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DE061.28 Burgmaide: Difference between revisions

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Revision as of 13:25, 12 August 2024

L. Zeitalter Minerva

1. Auf Walhallagara

Kelta und Minerva

61.28

Wirth 1933

[/54] Nun wollen wir schreiben über den Krieg der Burgmaide Kelta und Minerva und wie wir dadurch alle unsere Südlande und Britannien an die Golen verloren haben

Bei dem Süderrheinmund und der Schelde, da sind sieben Inseln genannt nach Fryas sieben Wachemaiden der Woche. Mitten auf einer Insel ist die Burg Walhallagara[1]. Auf den Wänden ist die und folgende Geschichte geschrieben. Darüber steht: »Lese, lerne wache.«

[55] Fünfhundertdreiundsechzig Jahre nachdem Atland versunken ist[2], saß hier eine weise Burgmaid: Min-erva war ihr Name, von den Seeleuten wurde sie Nyhellenia zugenannt. Dieser Zuname war gut gekoren, denn der Rat, den sie verlieh, war »neu« und »heil« über allen anderen[3].

Jenseits der Schelde auf der Flyburg saß Syrhed. Diese Maid war voller Ränke: schön war ihr Antlitz und flink ihre Zunge. Aber der Rat, den sie gab, war immer in dunklen Worten. Darum wurde sie von den Seeleuten Kälta geheißen. Die Landsassen meinten, daß es ein Ehrenname sei. In der letztwilligen Verfügung der Mutter stand Rosamunde als erste, Minerva als zweite und Syrhed als dritte Nachfolgerin beschrieben. Minerva war dessen unkundig, aber Syrhed war dadurch geknickt. Gleich einer fremden Fürstin wollte sie geehrt, gefürchtet und angebetet sein; aber Minerva wollte allein geliebt sein. Zuletzt kamen alle Seeleute, ihr ihre Huld bieten, selbst von den Dänemarken und von der Flysee. Das verletzte Syrhed, denn sie wollte Minerva überragen. Auf daß man ein größeres Dünken von ihrer Wachsamkeit haben sollte, machte sie einen Hahn auf ihre Fahne. Da ging Minerva hin und machte einen Hirtenhund und eine Nachteule auf ihre Fahne. »Der Hund«, sagte sie, »wacht über seinen Herrn und über die Herde, und die Nachteule wacht über das Feld, damit es nicht von den Mäusen zerstört wird. Aber der Hahn hat für niemanden Freundschaft, und durch seine Unzucht und Hochfahrenheit ist er oft der Mörder seiner nächsten Sippen geworden.«

Als Kelta sah, daß ihr Werk verkehrt ausging, da kam sie vom Übel zum Ärgeren. Im Stillen ließ sie die Magjaren zu sich kommen, um Zauberei zu lernen. Als sie dem Genüge getan, warf sie sich selber in die Arme der Golen. Doch von allen diesen Missetaten konnte sie nicht besser werden. Als sie sah, daß die Seeleute mehr und mehr von ihr wichen, da wollte sie sie durch Furcht gewinnen. War der Mond voll und die See ungestüm, dann lief sie über das wilde Meer, den Seefahrern zurufend, daß sie alle vergehen würden, so wenn sie sie nicht anbeten wollten. Fürder blendete sie ihnen die Augen, wodurch sie Wasser für Land und [56] Land für Wasser hielten: dadurch ist manches Schiff untergegangen mit Mann und Maus.

Auf dem ersten Wehrfest, als alle ihre Landsassen gewappnet waren, ließ sie Tonnen Bier ausschenken. In das Bier hatte sie Zaubertrank getan. Als nun das Volk allesamt betrunken war, stellte sie sich oben auf ihr Kampfroß, mit ihrem Haupte gegen ihren Speer gelehnt. Das Morgenrot konnte nicht schöner sein. Da sie sah, daß alle Augen auf sie gerichtet waren, öffnete sie ihre Lippen und kündete: »Söhne und Töchter Fryas! Ihr wißt wohl, daß wir in der letzten Zeit viel Gebrechen und Mangel gelitten haben dadurch, daß die Seeleute nicht länger kommen, um unseren Schreibfilz zu verkaufen. Aber ihr wißt nicht, wodurch es so gekommen ist. Lange habe ich mich darob zurückgehalten, doch nun kann ich es nicht länger. Hört denn, Freunde, auf daß ihr wissen möget, wonach ihr beißen sollt.

An der anderen Seite der Schelde, wo man zumal die Fahrt von allen Seen hat, da macht man heutigentages Schreibfilz von Plumpenblättern. Damit ersparen sie Leinen und können uns entbehren. Nachdem nun das Machen von Schreibfilz allezeit unser größter Betrieb gewesen ist, so hat die Mutter gewollt, daß man es uns lassen solle. Aber Minerva hat all das Volk verhext, ja verhext, Freunde, gleich all unserem Vieh, das letzthin gestorben ist. Heraus muß es, ich will es euch erzählen. Wäre ich nicht Burgmaid, ich würde es schon wissen: ich würde die Hexe in ihrem Nest verbrennen.«

Da sie die letzten Worte gesprochen hatte, sputete sie sich zu ihrer Burg hin. Aber das betrunkene Volk war dermaßen erregt, daß es über seine Sinne nicht mehr zu wachen vermochte. In tollmütigem Eifer gingen sie über den Sandfall, und nachdem die Nacht mittlerweil sich niedergesenkt hatte, zogen sie eben dreist auf die Burg los. Doch Kelta verfehlte schon wieder ihr Ziel, denn Minerva, ihre Maiden und die Lampe wurden alle von den flinken Seeleuten gerettet.

Fußnoten

  1. Walcheren.
  2. 2193-563 = 1630 v. Chr.
  3. Der Name wird hier gedeutet: ni = »neu«, hel = »heil«, »Heil« und lêna »leihen«.

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