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1972 Geschichtsquelle: Difference between revisions

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Kapitel VIII
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  Frans J. Los — ''Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle''. Oostburg z.j. [1972]. 144 bl. 22 cm. Met 1 krt 1 ill.
  Frans J. Los — ''Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle''. Oostburg z.j. [oktober 1972]. 144 bl. 22 cm. Met 1 krt 1 ill.


==Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle==
==Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle==
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===Einleitung===
===Einleitung===
[11] Vor etwa 100 Jahren, im Juni 1871, erschien in Leeuwarden, der Hauptstadt der niederländischen Provinz Friesland, die erste Veröffentlichung über eine angeblich uralte friesische Handschrift, die die Gelehrten sowohl in den Niederlanden wie auch in Deutschland in heftige und langandauernde Diskussionen versetzte. Es handelte sich um ein Gutachten, das Dr. J.G. Ottema, Konrektor des dortigen Gymnasiums, als Vorstandsmitglied der „Friesischen Gesellschaft” (Friesch Genootschap) über diese Handschrift erstattet hatte. Die Vorgeschichte hierzu sei hier ganz kurz wiedergegeben.
[11] Vor etwa 100 Jahren, im Juni 1871, erschien in Leeuwarden, der Hauptstadt der niederländischen Provinz Friesland, die erste Veröffentlichung über eine angeblich uralte friesische Handschrift, die die Gelehrten sowohl in den Niederlanden wie auch in Deutschland in heftige und langandauernde Diskussionen versetzte. Es handelte sich um ein Gutachten, das [[Jan G. Ottema|Dr. J.G. Ottema]], Konrektor des dortigen Gymnasiums, als Vorstandsmitglied der „Friesischen Gesellschaft” (Friesch Genootschap) über diese Handschrift erstattet hatte. Die Vorgeschichte hierzu sei hier ganz kurz wiedergegeben.


Die Handschrift war im Besitz von Cornelis over de Linden (1811-74), Werkmeister auf der Reichsmarinewerft in Den Helder, der sie 1848 von seiner Tante, Aafje Meylhof-Over de Linden in Enkhuizen, als ein altes Familienerbstück bekommen hatte. Over de Linden konnte die Handschriften nicht entziffern, da sie in einem sehr alten Friesisch und mit Buchstaben einer völlig unbekannten Schrift geschrieben waren. Da er in ihr die Bestätigung der von ihm vermuteten alten Herkunft seiner Familie zu finden hoffte, suchte er jemand, der ihm die Handschriften übersetzen könnte. Er bekam Kontakt mit dem Archivar-Bibliothekar der Provinz Friesland Dr. Eelco Verwijs (1830-80), der sich für die Handschriften interessierte und ihm versprach, für eine Übersetzung sorgen zu wollen.
Die Handschrift war im Besitz von Cornelis over de Linden (1811-74), Werkmeister auf der Reichsmarinewerft in Den Helder, der sie 1848 von seiner Tante, Aafje Meylhof-Over de Linden in Enkhuizen, als ein altes Familienerbstück bekommen hatte. Over de Linden konnte die Handschriften nicht entziffern, da sie in einem sehr alten Friesisch und mit Buchstaben einer völlig unbekannten Schrift geschrieben waren. Da er in ihr die Bestätigung der von ihm vermuteten alten Herkunft seiner Familie zu finden hoffte, suchte er jemand, der ihm die Handschriften übersetzen könnte. Er bekam Kontakt mit dem Archivar-Bibliothekar der Provinz Friesland Dr. Eelco Verwijs (1830-80), der sich für die Handschriften interessierte und ihm versprach, für eine Übersetzung sorgen zu wollen.
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Hatte Verwijs nicht schon einmal in einem von ihm herausgegebenen Band mittel-niederländischer Gedichte ein von ihm selbst gemachtes Gedicht eingeschoben und sich darüber belustigt, daß die sachverständigen Gelehrten dies nicht bemerkt hatten? — Einer solch boshaften Natur konnte man auch eine gröszere Fälschung zumuten. Eine eigentlich überflüssige Bestätigung seiner These sieht De Jong in der Aussage eines jungen Mannes, der mit dem schon todkranken Verwijs zusammen im Sanatorium lag. Als dieser ihn fragte, wer wohl der Fälscher der Ura Linda Handschriften gewesen sei, soll Verwijs statt einer Antwort geheimnisvoll gelächelt haben! Sind da noch weitere Beweise vonnöten?
Hatte Verwijs nicht schon einmal in einem von ihm herausgegebenen Band mittel-niederländischer Gedichte ein von ihm selbst gemachtes Gedicht eingeschoben und sich darüber belustigt, daß die sachverständigen Gelehrten dies nicht bemerkt hatten? — Einer solch boshaften Natur konnte man auch eine gröszere Fälschung zumuten. Eine eigentlich überflüssige Bestätigung seiner These sieht De Jong in der Aussage eines jungen Mannes, der mit dem schon todkranken Verwijs zusammen im Sanatorium lag. Als dieser ihn fragte, wer wohl der Fälscher der Ura Linda Handschriften gewesen sei, soll Verwijs statt einer Antwort geheimnisvoll gelächelt haben! Sind da noch weitere Beweise vonnöten?


Gegen diese unwissenschaftliche Argumentation und die oberflächliche rationalistische Betrachtungsweise wandte sich Prof. Herman Wirth und gab 1933 seine freilich stark verkürzte deutsche Übersetzung der Ura Linda Handschriften heraus. Er sah die holländische gebildete Welt beherrscht von der Psychose des ''„ex oriente lux”'' und des ''„salus ex Judaeis”'', des „Heils aus den Juden” an und warf den niederländischen, insbesondere aber den holländischen Gelehrten, ''„völlige Instinktlosigkeit'' in geistig-seelischen Dingen des Volkstums und des Blutes<ref>Vergl. Herman Wirth: „Die Ura Linda Chronik", Leipzig 1933, S. 139-140.</ref> vor. Er glaubte an die „Quellenechtheit” der Handschriften, worin er die Bestätigung seiner eigenen Ansicht über die Verehrung eines höchsten Wesens oder Allgeistes im prähistorischen Westeuropa [14] zu finden meinte. Inwiefern er hiermit Recht hatte, wird im Verlauf dieser Studie noch zu untersuchen sein.
Gegen diese unwissenschaftliche Argumentation und die oberflächliche rationalistische Betrachtungsweise wandte sich [[Herman F. Wirth|Prof. Herman Wirth]] und gab 1933 seine freilich stark verkürzte deutsche Übersetzung der Ura Linda Handschriften heraus. Er sah die holländische gebildete Welt beherrscht von der Psychose des ''„ex oriente lux”'' und des ''„salus ex Judaeis”'', des „Heils aus den Juden” an und warf den niederländischen, insbesondere aber den holländischen Gelehrten, ''„völlige Instinktlosigkeit'' in geistig-seelischen Dingen des Volkstums und des Blutes<ref>Vergl. Herman Wirth: „Die Ura Linda Chronik", Leipzig 1933, S. 139-140.</ref> vor. Er glaubte an die „Quellenechtheit” der Handschriften, worin er die Bestätigung seiner eigenen Ansicht über die Verehrung eines höchsten Wesens oder Allgeistes im prähistorischen Westeuropa [14] zu finden meinte. Inwiefern er hiermit Recht hatte, wird im Verlauf dieser Studie noch zu untersuchen sein.


Der Wissenschaftler darf die Nüchternheit, die eine unerläszliche Eigenschaft für seine Arbeit darstellt, nicht so weit treiben, daß er diese auf die anderen Menschen projiziert, die in einem anderen Zeitalter einer weniger nüchterner Gedankenwelt lebten. Das vergaszen die vielen niederländischen und deutschen Gelehrten, die die Ura Linda Handschriften ablehnten, ohne sie ernsthaft auf ihren Inhalt untersucht oder sie nur ganz gelesen zu haben.
Der Wissenschaftler darf die Nüchternheit, die eine unerläszliche Eigenschaft für seine Arbeit darstellt, nicht so weit treiben, daß er diese auf die anderen Menschen projiziert, die in einem anderen Zeitalter einer weniger nüchterner Gedankenwelt lebten. Das vergaszen die vielen niederländischen und deutschen Gelehrten, die die Ura Linda Handschriften ablehnten, ohne sie ernsthaft auf ihren Inhalt untersucht oder sie nur ganz gelesen zu haben.
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Persönlich hatte ich selbst mich mit der Handschrift, die ich nur vom Hören sagen als ein sehr fragwürdiges Dokument kannte, noch nie befaszt, bis mir anfang dieses Jahres ein Freund den 1951 erschienenen zweiten Druck des von Herrn J.F. Overwijn 1941 herausgegebenen friesischen Originaltextes nebst seiner niederländischen Übersetzung zukommen liesz.<ref>J.F. Overwijn: „Thät Ura Linda Bok", tweede druk, Dordrecht 1941.</ref> Ich fand den Inhalt befremdend aber zugleich fesselnd, die Übersetzung aber, die ich anhand des Originals hinreichend kontrollieren konnte, ungenau und höchst willkürlich, den beigefügten Kommentar verwirrend und phantastisch. So war ich froh. daß mir enige Wochen später die jetzt (1971) erschienene 2. Auflage der schon genannten Übersetzung von Dr. Ottema zugeschickt wurde. Ich entschlosz mich, diese zur Grundlage der Untersuchung, die ich vornehmen wollte, zu machen.
Persönlich hatte ich selbst mich mit der Handschrift, die ich nur vom Hören sagen als ein sehr fragwürdiges Dokument kannte, noch nie befaszt, bis mir anfang dieses Jahres ein Freund den 1951 erschienenen zweiten Druck des von [[Jacques F. Overwijn|Herrn J.F. Overwijn]] 1941 herausgegebenen friesischen Originaltextes nebst seiner niederländischen Übersetzung zukommen liesz.<ref>J.F. Overwijn: „Thät Ura Linda Bok", tweede druk, Dordrecht 1941.</ref> Ich fand den Inhalt befremdend aber zugleich fesselnd, die Übersetzung aber, die ich anhand des Originals hinreichend kontrollieren konnte, ungenau und höchst willkürlich, den beigefügten Kommentar verwirrend und phantastisch. So war ich froh. daß mir enige Wochen später die jetzt (1971) erschienene 2. Auflage der schon genannten Übersetzung von Dr. Ottema zugeschickt wurde. Ich entschlosz mich, diese zur Grundlage der Untersuchung, die ich vornehmen wollte, zu machen.


Schon bei der ersten oberflächlichen Lektüre war mir aufgefallen, daß hier weder von einem Buch noch von einer Chronik gesprochen werden konnte; beide Bezeichnungen scheinen mir unrichtig und irreführend. Es handelt sich ganz offensichtlich um eine ''Sammlung alter Schriften'' verschiedenartigen Inhalts, die, falls sie echt sind, von mehreren Autoren und zu verschiedenen weit auseinanderliegenden Zeiten verlaszt worden sind. Ich kam deshalb zu der Erkenntnis, daß alle Pauschalurteile über echt oder unecht hier fehl am Platz sind, und dasz jedes Stück der Sammlung einzeln und für sich auf seine Authentizität zu überprüfen notwendig sei.
Schon bei der ersten oberflächlichen Lektüre war mir aufgefallen, daß hier weder von einem Buch noch von einer Chronik gesprochen werden konnte; beide Bezeichnungen scheinen mir unrichtig und irreführend. Es handelt sich ganz offensichtlich um eine ''Sammlung alter Schriften'' verschiedenartigen Inhalts, die, falls sie echt sind, von mehreren Autoren und zu verschiedenen weit auseinanderliegenden Zeiten verlaszt worden sind. Ich kam deshalb zu der Erkenntnis, daß alle Pauschalurteile über echt oder unecht hier fehl am Platz sind, und dasz jedes Stück der Sammlung einzeln und für sich auf seine Authentizität zu überprüfen notwendig sei.

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Frans J. Los — Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle. Oostburg z.j. [oktober 1972]. 144 bl. 22 cm. Met 1 krt 1 ill.

Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle

von Frans J. Los


Verlag W.J. Pieters, Oostburg (Nd.)
Alleinvertrieb für Deutschland
Peter Wegener, D53 Bonn 1, Postfach 97

Vorwort

[9] Entgegen den vielen Büchern, die sich mit Untersuchungen über die Echtheit der Ura Linda Handschriften, den mutmaßlichen Fälscher und einen möglichen Sinn und Zweck einer Fälschung beschäftigten, geht es dem Verfasser alleine um die Geschichtsgrundlage der Schriften, die hier überprüft werden soll, wobei er keineswegs den Versuch des Nachweises einer „Echtheit” der vorliegenden Handschriften unternehmen will.

Die gegensätzliche Einstellung vieler Autoren zu den Handschriften ist, bei dem auf den ersten Blick wirren und chaotischen Inhalt der Berichte, die sich in das bisherige Geschichtsbild kaum eingliedern ließen, erklärlich, wird doch hier ein Bild vorchristlicher Vergangenheit der Seegermanen gezeichnet, das für die Zeit des vorigen oder den Beginn unseres Jahrhunderts völlig unglaubwürdig war und daher heftigen Widerstand erregen mußte.

Inzwischen hat sich jedoch für den ernsthaften Forscher das Bild europäischer Vorgeschichte tiefgreifend geändert.

Für die alten Stierkulte des Orients fanden sich die Grundlagen in den franko-kantabrischen Grottenmalereien, die zum großen Teil dem Mond-Stierkult dienten. Diese eiszeitliche an der atlantischen Küste Iberiens und an den Nebenflüssen der Garonne gelegene Kunst erbrachte den Beweis einer frühen hohen Kultur atlantischer Nordeuropäier vor mehr als 15.000 Jahren.

