschaft gegen alles Deutsche.
Die Ostiront Deutschlands, vor kurzem noch so mächtig und angrifisstark, ist um die Mitte des 15. Jahrhunderts auf der ganzen Linie in die Verteidigung gedrängt, ins Wanken geraten, stellenweise schon durchbrochen.
6. Die Gefahr im Westen
Die Gejahr der doppelten Front
Um diese Zeit hat sich ähnliches auch im Westen abgespielt. Das geographische Problem der doppelten Front, das sich schon bei der Entstehung des Deutschen Reiches zeigte, die Bedrohung von Ost und West zugleich, ist im 15. Jahrhundert in voller Schärfe wieder aufgelebt und hat die Lage des Reiches zu beherrschen angefangen.
Frankreich wird zur Großmacht
Im Westen hatte sich an der Grenze Deutschlands eine überlegene Großmacht in demselben Augenblick gebildet, wo die Macht des altdeutschen Reiches zugrunde ging. Die neue Militärmacht Frankreich bedeutete von allem Anfang an eine [61] Bedrohung der deutschen Grenzen: sie strebte nach Erwerbungen auf Kosten des Deutschen Reiches. Schon früh tauchen in französischen Köpfen allerhand Vorstellungen auf von militärischen Grenzen, die das Königreich haben müsse. Schon im 14. Jahrhundert spricht man in Frankreich davon, der Rhein sollte Deutschland von Frankreich scheiden. Daneben laufen die Bestrebungen französischer Könige, sich selbst oder ihrem Hause die deutsche Krone zu verschaffen. Bei den deutschen Fürsten findet dergleichen keine grundsätzliche Ablehnung. Die eigene Hausmacht ist den deutschen Fürsten wichtiger als das Reich.
Frankreichs Vordringen gegen den Rhein
Da ist es denn kein Wunder, daß das französische Vordringen nur schwachen Widerstand findet. Daß die Verluste an deutschem Gebiet nicht größer waren, erklärt sich nur aus der Lage, in der Frankreich sich selbst befand. Der dauernde Kampf, den es gegen England um seinen Bestand zu führen hatte, der sogenannte Hundertjährige Krieg, hat Deutschland lange Zeit den besten Schutz gewährt. Gegen Ende dieses Krieges, als die Engländer den kürzeren zogen, wurde das sofort klar. Die nun freigewordene französische Armee erschien 1444 in Lothringen und im Elsaß‚ forderte von Metz und Straßburg ihre Unterwerfung und machte einen Angriff auf Basel. Durch Verhandlungen und Drohungen wurde ihr Abzug erreicht. Aber es hatte doch an einem Haar gehangen, so wäre das Elsaß damals französisch geworden.
Das neu entstandene Burgund versucht sich auszudehnen
Doch größer war die Gefahr durch den neu erstandenen burgundischen Staat, der aus der Vereinigung des französischen Herzogtums Burgund mit der gleichfalls französischen Grafschaft Flandern 1386 erwachsen war und von Anfang an eine rücksichtslose Ausdehnung auf Kosten des Reiches betrieb. Das linke Rheinufer war in Gefahr. aber nicht der Kaiser und das Reich, sondern ein Bündnis der betroffenen oberrheinischen Städte und Herren mit den Schweizern bereitete in entschlossenem Angriff der ganzen burgundisch-elsässisch-lothringischen Herrlichkeit ein jähes Ende. Es war eine Episode gewesen, aber die Episode hatte die Lage des Reiches greli beleuchtet: es war wehrlos. Und wer konnte sagen, ob die Gefahr im Westen endgültig vorüber war.
7. Zersplitterung der Kräfte im 15. Jahrhundert
Das Zwei-Fronten-Problem war damals für das Reich um so gefährlicher, als der Zustand des Reiches im Innern immer mehr einer Kräftezersplitterung glich. Die vorhandenen Kräfte wurden nicht organisch zur Einheit des Willens zusammengefaßt, mit einem Wort: das Reich war keine Einheit.
Wie sah das Reich im 15. Jahrhundert aus?
Das Gegenteil davon war der Fall. Gerade das 15. Jahrhundert ist eine Zeit größter Zersplitterung der Kräfte, es ist die Blütezeit der Landesstaaten. Das Fürstentum hat über Ritter und [62] Städte gesiegt. Aber die innere Ordnung des Reiches hat durch die Stärkung des Fürstentums an Klarheit und Festigkeit nicht zugenommen. Was die Fürsten an Macht gewannen, das verlor der König, und so sehen wir seit Mitte des 15. Jahrhunderts das Königtum in eine stetig wachsende Bedeutungslosigkeit herabsinken. Die fürstliche Gewalt maßt sich im Landesherrentum unumschränkte Herrschaftsansprüche an. Ihre eigentlichen Interessen drehen sich nur um eine Macht- und Gebietszunahme auf Kosten der Nachbarn. So erleben wir Grenz- und Erbfehden: Pfalz gegen Bayern, Bayern gegen Hohenzollern usw.
Fürstenfehden
Das war nun die politische Führung der Nation in einer Zeit, wo ihre Lage zwischen den Nachbarstaaten jeden Tag gefährdeter wurde. Daß das Reich unter diesen Umständen eine auswärtige Politik gar nicht hat, kann man leicht begreifen. Die vorhandenen Kräfte braucht man ja zum inneren Kampf. Durch die engstirnige Hausmachtpolitik verblendet, empfinden die Fürsten überhaupt kein gemeinsames Interesse für das Reich. Sie nehmen die Verluste an der Westgrenze des Reiches ebenso gleichgültig hin wie die Unterwerfung des deutschen Ordens unter Polen.
Die Hausmachtpolitik der Habsburger
Das Reich hat einen König und Kaiser: der sollte doch nach den Theorien die Rolle des Zentralorgans spielen. Aber nirgends tritt es deutlicher hervor, wie wenig sich Theorie und Wirklichkeit decken. Die regierenden Habsburger vergessen ihre Reichsaufgabe völlig und besähränken sich auf eine reine Hausmachtpolitik, die sich in nichts von der übrigen Politik der Fürsten unterscheidet. Es zeigt sich, wie sehr selbst der König aufgehört hat, national zu denken. Er war ein Landesherr geworden wie alle anderen, und die Kaiserkrone hatte nur als Mittel, seine Hausinteressen wirksamer wahrzunehmen, einen Wert für ihn. Durch Heirat und Erbverträge winkte den Habsburgern im Westen die burgundische, im Osten die ungarische Herrschaft, zwei Reiche, beide ohne Schwertstreich zu gewinnen! Diese Heiratspolitik der Habsburger hat in dem Ausspruch „Du glückliches Österreich heirate” ihren sinnfälligen Ausdruck gefunden.
Durch diese Ansprüche verwickelte die neue Hausmacht Habsburg das Reich aber nur in auswärtige Beziehungen, die ihm schließlich nur den Haß Frankreichs und Ungarns einbringen konnten, da Österreich ja zugleich die Reichsmacht verkörperte. Das Ergebnis dieser Politik war eine Verschiebung des geschichtlichen Schwergewichtes Deutschlands aus den alten germanischen Ländereien etwa zwischen Rhein, Main und Elbe nach dem Südosten, wo von nun an die kaiserliche Gewalt ihren Wirkungskreis vornehmlich suchte.
Im weiteren Verlauf der Geschichte mußte dieses innerlich verlagerte deutsche Kaiserreich sich als ein furchtbarer Irrtum herausstellen, weil es seine natürliche Kraftquelle, die, aus der Entwicklung geboren, immer nur in den germanischen Urländern zu suchen war, vernachlässigen mußte. Die Grundlagen des Habsburger Reiches [64] waren eben ausgesprochen habsburgisch und somit keineswegs grundsätzlich deutsch.
Abhängigkeit der Habsburger vom Papst
So wandten sich die Habsburger vom eigentlichen Deutschand, dessen Kaisertitel sie zwar bis zum Jahre 1806 trugen, mehr und mehr ab und banden sich politisch und kirchlich an Rom und den Papst. Damit blieb der Dualismus — hie Romkirche, hie deutscher Reichsgedanke — für das deutsche Volk bestehen, nur der Weg, auf dem sich dieser Dualismus auswirkte, wandelte sich. Hatten die alten deutschen Kaiser als Vertreter des deutschen Gedankens in der Welt im offenen Kampf gegen den Papst gestanden, so war das nun vorbei. Die Habsburger beugten sich fast ohne Widerspruch unter die politische Macht der Kirche und wurden schließlich gar zu gefügigen Handlangern, solange der Papst ihrem Streben nach Erweiterung der Hausmacht keinen Widerstand entgegensetzte.
Die Kirche hatte machipolitisch den Sieg davongetragen, ihr Einfluß auf die Entwicklung Deutschlands verfügte von nun an über einen festen Stützpunkt im Reiche, und das war das Kaiserhaus selbst. Die dem Deutschtum abgewandte Führung des Reiches durch Habsburg konnte der Kirche nur recht sein, weil dadurch die innerdeutschen Volkskräite zersplittert wurden. Das seit alters her erprobte römische „Teile und herrsche” schien auch jetzt wieder der Kirche nützlich und brauchbar.
Wohl ruhte in jener Zeit bei der ohnmächtigen Lage des deutschen Volkes dieser deutsche Dualismus äußerlich, da alle deutsche Führung fehlte, aber nur solange, bis plötzlich Kräfte aus dem Volke selbst in gewandelter, rein geistiger Form den Kampf erneut aufflammen ließen. In diesem Augenblick trat die undeutsche Haltung der Habsburger für alle Deutschen sichtbar zutage. Die Seele des Volkes stand gegen die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
8. Entfaltung deutscher Geisteskräfte
Die Entwicklung einer einheitlichen deutschen Nation war infolge der Einstellung der Kaiser zur Frage des Deutschtums an sich unmöglich geworden. In den kommenden Jahrhunderten lag daher der Schwerpunkt allen deutschen Lebens und der weiteren Entwicklung in den einzelnen Ländern. Es begann eine gärende, aufgeregte Zeit. in der sich der deutsche Geist nach Herzenslust zersplittern und verrennen konnte, zum Schaden des Gesamtvolkes, weil es an einer Führung gebrach.
Der deutsche Mensch als Kulturdünger der Welt
So wurde es denn das furchtbare Schicksal Deutschlands in jener Zeit und darüber hinaus, der gesamten Kulturwelt auf allen Gebieten des Geisteslebens Neues zu bringen und dabei politisch in immer tiefere Ohnmacht zu versinken. Der deutsche Mensch schickte sich an, als Kulturdünger der Welt zu dienen. [65]
In dieser politischen Notzeit versuchte der deutsche Mensch sein inneres Empfinden, seinen völkischen Schmerz zu betäuben, und entfaltete seine Geisteskräfte zu hoher Blüte. Mit der Erfindung des Buchdruckes war in Deutschland ein Mittel vorhanden, um auch den weitesten Kreisen die Teilnahme an geistigem Schaffen und geistigen Kämpfen zu eröffnen. Daß es sich hier um ein Erwachen des deutschen Volksgeistes handelt, der von Geschlecht zu Geschlecht Größeres schaffend nach dem höchsten Ausdruck sucht, das beweisen uns die Namen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in den Annalen deutscher Dichtung und Kunst verzeichnet stehen: Sebastian Brant, Hans Sachs, Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Matthias Grünewald, Hans Holbein, Veit Stoß und Tilman Riemenschneider, die auf dem Gebiet der Dichtung, der Malerei und als Holzschnitzer die eigentümliche Art des deutschen Volkes zum Ausdruck bringen. Albrecht Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel!” ist das Sinnbild des deutschen Volkes schlechthin.
Doch nicht allein die Malerei und die Dichtkunst erlebten damals ihre Blütezeit, auch die Baukunst erfuhr eine Wiedergeburt in prunkvollen Schlössern, ebenso wie in schönen Rats- und Zunfthäusern in Holzfachwerkbau.
In allem spürt man den frischen Zug starken nationalen Selbstbewußtseins. Man durchforscht die deutsche Vergangenheit, um zu zeigen, daß die Deutschen ein Volk großer Taten und Leistungen von jeher gewesen sind, allen anderen ebenbürtig; man wußte, was man unter günstigeren Umständen können würde.
Das Reich kulturell in Blüte, machtpolitisch ohnmächtig
Notwendig mußte das Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit in denkenden Köpfen ein tiefes Unbehagen erzeugen. Je mehr man auf die eigene Vergangenheit stolz zu sein und sich des eigenen Wertes zu freuen sich berechtigt glaubte, um so bitterer mußte man es empfinden, daß der Deutsche im Kreis der Nationen so wenig galt. Die Ursache hierfür konnte nicht verborgen bleiben. Ringsum hatten [66] sich die Nachbarn zu fest geschlossenen Staaten gebildet, den Deutschen iehlte der nationale Staat. Die Reichsverfassung genügte nicht, sie machte das Reich ohnmächtig nach außen und verzehrte die Kräfte im Innern in Fehde und Unfrieden. Denn niemand war mit dieser Verfassung zufrieden; der Kaiser nicht, weil sie ihm keine Machtmittel bot, die Fürsten nicht, weil sie ihnen nicht den entscheidenden Einfluß gewährte, und die Nation nicht, weil das Reich in dieser Verfassung den Vergleich mit den Nachbarnationen nicht aushielt und einer gefährlichen Zukunft entgegenging.
9. Bauernkrieg und Glaubenskampf
Luthers Kampf gegen Rom
Ungleich tiefer griff eine zweite Krisis, die beim Regierungsantritt Karls V. soeben ausgebrochen war, die religiös-kirchliche. Sie ist keine Besonderheit Deutschlands, das ganze Abendland hat sie erlebt. Aber sie ist in Deutschland zuerst zum Ausbruch gekommen und hat hier am tiefsten und nachhaltigsten gewirkt. Für uns liegt die geschichtliche Bewertung Luthers darin, daß er das unsterbliche Verdienst hat, gegen geistige und seelische Versklavung, gegen priesterliche Tyrannei, Willkürherrschaft und Ausbeutung [67] aufgestanden zu sein. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, daß der Kampf. zwischen Kaisertum und Papsttum, der Kampf um die politisch-geistige Führung, mit dem Sieg des römischen Machtanspruches geendigt hatte. Bei diesem Kampf aber war auch das sittliche Gefüge des Siegers verlorengegangen.
Wenn auch das Deutsche Reich unter der kaiserlichen Führung unterlegen war, so mußte die seit langem sittlich entartete Kirche sehr bald auf Widerstandskräfte stoßen, die im unverdorbenen deutschen Volke lebendig geblieben waren.
Es ist bedeutungsvoll und richtungweisend für die nationalsozialistische Lehre von Blut und Boden, daß der Mann, der den Schwertkampf der Kaiser gegen die politische Romkirche nun in abgewandelter, rein geistiger Form erneut aufnahm, einem alten, rein bäuerlichen Geschlecht Thüringens entstammte. Luther ist ein revolutionärer deutscher Führer gewesen, der durch die Schaffung einer gesamtdeutschen Schriftsprache sich an das ganze Volk wenden konnte.