Auch die Deutung und Zeitstellung der Dolmen- und GroßsteingräberKulte, sowie die Funde der bandkeramischen bäuerlichen Wohn- und Siedlungskulturen, haben ein grundlegend neues Bild der west- und nordeuropäischen Vorgeschichte erschlossen.

So erscheint auch die Frühzeit der Seegermanen in einem ganz anderen Licht, als sie zu Beginn unseres Jahrhunderts erkannt werden konnte. Der Verfasser hat sich in zahlreichen Schriften und Büchern mit vorgeschichtlichen Kulturen und Völkerbewegungen Europas, Asiens und Afrikas befaßt, die in den Niederlanden, in England, Amerika und letztlich auch in Deutschland veröffentlicht sind. So reizte es ihn auch, diese Ura Linda Handschriften auf ihren vorgeschichtlichen Kern zu untersuchen und hierüber zu berichten.

[10] Immer wieder ergaben sich hierbei Parallelen zu den frühgeschichtlichen Ereignissen, von denen Jürgen Spanuth in seinem Buch „Atlantis” über die aus den Nordgebieten herkommenden Völker berichtet. Dank schuldet er Herrn Paul Fischer aus Düsseldorf, der ihm oft mit Rat und kritischen Bemerkungen anläßlich der Maschinenschrift und der Glättung des deutschen Textes zur Verfügung gestanden hat.

Dank bringt er auch seiner Frau entgegen, die ihm bei der Korrektur der Druckproben getreulich geholfen hat und ebenfalls seinem niederländischen Verleger Herrn W.J. Pieters, Oostburg, und dem Personal seiner Druckerei für die Sorgfalt, die sie auf die Ausstattung dieses Buches vewendet haben.

Möge dieses Buch zu weiterer Beschäftigung mit den so inhaltsreichen Ura Linda Handschriften anregen.

Oostburg, Juni 1972. / Frans J. LOS.

Einleitung

[11] Vor etwa 100 Jahren, im Juni 1871, erschien in Leeuwarden, der Hauptstadt der niederländischen Provinz Friesland, die erste Veröffentlichung über eine angeblich uralte friesische Handschrift, die die Gelehrten sowohl in den Niederlanden wie auch in Deutschland in heftige und langandauernde Diskussionen versetzte. Es handelte sich um ein Gutachten, das Dr. J.G. Ottema, Konrektor des dortigen Gymnasiums, als Vorstandsmitglied der „Friesischen Gesellschaft” (Friesch Genootschap) über diese Handschrift erstattet hatte. Die Vorgeschichte hierzu sei hier ganz kurz wiedergegeben.

Die Handschrift war im Besitz von Cornelis over de Linden (1811-74), Werkmeister auf der Reichsmarinewerft in Den Helder, der sie 1848 von seiner Tante, Aafje Meylhof-Over de Linden in Enkhuizen, als ein altes Familienerbstück bekommen hatte. Over de Linden konnte die Handschriften nicht entziffern, da sie in einem sehr alten Friesisch und mit Buchstaben einer völlig unbekannten Schrift geschrieben waren. Da er in ihr die Bestätigung der von ihm vermuteten alten Herkunft seiner Familie zu finden hoffte, suchte er jemand, der ihm die Handschriften übersetzen könnte. Er bekam Kontakt mit dem Archivar-Bibliothekar der Provinz Friesland Dr. Eelco Verwijs (1830-80), der sich für die Handschriften interessierte und ihm versprach, für eine Übersetzung sorgen zu wollen.

Dr. Verwijs machte im Vorstand der Friesischen Gesellschaft den Vorschlag, dem Sprachgelehrten Johan Winkler Auftrag zu einer Übersetzung der Schriften zu geben, er machte Winkler jedoch bei seiner Beauftragung auf seinen Zweifel an der Echtheit der Schriften aufmerksam. Verdächtig schien ihm nicht nur das Papier, das nicht sehr alt zu sein schien, sondern auch die seltene und unbekannte Schrift sowie die arabischen Ziffern der Seitenangaben. Auch den Inhalt nannte er „toll und unzusammenhängend”.

Nach dieser Mahnung zur Vorsicht ist es nicht verwunderlich, daß Winkler in seinem Bericht, den er Nov. 1870 der Gesellschaft erstattete, zu folgender Stellungnahme bezüglich der Echtheit der Handschriften kam:

Sie kämen ihm sehr verdächtig vor, er könne aber nicht erklären, wann, von wem und zu welchem Zweck sie angefertigt sein könnten. [12] „Der Inhalt ist sehr befremdend, teils mythologisch, teils geschichtlich, die Sprache ist zum Teil altfriesisch, es kommen aber auch Ausdrücke darin vor, die sehr jungen Datums zu sein scheinen, Nach seiner Ansicht würde eine Übersetzung die hierzu verwendete Mühe nicht lohnen”.[1]

Dr. Ottema erbat sich dann die Erlaubnis, die von Winkler benutzte Abschrift mitzunehmen und sie näher untersuchen zu dürfen. Er übersetzte in den folgenden Monaten die aufeinanderlolgenden Teile des Originals, die Over de Linden ihm nach und nach zuschickte, ins Niederländische, und im nächsten Jahr — 1872 — erschien seine vollständige Übersetzung unter dem Titel:

„Thet Oera linda Bok” (Das Ura Linda Buch) „Nach einer Handschrift aus dem dreizehnten Jahrhundert”. Dieser Titel war von ihm gewählt worden, weil die sieben hervorragendsten Autoren der Handschrift zu dem Geschlecht der Ura Linda gehörten, von dem Over de Linden abzustammen meinte.

Es ist hier hervorzuheben, daß Zweifel an der Echtheit der Handschrift bereits vor dem Erscheinen dieser Übersetzung von mehreren Gelehrten ausgesprochen worden waren. Zweifellos spielten Rücksichten weltanschaulicher Art bei der voreiligen Beurteilung wie auch bei der nun sofort mit voller Heftigkeit einsetzenden gelehrten Kontroverse eine gewisse Rolle.

Man warf Ottema und seinen Parteigängern „friesischen Chauvinismus” vor, durch den sie sich hätten beeinflussen lassen. Dagegen suchte Ottema seine Stellungnahme mit historischen Hinweisen zu begründen, ohne jedoch seine Gegner, die an eine Fälschung dachten, überzeugen zu können.

Zwei Männer wurden als mögliche Fälscher genannt: Cornelis over de Linden und Dr. Eelco Verwijs. Gegen Over de Linden verstärkte sich der Verdacht, als er 1874 starb, und man in seiner ziemlich umfangreichen Bibliothek, die öffentlich versteigert wurde, Bücher vorfand, die er möglicherweise zur Erlernung der friesischen Sprache gebraucht haben konnte und die ihm zu einer Fälschung behilflich hätten sein können. Aus seiner 1949 von E. Molenaar veröffentlichten Korrespondenz[2] mit Verwijs und Otterna geht aber deutlich hervor, daß Over de Linden, der Autodidakt mit weitreichenden Interessen war, sich zeitlebens alle erdenkliche Mühe gegeben hat, einen Übersetzer für die Handschriften zu finden, weil er sie selber nicht lesen konnte!

[13] Der Amsterdamer Privatdozent Dr. M. de Jong veröffentlichte 1927 ein weitläufiges Buch von 400 Seiten,[3] in dem er zu beweisen versucht, daß Dr. Verwijs, der 1880 verstorben war, der Fälscher gewesen sei. Dr. de Jong zufolge soll Verwijs eine fabelhafte Arbeitskraft und eine nicht minder grosze Phantasie besessen haben. Neben seiner umfangreichen Amtstätigkeit — auszer Archivar der Provinzial-Bibliothek, war er auch noch Schulinspektor — soll er Zeit gefunden haben, eine altfriesische Sprache, älter als die der bis dahin bekannten Dokumente, und eine besondere, einzig dastehende Letternschrift zu erfinden, und dann sich eine verworrene und deshalb altertümlich aussehende Urgeschichte der Friesen zu erdichten. Eine wahrhaft übermenschliche Leistung!

Und weshalb sollte Dr. Verwijs sich diese ungeheuere Mühe gegeben haben? Dr. de Jong meint: „um die friesomanen Gelehrten Leute einer fast unüberbietbaren Naivität, die an der Echtheit der von ihm angefertigten Handschrift glauben würden, zum besten zu haben”.

Hatte Verwijs nicht schon einmal in einem von ihm herausgegebenen Band mittel-niederländischer Gedichte ein von ihm selbst gemachtes Gedicht eingeschoben und sich darüber belustigt, daß die sachverständigen Gelehrten dies nicht bemerkt hatten? — Einer solch boshaften Natur konnte man auch eine gröszere Fälschung zumuten. Eine eigentlich überflüssige Bestätigung seiner These sieht De Jong in der Aussage eines jungen Mannes, der mit dem schon todkranken Verwijs zusammen im Sanatorium lag. Als dieser ihn fragte, wer wohl der Fälscher der Ura Linda Handschriften gewesen sei, soll Verwijs statt einer Antwort geheimnisvoll gelächelt haben! Sind da noch weitere Beweise vonnöten?

Gegen diese unwissenschaftliche Argumentation und die oberflächliche rationalistische Betrachtungsweise wandte sich Prof. Herman Wirth und gab 1933 seine freilich stark verkürzte deutsche Übersetzung der Ura Linda Handschriften heraus. Er sah die holländische gebildete Welt beherrscht von der Psychose des „ex oriente lux” und des „salus ex Judaeis”, des „Heils aus den Juden” an und warf den niederländischen, insbesondere aber den holländischen Gelehrten, „völlige Instinktlosigkeit in geistig-seelischen Dingen des Volkstums und des Blutes[4] vor. Er glaubte an die „Quellenechtheit” der Handschriften, worin er die Bestätigung seiner eigenen Ansicht über die Verehrung eines höchsten Wesens oder Allgeistes im prähistorischen Westeuropa [14] zu finden meinte. Inwiefern er hiermit Recht hatte, wird im Verlauf dieser Studie noch zu untersuchen sein.

Der Wissenschaftler darf die Nüchternheit, die eine unerläszliche Eigenschaft für seine Arbeit darstellt, nicht so weit treiben, daß er diese auf die anderen Menschen projiziert, die in einem anderen Zeitalter einer weniger nüchterner Gedankenwelt lebten. Das vergaszen die vielen niederländischen und deutschen Gelehrten, die die Ura Linda Handschriften ablehnten, ohne sie ernsthaft auf ihren Inhalt untersucht oder sie nur ganz gelesen zu haben.

* * *

Persönlich hatte ich selbst mich mit der Handschrift, die ich nur vom Hören sagen als ein sehr fragwürdiges Dokument kannte, noch nie befaszt, bis mir anfang dieses Jahres ein Freund den 1951 erschienenen zweiten Druck des von Herrn J.F. Overwijn 1941 herausgegebenen friesischen Originaltextes nebst seiner niederländischen Übersetzung zukommen liesz.[5] Ich fand den Inhalt befremdend aber zugleich fesselnd, die Übersetzung aber, die ich anhand des Originals hinreichend kontrollieren konnte, ungenau und höchst willkürlich, den beigefügten Kommentar verwirrend und phantastisch. So war ich froh. daß mir enige Wochen später die jetzt (1971) erschienene 2. Auflage der schon genannten Übersetzung von Dr. Ottema zugeschickt wurde. Ich entschlosz mich, diese zur Grundlage der Untersuchung, die ich vornehmen wollte, zu machen.

Schon bei der ersten oberflächlichen Lektüre war mir aufgefallen, daß hier weder von einem Buch noch von einer Chronik gesprochen werden konnte; beide Bezeichnungen scheinen mir unrichtig und irreführend. Es handelt sich ganz offensichtlich um eine Sammlung alter Schriften verschiedenartigen Inhalts, die, falls sie echt sind, von mehreren Autoren und zu verschiedenen weit auseinanderliegenden Zeiten verlaszt worden sind. Ich kam deshalb zu der Erkenntnis, daß alle Pauschalurteile über echt oder unecht hier fehl am Platz sind, und dasz jedes Stück der Sammlung einzeln und für sich auf seine Authentizität zu überprüfen notwendig sei.

Da ich mich auf die (pseudo-)historischen Berichte der Sammlung beschränken wollte, war es notwendig, diese eindeutig aus dem Ganzen herauszunehmen und vom übrigen Inhalt zu scheiden. Auszer den Gesetzen, Reiseberichten und Mythen waren meiner Ansicht nach auch die religionsbezogenen Betrachtungen, die bis jetzt immer im Mittelpunkt [15] der oft sehr heftigen Erörterungen gestanden hatten, unberücksichtigt zu lassen, denn auf dem Gebiet der Religionswissenschaften bin ich nicht zuständig.

Es ergab sich allerdings im Laufe meines Studiums der Schriften, daß eine völlige Außerachtlassung der Religionsphilosophie der Schriften nicht durchführbar war, da diese mit den anderen Inhalten zu sehr verwoben ist.

Da ich des Friesischen unkundig bin, habe ich mich auch einer Beurteilung der in den Schriften gefundenen altfriesischen Sprache enthalten und habe mir ebensowenig ein Urteil in der schwierigen Frage nach dem Ursprung der benutzten Letternschrift anmaßen wollen. Diese Probleme mögen Spezialisten vorbehalten bleiben.

Um nun die genannten Ausscheidungen vornehmen zu können, habe ich aus dem Buche von Overwijn das darin enthaltene Inhaltsverzeichnis des Originals, zusammen mit seiner Seitenangabe,[6] übernommen. Der Leser findet es in der Beilage. Die historischen Teile habe ich hierin mit einem Sternchen vermerkt und dann versucht, den in diesen Berichten erzählten Ereignissen die richtigen Datierungen zu geben, die ich zwischen Klammern beigefügt habe.

Durch die richtige Verbindung verschiedener historischer Berichte, die meistens durch andere Stücke voneinander getrennt waren, erhielt ich unter Fortlassung von allem Persönlichen und Nebensächlichen mehrere fortlaufende und zusammenhängende Erzählungen, die sich mit nur wenigen Ausnahmen in den Rahmen der bekannten Zeitgeschichte einpassen lassen. Die nachfolgenden Kapitel zeigen die bemerkenswerten Ergebnisse dieser Methode.

Aus dem in dieser Weise zergliederten Inhaltsverzeichnis wird dem Leser deutlich werden, wie schwer es ist, sich in diesem Wirrwarr zurecht zufinden. Es kann deshalb kein Wunder nehmen, daß Dr. Verwijs den Inhalt „toll und unzusammenhängend” nannte, obwohl er anderseits zauderte, die Handschriften ohne weiteres als eine Fälschung zu bezeichnen. Es kam hinzu, daß die Kenntnis der Vorgeschichte damals noch verhältnismäßig gering war und ein ganz anderes Bild ergab, als es die Prähistoriker heute zu entwerfen vermögen. Unser viertes Kapitel über die Kultur und Seefahrt der Atlanter möge dazu dienen, dem Leser anhand des heutigen Standes der Vorgeschichtskenntnisse, den Hintergrund zu den Ura Linda Geschichten zu schildern. Sie werden dadurch weniger phantastisch und unglaubwürdig erscheinen.

[16] Die Sammlung enthält zwei Widmungen, die ich als ganz besonders bemerkenswert erachte. — Die erste lautet:

Okke mein Sohn

Diese Bücher sollst Du mit Leib und Seele bewahren. Sie enthalten die Geschichte unseres ganzen Volkes und auch die unserer Vorfahren. Voriges Jahr habe ich sie aus der Flut gerettet, zugleich mit dir und deiner Mutter. Sie waren aber naß geworden, dadurch fingen sie an zu verfaulen. Um sie nicht zu verlieren, habe ich sie auf overländischem Papier abgeschrieben. Falls du sie erbst, muß du sie auch abschreiben, deine Kinder desgleichen, damit sie nicht verloren gehen. Geschrieben zu Ljuwert (Leeuwarden). nachdem Atland versunken ist das dreitausend vierhundertneunundvierzigste Jahr, das ist nach Christenrechnung das zwölfhundert sechsundfünfzigste Jahr.

Hiddo. zugenannt Ura Linda. Wache.

Tatsächlich war das 13. Jahrhundert u.Ztr. in Friesland und Groningen eine Zeit gewaltiger Uberschwemmungen, in der aus dem damaligen Flevosee die spätere Zuidersee mit ihrem breiten Zugang zur Nordsee entstand.

P. Schotel nennt in seiner „Historischen Übersicht”[7] für die Jahre 1164, 1196, 1219, 1222, 1246, 1248, 1249, 1262, 1267, 1287 und 1288 Fluten von oft gewaltigem Ausmaß. Allerdings fehlt hier gerade das Jahr 1255, aber auch in diesem Jahr ist eine Überschwemmung mehr örtlichen Charakters sehr wohl möglich. Deshalb braucht hier keine Fälschung vermutet zu werden.


Die letzte Widmung hat folgenden Wortlaut:

Liebe Erben, um unserer lieben Voreltern willen und um unserer lieben Freiheit willen, tausendmal bitte ich euch, ach Lieben, laßt die Augen eines Mönches doch niemals über diese Schriften schweifen. Sie sprechen süße Worte, aber sie rütteln unbemerkt an allem was unser Friesisch betrifft.

Um reiche Pfründen zu gewinnen, halten sie es mit den fremden Königen; diese wissen, daß wir ihre größten Feinde sind, da wir es wagen zu ihren Leuten von Freiheit, Recht und Fürstenpflicht zu sprechen. Darum lassen sie alles zerstören, was von unseren Vorfahren kommt und was von unseren alten Sitten noch übrig ist. Ach Lieben, ich bin [17] bei ihnen am Hof gewesen. Sollte Wralda es zulassen und wir uns nicht stark machen, so werden sie uns alle vertilgen.

Geschrieben zu Ljudwerd (Leeuwarden) achthundert und drei Jahre nach Christenbegriff.

Liko, zugenannt Ovira Linda.

Auch hier muß man die Zeitumstände bedenken, um diesen Auftrag völlig zu verstehen. Im Jahre 803 u.Ztr. war die gewalttätige Bekehrung und die Unterwerfung West-und Mittelfrieslands bis zum Laubach (niederl. Lauwers) unter die fränkische Königsherrschaft erst kurz zuvor beendet. Der Historiker Felix Dahn schreibt hierüber: „In den beiden nächsten Jahren 733/34 bekämpfte Karl Martell die Friesen. Das Land ward dabei bis zur Vernichtung verwüstet, die „Heiligtümer ihres Götzendienstes” zerschlagen und mit Feuer zerstört. Der ganze Friesenstammn war von den wieder fränkisch gewordenen Westfriesland aus unablässig, sowohl in seinem alten Götterglauben und auch in seiner stolzen, heißgeliebten Freiheit bedroht worden durch die christlichen Priester und die fränkischen Grafen, die stets Hand in Hand gingen”.[8]

Im Jahre 734 fiel Herzog Bobo (oder Boppo) „der Vorkämpfer der Freiheit und der alten Götter” in der Schlacht an der Boornsee oder Middelzee, wo er von Karl Martell geschlagen wurde, was die Unterwerfung und zwangsweise „Bekehrung” Mittelfrieslands einleitete. Auf wie hartnäckigen Widerstand die Christianisierung hier stieß, zeigte die Ermordung des Bonifatius, der sich an der Zerstörung heidnischer Heiligtümer und der Fällung heiliger Eichen eifrig beteiligte. bis er 754 in der Nähe von Dokkum von erzürnten Friesen erschlagen wurde. Noch im Jahre 784 vertrieben die Friesen den christlichen Missionar Liudger, schlossen sich den Sachsen unter Widukind an und konnten von Karl dem Franken — von der Kirche „der Große” genannt — erst nach Jahren endgültig unterworfen werden.

Mit dem Obenstehenden ist genug gesagt um anzudeuten, wie diese zweite Widmung verständlich wird, wenn man sie im Rahmen der damaligen Zeitgeschichte betrachtet. Nach allem, was den Friesen von seiten des fränkischen Staates und der mit ihm verbündeten Römischen Kirche widerfahren war, hatten diese gewiß allen Grund, Priester und Mönche zu fürchten und zu hassen. So gibt es hier keinerlei Veranlassung an eine Fälschung zu denken. (Die Bedeutung des Namens, Wralda wird später zu erörtern sein.)

[18] Für unsere weitgehende Entfremdung von der eigenen Volksart und Geschichte ist es bezeichnend, daß das Todesjahr des Bonifatius — 754 — bis vor kurzem in den Niederlanden von allen Schülern der Volksschule gekannt werden mußte, während die Jahreszahl der Schlacht and der Boornsee — 734 — selbst den Lehrern unbekannt war.

Kapitel I — Die Schriften Adelas und Apollonias

[19] Die Sammlung der sogen. Ura Linda Handschriften besteht aus zwei Hauptteilen, die nach den in ihnen gegebenen Datierungen in ihren Entstehungszeiten um 250 Jahre auseinander liegen.

Der Ausgangspunkt der hier zugrundeliegenden Zeitrechnung ist dabei der „Untergang von Atland” — d.i. Atlantis —, der auf 2193 v.d.Ztr. angegeben wird.

Man darf deshalb vermuten, daß die Sammlung unvollständig ist und große Teile durch irgendwelche Ursachen verloren gegangen sind.

Das altfriesische Original der Handschriften wird jetzt unter Verschluß in der Provinzial-Bibliothek zu Leeuwarden aufbewahrt.

Die erste Hälfte ist größtenteils das Werk einer Frau, die hier Adela genannt wird, und soll 558 v.d.Ztw. verfaßt worden sein. Ihre Niederschrift wurde von ihrem Sohn Adelbrost und ihrer Tochter Apollonia fortgesetzt. — Die zweite Hälfte soll um das Jahr 300 v. von Frethorik und Anderen, von denen der Letzte unbekannt geblieben ist, niedergeschrieben sein.

Wenn man nun aus der ersten Hälfte, außer den hier gegebenen Gesetzen und den mythischen Stellen, auch die älteren Berichte, die auf Adelas Befehl von Inschriften auf Türmen oder aus anderen Schriften gesammelt und abgeschrieben worden sind und ausdrücklich als solche bezeichnet werden, beiseite läßt, dan bekommt man eine fortlaufende und zusammenhängende Erzählung, die an innerer Logik nichts zu wünschen übrigläßt. Das logische Ende dieser Erzählung ist dann am Anfang der zweiten Hälfte zu finden, wo eine Anzahl Seiten (114, 115, 116, der größte Teil von 117 und die letzten Zeilen von 118 anfangend mit „als unsere Länder wieder gangbar wurden”), zu Unrecht dem Frethorik zugeschrieben werden, da sie noch zur Niederschrift der Apollonia gehören. Offenbar sind die Blätter der Handschriften hier durcheinander geraten. Das erscheint deshalb möglich, weil man vor dem 14. Jahrhundert die Blätter einer Handschrift nicht paginierte.

Aus dem Inhalt der ersten Hälfte der Sammlung, die wir hier nicht ausführlich wiederholen wollen, können wir nur das Wesentliche schildern:

[20] Es ist hier die Rede vom Lande der Fryas, der Kinder der von der Erde (Irtha) geborenen Frya, das sich nicht nur über das Gebiet der Ingwäonen von der Schelde bis Jütland, sondern auch über die Dänischen Inseln und über das südliche Schweden, Schonland, erstreckte. Das Land wurde von auf drei Jahre gewählten Königen und gewählten Beambten regiert, stand aber unter der Oberaufsicht einer auf Lebenszeit gewählten „Volksmutter”, die auf ihrer Burg Texel (tex-land) wohnte. (Die benutzte altfriesische Schrift, aus den Teilen des Jols — des Sonnenrades — gebildet, kennt keine großen Buchstaben und als Satzzeichen nur Punkte.) In dieser Burg auf Texel, wie auch auf anderen Burgen, befand sich ein Turm und in diesem eine „ewig brennende Lampe” (foddik). — Das Land der Fryas wurde von aus dem Osten kommenden Finnen (finna) und Magyaren (magyara) angegriffen, deren Oberhaupt als der Magy bezeichnet wird. — Während Prof. Wirth Magyara mit Priester übersetzt, denkt Overwijn an Magier oder Schamanen.[9] Beide Bezeichnungen sind aber, wie aus dem Zusammenhang hervorgeht, bestimmt unrichtig. — Zunächst eroberte der Magy den östlichen Teil Schonlands, aber „über die Berge und über die See wagte er nicht zu kommen”.

Etwas später, angeblich 591 v., benutzte er einen strengen Frost, der den Sund zufrieren ließ, zur Unterwerfung der „Denemarken”.

Zwei Jahre darauf unternahm er, während einer stürmischen Nacht in leichten Booten mit dänischer Besatzung, einen Überfall auf die Burg von Texel. Die Volksmutter Frana geriet schwerverwundet in Gefangenschaft und wurde, als sie sich nicht unterwerfen wollte, über Bord geworfen und ertrank. In einem darauf folgenden Seegefecht bei Medemblik (medeas blik) wurde ein Teil der Flotte des Magy in Brand geschossen, während dieser selbst den Tod fand. (Ein humanistischer Abschreiber will den Namen dieser westfriesischen Stadt von Medea ableiten, doch heißt Medemblik in frühmitelalterlichen Quellen Medemolaca bezw. Medemelaca).

Sieben Monate später findet in Groningen (grenega) eine Volksversammlung statt, auf der Adela als Volksmutter gewählt wird. Diese schlägt die Wahl aus, weil sie Apol, den „Grietmann” Ostflielands heiraten will. Die Folge hiervon ist, daß keine Volksmutter gewählt wird, und da man obendrein dem König (kening) Ljudgert, der zu Dokkum residiert, mißtraut, weil er im Verdacht steht, seine Macht ausbreiten zu wollen, breiten sich Zügellosigkeit und Anarchie aus. Der Magy benutzt diese Schwächung der zentralen Gewalt, um seine Macht [21] bis zur Weser auszubreiten, während die Golen — die Gallier — das im Süden der Schelde gelegene Land in Besitz nehmen.

Unter diesen bedrohlichen Umständen wird dreißig Jahre nach der Ermordung Franas, also 550 v., wieder eine Volksversammlung abgehalten. Adela erhält das Wort und sagt, der Magy habe nur durch Arglist und unter Ausnutzung der Habsucht der Herzöge und des Adels gesiegt und nicht durch Waffengewalt. Die Bevölkerung der verloren gegangenen Gaue sei bereits so sehr entartet, vermischt und entsittlicht, daß es nicht ratsam sei, diese zurückerobern zu wollen. Der Magy mache sich des Kinderraubes schuldig und versuche, die Herzöge und den Adel durch das Versprechen, ihre Würde erblich zu machen, zu gewinnen. Um der umsichgreifenden Unordnung entgegenzutreten, müsse vor allem eine neue Volksmutter gewählt werden. Hierfür schlägt sie Tüntja, die Burgfrau von Medemblik, vor.