Das Volk schaut der Entartung der Kirche grimmig zu
Die Entartung der Kirche zeigte sich in der Sittenlosigkeit ihrer Führer, sowohl in Rom selbst als auch in Deutschland, und in der Skrupellosigkeit, mit der der Glaube an Gott zum Geschäft jeglicher Art gemacht wurde. Das ausschweifende Leben der Kirchenfürsten, das die Hofhaltung der Bistümer nicht immer nur zu Stätten der Kulturpflege und zum Hort der Künste macht, sondern weit häufiger zu Sammelpunkten heimlicher Orgien, war dem vielfach bitterste Not leidenden Volke durchaus bekannt und wurde mit grimmiger Erbitterung beobachtet.
Loslösung anderer Staaten von der Romkirche
Dazu kam etwas, das nur Deutschland betraf. Die katholische Kirche war bisher eine zentralisierte Monarchie unter dem Papst als absolutem Herrscher gewesen. Von Rom aus wurden die Kirchen aller Länder regiert und nach Bedarf ausgenutzt. In den Reformkämpfen des 15. Jahrhunderts war das für die außerdeutschen Länder stark eingeschränkt worden. In England wie in Frankreich und Spanien und sogar in Italien war die Staatsgewalt imstande gewesen, ihre Interessen nach Maßgabe der Verhältnisse wahrzunehmen. Überall war die Nation in kirchlichen Dingen Herrin ihrer selbst geworden. Von ihr hing es ab, wieviel sie einer auswärtigen Macht, wie es der Papst war, einräumen wollte.
Auch in Deutschland war das erstrebt worden, aber es wurde nicht erreicht, weil es hier an der starken zentralisierten Staatsgewalt fehlte, die dem Papst mit dem nötigen Nachdruck hätte gegenübertreten können.
Deutschland als Einnahmequelle Roms
Durch die kirchliche Selbständigkeit der westlichen Länder waren die Einnahmen des Papstes von dorther zurückgegangen. So war es natürlich, daß man Entschädigung anderswo suchte. Man fand sie in Deutschland; der Papst selbst bezeichnete damals die „Deutschen als der Kirche Roms getreueste Kinder”. [68] Je weniger Frankreich und England zahlten, desto mehr wurde Deutschland herangenommen. Ein beliebtes Mittel dazu waren die Ablaßpredigten. In anderen Ländern wären sie kaum gestattet worden. In Deutschland konnte man die Erlaubnis dazu bei den Landesherren durch Beteiligung am Gewinn erkaufen, und man tat es gern und oft.
Deutschland bäumt sich gegen die Ausbeutung durch Rom auf
Dieser Zustand wurde stark empfunden. Man sah, wie sehr die Behandlung, die man selbst erfuhr, sich von der Rücksichtnahme unterschied, deren sich andere Länder erfreuten, man fühlte sich unterdrückt, ausgebeutet. Gegen Rom richtete sich darum das erwachende Selbstbewußtsein der Nation, und mit der allgemeinen Kritik am geistlichen Stande und der Auflehnung gegen seine Vorzugs- und Herrenstellung verband sich die Erbitterung gegen den päpstlichen Hof, in dem man eine fremde Macht erblickte, die das deutsche Volk knechtete und ausbeutete. Auf den Reichstagen kehren die Beschwerden gegen den römischen Hof alle Augenblicke wieder.
Rom ist der Feind der deutschen Nation, wenn nicht der einzige, so doch der Hauptfeind. In den Streitschriften des deutschen Kämpfers Ulrich von Hutten hat diese Stimmung ihren klassischen Ausdruck gefunden. Durch die Reichstagsdebatten wurden diese Zustände aber nicht besser. Es mag ein ähnlicher Zustand gewesen sein, wie wir ihn aus den Parlamentszeiten der letzten 14 Jahre, bevor der Führer die Leitung des Reiches übernahm, kennen.
Luthers Kampf gegen das fremde Orientalische
Luther hat nun den Kampf ı.nentwegt gegen Rom aufgenommen, dessen Wirkung von ihm nicht vorausgesehen werden konnte. Sein Denken, Fühlen, Wollen und Handeln wurzeln tief im Volke. Und deshalb empfand Luther auch diese völkische Überfremdung so stark. Luther ging es bei seinem Kampfe um die Selbstbehauptung der deutschen Substanz und damit um die Befreiung der deutschen Seele von der fremden orientalisch-mittelmeerländischen Macht.
Wer in Luther nur den Gründer einer nicht-römischen, christlichen Konfession sieht, versteht ihn nicht. Wir sehen in ihm nicht nur den Gründer des Protestantismus, sondern einen der großen Protestanten der deutschen Gesamtgeschichte, ja den wichtigsten Träger jenes Protestes gegen Zauberwesen und Priesterherrschait, der aus der Tiefe der germanischen Substanz unseres Volkes immer wieder mit unaufhaltsamer Kraft hervorgestoßen ist.
Das deutsche Volk und Luther
Wie stand denn nun das deutsche Volk zu dem mutigen Kampf Luthers? Die Masse des Volkes erhoffte von ihm nicht nur den Beginn einer religiösen Erneuerung, einer Beseitigung der kirchlichen Mißstände, sie erwartete etwas viel Größeres. In dem Gären und Brausen der Zeit stand als ursprüngliche Triebfeder aller wollenden Kräfte die tiefe Volkssehnsucht nach innerlich deutscher Eigenart, nach einer großen deutschen [69] Reichsreform und dem endlichen Wirksamwerden eines artgemäßen Rechtes. Nun mußte endlich die Befreiung von der völkischen Not kommen, die in den Wirren einzelner bäuerlicher Aufstände, in den Klosterstürmen und Burgbränden nicht erreicht wurde.
Luther kein politischer Führer
Es ist das große deutsche Verhängnis gewesen, daß Luther die Hoffnungen des deutschen Menschen in diesem Sinne nicht erfüllt hat, nicht erfüllen konnte, weil ihm die Gabe politischen Führertums nicht geworden war.
Luther schafft die deutsche Schriftsprache
Luthers bleibendes Verdienst ist die Schaffung einer gesamtdeutschen Schriftsprache. Für die damalige Zeit, in der nur der lesen und schreiben konnte, der das Lateinische beherrschte, konnte es zur Erhaltung des Deutschtums nichts Entscheidenderes geben.
Hutten der Kämpfer
Neben dem Kämpfer Luther steht ein aus anderem Holz geschnitzter Freiheitskämpfer — es ist Ulrich von Hutten, der Sproß eines bekannten Rittergeschlechtes, der Ritter, Redner, Volksmann, Schriftsteller, Maler, Prophet, und vor allem Kämpfer zugleich ist.
Hutten ist in der Geschichte unseres Volkes als Kämpfer für Freiheit, Recht und Ehre eingegangen. Während Luthers Hauptfrage lautete:
„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?”, fragte Hutten: „Wie schaffe ich eine freie deutsche Nation?”
Huttens Bedeutung wird erst in unseren Tagen wirklich erkannt, während man ihn zu seiner Zeit kaum beachtete. Irgendwelchen Eindruck hat er damals nicht hinterlassen und auch auf die politische Entwicklung seiner Zeit keinen Einfluß ausgeübt. Hinzu kam noch, daß Luther den drängenden und zu stürmischen Hutten, vor dessen gewaltiger Feder ihm unheimlich wurde, von sich stieß und jedes gemeinsame Vorgehen mit ihm ablehnte.
Bauernkriege
Mit der Reformation Luthers stehen die Bauernunruhen zum nicht unwesentlichen Teil im Zusammenhang. Zwar hatte schon früher vereinzelt das Bauernvolk versucht, in gewaltsamen Stößen altgermanisches Bluts- und Brauchtumserbe freizulegen; ein leuchtendes Beispiel für diesen Kampf ist die Rebellion der Stedinger Bauern gegen die Kirche. Aber der. Bauernaufstand der Jahre 1524—26 war ein allgemeines Fanal, der Ausbruch einer Gärung, die nun sich Luft schaffte, ausgelöst durch den im Kern nordischen Protest Luthers gegen das „Fremd-Orientalische‘ der Kirche.
Rückblick auf die Geschichte des Bauerntums
Wenn wir das Geschehnis der Bauernkriege in seiner ganzen Furchtbarkeit für Deutschland verstehen wollen, so wird ein kurzer Rückblick notwendig.
Luthers Verkündung von der Freiheit eines Christenmenschen hatte das ganze deutsche Volk in Aufruhr gegen Rom gebracht. Die Reformation war siegreich durch das gesamte deutsche Land vorgedrungen. Die Zeit erschien den Führern des deutschen Bauerntums [70] reif für die Forderung nach der Wiedereinführung des alten Rechtes. Bis dahin hatte die römische Kirche, wenn auch zeitweilig politisch besiegt, in sozialer und geistig seelischer Hinsicht über das Bauerntum triumphiert.
Die Kirche entrechtet den Bauern
Die Agrarverfassung der Frühzeit hatte auf Freiheit, Sippeneigentum und Gemeineigentum beruht. Soziale Unterschiede waren dabei kaum vertreten. Rom und die Kirche hatten das germanische Erbrecht zerstört. Seit der Einführung des Christentums verfügt ein jeder zur Rettung seiner Seele über sein Eigentum auf Kosten der Sippe. Rom und die Kirche hatten auch das Aufkommen der Großgrundherrschaften begünstigt, so daß diese Besitzformen an Stelle des freien bäuerlichen Eigentums vorherrschend wurden. Der Bauer wurde unfrei und geknechtet.
Später erfolgte eine teilweise Aufteilung in kleine Grundherrschaften der Kirche, vor allem auch des niederen Adels. Der Bauer war zu Fronarbeit, teilweise nur zu Abgaben verpflichtet. Neben diesen abhängigen Bauern bestanden wohl auch freie Bauern weiter, aber auch diese waren politisch entrechtet, während Klerus, Adel und Bürgertum politische Bedeutung beibehielten bzw. erhielten. Den Bauern wurde der Aufstieg in den Ritterstand und auch das Waffentragen verboten, das Bauerntum wurde der vierte entrechtete Stand.
Der Bauer wehrt sich
Als im ausgehenden Mittelalter der Ständestaat sich in einen Territorialstaat der Fürsten umwandelt, versucht nun der Bauer, der durch Luthers Wort „Von der Freiheit eines Christenmenschen” neuen Auftrieb erhalten hatte, im Bauernkrieg in großer politischer Revolution die Territoriallisierung des Reiches zu überwinden und ein neues Kaisertum auf ein auf freie Bauernschaften gegliedertes Reich aufzubauen. Dieser Aufstand scheiterte am Widerstand der Landesfürsten, die zum Schaden des Kaisertums und der Einigung des deutschen Volkes Sieger blieben. Aus dieser Tatsache erwächst die Vielstaatlichkeit, die erst durch den Nationalsozialismus überwunden wurde.
Der Bauer wurde zum Untertan, wenn er sich auch wie in den gewaltigen österreichischen Bauernerhebungen unter der Führung von Fadinger, Gaißmayer und anderen Bauernführern aufbäumte.
Luthers Stellung zu den Bauernkriegen
Wesentlich für den Zusammenbruch der Bauernaufstände war Luthers Schriit „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern” und seine Unterstützung der Landesfürsten. Luther selbst kostete es den Verlust seiner Volkstümlichkeit. Außerdem war die Bauernbewegung keine organisierte Macht.
Ohne bewußte, gemeinsame Leitung flackerte der Bauernaufstand an verschiedenen Stellen auf. Aus den einzelnen Bränden wurde alsbald ein Flammenmeer, das sich von Österreich über Bayern, Schwaben bis hinauf zum Harz ausdehnte. Die Sache der Bauern war tief [71] und gut begründet, aber unter den gegebenen Umständen politisch aussichtslos. Kaisertum und Fürstentum waren die realen Mächte des 16. Jahrhunderts. Zwischen beiden hatte die große Entscheidungsschlacht begonnen.
Die Tragik des Bauern- und Ritteraufstandes
Die Tragik im Ausgang der Bauernkriege liegt darin, daß fast zur selben Zeit, getrennt von der Bauernbewegung, das Rittertum einen Aufstand unternahm, mit dem Plan, Deutschland neu zu gliedern, die fürstlichen Gewalten zu beseitigen und eine neue soziale Ordnung durchzuführen. Dieses Rittertum hätte die Führer für die Bauernbewegung abgeben können, doch waren die Vertreter dieses Standes nur auf eine Regelung bedacht, die das Bauerntum von einer [72] politischen Mitwirkung ausschloß. Wenige Ritter haben sich dem Bauernaufstand zur Verfügung gestellt, da dem Rittertum jedes Verständnis für die tiefe Not des verelendeten Bauerntums fehlte.
Der Ritteraufstand, an dem sich Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten beteiligt hatten, scheiterte daran, daß auch sie das Gebot der Stunde nicht erkannten und nur bestrebt waren, das Rittertum in alter Form wieder erstarken zu lassen. Hätten sich diese beiden Mächte zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden, wäre vielleicht eine neue Reichsidee leichter durchführbar gewesen.
Der ungeheure Blutsverlust
Durch den Zusammenbruch des Aufstandes, der dem Bauerntum bestes Blut kostete, und durch die ungeheuren Blutsverluste, die der nachfolgende 30jährige Krieg mit sich brachte, ist das Bauerntum derartig geschwächt worden, daß es fernerhin in der Politik keine Rolle mehr zu spielen vermochte. Erst im neuen Reich Adolf Hitlers wurde ihm die Stellung gegeben, die ihm als Urquell der Nation zukommt.
Gegenreformation — Jesuitenorden
Zur gleichen Zeit, da die Reformation ihren ungeheuren Siegeszug durch Deutschland nahm — damals waren in der heutigen katholischen Ostmark sieben Achtel der Bevölkerung evangelisch! —, entstand in Spanien jener Jesuitenorden, der berufen war, nicht nur den Verfall des Papsttums, d.h. der katholischen Kirche, aufzuhalten, sondern dieser Macht neue Kraft zu geben, ja ihr, durch die Übernahme der Führung, große Teile verlorengegangener Gebiete wieder zu erobern. Leider spielt bei diesem Vorgang der Rekatholisierung das Reich — d.h. das Haus Habsburg — eine traurige Rolle. Und so bilden sich innerhalb des Deutschen Reiches scharf voneinander abgetrennte Staatsgebilde mit verschiedenen Konfessionen, und erst dadurch wird die Spaltung unseres Volkes endgültig. Um 1600 sind in Deutschland im großen und ganzen die Grenzen in koniessioneller Hinsicht festgelegt, die bis heute das Antlitz unseres Vaterlandes bestimmen.