In den Schriften des Brunno wird weiter berichtet, wie es einer anderen Burgfrau gelingt, die Wahl Tüntjas zu verhindern, die aber nicht ihre eigene Wahl durchsetzen kann. Hierüber erbittert, flieht diese zum Magy, der sie zur Mutter einsetzt. Ihr Sitz ist auf der Godaburg in Schonland (Gotenburg?). Sie rät dem Magy, Adela ermorden zu lassen, und es gelingt einem magyarischen Reitertrupp, entlang den Pfaden des Lindawaldes, unbemerkt bis in die Nähe von Staveren vorzustoßen, und nach Ablauf eines Maifestes wird Adelas Haus überfallen und diese, in den Schriften so stark hervortretende, merkwürdige Frau von einem vergifteten Pfeil tödlich getroffen. Adelbrost, ihr Sohn, erachtet die Lage als hoffnungslos, und zwei Monate später wird seine Leiche verstümmelt auf dem Hof seines Vaters aufgefunden.

Sein jüngerer Bruder Apol[10] baut an der Westküste Schonlands die Lindasburg (bei Kap Lindesnäs?) und bekämpft von hier aus jahrelang den Magy. Auch der gegründete Adelsbund kann die immer bedrohlicher werdende Lage nicht ändern, da viele Burgherren verräterische Beziehungen zum Magy unterhalten. — Mord und Zwietracht greifen weiter um sich, und „drei Jahre später war der Magy Herr ohne Kampf”.


Den Erzählungen nach werden bald hiernach durch eine gewaltige Überschwemmung alle Burgen des Landes, alleine mit der Ausnahme der Fryasburg auf Texel, zerstört. Alle Wälder werden mitsamt ihrem Untergrund weggeschwemmt. Als das Wasser sich nach einem furchtbaren Winter verzieht, läßt es in Ostflieland 30, in Westflieland 50 salzige Seen und Tümpel zurück. Apollonia. Tochter Adelas, findet bei [22] ihrer Rückkehr im folgenden Wonnemonat ihre Burg Ljudgaarde zerstört, die benachbarten Wälder sind verschwunden, das nördlich angrenzende Land ist in der See versunken.

In einer dem Frethorik zugeschriebenen Schrift aus der zweiten Hälfte der Handschriften ist dann (S.143) vom Wiederaufbau des verwüsteten Landes die Rede. Innerhalb des Ringwalles der zerstörten Burg baut man Häuser und errichtet ein Dorf Ljudwerd, während das Land außerhalb des Ringwalles dem Meer überlassen bleibt. An geeigneten Stellen werden Gräben gezogen und Deiche gebaut. Deutlich wird hier mit Ljudwerd das heutige Leeuwarden gemeint, das im frühen Mittelalter am Ufer der Bordine, oder Middelzee, gelegen war, ein Meeresarm, der später wieder zugeschwemmt ist, dessen Entstehung aber hier erzählt wird.[11] Im Friesischen heißt Leeuwarden noch immer Ljouwerd, was bereits aus 1149 belegt ist. (Vgl. die Karte am Ende des Buches.)

* * *

Fragt man sich nun, in welchen Abschnitt der bekannten Geschichte diese hier kurz geschilderte Erzählung eingefügt werden könnte, so ist von vornherein deutlich, daß hier das 6. Jahrhundert v.d.Ztw. nicht infrage kommen kann. Die geschilderten Ereignisse finden in unserem bisherigen Geschichtsbild für diese Zeit keinen Anhalt, und das Wirken von Finnen und Magyaren scheint uns hierfür undenkbar. Dagegen entspricht der finnisch/magyarische Vorstoß der 1000 Jahre späteren Zeit des Hunneneinfalls. Es muß eine Verwechselung der beiden Hälften der Schriften stattgefunden haben, was sehr gut dadurch möglich ist, daß die Handschriften weder geheftet, noch die Blätter numeriert waren. Die Numerierung eines Manuskriptes soll erst im 12., die Paginierung im 14. Jht üblich geworden sein.[12] Nachdem die Verwechselung geschehen war, hat man die nicht mehr übereinstimmende Datierung der beiden Hälften dadurch wieder in Einklang gebracht, daß man das Anfangsjahr der genannten Zeitrechnung um 1000 Jahre zurückverlegte. Es ergibt sich dann, daß der Untergang von Atlantis ursprünglich auf 1193 v.d.Ztr. angegeben war.

Auch Dr. Ottema hatte schon an der Richtigkeit der Jahreszahl gezweifelt, was aus seiner Korrespondenz mit Cornelis Over de Linden hervorgeht.[13]

Diese Zeitangabe stimmt dann merkwürdigerweise mit der Auffassung Spanuths überein. Auch liegt nach den Handschriften Atlantis im gleichen Gebiet, wie bei diesem Autor: vor der Westküste Schleswig-Holsteins.

[23] Die kleine Verwechselung, nach der der Schluß der Schrift Adelas Fretorik zugeschrieben wurde, ist vermutlich eine Folge der Verwechselung der beiden Hälften gewesen. Um dessen Urheberschaft annehmbar zu machen, ließ man ihn auf S.114 angeblich Jugenderinnerungen erzählen, und um einen besseren Zusammenhang zu bekommen, mußten er und seine Frau Wiljo bei ihrer Rückkehr aus den „Sachsenmarken” die Entdeckung machen, daß sie beide Nachkommen Adelas waren. Wie sehr die Handschriften durcheinander gerieten wird auch aus der Tatsache deutlich, daß in der jetzigen 2. Hälfte die Seiten 193 und 194 fehlen, während die letzte Schrift des unbekannten Autors, die ursprünglich zur jetzigen 1. Hälfte gehörte und in der Zeit des Frankenkönigs Chlodwig spielt, am Ende stehen geblieben ist und plötzlich abbricht.

Folgende Gründe sprechen noch für die Richtigkeit meiner Annahme, daß die in den Schriften Adelas und ihrer Kinder erzählten Ereignisse in den Zeitabschnitt von 400 bis 451 nach d.Ztr. gehören:

  1. Es wird hier geschildert, wie aus dem Bundesstaat der Ingwäonen, der in der Handschrift „fryaland” genannt wird, durch den Gebietsverlust der östlichen Teile das frühmittelalterliche Friesland entstand von der Schelde (bezw. dem Sincfal, dem heutigen Zwin) bis zur Weser. Da in den Handschriften von „unseren Staaten” geschrieben wird, können wir Fryaland als einen solchen auffassen. Dieser Bundesstaat kann aber nicht vor der römischen Zeit zustandegekommen sein.
  2. Das geschilderte Friesland grenzt im Osten an die „Sachsenmarken”, den sächsischen Stämmehund, der sich erst um 250 n. gebildet hat. Zur Römerzeit waren die Sachsen nur ein kleines Volk in Holstein.
  3. Eine gewaltige Überschwemung im sechsten Jahrhundert v. ist sehr unwahrscheinlich. Das Küstengebiet der Nordsee lag damals beträchtlich höher als in späterer Zeit. Das geht auch daraus hervor, daß man erst im 3. Jhdt v. mit der Anlage von Terpen und Wurten begann.
  4. Friesland war in der römischen Zeit noch stark bewaldet. Die große Überschwemmung hatte also damals noch nicht stattgefunden. Sie ist um 450 nach zu datieren.
  5. Die Handschriften nennen in Friesland mehrere Burgen und größere Ortschaften — vielleicht Städte —, wie Groningen, Medemblik, Staveren (stavora oder stavre), Leiden (lydasburg) und vielleicht Enkhuizen (aldega-muda). Sollten diese schon lange vor der Zeitwende [24] bestanden haben, dann wäre es unerklärlich, daß die römischen Autoren nichts davon wußten.

Aus allen diesen Gründen kann als feststehend angenommen werden, daß die Schrift Adelas erst 442 nach der Ztw. und ihre Fortsetzung durch Apollonia um 445 n. verfaßt worden ist. Auch die vielumstrittene Reise Apollonias den Rhein hinauf, auf der sie die Pfahldorfbewohner in der Schweiz, die Marsaten, besuchte, wird um dieses Jahr anzusetzen sein. Diese Reise wurde von Dr. Ottema als schlagender Beweis für die Echtheit der Handschriften angeführt, da die Überreste der Pfahldörfer erst 1859 entdeckt worden waren und ihre frühere Existenz einem Fälscher aus der ersten Hälfte des 19. Jhts. nicht hätte bekannt sein können.

Professor Oskar Paret, der aus schwerwiegenden Gründen, vornehmlich technischer Art, die ehemalige Existenz von Pfahldörfern im Alpenvorland bestreitet, hat aber die längs der Seeufer gefundenen Pfahlwälder als Überreste ebenerdiger Wohnhäuser erklärt.[14] Wenn er recht hat, was — wie ich glaube — der Fall ist, dann würde die Erwähnung der nicht existierenden Pfahldörfer eher für eine Fälschung sprechen und das Hauptargument Ottemas in sein Gegenteil umkehren. Es ist deshalb notwendig, diese Stelle näher zu untersuchen.

Apollonia berichtet wörtlich (S.107)

Uber den Rhein, zwischen den Bergen habe ich die Marsaten (mârsâta) gesehen. Die Marsaten sind Menschen, die auf den Seen (uppa mâra) wohnen. Ihre Häuser sind auf Pfählen gebaut (up pälum buwad). Das ist wegen des wilden Getiers und der bösen Menschen. Es gibt daselbst Wölfe und Bären, und sie sind die Nachbarn oder Angrenzer der Nahen Südländer (kreka lander), der Kelten und verwilderter Deutscher (twiskar = Deutsche oder Germanen), alle begierig nach Raub und Beute. Die Marsaten ernähren sich durch Jagd und Fischerei.

Die Häute werden von den Frauen gereinigt und mit Birkenrinde bearbeitet. Die kleinen Häute sind weich wie Frauenfilz. Die Burgfrau von Neu Fryasburg (Freiburg i/Breisgau?) sagte uns, daß sie gute und einfache Menschen sind, aber wenn ich sie das nicht vorher hätte sagen hören, würde ich gemeint haben, sie seien keine Fryas (hier = Germanen), sondern Wilde, so wüst sahen sie aus. Ihre Felle und Kräuter werden von den Anwohnern des Rheins verhandelt und von den Schiffern ins Ausland gebracht.

Längs der anderen (linken) Seite des Rheines war es geradeso bis Leiden (Lydasburch). Dort gab es einen großen Graben, auf dem auch [25] Menschen wohnten, die Häuser auf Pfählen hatten. Aber das war kein Fryasvolk. Es waren schwarze und braune Menschen, die als Ruderer gedient hatten, um den Außenfahrern nach Hause zu helfen. Sie mußten dort bleiben, bis die Flotte wieder ausfuhr.

Unter Krekaländern werden in den Handschriften die Länder des Mittelmeeres verstanden, zunächst Griechenland, dann aber auch Italien und die anderen romanischen Länder. Hier ist mit diesem Namen wohl die romanisierte Bevölkerung der Schweiz gemeint. — Die Bezeichnung Fryas wird im engeren Sinne für die Ingwäonen im weiteren Sinne für Germanen im allgemeinen gebraucht. Es scheint sogar möglich, daß mit diesem Namen bisweilen die nordische Rasse gemeint ist.

Es ist bemerkenswert, daß dieser Reisebericht nirgends gegen die bekannten historischen Tatsachen verstößt. Um 450 waren die Alemannen, die im Jahre 260 die wichtige Stadt Aventicum zerstört hatten, bestimmt bereits in der Schweiz ansässig. Während im Westen der Schweiz noch Reste der romanisierten Bevölkerung wohnten, war der östliche Teil dieses Landes so wenig latinisiert, daß in Graubünden bis ins 5. Jahrh. keltisch gesprochen wurde. Schließlich sei daran erinnert, daß die Friesen in der fränkischen Zeit längs des Rheines einen lebhaften Handel bis in die Schweiz hinein betrieben, die ihnen also bekannt war. — Tacitus nennt (hist. 4,56) Marsaci im Zusammenhang mit dem Aufstand des Claudius Civilis in den Niederlanden. Wo diese Gruppe — ein Volksstam sind sie wohl nicht gewesen — wohnte, ist unsicher: man hat sie zwischen der Zuidersee und Leiden vermutet. Die Umgebung von Leiden war im frühen Mittelalter besonders sumpfig, und es gibt hier noch heute einen Seitenarm des Rheins, der Mare heißt.

Es bleibt die Frage, ob im 5. Jahrh. n.d.Ztr. an bestimmten Stellen der Schweiz und der Niederlande Wohnsiedlungen auf Pfählen auf dem Wasser bestanden haben. An die bekannten von Paret und anderen untersuchten „Pfahlbaudörfer”, die zu dieser Zeit schon längst überschwemmt waren, ist hierbei sicherlich nicht zu denken. Diese Bevölkerung trieb Ackerbau und Viehzucht und hinterließ ein reiches Kulturinventar, während die von Apollonia in der Schweiz besuchten Pfahldorfbewohner von Jagd und Fischfang lebten, also noch auf einer niedrigeren Kulturstufe standen, die im Boden Kaum Spuren hinterlassen haben dürfte. Die Schilderungen Apollonias scheinen darauf zu deuten, daß diese Siedlungsgruppe fremder, östlicher Herkunft war. Der Bericht Herodots (V. 16), der Pfahldörfer seiner Zeit in den Seen Mazedoniens beschreibt, deren Bewohner ebenfalls von Fischfang [26] lebten, muß hier erwähnt werden. — Ein Teil der Bevölkerung von Amsterdam wohnt heute noch, in oft recht kümmerlicher Weise, auf Wohnschiffen. — Bei den Zigeunern, die aus dem Osten kommen, ist bis heute das Wohnen in festen Häusern nicht beliebt, und zu Anfang dieses Jahrhunderts zogen sie noch immer lediglich in Wohnwagen umher. Ausnahmen sind also immer möglich.

* * *

Wie paßt nun aber die von den beiden Frauen erzählte Geschichte zu den damaligen Ereignissen in Europa?

Kurz nachdem die Hunnen um das Jahr 375 den Don überschritten hatten, eroberten sie das mächtige Reich der Ostrogoten, dessen König Ermanarik sich den Tod gab.[15] Außer germanischen, slawischen und baltischen Völkern waren auch finnische Völkerschaften dieser weiträumigen Reich untertänig geworden. Der gotische Geschichtsschreiber Jornandes nennt in dieser Beziehung die Meren und Wessen in der Gegend des späteren Moskau und die Mordwinen, Tscheremissen und Permjaken im Stromgebiet der Wolga und Kama. Zusammen mit den türkischen Bulgaren, die an der mittleren Wolga wohnten, waren all diese Völker den Hunnen tributpflichtig geworden, und da auch das finno-ugrische Reitervolk der Moger oder Magyaren, das unter einer türkischen Oberschicht stehend, damals das Gebiet zwischen der Wolga und dem Ural bewohnte, den Hunnen benachbart war, ist es wahrscheinlich, daß auch sie in den hunnischen Machtbereich einbezogen waren.

Die Hauptmacht der Hunnen, die zu dieser Zeit anscheinend keine einheitliche Führung hatten, wandte sich ab 395 gegen das oströmische Reich. In gleicher Stoßrichtung kämpfte auch Attila, der im Jahre 445 die Oberherrschaft im Reiche der Hunnen errungen hatte. — Es müssen aber auch im Norden damals furchtbare Angriffe der aus Osten kommenden Völker stattgefunden haben, denn nicht ohne Grund werden die Burgunden, Vandalen und Sueben ihre ostdeutschen Sitze verlassen haben und dann 405 in Italien und 406 in Gallien eingefallen sein. — Die Hunnen werden den Angriff auf Norddeutschland anscheinend den finnischen Horden überlassen haben, und offensichtlich hat hierbei der türkische Magyarenfürst, „der Magy”, die Führung gehabt.

Vermutlich überrannten zur gleichen Zeit die Suomi Finnland, nach welchem Land später die ganze Gruppe dieser finno-ugrischen Völker benannt wurde, und eroberten von dort aus den südlichen Teil [27] Schwedens, der im Ura-Linda-Bok Schonland genannt wird, das als erstes Land vom Magy erobert wurde. Dessen weiterer Angriff auf Dänemark 409 ist ebensogut möglich, wie der erzählte zwei Jahre später erfolgte Überfall auf die Burg von Texel. Wahrscheinlich hat diese hunnische Invasion in ihre Wohngebiete auch die Übersiedlung ganzer Gruppen von Angeln, Sachsen und Jüten nach Britannien veranlaßt, was schon früher vermutet worden ist.

Attila selbst ist in diesem Winkel seines Reiches wohl nie erschienen, obwohl er auf einem seiner Kriegszüge die Ostsee erreicht haben soll. Die zahlreichen römischen Münzen aus der Zeit von 400 bis 450, die man auf Bornholm, Öland und Gothland ausgegraben hat, machen es wahrscheinlich, daß diese Inseln in seinen Machtbereich geraten waren. Der griechische Historiker Priskos, der als Mitglied einer oströmischen Gesandtschaft 449 Attilas ungarische Residenz besuchte, vernahm dort, daß dieser auch über die „Inseln im Ozean” herrschte, womit nur die dänischen und friesischen Inseln gemeint sein können. Erst kurz vor seinem Einfall in Gallien, der mit der Schlacht auf den Catalaunischen Gefilden 451 endete, unterwarf Attila die rechtsrheinischen Franken und Alemannen und breitete hierdurch seine Herrschaft bis an den Rhein aus. — Es ist wahrscheinlich, daß zur gleichen Zeit der Magy Friesland für kurze Zeit unterwarf.

Auch die Art der Regierung Attilas ist hier in Betracht zu ziehen. Er herrschte durch List und Gewalt, war aber freigiebig gegenüber seinen Untergebenen und seinen Gefolgsleuten. Genauso wird uns der Magy geschildert, der, wie sein Oberherr, seine Macht auf die Mitwirkung der Fürsten und des Adels der unterworfenen Völker aufzubauen versuchte.

Auch wenn Adela dem Magy vorwirft, durch Begünstigung der Rassenmischung und der hiermit verbundenen Demoralisierung den Widerstand des Fryavolkes endgültig brechen zu wollen, so entspricht dies völlig den Hertschaftsmethoden Attilas.

Immer wieder hat jede imperialistische Macht versucht, auf diese Weise völkischen Widerstand zu brechen.

Die Hunnen waren, wie die Finnen, sehr abergläubig und ihre Heere wurden immer von Schamanen begleitet, die den Feind durch Hervorrufen von Visionen zu erschrecken versuchten.[16] Im Ura-Linda-Bok heißen diese Zauberer Priester (prestera), und es wird auch hier vom Aberglauben der Finnen gesprochen.

Die Finnen und die Magyaren (Ungarn) sind auch die ersten Völker, [28] die sich in den von den germanischen Völkern geräumten ostdeutschen Gebieten angesiedelt haben. Ihrem Einfluß ist es wohl zuzuschreiben, daß in Norddeutschland sowie auch in Dänemark und den niederländischen Provinzen Groningen und Friesland, inmitten einer überwiegend nordischen Bevölkerung und abnehmend nach dem Westen, Menschen zu finden sind, die den ostbaltischen oder einen dunkel-mongolischen Rassetypus mehr oder weniger deutlich zeigen. — Slawischem Eindfluß ist diese Beimischung nicht zuzuschreiben, da die Slawen, solange sie noch in ihrer Urheimat beisammenwohnten, zur nordischen Rasse gehörten. Erst in einer späteren Zeit wurde das Gebiet östlich von Elbe und Saale sprachlich slawisiert, aber in all den genannten Gebieten hat die finno-ugrische Invasion in der heutigen Bevölkerung seine Spuren hinterlassen. Auch hier findet das Heute in der Vergangenheit seine Erklärung.

Zum Schluß sei hier noch auf Folgendes hingewiesen. Ebenso wie die Mägdeburg von Apollonia, die sie eingehend beschreibt, waren auch die späteren Burgen der Normannen rund und von einem niedrigen Erdwall umgeben.[17] Der Hauptort der heutigen Insel Texel heißt Den Burg und die einzigartige und jedenfalls sehr alte Burg der Stadt Leiden ist rund, obwohl mit einer Ringmauer versehen.

Merkwürdig ist es ferner, daß bei Ausgrabungen in den Wurten (Terpen) der friesischen Marschen beiderseits der heutigen Staatengrenze Spuren einer gewaltigen Überschwemmung gefunden wurden. Man spricht von der zweiten marinen Transgression, die im 5. Jahrhundert nach der Ztw. stattgefunden haben soll. Dr. W. Haarnagel, der in den fünfziger Jahren die Feddersen Wierde in der Landschaft Wursten (rechts der Wesermündung) untersuchte, fand dort die Reste von sieben Dörfern, die alle in der genannten Zeit verlassen worden waren. Ihr Untergang spiegelt die Entvölkerung der ganzen Küstenzone östlich der Weser wider, die menschenleer blieb, bis um das Jahr 700 Wursten aufs neue — diesmal von Friesen — kolonisiert wurde. In Ostfriesland stellte Dr. W. Reinhardt eine Unterbrechung der Besiedlung während dieses Zeitabschnitts fest.

Die Ergebnisse der Ausgrabungen, die man in den Terpen von niederländisch Friesland vorgenommen hat, stimmen mit diesen deutschen Befunden überein. In der großen Wurte von Ezinge (Provinz Groningen) stellte Prof. Van Giffen in den späteren Schichten das Verschwinden der großen friesischen Bauernhöfe fest. An deren Stelle erschienen kleine Hütten von sächsischen Ansiedlern, während die einheimische [29] Keramik von Töpfen mit angelsächsischer Dekoration abgelöst wurde. Der Anthropologe J. Huizinga fand eine Diskontinuität im kraniologischen Material, die er aus einer Invasion erklärte. Ein anderer Untersucher, Mr. H. Halbertsma, wies darauf hin, daß viele Wurten im Verlauf des 4. (?) Jahrhunderts verlassen wurden und dachte in dieser Beziehung an die möglichen Folgen der oben genannten zweiten marinen Transgression. In Übereinstimmung damit meinte Dr. M. Gysseling, daß die friesischen Ortsnamen, die in ihrer ersten Silbe einen Personennamen enthalten und mit einem Suffix, wie — ingja oder — heim enden, aus den „Dunklen Zeiten” stammen; in dieser Periode soll Friesland beinahe all seine heutigen Ortsnamen erhalten haben.

Obwohl nun etliche Gelehrte als Ursache dieser Entvölkerung und des sie begleitenden kulturellen Niederganges eine — nicht zu beweisende — angelsächsische Invasion angenommen haben, durch die die küstennahen Distrikte Frieslands systematisch zerstört sein sollten, faßt A. Russchen, dessen englisch geschriebenem Werk[18] die hier oben genannten Einzelheiten entnommen sind, sein Urteil wie folgt zusammen (Kursiv von mir):

In Anbetracht der Beiträge von Dr. Huizinga, Mr. Halbertsma und Dr. Gysseling bin ich anderseits geneigt, an etwas heftigeres (something more vehement) als gerade an einen Wechsel in kulturellen Einflüssen zu denken”. Und weiter „in diesem Stadium ist es vielleicht möglich, sich auf die Formel einer Kombinaton verschiedener Faktoren, klimatologische sowohl wie menschliche zu einigen, die Friesland bis in seine Grundlagen erschütterte.

Die Angaben über eine gewaltige Überschwemmmung, die um 450 u.Ztr. ganz Friesland zerstörte, die in der Schrift Apollonias enthalten sind, werden also von der Archäologie vollauf bestätigt.

Noch in einer anderen Hinsicht aber haben Bodenfunde die in den Handschriften enthaltenen Berichte als richtig erwiesen.

In der oben bereits genannten Feddersen Wierde entdeckte Dr. Haarnagel die Spuren einer mannigfaltigen handwerklichen Tätigkeit und eines lebhaften Handelsverkehrs, vornehmlich mit dem römischen Reich. Emden und das nahegelegene Groothusen sieht er aber als richtige Handelsniederlassungen an, die in ihrer Anlage Prototypen des späteren Dorestad darstellen. In Mittelfriesland nennt Halbertsma als solche Handelsplätze Harlingen, Leeuwarden, Dokkum, Tzum und eine Reihe anderer Ortschaften. Auch das sich in den Handschriften entrollende Bild von den sozial-ökonomischen Verhältnissen im [30] damaligen Friesland, das sicherlich nicht rein agrarisch war, sondern durch Handel und Schiffahrt blühte, wird also durch die Bodenfunde bekräftigt.

Ich schließe noch eine kurze Zeit-Übersicht an:

  • 375 Eindringen der Hunnen in Osteuropa. Untergang des ostrogotischen Reiches.
  • 375/400 Finno-ugrische Völker erobern Finnland und Südschweden (Schonland). Sie besetzen Ostdeutschland.
  • 409 Der Magyarenfürst (Magy) erobert Dänemark.
  • 411 Ermordung der Volksmutter Frana. Der Magy wird in einem Seegefecht bei Medemblik geschlagen.
  • 411/441 Zunehmende Bedrohung Frieslands durch Magyaren und Finnen. Diese unterwerfen das Land östlich der Weser.
  • 412 Volksversammlung zu Groningen. Zunehmende Anarchie.
  • 441 Adelas Auftreten in einer Volksversammlung. Die Wahl einer neuen Volksmutter wird vereitelt.
  • 444 Ermordung Adelas durch magyarische Reiter. Ermordung Adelbrosts. Apol baut in Schonland die Lindasburg.
  • 445 Reise Apollonias längs des Rheines. Sie besucht die Pfahldorfbewohner (Marsaten) in der Schweiz. Ermordung ihres Vaters. Der Magy wird Herr ohne Kampf. Attila wird Großkhan.
  • 450/451 Eine große Überschwemmung zerstört in Friesland alle Burgen außer der auf Texel. Die Wälder sind zerstört. Entstehung der Bordine oder Middelzee. Gründung von Leeuwarden. Ende der magyarischen Unterjochung. Ende der Hunnenherrschaft in Mitteleuropa.

Kapitel II — Die Schriften Konered und Beden

[31] Die Ausdeutung dieser beiden Schriften hat ihre Schwierigkeiten. So ist in den Schriften von Konered nicht angegeben, welche der von ihm berichteten Ereignisse seiner Zeit angehören, und welche in eine frühere Zeit fallen, also von ihm einer älteren Vorlage entnommen sind.

Von den Schriften von Beden ist ein großer Teil verloren gegangen. und es bleibt hierdurch ungewiß, ob er auch als Verfasser der im dritten Kapitel noch zu behandelnden Geschichte des Königs Askar anzusehen ist. Trotz diesen Schwierigkeiten ist es aber doch möglich, auch hier Klarheit zu schaffen.

Die Schrift ron Konered

„Meine Ahnen haben nacheinander dieses Buch geschrieben. Ich will das vor allem tun weil in meinem Land keine Burg mehr ist, an der wie ehedem die Ereignisse aufgeschrieben werden. Mein Name ist Konered (Konrad). Meines Vaters Name war Frethorik, meine Mutter war Wiljow. Nach dem Tode meines Vaters bin ich zu seinem Nachfolger gewählt worden, und als ich fünfzig Jahre zählte, wählte man mich zum obertsen Grevetmann.