Wie oft wird Luther auch heute noch als Urheber der Glaubensspaltung bezeichnet. Wenn es eine Glaubensspaltung, wenn es Religionskriege gegeben hat, so trägt nicht Luther die Schuld, sondern diejenigen Mächte — Jesuitenorden und von ihnen abhängige Fürsten —, die es verhindert haben, daß die Reformation an ihr natürliches Ziel gelangte und das letzte noch katholisch gebliebene Zehntel evangelisch wurde. Deutschland war auf dem Wege der religiösen Einheit. Die Spaltung ist durch die Rekatholisierung herbeigeführt worden.
Der unablässige Druck Roms hat endlich dazu geführt, daß das Reich in zwei politisch-religiöse Parteien gespalten ist, zwischen denen nur noch die Waffen entscheiden können.
Deutschland, der Tummelplatz Europas
Der 30jährige Krieg ist wohl das trübste Kapitel der deutschen Geschichte. Zu der grauenhaften Entvölkerung — von rund 20 Millionen sank Deutschland auf etwa 5 Millionen zurück — und Verwüstung des deutschen Raumes kommt die Tragik hinzu: Deutschland ist von [73] der Höhe des glanzvollen mittelalterlichen Kaiserreiches soweit herabgesunken, daß es — politisch und weltanschaulich zerrissen — zum Objekt der Politik fremder Mächte, zum Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen den anderen europäischen Staaten geworden ist.
Als treibende Kräfte standen hinter diesem grausamen Geschehen Frankreich und der politische Wille der Romkirche, die rassisch geistige Eigenart des deutschen Menschen zu tilgen. Der als dogmatische Glaubensstreitigkeit begonnene Kampf wuchs sich alsbald zu einem Tilgungsfeldzug wider die nordische Rasse, die im deutschen Menschen ihren hauptsächlichsten Vertreter fand, aus. Hierzu wurden alle übrigen, damals greifbaren Rassen der Erde aufgeboten, hierzu waren alle Mittel der Wüstung und Mord und Brand gerade recht.
10. Deutsche Ohnmacht nach 1648
Deutschland ohnmächtig — die übrigen Staaten Europas erstarken
Das Kaisertum hatte sich im Streben nach einem Universalreich und im Kampf gegen das Papsttum verzehrt. Die Folgen waren fortwährende Verschwendung bester Volkskraft, Abkehr von den brennenden Fragen im eigentlichen deutschen Raum, vor allem aber Sinken der kaiserlichen Macht durch immer größere Selbständigkeit der Landesfürsten. Während zur deutschen Kaiserzeit die anderen Völker ganz im Schatten Deutschlands standen, entwickeln sich in den folgenden Jahrhunderten, als Deutschlands Niedergang immer weiter fortschreitet, England, Frankreich und Spanien zu kräftigen Nationalstaaten.
Was war das Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges?
Ergebnis des 30jährigen Krieges
Deutschland war zu einer Wüste geworden. Hungersnot und ihre Folgen, Krankheiten und Seuchen hatten die Menschen ausgerottet. Dazu kam die Verseuchung der nordischen Rasse. 30 Jahre lang waren Spanier, Italiener, Tschechen, Franzosen und Ungarn als Söldner durch Deutschland gezogen und hatten die Frauen und Mädchen gewaltsam unter ihren Willen gezwungen.
Deutschland war um Jahrhunderte zurückgeworfen, und es mußten viele Jahre vergehen, ehe das Bewußtsein, ein Deutscher zu sein, wieder als Stolz empfunden wurde.
Der Westfälische Friede keine Lösung der Religionsfrage
Der Westfälische Friede, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, hat weltanschaulich und in der Glaubensfrage keine Änderung gebracht. Deutschland bleibt weiter in zwei feindliche [74] weltanschauliche Lager gespalten, die Landesherren bestimmen weiterhin die Religion ihrer Untertanen und die Zeit der religiösen Verfolgungen hört keineswegs auf, treibt vielmehr noch bis ins folgende Jahrhundert ihre giftigen Blüten. So können die konfessionellen Unterschiede erst derartig verhängnisvoll und tief im deutschen Volke Wurzeln fassen, daß wir sie bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig überwinden können.
Gebietliche Verluste
Aber auch auf politischem Gebiet brachte der Westfälische Friede eine furchtbare Schwächung Deutschlands.
Die Schweiz und die vereinigten Niederlande wurden als unabhängige Staaten anerkannt und schieden damit aus dem Reichsverband aus.
Frankreich erhielt im Westen die drei lothringischen Bistümer Toul, Metz und Verdun, dazu das Oberelsaß und eine Reihe von Rechten im Unterelsaß. Frankreichs „traditionelle” oder „klassische” Rheinpolitik nimmt also 1648 ihren eigentlichen praktischen Anfang.
Schweden erhielt Vorpommern und die Bistümer Verden und Bremen. Damit beaufsichtigt es die Oder-, Elbe-, Wesermündung, so daß sich also hinfort die Mündungen aller größeren deutschen Flüsse in fremder Hand befinden (Karte 12). Zugleich aber geht mit dem Verlust der Meeresküste auch die Möglichkeit verloren, Anteil zu nehmen an der Eroberung der Welt, die in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten von Europa aus erfolgt. Während die großen französischen, englischen und holländischen Kolonialreiche entstehen, rührt sich in Deutschland — abgesehen von den schüchternen Versuchen des Großen Kurfürsten — keine Hand, um von den Schätzen der Erde Besitz zu ergreifen.
Die Verteilung der Welt erfolgt unter Ausschluß des deutschen Volkes und des deutschen Reiches. Rom hat sein Ziel erreicht.
Deutschland zersplitterter als je zuvor
Mitunterzeichner des Friedensvertrages sind Frankreich und Schweden, damit auch zugleich Garanten sämtlicher Bestimmungen, d. h., diese ausländischen Mächte garantieren auch jene Souveränität der deutschen Klein- und Kleinststaaten, jenen Zustand, den man so schön als „teutsche Libertät” bezeichnet hat. Sie haben damit die Macht, sich jederzeit in die inneren Angelegenheiten des deutschen Volkes einzumischen und jenen Zustand der Ohnmacht des Reiches und der Zersplitterung Mitteleuropas für immer aufrechtzuerhalten, um darauf ihre eigene Sicherheit und Größe zu gründen. Von jetzt ab mußte notwendig jeder Versuch zur Lösung der deutschen Frage nicht nur eine deutsche, sondern eine europäische Angelegenheit sein, und es war klar, daß die übrigen europäischen Mächte sich einer Änderung des 1648 geschaffenen Zustandes im [76] Sinne einer deutschen Einheit nur mit größtem Widerwillen fügen würden.
So gibt uns der Dreißigjährige Krieg die furchtbare Lehre von dem Schicksal des Volkes, das sich in innerem Hader zerfleischt und so eine leichte Beute der Nachbarn wird, während sein Boden den anderen Völkern zum Schlachtfeld für ihre Interessen dient. Es schien damals das Ende Deutschlands gekommen, die endgültige Aufteilung unter die fremden Mächte nur mehr eine Frage der Zeit zu sein. Das Schicksal hat es aber anders mit uns gemeint, denn eines war erhalten geblieben über Not und Tod, über Grauen und Verwüstung hinaus: die ewige Substanz des deutschen Volkes.
Der Bauer als stiller Kämpfer auf seiner Scholle
Mag damals auch so mancher Tropfen fremden Blutes in unsern Volkskörper eingedrungen sein, mag auch der Verlust eigenen Blutes zum Teil erschreckend groß gewesen sein, in seinem Kern ist unser Volk dennoch erhalten geblieben. Wir danken das dem stillen Heldentum jener zahllosen unbekannten deutschen Menschen, der deutschen Mutter — vor allem den deutschen Bauern, die trotz allem Elend und aller Drangsale auf ihrer Scholle ausgeharrt, die immer wieder den verwüsteten Acker neu bestellt und so den Weiterbestand unseres Volkes gesichert haben.
Weil sie sich selbst, ihrem Volke und seinem Boden die Treue gehalten haben, konnte dereinst auf den Trümmern des alten Reiches, aus dem politischen Zusammenbruch von 1648 ein neues Deutsches Reich sich wieder erheben, ein Reich, dessen Vorbild und Kristallisationskern sich eben damals nach dem langen Kriege zu bilden begann in einem der deutschen Bundesstaaten, in Brandenburg-Preußen!
11. Brandenburg» Preußen
Keime zum neuen Reich in Preußen
Dieser Staat, der sich aus den ärmlichsten Anfängen in einem von der Natur nicht gerade großmütig bedachten Lande zu der stolzen Höhe unter Friedrich dem Großen emporentwickelte, sollte berufen sein, den deutschen Gedanken hochzuhalten während einer Zeit, da das alte Reich in Trümmern lag. Eine dreißigjährige Verwüstung hat das schon seit langer Zeit brüchige Gefüge des Deutschen Reiches auseinandergesprengt. Hatte das Kaiserhaus der Habsburger seit jeher für Deutschland wenig oder gar kein Interesse gezeigt, so fehlte ihm jetzt auch die politische Kraft, das Land neu zu ordnen. Jeder kleine und kleinste Landesfürst suchte von sich aus, den eigenen Machtbereich zu erweitern und neu zu gründen. Die deutsche Klein- und Vielstaaterei konnte nun Triumphe feiern. Ein sich selbst bewußtes deutsches Volk gab es nicht mehr; man war [77] in erster Linie Hesse, Sachse, Brandenburger, Westfale usw. Die Erinnerung an das einstige Machtreich Deutschland blieb ein ferner Traum, tief im Herzen einzelner deutscher Männer vergraben, aber unwirklich und ohne Hoffnung auf eine Zukunft.
Gegensatz Brandenburg-Habsburg
In dieser Zeit der tiefen Not richteten sich nun die Blicke aller auf Brandenburg-Preußen, das unter dem Großen Kurfürsten zum stärksten norddeutschen Staat herangewachsen war, der der bestregierte, der unternehmendste, ja der Führerstaat der deutschen Protestanten war. Mit Mißgunst begann das Habsburger Kaiserhaus die neuaufstrebende kurbrandenburgische Kraft zu betrachten, ja [78] selbst sich auf die Seite Frankreichs und Schwedens zu stellen, als der Brandenburger nach dem Siege über die Schweden bei Fehrbellin mit Recht Pommern beanspruchte. Immer deutlicher stellte sich der Gegensatz Brandenburg—Österreich heraus; dazu kam noch, daß das erstarkte Frankreich geschickt aus diesem Machtstreit seine Vorteile zog und sich an der Westgrenze des Reiches immer weiter vorschob.
Der Große Kurfürst baut Brandenburg auf
Noch war Kurbrandenburg nicht in der Lage, einen Waffengang mit Österreich zu wagen, aber Friedrich Wilhelm war im Laufe seiner Regierungszeit sehend genug geworden, um zu wissen, daß seine deutsche Aufgabe die Vorbereitung einer solchen Auseinandersetzung erforderte, denn sein Sinnen und Streben war allzeit über die engen brandenburgischen Grenzen auf Deutschland gerichtet.
Seine Größe liegt darin, daß er für die Hohenzollern die Richtlinien zur Führung Deutschlands herausgearbeitet und die dafür erforderlichen machtpolitischen Kräfte gebildet hat. [79]
Rastlos war er um das Wohl seines Landes und um den Aufstieg seiner Brandenburger bemüht. Die Bevölkerung gewann unter ihm Sicherheit, Selbstvertrauen und nationalen Stolz zurück.
Unterstützung der Bauern
Der große Organisator erkannte aber auch die Bedeutung eines zahlreichen, gesunden Bauernstandes für das Bestehen eines Volkes. In der. Altmark, in den Niederungen der Oder, der Havel und der Warthe ließ er große Strecken sumpfigen Landes entwässern und in fruchtbares Land verwandeln. Seine ausgedienten Soldaten suchte er auf dem Lande seßhaft zu machen.
Schaffung eines siehenden Heeres
Weiterhin hat er die Voraussetzung gegeben für die preußische Staatsgründung durch Schaffung eines starken Heeres. Die Soldregimenter und Offiziere eines Heeres, die im Landsknechtsheer ihrem Obersten als privatem Unternehmer dienten, werden zu einem stehenden, festbesoldeten, einheitlich ausgerichteten Staatsheer unter dem Kurfürsten selbst geeint.
Bei aller politischen Abhängigkeit von auswärtigen Hilfsgeldern bleibt der starke Wille des Großen Kurfürsten doch immer innerlich frei und zielklar. So ist er nach einem Worte Friedrichs des Großen „der Schöpfer der Macht Brandenburgs”.
Zur ererbten Macht fügte Friedrich III. den äußeren Glanz, die Königskrone von Preußen. Die Krone war aber zu schwer für den jungen Staat. Es galt, dessen Körper zu stählen und zu stärken, die Grundlage zu schaffen, die dem preußischen Königtum erst Sinn und Berechtigung gab.
Der Soldatenkönig erstrebt den totalen Staat
Diese Aufgabe fiel Friedrich Wilhelm I. zu, dem Soldatenkönig. Es ist das Schicksal dieses Königs gewesen, daß seine Lebensaufgabe nur ein Vorbereiten sein sollte, ein Aufspeichern von Kraft. Preußen verdankt ihm die Schöpfung eines ungewöhnlich großen 83000 Mann starken stehenden Heeres, gegründet auf eine Verwaltung von musterhafter Strenge, Sparsamkeit und Sachkunde. Eine Charaktereigenschaft erhebt ihn über alle seine Zeitgenossen: Sein unerbittliches Pflichtgefühl. Er hält sich nicht für den Herrn seines Staates, sondern für dessen Diener.
Das geistreiche Wort seines Sohnes, daß der König der erste Diener seines Staates sei, hat der Vater schon mit der Tat wahrgemacht. Seine Arbeit bildete die sichere Grundlage der Politik seines Nachfolgers. Im Bewußtsein, daß die Größe seiner Lebensarbeit erst nach seiner Zeit aufgehen würde, trug er in stillem Wirken Baustein um Baustein zu Preußens Größe herbei. Auf seine Art erstrebte dieser König das, was auch vom Nationalsozialismus heute gefordert wird: Den totalen Staat. Die Grundlage hierfür war ihm die königliche Gewalt, für den Nationalsozialismus ist es das Volk. [81]
12. Friedrich der Große als leuchtendes Vorbild
In Friedrich, dem Sohn des Soldatenkönigs, ist der politische Wille, der schon im Großen Kurfürsten lebendig wirkte, in ursprünglicher Stärke wirksam.
Friedrich der Grobe treibt Außenpolitik
Als er die Regierung übernahm, endete die außenpolitische Erstarrung Preußens. Friedrich will die Macht und den Ruhm Preußens mehren und es zur Großmacht Europas erheben. Der Tod Karls VI., des letzten männlichen Habsburgers, stellt erstens die Frage nach der Wahl eines neuen Kaisers und bietet zugleich das habsburgische Erbe dem nach Macht strebenden Nachbarn dar. Friedrich fordert von Maria Theresia das seit langem zwischen Habsburg und Brandenburg strittige Schlesien. In seinem Schritt gegen den Frieden des alten Reiches regt sich zu allererst der staatspolitische Wille zu einer unabhängigen, gesicherten Machtgestaltung auf norddeutschem Boden. [82]
Vergleich Preußen—Österreich
Es folgten die drei Schlesischen Kriege, in denen Friedrich Sieger blieb. Das entscheidende Ergebnis dieser Kriege ist die Tatsache der brandenburgisch- preußischen Macht, die zu einer Höhe emporgestiegen ist, daß sie im Reich der österreichischen Kaisermacht ebenbürtig, ja überlegen gegenübersteht. Welcher der beiden Nebenbuhler den Sieg davontragen sollte, war eigentlich von Anfang an klar.