Mein Vater hat beschrieben, wie die Linda-Orte und die Liudgaarden (niederl. gaarde = Garten) zerstört worden sind. Lindahem ist noch weg und die Linda-Orte zum Teil, Die nördlichen Liudgaarden sind von der salzigen See verschlungen. Das brausende Meer frißt an dem Ringdeich der Burg. Wie es mein Vater berichtet hat, sind die ihrer Habe beraubten Menschen hingegangen und haben Häuschen innerhalb des Ringdeiches der Burg gebaut. Deshalb ist der Rundteil (ronddel) jetzt Liudwerd geheißen. Die Seeleute sagen Liuwert, aber das ist eine falsche Aussprache”.

Konered beschreibt dann weiter, wie in seiner Jugend alles Land außerhalb des Deiches sumpfig war, die Fryas aber Gräben gegraben und Deiche aufgeworfen und hierdurch wieder eine gute „Hemrik",[19] d.i. eine gemeinsame anbaufähige Feldmark bekommen haben. Es werden [32] Pfähle eingerammt, um einen Hafen anzulegen und den Ringdeich zu schützen, und die kleinen Häuser werden ausgebaut und vergrößert.


Es ist deutlich, daß die nun folgenden Ausführungen (S. 144-147 des Originals) die Fortsetzung der Geschichte der Geertmänner (S. 119-131 des Originals) sind, die erst im VIII. Kapitel zu behandeln ist. Um den Leser nicht zu verwirren, wird dieser Teil der Schrift, der die Überschrift „Nun will ich über Friso schreiben” trägt, hier fortgelassen; der Leser findet ihn am Ende des achten Kapitels.


In welcher Zeit Konered selbst gelebt hat, sieht man aus seinem Vorwort. Er sah in seiner Jugend in seiner nächsten Umgebung in der Nachbarschaft von Liudwerd, dem späteren Leeuwarden (fries. Ljouwerd) die Folgen der verheerenden Überschwemmung von 450 n.d.Ztr. Er erwähnt die dadurch entstandene Middelzee und war im reiferen Alter Zeuge des Wiederaufbaues.

Es scheint deshalb richtig, die Entstehung seiner Schrift, in deren folgendem Teil er die Geschichte seiner eigenen Zeit behandelt, auf ungefähr 470 n. anzusetzen.

Es wirkt aber verwirrend, daß in dieser Fortsetzung wiederum ein Friso genannt wird, was beim oberflächlichen Lesen den Eindruck erwecken kann, daß beide Teile in der gleichen Zeit spielen und zusammengehören. - Ein so berühmter Name wie Friso wird aber in Friesland oft vorgekommen sein.


„Nun muß ich mit meine Geschichte zurückkehren.

Nach der großen Flut, worüber mein Vater geschrieben hat, waren viele Jüten (jutter) und Letten (lêtne) mit der Ebbe aus der Balda- oder Böse-See geführt worden. Beim Kattegat (kathisgat) trieben sie mit ihren Boten mit dem Eis der denemarker Küste zu und sind da sitzen geblieben. Da waren nirgends Menschen in Sicht, darum haben sie das Land in Besitz genommen. Nach ihrem Namen haben sie das Land Jütland geheißen.

Später kamen viele Denemarker zurück von der hohen See, aber diese ließen sich südlicher nieder, und als die Seeleute, die nicht umgekommen waren, zurückkehrten, ging der eine mit dem anderen auf See oder auf die Inseln. Infolge dieses Schicksals durften die Jüten das Land, auf das Wralda sie geführt hatte, behalten. Die seeländischen Schiffsleute, die nicht nur vom Fischfang allein leben wollten und eine große [33] Gegnerschaft gegen die Golen hatten, begannen dann mit der Plünderung phönizischer Schiffe.

In der südwestlichen Ecke Schonlands liegt Lindasburg, zugenannt Lindasnase, von unserem Apol gegründet, so wie es in diesem Buch geschrieben steht. Alle Küstenbewohner und Umländer (ommelandar) waren dort echte Fryas geblieben, aber durch die Lust zum Rachekampf gegen die Golen und Kältana-Anhänger machten sie mit den Seeländern gemeinsame Sache, doch diese Zusammenarbeit hat nicht standgehalten, weil die Seeländer viele üble Sitten und Gebräuche von den Magyaren übernommen hatten, Fryas Volk zum Spott. Daraufhin ging ein jeder für sich selbst auf Raub, doch wo es sich traf standen sie einander treulich bei”.

Es wird weiter erzählt, wie die Seeländer zuletzt Mangel an guten Schiffen bekamen, weil ihre Wälder fortgeschwemmt und ihre Schiffsbauer umgekommen waren. Sie sandten deshalb drei Schiffe nach Friesland, die aber infolge der Zerstückelung der Küste die Fliemündung verfehlten und bei der Burg des Konered (ljudwerd) landeten. Der mitgefahrene Kaufmann will von ihm gegen geraubte Ware Schiffe erwerben. Da Konered selbst keine Schiffe hat, läßt er ihn weiter zu Friso reisen, „denn zu Staveren und das Alderga entlang wurden die besten Kriegsschiffe gebaut. Sie waren aus hartem Eichenholz in das keine Fäulnis hineinkommt".

Zu gleicher Zeit waren auch einige Jüten bei Friso erschienen, die sich über den Kinderraub der Seeländer beklagten, die Knaben mußten ihnen als Ruderer dienen und die Mädchen sollten ihnen Kinder gebären.

Die Jüten klagten, sie könnten das den Seeländern nicht verwehren, weil sie keine guten Waffen hätten. Friso bedingt sich dann einen Hafen in ihrem Lande aus und verspricht dessen Eingang durch Anlage einer Burg zu schützen. Dann erscheinen die Seeländer an seinem Hof und bringen ihr Gesuch bezüglich des Ankaufs von Kriegsschiffen bei ihm vor. Mit diplomatischem Geschick sagt er ihnen die jährliche Lieferung von 50 voll ausgerüsteten Kriegsschiffen zu, aber unter der Bedingung, daß sie künftig die Jüten und alle Fryaskinder in Ruhe lassen. Ja, er sagt noch mehr zu, er wolle alle unsere Seekämpen auffordern, mit ihnen auf Beutefahrt zu gehen.

Als die Seeländer nach Abschluß dieses für alle Beteiligten recht befriedigenden Abkommens abgereist waren, ließ er vierzig alte Schiffe mit Waffen, Holz, hartgebrannten Ziegeln, mit Zimmerleuten, [34] Maurern und Schmieden beladen, um damit Burgen zu bauen. Seinen Sohn Witto sandte er als Aufsicht mit. „Was da geschehen ist, ist mir nicht berichtet worden, aber so viel ist mir deutlich geworden, daß beiderseits des Hafeneinganges eine Trutzburg errichtet worden und mit Volk belegt worden ist, das Friso aus dem Sachsenland herholte. Witto hat Siuchthirte befreit und zur Frau genommen. Wilhelm, so hieß ihr Vater — er was der oberste Alderman der Jüten, das ist oberster Grevetmann oder Graf — ist kurz hiernach gestorben und Witto ist an seiner Stelle gewählt worden”.

* * *

Auch hier hat deutlich ein Abschreiber die Spuren seiner späteren Tätigkeit zu Anfang dieser Geschichte hinterlassen.

Es kann keine Rede davon sein, daß die Jüten, wie hier behauptet wird, sich erst um 470 n.d.Ztr. in der nach ihnen benannten Halbinsel niedergelassen haben. Diese Angabe steht auch im Widerspruch zu den Geschichten von Wodin und Tünis, wo die Jüten als ein alt eingesessenes Volk hingestellt werden (vergl. Kap. VI). Die Letten, die zu jeder Zeit ein reines Landvolk gewesen sind, können nicht im 5. Jhdt. über See bis nach Jütland vorgedrungen sein, und die Erwähnung von phönizischen Schiffen ist ein arger Anachronismus, durch die der Abschreiber seine mangelhafte Geschichtskenntnis bekundet.

Anderseits aber ist hervorzuheben, daß der weitere Inhalt dieser Erzählung sehr gut mit den bekannten historischen Tatsachen übereinstimmt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß an den bekannten Raubzügen der Angeln und Sachsen, die seit dem Ende des 3. Jahrh. die Küsten der Nordsee und des Ärmelkanals heimsuchten, auch Dänen und Friesen teilgenommen haben, und bekanntlich haben Jüten sich an der germanischen Kolonisation Britanniens beteiligt. Ein Vordringen der Dänen von Südschweden aus über die Inseln bis in den südlichen Teil Jütlands ist in dieser Zeit, dem 5. Jhdt. durchaus wahrscheinlich und es ist nicht unmöglich, daß die Sitten dieses Volkes tatsächlich infolge der vorangegangenen finnisch-magyarischen Fremdherrschaft bis zu einem gewissen Grade verdorben waren. Die Folgen der großen Flut vom Jahe 450 werden auch hier wieder erwähnt, sodaß es möglich ist, diese Schrift mit Sicherheit ungefähr zu datieren. Wenden wir uns jetzt aber ihrer Fortsetzung zu.

Was Friso ferner tat

„Von seiner ersten Frau hatte er noch zwei Schwäger, die recht wacker [35] waren. Hetto, d.i. „der Heiße", den jüngeren, schickte er als Sendboten nach Kattaburg, das tief in den Sachsenmarken liegt. Er hatte von Friso außer seinem Reitpferd sieben Rosse mitbekommen, alle beladen mit köstlichen, durch die Seekämpen geraubten Gütern. Bei jedem Pferd waren zwei junge Seekämpfer und zwei junge Reiter, alle in reichen Kleidern und mit Geld in ihren Beuteln. Wie er Hetto nach Kattaburg sandte, so schickte er Bruno, das ist Braune’, den anderen Schwager nach Mannagarda-Ort. Mannagarda-Ort ist in diesem Buche Mannagarda-Forda geschrieben, aber das ist falsch”. Es wird dann weiter erzählt, wie die Sendboten Geschenke an Fürsten und Fürstinnen austeilen, offenbar um deren Gunst zu gewinnen, während ihre Knappen durch ihre Freigiebigkeit mit Gewürzkuchen und Bier den Neid der sächsischen Jungmannen erwecken. Es fiel ihm dann nicht schwer, viele zur Teilnahme an den Beutezügen zu bewegen. Zur Festigung der friesisch-sächsischen Freundschaft heirateten die beiden Schwäger Frisos Töchter der ansehnlichsten sächsischen Fürsten. Später kamen ganze Scharen sächsischer Jungmannen und Jungmädel zum Fliesee herunter.

Die Burgmägde und die älteren Mägde, die noch von der früheren Größe wußten, „zeigten sich dieser Politik abhold, aber die jüngeren Mägde waren dem Friso ergeben. Sie sagten überall, wir haben fortan keine Mutter mehr weil wir selbständig geworden sind. Heute geziemt uns ein König, damit wir das Land wieder gewinnen, das die Mütter durch ihre Unsorgsamkeit verloren haben”. Falls wieder ein König gewählt werden sollte, so erachteten sie „Friso hierzu von Wralda erkoren, denn er hat ihn wundersam hierhergeleitet. Friso kennt die Ränke der Golen, deren Sprache er spricht, er kann also gegen ihre Listen auf der Hut sein”.

„Die älteren Mägde, obgleich wenige an Zahl, zapften ihre Reden aus einem anderen Faß. Friso, so verbreiteten sie überall, macht es wie die Spinnen, nachts spinnt er seine Netze nach allen Seiten und tagsüber überrascht er dann seine arglosen Freunde. Friso sagt, er möge keine Priester noch fremde Fürsten, ich aber sage, er mag niemanden außer sich selbst. Darum auch will er nicht zulassen, daß die Burg Stavia wieder aufgebaut wird, darum auch will er keine Mutter mehr haben. Heute ist Friso euer Ratgeber, aber morgen will er euer König werden, damit er über euch alle richten kann.

Innerhalb des Volkes entstanden nun zwei Parteien. Die Alten und die Armen wollten wieder eine Mutter haben, aber das junge Volk, das [36] voller Kampfeslust war, wollte einen Vater oder König haben. Die ersteren nannten sich „Muttersöhne” und die anderen nannten sich selbst „Vatersöhne”. Aber die Muttersöhne fanden keine Beachtung, denn weil viele Schiffe gebaut wurden, gab es viel Arbeit und Brot für Schiffsbauer, Schmiede, Segelmacher, Seiler und für alle anderen Handwerksleute. Auch brachten die Seeleute viel Beute an Schmucksachen mit, an denen die Frauen, die Jungfrauen und die Mägde ihre Freude hatten.

Als Friso an die vierzig Jahre in Staveren gewirkt hatte, starb er. Durch seine Bemühungen hatte er viele Staaten wieder zueinander gebracht, aber ob wir dadurch besser wurden, wage ich nicht zu bestätigen. Von allen Grafen, die vor ihm waren, war niemand so berühmt gewesen wie Friso, aber wie ich schon sagte, die jungen Mägde sprachen sein Lob, während die alten Mägde alles taten, um ihn zu tadeln und bei allen Leuten verhaßt zu machen. Zwar konnten die alten Mägde ihn hierdurch nicht in seinen Bemühungen stören, aber sie haben mit ihrem Geschrei doch soviel ausgerichtet, daß er starb, ohne daß er König geworden war”.

* * *

Wie ein Vergleich mit dem im achten Kapitel zu behandelnden älteren Friso lehrt, gibt es zwischen den beiden Gestalten gewisse Übereinstimmungen, die Verdacht erregen könnten. Beide heiraten zum zweiten Male, beide kannten „die Ränke der Golen” — was besagen will, daß sie Auslandserfahrung hatten — und beide waren bestrebt, ihre Macht zu vergrößern, wobei beiden die Stellung einer Volksmutter im Wege stand, die sie am liebsten ganz beseitigen möchten. Es lag dabei in der Natur der Sache, daß tatkräftige und zielbewußte Männer in hohem Führungsamt in einen gewissen Gegensatz zu einer Volksmutter geraten mußten. Ferner ist anzunehmen, daß die Kenntnis ausländischer Verhältnisse auch damals einem Politiker eine gewisse Überlegenheit verschaffte. So bleibt nur die zweite Heirat der beiden Frisos als zufällige Ubereinstimmung, die nicht berechtigt, deshalb an der Verschiedenheit zweier Personen zu zweifeln.

Eine Gleichstellung scheint uns für die beiden Personen nur da vorzuliegen, wo die jüngeren Mägde meinen, Friso sei von Wralda zum König vorherbestimmt, da er (Wralda) „ihn so wundersam hierhergeleitet habe”, Diese Hinzufügung scheint auf den Geertmann Friso Bezug zu haben und dürfte der Feder eines Abschreibers entstammen, der die beiden Frisos miteinander identifizierte. Die Geschichte des [37] zweiten Friso, die hieroben wiedergegeben wurde, spielt deutlich in dem Zeitraum zwischen der großen Flut 450 n. und dem Auftreten des Königs Askar (470?). Sie schildert den ersten noch unentschlossenen Versuch, in Friesland eine Königsmacht zu begründen.

Merkwürdig ist in dieser Geschiche die Angabe, daß schon Friso — wie später König Askar — sich weigerte, die Burg Stavia bei Staveren wieder aufbauen zu lassen. Mit Mannagarda-Ort — fälschlich auch Mannagarda-Forda geschrieben — ist vielleicht das spätere Münster gemeint, das 804 unter dem Namen Mimigardevord[20] dem für die Sachsen von Karl dem Franken ernannten Bischof Liudger als Wohnsitz angewiesen wurde. Dagegen ist es unmöglich die Lage von Kattaburg,[21] das tief in den Sachsenmarken lag, zu bestimmen. Verfolgen wir aber jetzt die Schrift von Konered weiter.

Jetzt will ich schreiben über seinen Sohn Adel

„Friso, der unsere Geschichte aus dem Buch der Adelingen kennen gelernt hatte, hat alles getan, um ihre Freundschaft zu gewinnen. Seinen ersten Sohn, den er hier bei seiner Frau Swethirte gewann, hat er sogleich Adel genannt. Und obgleich er mit aller Macht danach strebte, keine Burgen wiederherzustellen noch aufzubauen, so sandte er doch Adel nach der Burg auf Texland, damit er durch und durch mit allem, was zu unseren Gesetzen, Sprache und Sitten gehört, bekannt würde. Als Adel zwanzig Jahre zählte, ließ Friso ihn in seine eigene Schule kommen, und als er ausgelernt hatte, ließ er ihn durch alle Staaten reisen. Adel war ein liebenswürdiger junger Mann und auf seinen Fahrten hat er sich viele Freunde gewonnen. Deshalb nannte das Volk ihn Atha-rik (Freundereich), was ihm später sehr gut zu statten gekommen ist. Denn als sein Vater gestorben war, blieb er an seiner Stelle, ohne daß von der Wahl eines anderen Grafen gesprochen wurde.

Während Adel in Texland in der Lehre war, befand sich auf der dortigen Burg eine sehr liebenswürdige Maid. Sie kam aus den Sachsenmarken her aus dem Staat, der Suobaland genannt wurde. Darum wurde sie in Texland Suobene genannt, obgleich ihr Name Ifkja war. Adel hatte sie liebgewonnen, und sie liebte Adel, aber sein Vater befahl ihm, noch zu warten, aber sobald sein Vater gestorben und er seinen Platz eingenommen hatte, sandte er sofort Boten zu ihrem Vater Bertholde, ob er seine Tochter zum Weibe haben dürfte. Bertholde war ein Fürst von unverdorbenen Sitten. Er hatte Ifkja in der Hoffnung nach Texland geschickt, daß sie einmal in seinem Lande zur [38] Burgmagd gewählt werde. Allein er hatte ihrer beider Begehren kennengelernt, darum ging er hin und gab ihnen seinen Segen. Ifkja war eine tüchtige Friesin (fryas). Soweit ich sie kennengelernt habe, hat sie immer gewirkt und gestrebt, damit die Fryaskinder wieder unter ein Gesetz und in einen Bund kommen würden.

Um die Menschen zu gewinnen war sie mit ihrem Gemahl von ihrem Vater aus durch alle Sachsenmarken und weiter nach Geertmannja gereist. Geertmannja hatten die Geertmänner ihren Staat geheißen, den sie durch Gosas Zutun bekommen hatten. Von dort gingen sie nach den Denemarken. Von den Denemarken gingen sie zu Schiff nach Texland. Von Texland gingen sie nach Westflieland und so dem Meer entlang nach Walhallagara. Von Walhallagara reisten sie längs des Süderrheins (Waal), bis sie mit großer Gefahr oberhalb des Rheins zu den Marsaten kamen, worüber unsere Apollonia geschrieben hat.

Als sie hier einige Zeit geblieben waren, gingen sie wieder abwärts. Als sie eine Zeitlang bergab gefahren waren, bis sie in die Gegend der alten Burg Aken (Aachen?) kamen, sind unversehens vier Knechte ermordet und nackt ausgeplündert worden. Sie waren ein wenig zurückgeblieben. Mein Bruder, der überall dabei gewesen war, hatte ihnen dies oft verboten, sie hatten aber nicht gehorcht. Die Mörder waren Twiskländer gewesen, die heutzutage dreist über den Rhein kommen, um zu morden und zu plündern. Die Twiskländer sind verbannte und fortgelaufene Fryaskinder, die ihre Frauen von den Tartaren geraubt haben. Die Tartaren sind ein braunes Findasvolk, so genannt, weil sie alle Völker zum Kampf herausfordern (to strida uttarta niederl. „tot de strijd uittarten”). Sie sind alle Reiter und Räuber. Dadurch sind die Twiskländer genauso räuberisch geworden.

Die Twiskländer, die diese Ubeltat begangen hatten, nannten sich selber Freien oder Franken. Es gab unter ihnen, so sagt mein Bruder, rote, braune und weiße. Die roten oder braunen beizten ihre Haare mit Kalkwasser weiß, da aber ihr Gesicht braun blieb, wurden sie dadurch umso häßlicher.

Ebenso wie Apollonia sahen sie sich nachher Lydasburg und das Alderga an. Darauf zogen sie über Staveren bei ihren Leuten umher. Sie waren so liebenswürdig gewesen, daß die Menschen sie überall dabehalten wollten.

Drei Monate später sandte Adel Boten zu allen Freunden, die er gewonnen hatte, sie sollten im Wonnemond weise Männer zu ihm senden, ......”

[39] In der obigen Erzählung, die so plötzlich endet, gibt es zweifellos wieder Elemente, die nicht hier hineingehören. — Zunächst ist hier die Angabe, daß Friso die Geschichte der Fryas aus dem Buch der Adelingen kennengelernt habe. Dies erweckt den Eindruck, daß er ein Fremder war. Wie man annehmen darf, hat ein Abschreiber hier, wie auch bei der Mitteilung, daß Friso eine eigene Schule hatte, an den Geertmann Friso gedacht und diesen mit seinem späteren Namensgenossen gleichgesetzt.

Dieser Abschreiber aber hatte die Geschichte der Geertmänner nur oberflächlich gelesen, was daraus hervorgeht, daß er angibt, diese weitgereisten Leute hätten durch Gosa einen eigenen Staat bekommen. Gosa hatte im Gegenteil gerade diese Einwanderer über weit auseinanderliegende Wohnsitze zu verteilen geraten, damit sie nicht zu mächtig werden sollten.

Und es wird (vergl. Kap. VII) deutlich gesagt, dieser Rat der Volksmutter sei befolgt worden. Vom Bestehen einer Landschaft „Geertmannja” irgendwo im damaligen Norddeutschland kann also keine Rede sein. So ist die Vermutung begründet, daß es sich hier um einen späteren Zusatz handelt, der dem Leser nahe bringen soll, den Namen Germanien mit den Geertmännern in Verbindung zu bringen.

Stark verdorben durch spätere Zusätze und Namensänderungen scheint auch der letzte Teil dieser Erzählung zu sein. Ohne Zweifel kann ein gewisser Teil der dem Rhein benachbarten germanischen Völker durch die erlittene Hunnenherrschaft bis zu einem gewissen Grade demoralisiert worden sein. Es bestand aber sicherlich kein Grund, das damals noch unverdorbene Volk der Franken, von denen lediglich die rechts-rheinisch wohnenden eine zeitlang unter Hunnenherrschaft standen, in seiner Gesamtheit als „Verbannte und fortgelaufene Fryaskinder” und ebenso räuberisch wie die „Tartaren” anzusehen. Dies sind gewisse Vorurteile, die auch in der Geschichte König Askars zu Worte kommen (vergl. Kap. III).

Ob der Autor mit roten, braunen und weißen Franken an die Haarfarbe denkt, die künstlich mit Kalkwasser heller gemacht wurde, oder an eine Art der Tätowierung, ist nicht zu entscheiden. — Die Bezeichnung der Hunnen als Tartaren entstammt aber zweifellos der Feder von Hiddo Ura Linda, der 1256 die Handschriften, die naß geworden waren, abschrieb. Diese Annahme ist im Kapitel III näher zu begründen.

Nach Abstreifung all dieser späteren Änderungen und Zufügungen [40] bleibt aber eine Geschichte, die sich sehr wohl zwischen dem Bericht über den zweiten Friso und dem über König Askar einfügen läßt. — Auch Adel strebt, wie sein Vater, nach der Königswürde. Er wirbt hierfür aber in anderer Weise und wirkt mehr durch Überredung als durch Verteilung von auf Raub erworbenen Geschenken. — Im Gegensatz zu Askar, der die Gunst des niederen Volkes suchte, stützen beide sich auf den Adel. Wie später Askar, trachtet bereits Adel danach die Staatseinheit aller ingwäonischen Stämme unter Führung der Friesen wieder herzustellen. Zu diesem Zweck unternimmt er mit seiner gleichgesinnten Gemahlin Jfkja die weite Reise durch die Sachsenmarken. Nur der von beiden unternommene Ausflug zum weit abgelegenen Lande der Marsaten bleibt in diesem Bericht ein unsicheres Element fragwürdiger Urheberschaft. Die Tatsache aber, daß der als Geburtsland der Ifkja genannte Gau Suobene unter dem latinisierten Namen Suavia[22] noch aus dem 11. Jhdt. bekannt ist, zeugt von der Echtheit dieser Erzählung.

Die Schrift von Beden

„Mein Name ist Beden, Hachganas Sohn. Mein Onkel Konered ist nie verheiratet gewesen und kinderlos gestorben. Mich hat man an seiner Stelle gewählt. Adel, der dritte König dieses Namens, hat diese Wahl gutgeheißen.

Hierbei setzte er voraus, daß ich ihn als meinen Oberherrn anerkennen würde. Außer dem Hof meines Onkels hat er mir ein Grundstück gegeben, das an meinem Hofraum grenzte, unter der Bedingung daß ich hierauf Menschen setzen würde, die seine Leute niemals würden......” Während an der vorigen Erzählung nur zwei Seiten fehlen, was Dr. Ottema dadurch erklärt, daß Hiddo Ura Linda beim Abschreiben ein Blatt zuviel umgeschlagen habe, sind hier in der Handschrift zwanzig oder mehr Seiten verloren gegangen. Nach der Vermutung Ottemas, hatte Beden darin die Geschichte dieses Königs Adel III — bei den Chronisten Ubbo geheißen — beschrieben. Immerhin wird es hier deutlich, daß Frisos Sohn Adel auf dem Landtag, mit dessen Einberufung seine Geschichte so plötzlich endet, zum König gewählt worden ist. Dies stimmt zu der Angabe, daß Askar, der sogen. Schwarze Adel, der vierte König nach Friso war (vergl. den Anfang von Kap. III). Da die friesischen Wahlkönige dem Gesetz zufolge[23] nur drei Jahre in ihrem Amt verbleiben durften, und ihre Wiederwahl erst nach sieben Jahren gestattet war, ist es möglich, die Regierungszeit dieser drei Könige in einen kurzen Zeitraum — etwa 460 bis 470 (?) — anzusetzen.

Kapitel III — König Askar

[41] Bei dieser letzten Schrift der Ura Linda Sammlung fehlen der Anfang und das Ende. Sie fängt mitten in einem Satz an und endet ebenso mitten in einem Satz, sodaß ihr Autor unbekannt bleibt. In dem hier Folgenden wird unter wortgetreuer Wiedergabe der wichtigsten Stellen ihr Inhalt kurz zusammengefaßt.

„Deshalb will ich erst über den Schwarzen Adel schreiben. Schwarzer Adel war der vierte König nach Friso”. Als er vierundzwanzig Jahre alt war, sorgte sein Vater dafür, daß er zum Asega Askar[24] — offenbar einer Art Staatsanwalt — gewählt wurde. „Als er einmal Askar war, klagte er immer zum Vorteil der Armen”. So wurde er zum Freund der Armen und zum Schrecken der Reichen.

„Als sein Vater gestorben war, hat er dessen Sitz bestiegen, er wollte sein Amt dann ebensogut behalten, wie die Fürsten des Ostens es zu tun pflegten. Die Reichen wollten das nicht dulden, aber jetzt versammelte das andere Volk sich hautenweise, und die Reichen waren froh, mit heiler Haut aus der Versammlung zu kommen. Von da ab hörte man niemals mehr von Rechtsgleichheit sprechen”.