Österreich war ein buntes Mosaik, ein europäisches Staatenkonglomerat ohne Festigkeit und inneren Zusammenhalt; auf allen Seiten mit internationalen Reibungsilächen versehen, in Belgien und Italien im steten Gegensatz zu Frankreich, an der unteren Donau gegen Rußland und die Türkei, und darum stets zu kosmopolitischer Großmachtspolitik ohne nationale Gesichtspunkte genötigt, ohne daß doch die Kräfte dazu ausgereicht hätten.
Dagegen Preußen: straff zusammengefaßt, auf allen Gebieten vorwärtsstrebend, in seiner Bevölkerung deutsch, an seinen Grenzen mit den eigenen Interessen zugleich die deutschen vertretend, am Niederrhein gegen Frankreich, im Osten gegen Polen und Rußland — wenn das Spiel richtig gespielt wurde, mußte Preußen gewinnen.
Der Angriff, den Friedrich gegen das alte Kaiserhaus führte, war ohne alles Beispiel, darum kam er den Österreichern auch so völlig überraschend. Es war die Tat eines Genius, der außerhalb der Gesetze normaler Entwicklung steht, weil er anders ist, mehr kann und mehr will als der normale Durchschnitt und mit seinem Willen selbst der Entwicklung das Gesetz diktiert. Die Tat eines Genius hat auch der deutschen Geschichte die Richtung gegeben, in der sie sich bis heute bewegt und sich auch weiter wird bewegen müssen.
Preußen, ein Militärstaat
Der preußische Staat hat etwas Neues in die deutsche Geschichte nicht nur durch die völlige Verschiebung der Machtverhältnisse gebracht, die sich aus seiner Vergrößerung ergab, er selbst ist etwas Neues nach seiner Wesensart: Er ist ein Militärstaat.
Friedrich legt die Grundlagen zur allgemeinen Wehrpflicht
Alle deutschen Staaten unterhielten damals stehende Heere, das preußische war nur größer und besser als die anderen. Das macht noch keinen wesentlichen Unterschied. Eine bedeutsame Eigentümlichkeit Preußens lag darin, daß sein Heer aus den eigenen Mitteln des Staates erhalten wurde. Friedrich Wilhelm ging schon aus Gründen der Sparsamkeit dazu über, einen beträchtlichen Teil dem eigenen Lande zu entnehmen. So konnte Friedrich der Große seine langdauernden Kriege zum größten Teil mit eigenen Landeskindern führen, die sich neben allen anderen auch als zuverlässiger erwiesen — sie liefen nicht davon wie die angeworbenen Fremdlinge. Das stand in jener Zeit einzig da. Die Grundlagen der allgemeinen Wehrpflicht waren damit gelegt.
Die Folge war, daß in Preußen die Bevölkerung ganz anders mit dem Staat verwuchs als irgendwo sonst. Im Siebenjährigen Kriege zeigt sich das. So groß auch die Not wurde, nirgends hat sich Verrat oder Abfall geregt, willig und opferfreudig gaben die [83] Untertanen ihr Letztes für ihren König und — zum erstenmal darf man hier das Wort aussprechen — für ihr Vaterland. Ja, es gab jetzt endlich wieder einen deutschen Staat, der in den Augen seiner Bürger den Namen des Vaterlandes verdiente. Endlich erweckte der preußische Ruhm überall den Glauben an eine kommende, neue deutsche Größe und rief die Herzen wach zu neuem Hoffen auf eine deutsche Zukunft unter Preußens Führung.
Es ist das typisch Nordische in Friedrichs Persönlichkeit, daß er nach dem Erreichen seines Zieles, der endgültigen Sicherung Schlesiens für Preußen, sich nicht gewissermaßen zur Ruhe setzte, sondern sofort eine neue Aufgabe suchte und fand: das durch den entsetzlich langen Krieg verwüstete Land wiederaufzubauen. Er ließ den Oderbruch kultivieren, gewährte aus Staatsmitteln Hilfe zu Neubauten, verteilte Saatkorn aus seinen Magazinen und erließ den im Kriege Geschädigten Steuern.
Preußen ist Deutschland
Durch die Einverleibung Westpreußens, des Ermlandes und des Netzegebietes wurde Preußen auf diese Weise mit ostwärts gerichtetem Gesicht eine abgerundete Ländermasse und diente damit zugleich einem der obersten Zwecke der Nation: Es sammelte verlorenes Gebiet wieder ein. Preußisches und deutsches Interesse fielen zusammen (Karte 13).
Preußischer Ehrbegriff
Als überlegener freier Geist wußte der König, daß der preußische Ehrbegriff, den die Armee von den blutigen Schlachtfeldern des Siebenjährigen Krieges als höchstes Gut zurückgebracht hatte, dem ganzen Volke eigentümlich werden mußte, wenn Preußen bis an das Ende aller Zeiten bestehen sollte. Nur freie, aufrechte, seelisch gerade Menschen konnten die Träger der Zukunft dieses befeindeten und beneideten Staates sein, dieses Staates, der einst berufen war, den deutschen Reichsgedanken hinüberzutragen in eine neue Epoche des Werdens des deutschen Volkes.
Eine Gefahr lag allerdings in dem von Friedrich dem Großen aufgerichteten machtvollen Staat. Die preußische Großmacht war die ganz persönliche Schöpfung Friedrichs des Großen. Aber die Schöpfung eines Genius ist für seine Erben stets eine Last. Auch das Werk Bismarcks ist dadurch in Gefahr geraten, zugrunde zu gehen, daß die Nachfolger die Kräfte nicht besaßen, die zur Erhaltung und zum Ausbau des Neugeschaffenen nötig waren.
Friedrichs schwache Nachfolger
Die Nachfolger Friedrichs des Großen waren ihrer Aufgabe in keiner Weise gewachsen. Sie lebten von dem Ruhm des großen Königs und begriffen nicht, daß eine neue Zeit angebrochen war, die binnen kurzer Frist Europa in einem Völkerwirbel durcheinanderwerfen sollte.
13. Der Zusammenbruch Preußens
Napoleon und Deutschland
Als Napoleon sich zum Kaiser der Franzosen machte und dadurch unter die französische Revolution den Schlußstrich zog, erkannte er die Vergreisung des alten deutschen Reiches unter der bis zur [84] strafbaren Gleichgültigkeit sich auswachsenden Führung des Hauses Habsburg, da ahnte er instinktiv das Erstarren Preußens in einer äußerlichen, friderizianischen Zeit, und er fühlte, daß mit der französischen Revolution ein neues Zeitalter heraufgekommen war, das auf allen Gebieten des Lebens eine Umwälzung bedeutete, die sich durchsetzen mußte, weil nicht Stillstand, sondern Fortentwicklung der Menschheit das ewige Gesetz ist.
So kam es, daß 20 Jahre nach dem Tode Friedrichs des Großen der preußische Staat zusammenbrach, nicht unter der Wucht eines unentrinnbaren Schicksals, auch nicht durch seine inneren Mängel und Fehler, sondern im vollsten Sinne des Wortes durch die Schuld seiner Führer, der Herrscher wie der Staatsmänner, durch ihre Uniähigkeit, ihre Schwäche, ihre Nachlässigkeit.
Der Untergang des Reiches 1806
Im Jahre 1805 bei Austerlitz zertrümmerte Napoleon das alte deutsche Reich, das bis dahin wenigstens formal doch noch immer existiert hatte. Die vergrößerten süddeutschen Staaten erklärten ihren Austritt aus dem Reich und bildeten unter französischem Schutz den Rheinbund, dem 16 deutsche Fürsten angehörten. Österreich legte den deutschen Kaisertitel ab — das Reich hatte aufgehört zu existieren.
Preußens Zusammenbruch
Nun blieb noch Preußen übrig. Preußen hatte bei dieser Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Reich in Verkennung seiner deutschen Aufgabe streng neutral und abgeschlossen für sich gelebt. Das Gesetz des Handelns lag daher allein bei dem Kaiser der Franzosen, und als es diesem gutdünkte, schritt er zum Angriffskrieg gegen den Nachfolgestaat des großen Königs.
Auf dem Schlachtfeld von Jena und Auerstedt zerbrach die friderizianische Armee und riß das ganze Königreich in tiefem Sturz mit sich. Preußen verlor im Frieden zu Tilsit das Land bis zur Elbe, die Festungen erhielten französische Besatzungen,
Damit war Preußen sozusagen eine französische Provinz geworden, weil jede eigene nationale Regung durch die bewaffnete Macht des Feindes jederzeit unterdrückt werden konnte.
Damit war Deutschland als politisches Gebilde von Belang von der Karte Europas verschwunden.
Es gab einen österreichischen Staat, dessen Wurzel und Keimzelle das Deutschtum bildete; aber dieser Staat war aus Deutschland fast ganz herausgedrängt; seine Bevölkerung war neben dem volksdeutschen Kern zum großen Teil slawisch, magyarisch und italienisch. Seine Interessen lagen überall sonst, nicht nur in Deutschland. Es gab deutsche Kleinstaaten — sie waren französische Vasallen, verpflichtet zur Stellung von Truppen und Zahlung von Abgaben. Frankreich erstreckte sich tatsächlich bis zur Elbe. (Karte 14.)
Gab es noch eine Hoffnung auf eine Zukunft? [86]
14. Deutsche einig in der Abwehr des Fremden
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hat der deutsche Geist sich wieder aufgerichtet und erlebt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts seine Blütezeit. Das nationale Selbstgefühl und Selbstbewußtsein beginnt in der kiassischen Nationalliteratur zu erwachen, gleichsam als Ersatz für die fehlende nationale Einheit der Zeit, aber auch wegbahnend für die spätere nationale Einigung. In Klopstocks Oden ertönt zum ersten Male wieder das Lob der hingebenden, opferbereiten Liebe zum Vaterland. Es ist die Zeit, da Namen wie Kant, Goethe, Schiller, Lessing die Vorherrschaft des deutschen Geistes in Europa dokumentieren. Wir wissen, daß dieser Aufschwung des deutschen Geistes gewonnen wurde in bewußter, fast leidenschaftlicher Auflehnung gegen die Tyrannei französischen Geschmacks, der bisher Deutschland in Banden gehalten hatte.
Deutsche Musik führt
Was im Reiche der Gedanken, der Dichtung und Philosophie vor sich ging, hatte sein genaues Gegenstück in der Kunst, die mehr als alles andere das Gefühlsleben eines Volkes widerspiegelt, in der Musik. Fast mehr als anderswo hatte auch in Deutschland die italienische Musik vorgeherrscht. In der zweiten Hälfte des [87] 18. Jahrhunderts beginnt das erfolgreiche Streben, sich frei zu machen von diesem fremden Einfluß, die eigene Sprache auch in Tönen zu reden und für das deutsche Fühlen auch einen eigenen deutschen Ausdruck zu finden. Diese „deutsche Musik” gedieh sehr rasch zu hoher Vollendung und europäischem Ruhm. Mozart, Gluck, Haydn, Beethoven und alle die vielen, die ihnen folgen, bewiesen bald, daß die Deutschen die Führung in der Tonkunst hatten.
Die Sehnsucht nach dem Reich
Eines geht uns besonders zu Herzen, wenn wir heute diese Blütezeit des deutschen Geistes betrachten. In ihrem Denken, Dichten und Singen ist die Nation einig wie noch zu keiner früheren Zeit. Über landsmannschaftliche und kontessionelle Unterschiede hinweg gibt es nur noch Deutsche.
Aber leider fehlte diesem rüstig schaffenden, stolz sich fühlenden, in sich einigen Volke die äußere Form des Daseins. Die nationale Einheit im Geist war da, der nationale Staat war immer noch eine inbrünstige Hoffnung. Für den fehlenden Staat, der die ganze Nation umfaßte und der Welt Achtung abzwingen sollte, hatte Friedrich der Große Ersatz geboten. Mit seinen Taten und seiner ganzen Erscheinung hat er doch mehr als irgendein anderer dazu beigetragen, das Nationalgefühl zu wecken und zu nähren, und damit auch die Literatur mächtig gefördert, weil die Nation in ihm hatte, was jede Nation braucht, um freudig zu schaffen: den Helden.
Preußen zielt deutsche Männer an
Ein gesundes, natürliches Gefühl für das eigene Land und Volk, die Liebe zur eigenen Vergangenheit und das Sehnen nach dem eigenen Staat kam jetzt in vielen großen Männern dieser Zeit zum Durchbruch. Und es war kein Zufall, daß wir in der Reihe der führenden Persönlichkeiten in Preußen so viele Namen finden, die von auswärts kamen:
Stein, Blücher, Scharnhorst und Gneisenau waren „Ausländer” in Preußen, d. h. sie kamen aus nichtpreußischen, anderen deutschen Staaten, die ihr politisches Eigenleben führten. Sie waren in preußische Dienste getreten, weil diesem Staate die deutsche Zukunft gehörte und verließen ihn auch nicht nach dem schweren Zusammenbruch von 1806. Zusammen mit Männern wie Fichte, Jahn und Arndt entiachten sie das deutsche Volk zu jenem Volkskrieg, der 1813 die französischen Ketten um Deutschlands Armee zerspringen ließ. Für das alte Preußen bleibt der Befreiungskrieg die größte Tat, die es in und für Deutschland getan hat.
Ergebnis der Befreiungskriege
Wie sehr dieser preußische Freiheitskampf bereits ein deutscher gewesen war, das wurde bewiesen durch die geistige deutsche Bewegung, von der der Krieg getragen wurde und die ihren Ausdruck fand in den Kampfliedern eines Theodor Körner und eines Ernst Moritz Arndt, in den Reden Fichtes ebenso wie in dem mitreißenden Wirken des Turnvater Jahn.
Der Befreiungskrieg hat Deutschland nicht das gebracht, was die Patrioten von ihm erhofft hatten. Die Sehnsucht war ein neues [88] deutsches Reich gewesen, das vom alten die Größe, den Glanz und die Macht, aber nichts von seinen Fehlern besaß, nach außen gesichert durch feste und starke Grenzen, nach innen geeint unter einer gebietenden starken Führung. Nichts von dem ist damals Wirklichkeit geworden. Der Widerstand der Reaktion, verkörpert durch die Fürsten und Mächte des Wiener Kongresses, brachte das Volk um den erhoiiten Lohn der Freiheitskriege.
Diese eigensüchtigen Bestrebungen der einzelnen deutschen Fürsten wurden von den auswärtigen Mächten nur noch unterstützt, da diese ja an einem zersplitterten Deutschland ohne ein großes Kraftzentrum das größte Interesse hatten.
Wiener Kongreß 1815
Der auf dem Wiener Kongreß aus der Taufe gehobene „Deutsche Bund”, dem mit Österreich und Preußen zusammen 39 (!) Staaten angehörten, war alles andere, nur keine Lösung der deutschen Frage. Der dem Reichsgedanken so verhängnisvolle Dualismus zwischen Preußen und Österreich wurde 1815 nur noch wirkungsvoller betont. Die Interessen von Österreich und Preußen aber waren gerade gegenüber Deutschland und dem Deutschen Bunde nicht dieselben. Sie widersprachen einander. Österreichs Interessen lagen außerhalb Deutschlands, in Italien, in Galizien, am Balkan und an der Adria. Hätte es die deutschen Lebensfragen zu den seinen machen wollen, es hätte die eigenen vernachlässigen müssen.
Ganz anders Preußen. Es hatte keine Interessen außerhalb Deutschlands, und alle großen deutschen Interessen waren zugleich die seinen. Daraus erhellt schon, von welcher Seite allein der deutsche Reichsgedanke vorangetrieben werden konnte.
Deutschlands Zerrissenheit
Die Zeit nach dem Freiheitskriege ist ein trauriges Kapitel unserer Geschichte. Daß dieser Zustand der wirtschaftlichen Zerrissenheit mit einer Unzahl von Zollschranken und der Vielzahl der Staaten ohne Bedeutung nicht andauern konnte, das fühlte man allgemein. Die äußere Unsicherheit, die aus der militärischen [89] Schwäche des Bundes erwuchs, war eine Zukunitsgefahr, der man sich nicht verschließen konnte; das Widersinnige, das in der Zerstörung der natürlichen Verkehrseinheit des Landes lag, hatte man täglich und stündlich vor Augen.
Der Partikularismus machte Deutschland zum Ausbeutungsfeld der wirtschaftlichen Übermacht der großen ausländischen Handelsstaaten, vor allem Englands. Wirtschaftseinheit war darum ein Gebot nationaler Selbsterhaltung, nicht weniger als Heereseinheit. Aber durch Debatten war dieser zerrissene Zustand nicht aus der Welt zu schaffen; Clausewitz drückte die Meinung vieler aus, die erst durch Bismarck verwirklicht werden sollte:
„Deutschland kann nur auf einem Wege zur politischen Einheit gelangen, dieser ist das Schwert: Wenn einer seiner Staaten alle anderen unterjocht.”
Daß dieser Staat nur Preußen sein konnte, ergab sich aus seiner ganzen politischen Entwicklung. Der Großstaat Preußen mußte versuchen, sich zum Führer und Herrn erst in einem Teile, dann im ganzen Deutschland zu machen oder — er mußte selbst verschwinden. Das Werk Friedrich des Großen, durch Napoleon gestört, durch den Befreiungskrieg wieder aufgerichtet, mußte vollendet werden oder zum zweiten Male untergehen. Dann wohl für immer und Deutschland mit ihm.
Preußen einigt Deutschland Wirtschaftlich
So kam 1833 unter Preußens Führung nach hartnäckigem Widerstand wenigstens die wirtschaftliche Einigung zustande. Mit der bezeichnenden Ausnahme des englischen Hannover und der drei von England abhängigen Hansestädte schloß sich ganz Deutschland zu einem einzigen Handelsgebiet mit einheitlicher Handelspolitik im Deutschen Zollverein zusammen, der erst die Bedingungen schuf, in denen die neuen Mittel der Technik für Verkehr und Handel durch das Aufkommen der Dampfmaschinen und Eisenbahnen ausgenutzt werden konnten. Die Wirkung dieses Schrittes zeigte sich sogleich:
Das Joch des Auslandes wurde von der deutschen Volkswirtschaft genommen, da sie sich als einheitliche Größe unter der Führung der Großmacht Preußen auf den Weltmarkt wagen durfte.
Der Einigungs versuch von 1848
Die Macht der Wirklichkeit drängte überall zur staatlichen Einheit der Nation, aber sie konnte nicht von selbst kommen. Auch die Versuche des deutschen Bürgertums von 1848, die im Frankfurter Bundesparlament endigten, konnten das Reich trotz vielen guten Willens nicht schaffen. Zwischen unklaren und falsch verstandenen Begriffen von Freiheit und Demokratie taumelte das deutsche Volk in Wahrheit führerlos — hier lag die entscheidende Ursache — einer ungewissen Zukunft entgegen.
Die Zeit war noch nicht reif für ein neues Reich, wie sich 1923 auch dem Führer Adolf Hitler noch zu große äußere Widerstände eines überlebten Staatswesens entgegenstellten. Preußen, der hoffnungsvolle Staat Deutschlands, wurde von der alten [90] österreichisch-babsburgischen Macht in demütigender Weise zurückgedrängt, wie es zugleich auch im Sinne der internationalen Mächte von Judentum, Freimaurerei und römischen Kirchentum lag. Doch heimlich blühte ein neues Deutschland auf, das seine erste Form durch Bismarck, seine endgültige Gestalt aber erst durch Adolf Hitler fand. [91]
V. Das Bismarck-Reich
1. Bismarcks Bundesstaat
Es bleibt das unsterbliche Verdienst Preußens, daß es unter der Führung Bismarcks daranging, aus „Blut und Eisen” die deutsche Einheit zu schmieden. Was all die Reden in den Parlamenten, die lauteren Schriften und ehrlichen Vorschläge hochherziger Männer nicht erreichen konnten, das schuf Bismarck, den unser Führer als den größten Deutschen der Neuzeit bezeichnet hat.
1864 löste er im preußisch-deutschen Sinne die holsteinische Frage, als er im Kampf gegen Dänemark das deutsche Schleswig-Holstein wiedergewann.
Entscheidung mit Osterreich
Dann schritt er sogleich zur Klärung der für die deutsche Reichseinheit wichtigen Frage, der notwendigen Entscheidung um die Führung im deutschen Raum zwischen Preußen und Österreich. Es mußte noch einmal Bruderblut fließen; das Haus Habsburg hatte zuviel [92] an Deutschland verschuldet und war nach wie vor noch immer nicht fähig, der deutschen Sehnsucht nach Einheit Raum zu geben, da es aus dem deutschen Raum herauswuchs. 1866 in der Schlacht bei Königgrätz bereitete Preußen dem Dualismus endgültig das Grab.
Ganz allein stand Bismarck mit seinen kühnen Plänen. Erst als das Spiel gewonnen war, begriff man, was seit 4 Jahren geschehen und daß die große Aufgabe gelöst war, die die Geschichte dem preußischen Staat und der deutschen Nation gestellt hatte. Österreich schied aus Deutschland aus, und mit der Gründung des norddeutschen Bundes, ergänzt durch die Schutz- und Treuebündnisse mit den süddeutschen Staaten, ergriff das vergrößerte Preußen die Führung der Nation. Nur noch eine Frage der Zeit war es, daß daraus ein Deutsches Reich werde, ganz Deutschland umfassend.
Noch aber mußte der große Politiker die Auseinandersetzung mit Frankreich um den Besitz des Rheines — seit Jahrhunderten — noch immer das alte französische Ziel — vermeiden und solange hinausschieben, bis der Sieg von Königgrätz sich in Deutschland selbst politisch ausgewirkt hatte.
Geschlossener Kampf Deutschlands gegen Frankreich / Sieg und Reichsgründung
Es gelang Bismarcks Staatskunst, die gestern noch feindlichen Staaten zu Bundesgenossen zu gewinnen, so daß 1870 dem dritten Napoleon, der die Einigung Deutschlands erst mit Mißtrauen, dann mit Mißgunst verfolgt hatte, wie seinem großen Ahn das ganze Deutschland geschlossen gegenüberstand. Auch Frankreich gegenüber mußte die Rechnung der Vergangenheit mit Blut beglichen werden. Ein kurzer Krieg, eine Kette militärischer Glanzleistungen, in denen die deutsche Überlegenheit handgreiflich hervortrat, löschte die Schuld der Jahrhunderte, und aus dem Siege ging gleichsam von selbst durch freiwilligen Zusammenschluß aller deutschen Staaten ein Deutsches Reich und am 18. Januar 1871 ein neues Kaisertum hervor.
Mit wieviel Geduld und feiner Kunst auch dieses letzte noch hatte errungen werden müssen, wußten nur die Eingeweihten.
Das kleindeutsche Reich war geschaffen. Es war ein Bundesstaat, kein völkischer Einheitsstaat. Der große ostmärkische Bruderstaat fehlte noch (Karte 15).
Der Neid des Auslandes
Die Welt hat damals die Bedeutung dieser Reichsgründung klarer erkannt als die Deutschen selbst. Die alten europäischen Großmächte fühlten sich lebhaft bedroht. Bis dahin hatten sie ihre Streitigkeiten auf deutschem Boden durch deutsche Soldaten austragen können. Nun aber war eine Großmacht entstanden an Stelle der vielen kleinen Länder, die sich einst so geschickt gegeneinander hatten ausspielen lassen. Diese Großmacht drohte auf alle europäischen Fragen Einfluß zu gewinnen und so das auf dem Wiener Konsreß 1815 künstlich errichtete und durch Vergewaltigung aufrecht-erhaltene „europäische Gleichgewicht” gefährlich zu stören. [94]
2. Deutschlands Wirtschaftsaufschwung
Wirtschaftliche Blüte
Rein äußerlich kam die Machtentfaltung des neugeschaffenen Reiches zunächst durch eine gewaltige wirtschaftliche Blüte zum Ausdruck, die sich auf fast allen Gebieten des Handels u..d der Industrie zeigte. Das Volksvermögen wuchs trotz einzelner Krisen. Durch Sozialverordnungen wurde für das Wohl jedes einzelnen gesorgt. Die Bevölkerung vermehrte sich rasch und stark, und damit blieb das treibende Moment in der deutschen Entwicklung erhalten.
Die Gefahren der Industrialisierung
Aber die gesteigerte Industrialisierung bewirkte zugleich auch eine gefährliche Verlagerung der gesunden Volkskraft. Die Menschen in den Städten stauten sich, und das Land verödete. Der Bauer verdiente nicht nur weniger, sondern wurde oft durch landfremde Großgrundbesitzer mit Hilfe jüdischer Geldleiher und Händler von seiner Scholle vertrieben. Damit aber wurden die Wurzeln des deutschen Volkes angegriffen. Noch stand der Baum in der Vollkraft des Frühlings da. Aber das deutsche Volk sah nur auf die Blüten der Technik und Wirtschaft und vergaß, daß der unversiegbare Lebensquell das Bauerntum ist. Wie weit der Industrialisierungsprozeß mit all seinen Begleiterscheinungen bis zur Jahrhundertwende fortgeschritten war, beweist die Krise von 1900—01, die allerdings Deutschland „nur” 500 000 Arbeitslose bescherte.
Sie offenbarte in erschreckendem Maße den volksgefährdenden Charakter des ungezügelten Privatkapitalismus. Einziger Grundsatz war der Eigennutz. Der von den marxistischen Arbeiterverführern gepredigte Klassenkampf war die geschickte Ausnutzung dieser Entwicklung. Der Arbeiter sank zum „Proletarier” herab, der Bauer war der allgemeinen Verachtung preisgegeben.
3. Die überstaatlichen Mächte
Freimaurerei und Judentum
Die überstaatlichen Mächte der Freimaurerei und des Judentums offenbarten eine in dieser Zeit besonders bedingungslose Feindschaft gegen ein starkes Deutschland; das wissen wir heute, wenn sie auch ihre Angriffe noch so geschickt getarnt hatten. Das 19. Jahrhundert gab ihnen durch die Entwicklungs- und Blütezeit des Liberalismus, der die schrankenlose Freiheit des Ichs lehrte, jede Möglichkeit zu ihrem volkszersetzenden Plan. Im Laufe weniger Jahrzehnte hat es der Jude verstanden, die modernen Mittel der Staatsbeeinflussung, Presse, Literatur und Kunst jeder Art, mit Hilfe des Geldes in hemmungsloser Herrschgier unter seine alleinige Führung zu bringen. Der Jude, der internationale Weltbürger, wußte dabei genau, daß sein Sieg an die Lösung der Frage geknüpft war, ob es ihm gelang, das rassische Erbgut im deutschen Menschen zu vernichten. Nur dann war ein Paneuropa nach seinem Sinne und [95] unter seiner Oberhoheit möglich, wenn es ihm gelang, für Europa einen Völkerbrei zu schaffen, in welchem gerade die in Deutschland wirksame nordische Rasse restlos vergangen war. Seine heimliche Armee bildete dabei der Freimaurerorden. Wie weit diese Kräfte Deutschland an den Abgrund gebracht hatten, sollten uns die Nachkriegsjahre bis zum Beginn der Machtübernahme durch den Führer zeigen.
Und doch brauchte Deutschland gerade in jener Zeit der Entwicklung eine innere Festigkeit und Einigkeit, um mit aller Ruhe den auswärtigen Gefahren begegnen zu können.
4. Auswärtige Gefahren
Bismarcks Politik gegenüber Frankreich
Frankreich wollte Deutschland nicht verstehen. Man kann irgendein beliebiges Jahrhundert herausgreifen, immer wird man finden, daß Frankreich gegen Deutschland gearbeitet hat. Und um diesem giftigen Zustand ein Ende zu machen, schlug Bismarck nun eine neue Politik ein. Er glaubte dadurch, daß er die Kräfte Frankreichs auf eine Betätigung außerhalb Europas lenkte und es gleichzeitig verhinderte, auf dem Festlande Bundesgenossen für seine Rachepläne zu finden, es allmählich mit dem Bestehen eines freien und geeinten Deutschland versöhnen zu können und so das deutsche Volk von der französischen Bedrohung zu befreien. Daß dies nicht gelang, verkleinert keineswegs diesen eigenartigen Versuch, wahrhaft Frieden zu machen. Dadurch, daß ihn Frankreich mit aller Macht ereitelt hat, macht es sich zum Hauptschuldigenam Weltkrieg.
Bismarcks Bündnispolitik
Bismarck hat später seine ganze Kanzlerzeit rückschauend durch eine Hauptsorge beherrscht gesehen: Den Alpdruck der Koalitionen. Um jeder kriegerischen Verwicklung vorzubeugen, pflegte Bismarck ein sorgfältiges Bündnissystem Seit 1879 bestand der Zweibund mit Österreich, der 1882 durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert wurde. 1881 war das 1873 schon einmal geschlossene Drei-Kaiser-Bündnis zwischen dem deutschen Kaiser Wilhelm I., dem Kaiser Franz Joseph II. und dem russischen Zar Alexander II. erneuert und 1884 auf weitere drei Jahre verlängert worden. Bismarck war sich darüber klar, daß er materiell von diesen Bündnissen nicht allzu viel erhoffen durfte. Aber sie kinderten Frankreich, sich mit einer dieser Mächte zu verbünden, und England zeigte damals noch keine Lust, in festländische Händel einzugreifen. Es begann eben, sein Weltreich abzurunden.
Rußland
Bismarck ließ es sich auch besonders angetan sein, daß der „Draht nach Rußland” nicht abriß. Nie und nimmer versprach er sich von Petersburg irgendwelche direkte Hilfe, doch verhinderte der Vertrag, daß sich Frankreich an Deutschlands Stelle schieben und dieses so in eine Zwickmühle nehmen konnte. [96]
Das Versagen der Nachfolger
Den Nachfolgern war dieses ganze Spiel zu kompliziert. Statt es aber zu vereinfachen, zerstörten sie es plump. Sie stießen dabei Rußland so vor den Kopf, daß es nichts Eiligeres zu tun hatte, als mit Frankreich ein Militärbündnis abzuschließen. Außerdem verständigten sich 1895 England und Rußland im Pamirabkommen über ihre Einflußsphären in Vorderasien, wodurch Rußland hier wegen der Bagdadbahn in einen direkten Gegensatz zum Deutschen Reich geriet. Da Berlin Österreich-Ungarn in seiner Balkanpolitik freie Hand ließ, verschärfte sich der Gegensatz zu Petersburg immer mehr.
England
Frankreich und Rußland waren allein jedoch nicht stark genug, Deutschland zu bekämpfen, sie suchten deshalb eine dritte Macht in ihre dunklen Machenschaften zu verstricken: England.
England verharrte vorläufig noch in seiner „gottgewollten” Einsamkeit und kümmerte sich in erster Linie, da es innere, lebensgefährliche Spannungen dank seiner staatlichen Festigung seit Jahrhunderten überwunden hatte, um den Ausbau seines Weltreiches. Sowohl Frankreich wie Rußland standen ihm dabei in Asien und Afrika seit langem im Wege. Der volle Haß Englands richtete sich jedoch dessenungeachtet gegen das Deutsche Reich, als dieses in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts notgedrungen daranging, Kolonien zu gründen und seinen Staatsbürgern in der ganzen Welt durch eine starke Flotte Schutz zu geben.
5. Kolonien
Die Entfernung Deutschlands vom Weltmeer, seine politische Ohnmacht, sein wirtschaftlicher Verfall und die Lähmung nach dem 30jährigen Kriege hatten bewirkt, daß es bisher an den kolonialen Bestrebungen und Arbeiten Europas so gut wie gar keinen Anteil genommen hatte. Als aber der deutsche Kaufmann im Welthandel immer mehr Einfluß gewann, sah er sich bei seiner Tätigkeit über See überall der Willkür und der Schikane der europäischen Konkurrenzmächte nicht nur in den Kolonialgebieten, sondern auch in solchen Ländern preisgegeben, die sich noch gar nicht unter sich aufgeteilt hatten. Als Deutschland 1885 seine kolonialen Erwerbungen abgeschlossen hatte, mußte es darauf sinnen, diesen Besitz auch zu erhalten, was nur durch eine starke Flotte geschehen konnte, sonst geriet es in Gefahr, ins Leere zu bauen und seine Kraft zu vergeuden (Karte 16).
England England fühlt sich bedroht
Dadurch glaubte England wiederum seine Weltherrschaft bedroht, die es seiner Flotte verdankte, Überall suchte es zuverlässige Hilfstruppen anzuwerben. Es betrat damit seine alterprobte Bahn, einen Festlandsdegen zu heuern. Früher war das immer Preußen gewesen. Der alte englische Grundsatz, sich nie auf ein Bündnis mit dem Stärksten, sondern immer gegen ihn einzulassen, stand der Fortführung dieser Politik im Wege. [98]
Das Interesse Englands war und ist immer eindeutig das Interesse des britischen Weltreiches gewesen.
Dieser Imperialismus sieht stets — eine Folge jahrhundertelanger Schulung — die Dinge vom insularen Standpunkt aus. Der Staatsegoismus, der sich darin bekundet, ist von jeher das sichere Grundgefühl der britischen Staatskunst gewesen und hat vielleicht zu einer starken Einseitigkeit, sicher aber auch zu einer festgefügten Grundsätzlichkeit der britischen Politik geführt.
Der Platz an der Sonne
Deutschland war hingegen in seiner politischen Strategie auf ein „System von Aushilfen” angewiesen, die ihm gestatten sollten, zwischen den bereits verankerten russischen, französischen und englischen Weltinteressen sich den ihm gebührenden „Platz an der Sonne” zu sichern. Ihm fehlte dabei eine feste Überlieferung und jegliche Erfahrung. Es fand nie und nirgends die nötige Rückenfreiheit zur Einhaltung einer folgerichtigen, bestimmten Grundsätzen gehorchenden Weltpolitik.
Unter dem Zwange dieser Umstände setzte Deutschland an die Stelle einer Politik der ircicn Hand zuweilen die Politik der gepanzerten Faust, ohne indes aus dem schwankenden Gebäude herauszutreten und den europäischen Frieden gar mit Kriegsdrohungen zu gefährden. Deutschland war sich seiner europäischen Verantwortung bewußt.
6. Die innere Zersetzung des Reiches
Im Innern des Reiches machte die Zersetzung immer größere Fortschritte. Die gegnerischen Kräfte — Liberalismus und Demokratie, Partikularismus, politische Kirche und die offene sozialdemokratische Feindschaft gegen das Reich — konnten wohl von der
starken Persönlichkeit Bismarcks noch im Zaume gehalten werden, ließen aber doch schon die kommende Katastrophe ahnen.
7. Das Volksheer
Der einzig sichtbare Ausdruck der Volksgemeinschaft ist zu dieser Zeit das deutsche Heer, dessen Bedeutung als unübertreffliche Erziehungsschule des deutschen Volkes nicht genug betont werden kann. Adolf Hitler hat dies in „Mein Kampf” mit den Worten ausgedrückt:
- „Als größten Wertfaktor in dieser Zeit der beginnenden und sich langsam weiterverbreitenden Zersetzung unseres Volkskörpers haben wir jedoch das Heer zu buchen. Es war die gewaltigste Schule der deutschen Nation, und nicht umsonst richtete sich der Haß aller Feinde gegen diesen Schirm der nationalen Selbsterhaltung und Freiheit. Was das deutsche Volk dem Heer verdankt, läßt sich kurz zusammenfassen in ein einziges Wort,nämlich: Alles. [99]
Verantwortlichkeit / Persönlicher Mut
- Das Heer erzog zur unbedingten Verantwortlichkeit in einer Zeit, da diese Eigenschaft schon sehr selten geworden war und das Drücken vor derselben schon immer mehr an der Tagesordnung war, ausgehend von dem Muster aller Verantwortungslosigkeit, dem Parlament. Es erzog weiter zum persönlichen Mute in einem Zeitalter, da die Feigheit zu einer grassierenden Krankheit zu werden drohte und die Opferwilligkeit, sich für das allgemeine Wohl einzusetzen, schon fast als Dummheit angesehen wurde und klug nur mehr derjenige zu sein schien, der das eigene Ich am besten zu schonen und zu fördern verstand; es war die Schule, die den einzelnen Deutschen noch lehrte, das Heil der Nation nicht in den verlogenen Phrasen einer internationalen Verbrüderung zwischen Negern, Deutschen, Chinesen, Franzosen, Engländern usw. zu suchen, sondern in der Kraft und Entschlossenheit des einzelnen Volkstums.
Entschlußkraft
- Das Heer erzog zur Entschlußkraft, während im sonstigen Leben schon Entschlußlosigkeit und Zweifel die Handlungen der Menschen zu bestimmen begannen. Es wollte etwas heißen, in einem Zeitalter, da die Neunmalklugen überall den Ton angaben, den Grundsatz hochzuhalten, daß ein Befehl immer noch besser sei als keiner. Das Heer erzog zum Idealismus und zur Hingabe an das Vaterland und seine Größe, während im sonstigen Leben Habsucht und Materialismus um sich gegriffen hatten. Es erzog ein einiges Volk gegenüber der Trennung in Klassen.
Männer
- Als höchstes Verdienst muß dem Heere des alten Reiches angerechnet werden, daß es in einer Zeit der Vermassung der Köpfe, die Köpfe über die Masse stellte. Das Heer hielt gegenüber dem jüdisch-demokratischen Gedanken einer blinden Anbetung der Zahl den Glauben an die Persönlichkeit hoch. So erzog es denn auch das, was die neue Zeit am nötigsten brauchte: Männer.
- Was viele Deutsche in Verblendung oder bösem Wollen nicht sehen wollten, erkannte die fremde Welt: Das deutsche Heer war die gewaltigste Waffe im Dienste der Freiheit der deutschen Nation und der Ernährung ihrer Kinder.”
Wie nötig Deutschland dieses Instrument hatte, zeigte sich in dem gewaltigen Völkerringen, das 1914 begann.
Deutschlands machtpolitischer Niedergang
Durch den wirtschaftlichen Aufstieg des deutschen Volkes wurde der machtpolitische Niedergang verdeckt. Das deutsche Volk glaubte, auf den Lorbeeren des Siebziger Krieges geruhsam wieder einschlafen zu dürfen. Aber was wir erreicht hatten durch Blut und Eisen, in gemeinschaftlichem Wollen der deutschen Volksseele, das konnte nur erhalten bleiben, wenn die deutschen Menschen sich innerlich zu einer dauernden Einheit zusammenfanden. Die Spaltung in Klassen nach Geld oder Stand, vom internationalen Kapital und dem Weltjudentum bewußt gefördert, mußte sich in der Stunde tödlich auswirken, die letzte Hingabe der Kräfte des Volkes für sein Deutschtum forderte. [100]
Aber gerade die kaiserliche Regierung stand in ihrer Führerlosigkeit jener seelischen Erkrankung des deutschen Volkes ohne wirkliche Erkenntnis und Einsicht, und damit hilf- und wehrlos gegenüber. Überhaupt zeitigte die wilhelminische Epoche auf allen Gebieten eine geistige Verflachung zum traurigsten Materialismus. der eben sicherster Beweis für den rassischen Niedergang des deutschen Menschen wurde.
Rasse und ihr Wert
Die Nichtachtung der eigenen Rasse und ihres Wertes, die Verachtung der vom Schicksal und als Rasse gewordenen Aufgabe, ist die große Sünde, deren sich die gesamte deutsche Menschheit, betört durch wirtschaftlichen Scheinglanz, damals schuldig gemacht hat. Charakterlich erwiesen wir uns noch nicht reii, ein Führervolk im letzten, höchsten Sinne zu werden. Noch einmal mußte uns das unerbittliche Schicksal in seine furchtbare Schule nehmen, damit wir unter Adolf Hitlers Führung zurückfinden konnten zu deutscher Art und damit zu unserer Aufgabe in der Welt.
8. Reich und Einkreisung
Bei einiger Umsicht der deutschen Staatsmänner hätte es nicht zu jener Einkreisungspolitik zu kommen brauchen, die schließlich dazu geführt hat, daß sich das Reich bei Kriegsausbruch einem ganzen Netz von Feindstaaten gegenübersah. Mit den unzulänglichen Versuchen der deutschen Politik, aus diesem Netz herauszukommen, beginnt das wilhelminische Zeitalter der Außenpolitik.
Der erste Schritt war die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland, trotz russischen Drängens. Die außenpolitischen Fragen waren naheliegend: Deutschland konnte sich nun einzig auf den Dreibund stützen, dem Österreich-Ungarn und Italien angehörten. An Stelle einer österreich-ungarischen Abhängigkeit vom Reich war eine solche des Reiches von der Donaumonarchie eingetreten. Das bedeutete eine Verbindung auf Tod und Leben mit einem Staat, dessen innere Festigkeit infolge der nationalen Streitigkeiten bereits damals ernstlich in Frage gestellt war. Es bedeutete aber auf der anderen Seite die Befreiung Frankreichs von seinem gefährlichsten Gegner und die Möglichkeit einer französisch-russischen Annäherung. Die Etappen dieses Weges, die wir heute klar übersehen können, sind der französisch-russische Zweibundvertrag von 1891, der bereits im folgenden Jahr durch eine Militärkonvention und 1912 durch eine Marinekonvention ergänzt wurde. Die Schranke zwischen dem autokratischen Rußland und dem demokratischen Frankreich war gefallen.
Auch das Werben Frankreichs um die britische Freundschaft wurde schließlich von Erfolg gekrönt. Durch die Entente cordiale von 1904, das „herzliche Bündnis”, haben beide Mächte ihre gesamten kolonialen Gegensätze bereinigt und das Feld für eine verständnisvolle Zusammenarbeit auch in Europa freigemacht. Ja, selbst ein [101] Ausgleich zwischen England und Rußland kam 1907 zustande, obwohl die Gegensätze zwischen beiden Mächten nicht gering waren; in Vorderasien an der indischen Grenze und im Fernen Osten hatten sie sich feindlich gegenübergestanden.
Damit war praktisch der französisch-englisch-russische Dreibund entstanden. England hatte noch ein übriges getan, indem es gleichzeitig zwischen Rußland und Japan einen vermittelnden Ausgleich schuf, So war auch hier die Gefahr einer Reibung beseitigt.
Rußland hatte sich vom Fernen Osten wieder Konstantinopel und seinem Balkanziel zugewandt, hier notgedrungen den Konfliktstoff mit Österreich-Ungarn verstärkend, an dem nun auch Deutschland durch sein Bündnisverhältnis stärker interessiert war. Zielbewußt begann Rußland seine Balkanpolitik zum Schaden der Donaumonarchie vorwärtszutreiben. Es gelang der russischen Politik. ein gegen die Türkei gerichtetes serbisch-bulgarisches Bündnis 1912 zusammenzubringen.
Das Hauptinteresse Frankreichs richtete sich nun auf die Gewinnung Italiens, das im Dreibund mit seinen rein defensiven Zielen die Erreichung seiner weitgespannten Ziele nicht erreichen konnte. Vor allem deswegen, weil diese Wünsche nur mit englischer Zustimmung durchzusetzen waren. Andererseits war Frankreich stärker denn je bemüht, für den Preis der Gewinnung Italiens auch Opfer zu bringen. So kam es schon im November 1902 zu einer französisch-italienischen Vereinbarung über das Mittelmeer.
Italiens Wünsche und Ansprüche waren vor allen Dingen raumpolitischer Art. 1867 hat es sich zum erstenmal um die Erwerbung Abessiniens bemüht, dieses Streben aber 1896 mit der vernichtenden Niederlage von Adua bezahlen müssen. Nun traten wieder andere Wünsche in den Vordergrund: Triest, Istrien, Dalmatien, die österreichischen Gebiete und das Streben nach Ausdehnung im engeren Mittelmeerbezirk. Das erste war nur auf Kosten des österreichischen Bundesgenossen, das zweite nur mit französisch-englischer Zustimmung zu erreichen.
So trat die 1902 begonnene Entfremdung Italiens vom Dreibund immer stärker zutage. Die Zusammenkunft zwischen Nikolaus II. und Viktor Emanuel im Jahre 1909 gab den Italienern auch die russische Zustimmung zu ihren Ausdehnungsbestrebungen in Tripolis und der Cyrenaika, wogegen sich Italien zu einer wohlwollenden Erwägung der russischen Interessen an den Meerengen verpflichtete und somit auch hier praktisch gegen seinen österreichischen Bundesgenossen Stellung bezog.
Übersehen wir dieses neue System des Dreiverbandes, das sich seit 1891 entwickelt und 1914 als geschlossene gegendeutsche Front geoffenbart hat, so erkennen wir, daß die Hauptsache die russisch-französische Verständigung darstellte, erweitert durch [102] die Teilhaberschaft Großbritanniens. Japan ist ein Außenseiter, Italien der künftige Anwärter zum Krieg. Rußland ergänzt seine Stellung durch die Balkanbündnisse, es gelingt ihm, auch Rumänien in seine Einflußsphäre zu ziehen, nur Bulgarien muß aus dem Verband notgedrungen ausscheiden. Denn nach dem ersten Balkankrieg waren Serbien und Griechenland zusammen mit Rumänien über Bulgarien hergefallen und hatten ihm den Großteil seiner türkischen Beute wieder abgenommen. Selbst die Türkei konnte sich ein Stück des verlorenen Gebietes zurückholen.
Auf der anderen Seite war es England gelungen, auch Belgien indirekt in die gegendeutsche Front einzugliedern. Britisch-belgische Militärkonvention von 1906. Daß man schon 1908, spätestens aber im Jahre 1912 die Einkreisung der Mittelmächte als vollzogen betrachten kann, ist aber auch die Schuld der deutschen Politik selbst.
Das Fehlen ron tüchtigen Politikern
Von Bismarcks Nachfolgern hat keiner auch nur annähernd den großen Kanzler erreicht. Es ist Bismarcks einzige Schuld, daß er es unterlassen hat, eine Schule von Diplomaten zu schaffen, die imstande gewesen wäre, sein Erbe anzutreten.
England besaß eine politisch geschulte Führerschicht schon längst in seiner Aristokratie, Frankreich im höheren Bürgertum. Der große Staat mit seinen großen Aufgaben war in Deutschland noch zu neu. Erziehungs- und Bildungsgang noch ganz auf das kleinstaatliche Wesen zugeschnitten, politisches Wissen im Volk darum viel zu wenig verbreitet. Auch die Beamtenschaft war ihrer Natur nach zu staatsmännischer Auffassung wenig geneigt und überdies noch zu sehr in alten Vorstellungen und Gewogenheiten befangen, um allein für die richtige Führung aufzukommen.
Der nationalsozialistische Staat tritt dieser Gefahr bewußt entgegen. Er schuf die Adolf-Hitler-Schulen, die nationalpolitischen Erziehungsanstalten und die Ordensburgen, auf denen der Führernachwuchs herangebildet wird. [104]
VI. Die große Läuterung 1914-1920
1. Der Weltkrieg als Saatboden der Volkwerdung
So war der Krieg von 1914 bis 1918 nur eine notwendige Folge all der erwähnten Spannungen. Irgend jemand hat einmal gesagt, Europa sei im Jahre 1914 in den Krieg „hineingetaumelt”. Dieses Wort umreißt am besten das Schicksalhafte des großen Völkerringens, vor dem es nirgendwo ein Ausweichen gab. Hat auch England den Weltkrieg gewollt, ist auch die ganze Politik Eduard des „Einkreisers” und seines Ministers Grey darauf abgestimmt gewesen, den Vernichtungsschlag gegen das machtvoll aufkommende Reich zu führen, so hat doch keiner dieser Kriegstreiber damals geahnt, daß dieses Ringen nur der Auftakt zu einer letzten großen Entscheidung sein würde, in der wir jetzt stehen.
Gemeinschaft aller Deutschen
Als das deutsche Volk in den Augusttagen des Jahre 1914 zur Erkenntnis seiner Lage kam, erbrachte es den Beweis seines blutlichen Wertes. Der Deutsche fand wieder zum Deutschen, vergaß Klassen und Stände und schickte sich an, den Maßstab zu zerbrechen, der seit 100 Jahren gottgewollte Gültigkeit zu haben schien. Aus Klassenkämpfern formte Kanonendonner Soldaten und Kämpfer für Volk und Vaterland. Verweht vom Sturm der Stunde waren die Nebel marxistischer Traumgebilde; Marschtritt zerstampfte die Lehre vom Ich. Männer, denen gestern nichts heiliger schien als ihre Melodie der Internationale, zogen heute dem Feind entgegen, auf den Lippen das Lied der Deutschen.
Vier Jahre „marschierte und stürmte" der graue Soldat im klaren Bewußtsein, daß es um Sein oder Nichtsein seines Volkes ging. Im Schlamm der Trichterfelder aber versanken Werte, die keine mehr waren. Granaten zerietzten eine morsche Zeit. Ohne Belang war hier, was in der Heimat noch immer galt. Im Feuer dieses Krieges wurde die Saat gelegt für das Volk von 1933. Dieses Erleben der kämpfenden Gemeinschaft mußte Frucht tragen — denn es war Saat, und eine Ernte mußte kommen.
Das ist das Gesetz des Lebens, dem auch die Volkwerdung unterliegt. Der Verrat, und alles was nachher kam, war zur Unfruchtbarkeit [106] verurteilt; er konnte zerstören, aber nicht erbauen. Doch die Front, das Erleben der kämpfenden Gemeinschaft, das Erlebnis eines ganzen kämpfenden Volkes trug die künftige Frucht in sich.
2. Der große Betrug von Versailles
Der Zusammenbruch 1918
Der völlige Zusammenbruch 1918 konnte nur erfolgen, weil ein Feind im Innern den äußeren Feind die Hand zum Verrat reichte. Die Politik kam der militärischen Führung nicht zu Hilfe; während das Heer Heldentaten verrichtete, boten Regierung und Volksvertretung das trostlose Schauspiel widerspruchsvoller Ziellosigkeit und ständigen Schwankens. Am 9. November 1918 kam die längst vorbereitete Revolution zum Ausbruch. Nun konnten auch die äußeren Feinde Deutschland den Fuß auf den Nacken setzen: Am 12. November trat der Waffenstillstand in Kraft, dem das Heer sich hatte unterwerfen müssen, weil eine Fortsetzung des Kampfes mit der Revolution im Rücken unmöglich schien.
Aus ihm ging dann der Schandvertrag von Versailles hervor, in dem sich der Wille des Feindes ausdrückte, das deutsche Volk mit allen Mitteln auszurotten. Verstümmelt durch die Abtretung von Elsaß und Lothringen, Eupen und Malmedy im Westen, Pommerellen, Danzig, Posen, Oberschlesien und Memel im Osten, entwaffnet durch die Beschränkung seiner Truppenzahl auf ein lächerlich geringes Maß, durch Schleifung seiner Festungen und das Verbot, das Grenzgebiet am Rhein zu verteidigen, dazu mit unerschwinglichen Tributen auf unabsehbare Zeit belastet, sah sich Deutschland zurückgeschleudert in tiefere Ohnmacht und Wehrlosigkeit, als es sie jemals früher gekannt, dabei auch nach wie vor in Ost und West von feindlichen Nachbarn umgeben, die kein Hehl daraus machten, daß die Aneignung weiteren deutschen Landes ihr Ziel sei (Karte 17). [107]
VII. Die nationalsozialistische Bewegung
1. Jahre der Ohnmacht, Not und Schande
Jahre der Ohnmacht, Not und Schande folgten, die jedem Deutschen, der sie miterlebt hat, noch in furchtbarer Erinnerung sind. Im Innern Zwietracht durch Parteihader, der durch volksfremde Elemente geschürt wurde; Deutsche standen gegen Deutsche und schlugen sich zur Freude ihrer Feinde — Engländer, Franzosen, Juden und Freimaurer — tot; das Volk durch die rücksichtslose Ausplünderung der Bestimmungen des Schanddiktates der Not preisgegeben; außenpolitisch rechtlos und ehrlos, ein Spielball in den Händen seiner Feinde. Das war die Lage Deutschlands.
2. Wiederbesinnung und Kampf der NSDAP.
Damals gehörte ein starker Glaube dazu, an der Zukunft Dertschlands nicht zu verzweifeln. Sie bot nach menschlichem Ermessen kaum einer Hoffnung Raum. Aber auch diese härteste Prüfung seiner Geschichte hat das deutsche Volk bestanden. In der Zeit seiner größten Not erstand ihm ein neuer Führer, der das Gesetz einer neuen Idee schuf, die gemeinsame völkisch-politische Ausrichtung. Er formte aus dem Gefühl das Erkennen, daß der Zusammenbruch nur ermöglicht wurde durch das Fehlen der Einheit von Volk und Führung und einheitlicher Weltanschauung, und wies den Weg der Deutschland vor dem Abgrund zurückriß.
Der politische Aufstieg des Führers und seiner Kampforganisation, der NSDAP., bis zur Machtübernahme mutet uns heute schon wie ein Wunder an.
Adolf Hıtler als Führer
Aus einer Gruppe von sieben schichten deutschen Menschen wuchs, Schritt für Schritt raumgreifend, ein Gewaltiger heraus, den das Schicksal in den Stahlwirbein des Weltkrieges gehärtet hatte. Dieser Mann kam aus der Gemeinschaft jener, die alle Todesfurcht überwunden hatten, weil der Tod ihnen vertrauter Nachbar gewesen war durch vier lange Jahre des Opferganges. Noch kannte niemand [108] seinen Namen. Es liegt für uns trotz aller Not, die der große Krieg über Deutschland brachte, ein tröstlicher und versöhnlicher Gedanke in seinem Ausgang:
Der unbekannte, tote Soldat, vor dessen Heldentum und Größe sich alle Völker der Welt in Ehrfurcht beugen, gewann in Deutschland Gestalt und neues Leben. Zwei Millionen Männer sind nicht umsonst gestorben. Wir stehen nicht am Ehrenmal der Weltkriegsgelallenen, um Blumen auf toten Stein niederzulegen. Nein! Das Vermächtnis des unbekannten Soldaten lenkt unser Sinnen und unser Treugedenken zum Führer des Deutschen Reiches, der jenen Männern in Leidens- und Sterbensnot Kamerad war in des Wortes edelster Bedeutung, zum Führer des Reiches, für das jene ihr junges Leben dahingaben. Der unbekannte Soldat ist heute der deutsche Führer.
Der Verrat von 1923
Welche Fähigkeiten in ihm steckten, das hat der Führer erst mit der Zeit offenbart. Als der Versuch, von Bayern aus ein neues Deutschland erstehen zu lassen, durch den Verrat der führenden Männer Bayerns fehlgeschlagen war, kämpfte er in mühsamer Arbeit auf gesetzlichem Wege um die Macht. Im Laufe weniger Jahre gelang es ihm, trotz des größten Widerstandes der von der Freimaurerei und dem Judentum ausgehaltenen Parteien, seine NSDAP. zur stärksten Bewegung im Lande zu machen. Dabei mußte der Aufbau des Gesamtvolkes zu einer wahrhaften Einheit stets bedacht und vorbereitet werden. Im Sommer 1932 zogen 230 Abgeordnete in den Reichstag ein, während die bürgerlichen Parteien insgesamt auf 152 zusammenschrumpften. Der Kommunismus witterte die Gefahr, die ihm aus den Reihen der wahren Volksbewegung drohte und griff zu den radikalsten Mitteln. Die vielen Blutopfer der Bewegung sind Zeugen des Kampfes gegen das Untermenschtum.
Der Führer erkämpft legal die Macht
Die Zeit der höchsten Spannung setzte 1933 ein. Da ließ der Reichspräsident von Hindenburg am 30. Januar Adolf Hitler die Regierung des deutschen Volkes unter der eigenen Kanzlerschaft bilden. Der Kampf um die Macht war beendet: auf gesetzlichem Wege hatte der Führer trotz der unverschämtesten Herausforderungen diesen seinen Sieg errungen. [109]
VIII. Das nationalsozialistische Reich
1. Sieg des völkischen Gedankens
Aber welches Erbe übernahm unser Führer? Deutschland in Ketten, das Heer der Arbeitslosen auf fast 7 Millionen angestiegen und dadurch die Not des Volkes bis auf die höchste Spitze getrieben. Der Führer verlor in dieser Zeit allen Mißständen gegenüber nicht seinen felsenfesten Kampfeswillen und Glauben, durch den er selbst die Verzweifelnden in seinen eigenen Reihen immer wieder emporriß.
Der Aufbau des Führers
Die furchtbare Erbschaft, die er antrat, forderte schier übermenschliches Können, eiserne Nerven und kühnen, klaren Willen. Hart und kraftvoll griff des Führers Hand in die Speichen des Steuers und lenkte das Staatsschiff auf geraden, zielsicheren Kurs. Ruhe und Ordnung hielten beinahe schlagartig Einkehr in Deutschland. In kürzester Zeit wurde das zersetzende Gift des Kommunismus beseitigt, nach der vorgezeichneten Zeit von vier Jahren war das Problem der Arbeitslosigkeit gelöst. Deutschlands Ehre und Freiheit wurden wiederhergestellt, ohne daß die alten Gegner wagten, den Führer mit den Waffen daran zu hindern. Im März 1935 wurde die Luftwaffe geschaffen; im Mai desselben Jahres Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, und im März 1936 erfolgte die Besetzung der entmilitarisierten Zone im Rheinland.
Versailles in Fetzen
Damit lag der Versailler Schandvertrag schon in Fetzen am Boden, ohne daß seine Schöpfer gewagt hätten, für ihn mit der Tat einzutreten. Kühnheit, Schnelligkeit des Entschlusses und klare Erkenntnis von der inneren Schwäche der Gegner halte diesen Triumph erfochten.
Der deutsche Volksstaat entsteht
Die wiedererstehende Kriegsmacht erlaubte alsbald, auch die unnatürlichen Grenzbestimmungen von 1919 zu beseitigen. Gestützt auf die italienische Freundschaft vollzug unser Führer im März 1938 die Angliederung Deutsch-Österreichs an das Reich, stillte damit die Sehnsucht aller Deutschen und heilte die Wunde, die Bismarck deutschen Herzen einst hatte schlagen müssen. Im Oktober desselben Jahres wurden die Deutschen in Böhmen und Mähren von tschechischer Herrschaft befreit. Es folgen dann die Aufnahme des Protektorats, die Rückgliederung der Ostprovinzen und die Einfügung des Generalgouvernements in den Reichsverband; kurz, die Grenzen im Osten und Westen werden bereinigt. [110]
2. Die gegenwärtige Formung des Reiches
Mit den jüngsten Ereignissen hat das Hoheitsgebiet des Deutschen Reiches annähernd den Umfang und die Gestalt wiedergewonnen, die es in alten Zeiten besaß. Seine innere Einheit ist vollendet, ehrwürdige Formen, die sie störten, sind beseitigt. Was uns als Traum durch die Jahrtausende deutscher Geschichte begleitete, beginnt heute Wirklichkeit zu werden (Karte 18).
Die Erfüllung deutscher Sehnsucht
Auf steigt das neue Reich, das ewige Reich der Deutschen!
Es war das Schicksal der Deutschen, daß unser Volk nie seine Form finden konnte, daß zwischen seiner äußeren Gestalt und seinem inneren Wesen immer eine Kluft aufgerissen blieb. Volk und Staat fanden sich nur selten zueinander, schwangen nie vollkommen ineinander. Solch ein vollkommenes Ineinanderschwingen blieb letztes Ziel der Sehnsucht und wurde fast zum Mythos, zum „Mythos vom Reich”.
Immer wieder sehen wir in den scheinbar so trockenen und nüchternen Darstellungen der Karten die deutsche Tragödie sich vollziehen: Das angestrengte Zusammenducken aller völkischen Kräfte. das Ausholen zum großen Sprunge und dann, unmittelbar vor dem erwähnten, fast erreichten Ziele, das Abgleiten, den jähen Absturz!
Schon die Germanen mußten dies Schicksal erleiden; das Reich der Karolinger brach an ihm zusammen, das Reich der Staufen unterlag ihm, das Reich der Hohenzollern verging vor ihm. Und jetzt. in unserer geschichtlich so großen Zeit, wagte Adolf Hitler diesen Sprung noch einmal; vor unseren Augen ist er zum ersten Male gelungen. Das Reich, die Sehnsucht, der Traum ist Wirklichkeit geworden: Das wahre Deutsche Reich! Denn das Deutsche Reich Heinrich I. war schon unter seinem Nachfolger Otto I. ein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation geworden. Als Bismarck 1871 das Reich neu schuf, bedeutete dieses Reich auch nur den deutschen Nationalstaat. Bismarck war gezwungen, einen Teil des deutschen Volkes außerhalb der Grenzen dieses Staates zu lassen. Er konnte einfach eine großdeutsche Politik im weiteren Sinne nicht durchführen, da er sonst mit anderen Staaten in Konflikt geraten wäre. Bismarck mußte die Doppelmonarchie bestehen lassen, weil das kleindeutsche Reich Bundesgenossen dringend brauchte. Durch die politische Situation waren Bismarck damals Grenzen gesetzt. Das Reich aber ist ein wahrhaft deutsches Reich, das endlich auch politisch allen Deutschen Raum gibt und damit die Einheit von Volks- und Staatsgrenze zum ersten Male sicherstellt. Zum [112] Male seit Jahrtausenden ist hier das deutsche Schicksal nicht erlitten, sondern bestanden worden. In Zeiten schwerster Not und tiefster Erniedrigung hat sich der Deutsche nicht mehr als Knecht seines Schicksals gezeigt, sondern als Meister dieses Schicksals bewiesen. Und so gewinnen aus dieser Schickalsmeisterung vier Jahrtausende der Vergangenheit ihren Sinn in der Gegenwart und ihren wegweisenden Wert für die Zukunft,
Volk als Grundlage
Wir sind heute überzeugt, daß das gegenwärtige Deutsche Reich in seinen Grundzügen das von der Vorsehung gewollte Ergebnis dieses langen geschichtlichen Wachstums ist und daß seine völkischen, führungsmäßigen und geistig-weltanschaulichen Bedingungen unserer Art entsprechen und daher richtig sind.
Die Grundlage unseres Reiches ist das Volk. Der Mensch ist durch ein göttliches Gesetz auf Gedeih und Verderb mit seiner Volksgemeinschaft verbunden. Auf dieser Erkenntnis bauen wir unseren Staat auf, der nicht Selbstzweck ist, sondern nur der Erhaltung, Sicherung und dem Wachstum des Volkes dient, aus dem alle fremden Elemente ausgeschieden werden müssen.
Es bedeutet daher nur einen folgerichtigen Schritt, daß das Reich zur Erhaltung und Förderung des rassereinen, erbgesunden Volkes besondere Gesetze erließ, von denen hier nur zwei genannt seien, weil sie die Entschlossenheit des Führers aufzeigen, ebenso bedingungslos die blutlich-rassischen Werte unseres Volkes, die noch vorhanden waren, zu erhalten und zu pflegen, wie auch dafür zu sorgen, daß dieses Erbgut in den kommenden Generationen durch Ausmerzung der Erbuntüchtigen vor Überwucherung geschützt wurde.
Am 1. Oktober trat das Reichserbhofgesetz in Kraft. Sein Ziel war die Sicherung des Bauerntums als Lebensquell und Grundlage des deutschen Staates. Ihm folgte am 1. Januar 1934 das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.
Immer klarer tritt das Volk als lebendiger Organismus, als persönliches Wesen in das Bewußtsein jedes einzelnen Volksgenossen. Der Begriff der Volksgemeinschaft ist heute schon der Ausgangspunkt all unseres Handelns.
Deutschland und der germanische Raum
Schon tut das Reich einen Schritt weiter. Der gegenwärtige Krieg, den man uns aufzwang, brachte den Sieg bzw. die Übernahme des Schutzes über die germanischen Völker, der Stämme, die Verwandte unserer Urväter sind, oder die schon Jahr hunderte dem Reichsverband angehört haben und nur durch unselige Entwicklung abgetrennt wurden.
Partei und Staat
Das lebendige Gewissen des Volkes ist die Partei. Sie ist die Trägerin des Willens zum Reich, in ihr vereinigen sich und strömen alle die dynamischen Kräfte, die auf Grund einer mehrtausendjährigen [112] bitteren Erfahrung heute zum Durchbruch gekommen sind. Im Staat gewinnen diese Kräfte Gestalt.
Die Partei durchdringt den Staat, der nur Mittel zum Zweck ist. Er ist nur die praktische Verwirklichung des politischen und weltanschaulichen Willens des Reichsvolkes. Seine Beamten dürfen sich niemals als mechanische Arbeiter und Pensionsempfänger betrachten, sondern als verantwortliche Soldaten einer kämpferischen Haltung, als Sachwalter der Volksgemeinschaft.
Nach diesen Grundsätzen baut sich auch der Staat auf. Er ist ein Führerstaat. Autorität nach unten, Verantwortung und Gehorsam nach oben sind seine Pfeiler. Die Grundsätze und Gepflogenheiten, nach denen das Reich zusammengehalten wird, entsprechen dem alten germanischen Treueverhältnis. Es ist ein Verhältnis zwischen Führung und Gefolgschaft, wie es nur in einem Reich Blutsgleicher möglich ist. Es ist auf das Vertrauen der Gefolgschaft zur Führung und auf die Achtung der Führung vor der Gefolgschaft aufgebaut.
So wird das Reich zu einer wahren Demokratie, d.h. zu einem Volksstaat.
Die Reichsregierung
Die Reichsregierung besteht aus dem Führer und Reichskanzler und den Ministern. Die Minister bearbeiten die ihnen zugewiesenen Aufgabengebiete nach den Richtlinien und Weisungen des Führers, dem die Entscheidung in allen Fragen der Politik und Wirtschaft zusteht. Oberhaupt des Reiches ist der Führer und Reichskanzler. Er hat die Macht, in alle Gebiete des Staatslebens einzugreifen; es stehen ihm sämtliche Staatsbefugnisse und Machtmittel des Staates zur Verfügung. Die Ziele der Partei sind die Richtlinien des Staates.
Die Länder
Die im Reich zusammengeschlossenen Länder haben ihre staatliche und politische Selbständigkeit aufgegeben, sie sind nur mehr Verwaltungseinheiten des Reiches. Sie haben darüber hinaus stammesmäßige und kulturpolitische Bedeutung. Sie unterstehen jedoch in jeder Beziehung dem Reiche. An ihrer Spitze stehen die Reichsstatthalter als Vertreter des Reiches. In Preußen übt der Führer die Rechte des Reichsstatthalters aus. Er hat diese Rechte auf den preußischen Ministerpräsidenten Göring übertragen.
Der Reichstag
Der Reichstag ist die Vertretung des deutschen Volkes. Er wird auf Befehl des Führers und Reichskanzlers vom Ministerpräsidenten einberufen und gibt durch einfache Stimmenmehrheit seine Zustimmungen zu den Erklärungen der Reichsregierung.
Neugliederung des Reiches
Schlag auf Schlag erfolgte auf dem Gesetzeswege die zielstrebige Neugliederung des Reiches.
Durch das Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1.Dezember 1933 wird die enge Verbindung zwischen Staat und Bewegung endgültig sichergestellt. [114]
Das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches vom 30. Januar 1934 beendet die jahrhundertelange Zersplitterung der deutschen Nation, indem es die politische Selbständigkeit der einzelnen Staaten aufhebt und ihre Bedeutung nur mehr als Verwaltungseinheiten festlegt.
Durch das Gesetz über das Staatsoberhaupt vom 1. August 1934 wird die Einheit in der Führung von Volk und Staat endgültig verankert.
Die gesamten Polizeiaufgaben werden durch Gesetz vom 17. Juni 1936 in einer Hand zusammengefaßt. Der Führer ernennt den Reichstührer- Heinrich Himmler zum Chef der Deutschen Polizei.
Das deutsche Volksheer
Diese gewaltigen Leistungen des nationalsozialistischen Staates einer Welt von Neidern gegenüber waren nur durch die mit dem Aufbau des Reiches einherlaufende Schaffung eines wohlorganisierten und disziplinierten Volksheeres möglich, das seine Kraft in der jüngsten Zeit unter Beweis gestellt hat und weiter beweisen wird. Die Wehrmacht ist mit der Partei die zweite tragende Säule des Reiches. Jeder gesunde Volksgenosse ist nicht nur Willensträger, sondern auch Waffenträger seines Volkes. Partei und Wehrmacht garantieren die Vollendung und den Bestand des Reiches.
3. Das Reich und die Welt
Die Stellung, die das Reich zur übrigen Welt einnimmt, gründet sich auf dem natürlichen Lebensrecht eines Volkes, das den Anteil an dieser Erde fordert, der ihm auf Grund seiner Größe, Stärke und Leistung zusteht, damit jedem einzelnen im Volke ein menschenwürdiges Dasein gesichert ist.
Die Vereinigung aller Völker germanischen Blutes ist ferner unser natürliches Ziel. Gleichberechtigung mit allen Völkern der Erde und in diesem Rahmen friedliches Schatien der Arbeit zum Wohle unseres Volkes und der Menschheit ist das Fundament unserer Außenpolitik.
Deutschland, das Herz Europas
Deutschland ist immer das Herzstück Europas gewesen, das Deutsche Reich ist Herz und Hirn unseres Erdteils, ist das geopolitische Ergebnis eines langen, wenn auch oft schmerzhaften Prozesses. Das Deutsche Reich ist endlich zudem mächtigen europäischen Kern geworden, dessen Existenz nicht von der Einsicht mehr oder minder fähiger Politiker abhängt, sondern der da ist, weil die dynamische Lebenskraft unseres Volkes mit Naturnotwendigkeit den Sieg über blutarme Konstruktionen davontragen mußte.
Achse Deutschland—Italien
Zusammen mit Italien, mit dem es schon im Mittelalter im Heiligen Römischen Reich, wenn auch gewaltsam, verkoppelt war, macht heute Deutschland seinen Führungsanspruch in Europa geltend. Das Deutsche Reich strahlt seine politischen, wirtschaftlichen und [115] kulturellen Kräfte in alle es umschließenden Völker Europas und befruchtet sie. Wenn schon ein unvollkommenes Reich des Mittelalters, das sich seiner völkischen Kräfte gar nicht bewußt war, Europa geführt hat, um wieviel mehr kommt die Führung Europas dem Reich und Volk zu, das später als alle anderen Völker seine geschichtliche Entwicklung abgeschlossen hat, das härter geprüft und länger geläutert wurde, und das heute als ganz junges und ganz starkes Volk an einem neuen Anfang steht?
Deutschlands Führungsanspruch
Die deutsche Führung will kein ausbeutendes Herrentum sein, das sich wie die englischen Plutokraten an der Arbeit der anderen Völker mästet, sondern unser Führungsanspruch in Europa und der Welt beruht auf unserer von der Vorsehung gewollten Entwicklung zum Führervolk, auf unserer Leistung, unserem Können und Einsatz, dem Vorbild und der Gerechtigkeit. Wir fühlen uns beauitragt, die höhere Art deutscher Führung erneut unter Beweis zu stellen und Europa eine neue, gerechtere Ordnung zu geben.
4. Aufgaben der 
Wenn wir heute den Gemeinschaftsbegriff des Nationalsozialismus zur weltanschaulichen Grundlage des Reiches erheben, dann darf dieser Gemeinschaftsbegriff nicht nur ein Bekenntnis bleiben. Denn eine Weltanschauung, die nicht zur Gesinnung wird, bliebe nur eine Phrase. Eine Gesinnung aber, die keine neue Ordnung schafft, ist ohne Sinn und bleibt ohne Wirkung in der Welt.
So auch können wir das Reich als geschichtliche europäische Wirklichkeit nur dann vollenden, wenn wir wirklich die Kraft finden, die Weltanschauung des Nationalsozialismus in allen Deutschen zur Gesinnung werden zu lassen,
Aus und auf dieser Gesinnung müssen wir dann die neue und gerechte Ordnung des Reiches aufbauen.
Es gilt also, Aufbau- und Abwehrkräfte für die Zukunft im deutschen Volke heranzubilden, es geht darum, in den Lauen und Gleichgültigen, die nicht sehen wollen oder können, das nordische Bluterbe zu wecken, damit die uns arteigene Weltanschauung in neufließendem kräftigem Strome die Masse aller deutschen Menschen durchdringe.
Die Schutzstaffel soll nach dem Willen des Reichsführers- neben den selbstverständlichen soldatischen Aufgaben besonders ein Kampftrupp sein für die weltanschaulichen Ziele des neuen Reiches. Der
-Mann ist daher Kämpfer mit Weltanschauung und Waffe und weiß ganz genau. daß für die dauernde Sicherung des Reiches beide Elemente — Idee und Waffe — von grundlegender Bedeutung sind.
In den Plastiken „Künder” und „Kämpfer” im Ehrenhof der neuen Reichskanzlei sind der Schutzstaffel beide Sinnbilder als [116] Einheit zur Lebensaufgabe und Nacheiferung gestellt. Fackel und Schwert — Idee und Waffe — sind die gemeinsamen Grundpfeiler des Kampfes der Schutzstaffel für das Reich.
Als politische Soldaten ist uns die nationalsozialistische Weltanschauung, das politische Testament Adolf Hitlers, dabei Richtschnur in unserem Kampf. Wir haben aus der Geschichte unseres Volkes gelernt und sind überzeugt, daß das Reich nur dann von Bestand sein kann, wenn wir das politische Sendungsbewußtsein unseres Volkes wach erhalten, pflegen und hegen. Die Schutzstafiel ist so eine geschworene Kampigemeinschaft in guten und schlechten Tagen zur Behauptung der Reichsinteressen und der nationalsozialistischen Weltanschauung.