„König Askar, wie er immer genannt wurde, war beinahe sieben Fuß groB und so groß wie seine Gestalt waren auch seine Kräfte. Er hatte einen hellen Verstand, sodaß er alles, was gesprochen wurde, verstand, doch konnte man in seinen Handlungen keine Weisheit verspüren. Bei einem schönen Antlitz besaB er eine glatte Zunge, aber noch schwärzer als sein Haar, hat man seine Seele befunden”.

Im zweiten Jahr seiner Regierung führte er für alle Knaben militärische Ubungen ein. Er sagte, sie brauchten nicht mehr lesen und schreiben zu lernen. Auf einer Volksversammlung begründete er diese kulturfeindliche Haltung mit dem Hinweis auf die gefährliche Lage im Sûden, wie die Golen „zusammen mit anderen entarteten Brüdern und deren Soldaten schon über die Schelde gekommen” und unsere schönen Südlande geraubt haben. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als entweder ein Joch oder ein Schwert zu tragen. „Haben wir den Feind erst einmal vor uns hergetrieben, so müssen wir weitergehen, bis es keinen Golen noch Slawen noch Tartaren mehr auf [42] Fryas Erde gibt. (alhwenne ther nen gola ner slavona nach tartara mâra fon fryas erv to vrdryvane send)”.

Da die Reichen ihren Mund nicht zu öffnen wagten, fand die Anrede Askars „allgemeinen Beifall”. Auch hatte er sie gewiß vorher aufschreiben lassen, denn schon am Abend waren gleichlautende Abschriften in wohl zwanzig Händen.

Askar befiehlt dann den Schiffsbauern, die Kriegsschiffe mit doppelten Vorsteven, auf denen „Kranbogen” — vermutlich eine Art von drehbaren Katapulten — befestigt werden konnten, zu versehen. Dann greift er in einen Krieg ein, der im Norden Britanniens zwischen den in diesem Bergland herrschenden Golen und den sich gegen diese auflehenden Kelten (kältana folgâr)[25] ausgebrochen ist. Die Golen werden hier als phönizische Priester geschildert, die von den Römern allmählich aus ihren früheren Herrschaftsgebieten in Gallien und Britannien vertrieben worden waren und deren damaliges Oberhaupt seinen Sitz auf der steinernen Burg Kerenäk (auserkorene Ecke)[26] in Schottland eingerichtet hatte. Die keltischen Mägde wollten diese Burg, die in früheren Zeiten ihrer Ehrenmutter Kälta zubehört hatte, zurückhaben. Eine Ausweitung über die Geschichte Roms und der Mittelmeerländer lasse ich hier weg, da sie die Erzählung unnötig unterbrechen würde. Sie stellt wahrscheinlich eine humanistische Hinzufügung dar. Wichtig ist aber hier die Bemerkung, daß die friesischen Seeleute öfters nach Schottland fuhren, wo sie Wolle gegen aufgearbeitete Häute und Leinwand eintauschten. Auch Askar war oft dort gewesen. Er hatte heimlich mit den Mägden und einigen Fürsten Freundschaft geschlossen und ihnen versprochen, die Golen aus Kerenäk zu vertreiben.

Askar rüstet seine Männer mit eisernen Helmen und stählernen Bogen aus, fährt mit vierzig Schiffen nach Schottland und erobert mit Hilfe von in den Sachsenmarken geworbenen Truppen Kerenäk. Der oberste der Golen gerät hierbei mit seinem Goldschatz in seine Gewalt, und die Söldner bekommen ihren Anteil an der reichen Beute. Kurz hiernach besetzt er zwei Inseln, auf denen er Stützpunkre für seine Flotte errichtet, um von hier aus „phönizische” Schiffe und Städte zu überfallen. Begleitet von sechshundert der größten Burschen des schottischen Berglandes kehrt er heim nach Friesland. Aus ihnen bildet er eine Leibwache.

Die Denemarker (tha denemarkar), die sich mit Stolz Seekämpfer (sekämpar) nannten, wurden auf seine Erfolge so eifersüchtig, daß sie ihn bekämpfen wollten. — Die Burgmagd Reintja, die mit einigen [43] Mäg- den in den Ruinen der zerstörten Burg Stavia wohnt, bietet Askar ihre Hilfe an und stellt hierzu die Bedingung, daß der König den Wiederaufbau der Burg besorgen solle. Als Askar diese Bedingung annimmt, fährt Reintja mit drei Mägden nach Holstein (hals) und ruft überall das Volk zur Eintracht auf. Sie beruft sich hierbei auf eine ihr von Wralda zuteilgewordene Offenbarung. Es drohe Gefahr, so sagt sie, und „deshalb sollten alle Völker von Fryas Blut ihre Zunamen wegwerfen und sich allein Fryas Kinder” nennen, um zusammen Findas Volk von Fryas Boden zu vertreiben, anstatt Sklaven zu werden.

„Das dumme Volk, durch das Wirken der Magyaren schon an so viel Torheit gewohnt, glaubte alles, was sie sagte, und die Mütter drückten ihre Kinder an die Brust”.

Nachdem sie den König von Hals „und alle anderen Menschen” zur Eintracht bekehrt hat, fährt Reintja entlang der baltischen See zu den Litauern, bei denen sie aber offenbar weniger Erfolg hat. Von diesen wird nebenbei bemerkt, sie hätten ihre Frauen größtenteils von den „Tartaren”,[27] die zu Findas Geschlecht gehören, geraubt. — Reintjas Reise geht dann weiter durch Deutschland (twisklanda), und sie kehrt nach zwei Jahren den Rhein entlang zurück. Bemerkenswerterweise gibt sie sich hierbei den Deutschen (tha twisklanda[r]) gegenüber als Volksmutter aus und fordert das Volk auf, über den Rhein zu ziehen und die Anhänger der Golen aus Fryas Südlanden zu verjagen. „Täten sie das, dann würde ihr König Askar über die Schelde gehen und dort das Land erobern”.

* * *

„Bei den Deutschen haben sich viele tschudische[28] Gebräuche (félo tjoda plêga) von den Tartaren und Magyaren eingeschlichen, aber es sind auch viele unserer Sitten erhalten geblieben”, so fährt der Text fort: „Demzufolge haben sie auch noch Burgmägde, die die Kinder unterrichten und älteren Leuten Rat erteilen. Anfangs waren sie Reintja feindlich gesinnt, aber zuletzt folgten en dienten sie ihr, und sie wurde von ihnen gepriesen”.

Sobald Askar von den Boten Reintjas vernam, wie die Jüten (juttar) gesinnt waren, schickte er eine Gesandschaft zum König von Holstein mit dem Auftrag, für ihn um die Hand seiner Tochter Fretogunste zu werben. Als diese nach Verlauf eines Jahres in Staveren ankam, befand sich unter ihrem Gefolge ein ugrischer Priester (magy), „denn die Jüten waren seit langem verdorben”. Nachdem die Hochzeit gehalten war, baute man in Staveren eine Kirche (scherke) mit [44] fratzenhaften tschudischen Götzenbildern (tjoda drochtenlykanda byldon). Auch wurde behauptet, Askar beuge sich mit Fretogunste bei Nacht hiervor. Die Burg Stavia aber wurde nicht wieder aufgebaut.

Reintja beschwert sich hierüber bei Prontlik, der Volksmutter auf Texland, und diese läßt das Gerücht verbreiten, Askar habe sich dem Götzendienst hingegeben.

Askar verhält sich so, als ob er nichts hiervon bemerke, aber plötzlich erscheint eine Flotte aus Holstein, deren Besatzung die Mägde aus der Burg vertreibt und diese selbst in Brand setzt. Prontlik und Reintja, so schreibt der Verfasser, kamen zu mir und suchten Zuflucht, die sie dann auf unserer mitten im Krylwald, östlich von Ljudwerd (Leeuwarden) gelegenen Fluchtburg fanden. Sie nutzten dann den von Askar geförderten Gespensterglauben aus, um alle Neugierigen aus der Umgebung fernzuhalten. Askar ließ inzwischen seine „Zauberer” (magjara) umherziehen, „und außer in meinem Staate und in Groningen wehrte man ihnen nirgends”. Die Raubzüge, die Askar inzwischen zusammen mit Jüten und Denemarkern unternahm, hatten zur Folge, daß die jungen Männer nicht mehr auf dem Lande arbeiten oder ein Gewerbe lernen wollten, sodaß die Einfuhr von Sklaven notwendig wurde. „Das aber war ganz gegen Wraldas Wille und gegen Fryas Rat, deshalb konnte die Strafe nicht ausbleiben”. Man erbeutete eine reichbeladene aus dem Mittelmeer („Phönikien”) kommende Flotte, auf der aber eine Krankheit ausgebrochen war. Auf dem Flie wurde die Beute verteilt, zugleich aber auch die Strafe, denn überall, wohin Sklaven oder Güter kamen, kam auch das Bauchweh mit. Die Krankheit verbreitete sich über die Sachsenmarken, Jütland und Schonland und bis nach Britannien, und viele Tausende starben.

„Als die Pest auf immer gewichen war, kamen die freigewordenen Deutschen zum Rhein, aber Askar wollte mit den Fürsten dieses verdorbenen Volkes” nicht gleichgestellt werden. Er wollte nicht dulden, da diese sich Fryas Kinder nennen würden, wie Reintja ihnen angeboten hatte, aber dabei vergaß er, dak er selbst schwarze Haare hatte. Unter den Deutschen gab es zwei Völker, die sich nicht Deutsche nannten. Das eine Volk kam von fern im Südosten. Sie nannten sich Alamannen (allemanna). Das andere volk das mehr in der Nähe zog, nannte sich Franken (franka). Die Völker, die hieran grenzten, nannten sich Thioth-his Söhne (thjoth his suna), d.i. Volkssöhne. Sie waren freie Menschen geblieben, da sie niemals einen erblichen König oder Fürsten anerkennen wollten.

[45] „Askar hatte schon von Reintja erfahren, daß die deutschen Fürsten fast immer miteinander in Feindschaft und Fehde lebten. Jetzt schlug er ihnen vor, einen Herzog (hêrtoga) aus seinem Volke zu wählen. Auch sagte er, seine Fürsten seien imstande, mit den Golen zu sprechen. Das, so sagte er, sei auch die Meinung der Volksmutter. Die deutschen Fürsten kamen dann zusammen und wählten nach einundzwanzig Tagen Askars Neffen Alrik zum Herzog. Askar gab ihm 200 Schotten und 100 Sachsen als Leibwache mit. Die Fürsten aber mußten 21 ihrer Söhne als Geiseln nach Staveren schicken”.

„Bis dahin war alles gut gegangen, aber als man über den Rhein fahren wollte, mochte der König der Franken sich nicht Alriks Befehlen unterstellen. Dadurch geriet alles in Unordnung. Askar, der meinte, alles ging gut, landete mit seinen Schiften am anderen Ufer der Schelde, aber dort war man schon von seiner Ankunft unterrichtet und auf der Hut. Sie mußten ebenso schnell flüchten, wie sie gekommen waren, und Askar selbst geriet in Gefangenschaft. Die Golen wußten nicht, wen sie gefangen hatten, und so wurde er später gegen einen vornehmen Golen ausgetauscht, den sein Volk gefangen hatte.

Inzwischen liefen die Magyaren noch frecher in den Ländern unserer Nachbarn umher. Bei Egmond[29] (egmuda), wo die Burg Forana gestanden hat, ließen sie eine Kirche (cherka)[30] bauen, größer und reicher als die, welche Askar in Staveren hatte bauen lassen. Nachher sagten sie, Askar habe den Krieg gegen die Golen verloren, weil das Volk nicht glauben wolle, Wotan könne ihnen helfen, und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten. Ferner gingen sie hin und entführten junge Kinder, die sie bei sich behielten und in de Geheimlehren ihrer abscheulichen Kulte eindführten. Gab es Menschen, die......”

* * *

Abrupt endet hier diese auf den ersten Blick etwas wunderliche Geschichte, deren inneren Zusammenhang man aber bei einer näheren Betrachtung nicht bestreiten kann. Fragt man sich, in welchen Zeitabschnitt die hier geschilderten Ereignisse zu datieren sind, dann kann die Antwort nur lauten: Sie gehört in die Anfangsjahre des Merowingerreiches, als dies noch schwach und auf einen Teil Flanderns in der Umgebung von Doornik (Tournai), der Residenz der Könige Merowech (Merovius) und Childerich, beschränkt war. Hierauf deuten sowohl die Erwähnung von Alamannen und Franken, als auch der unterstellte Fortbestand einer römisch-gallischen Macht — in der Handschrift als Golen angedeutet — im heutigen Frankreich.

[46] Zu beachten sind hier ferner die vielen Punkte, in denen diese Geschichte an die im vorigen Kapitel behandelten Erzählungen Adelas und ihrer Nachfolger anknüpft, deren Fortsetzung sie darstellt.

Adela berichter den Verfall des alten Ingwäonenbundes durch die Eroberungen des Magy. Hier ist dieser Bund nicht mehr vorhanden. Denemarken und Holstein sind völlig selbständig, und das Gebiet der Friesen beschränkt sich auf das Land zwischen Weser und Schelde. — Adela zufolge wurde dem Volkskönig Ljudgert mißtraut, weil er im Verdacht stand, seine Macht ausbauen zu wollen. — Hier tritt ein König auf, dem es tatsächlich gelingt, in Erbfolge König zu werden und der anscheinend danach trachtet den früheren Ingwäonenbund zu erneuern.

Adela spricht vom Verlust des Landes südlich der Schelde an die Golen. — Askar versucht, diese Gebiete zurückzuerobern. Apollonia findet bei ihrer Rückkehr alle Burgen durch Uberschwemmung verwüstet mit Ausnahme der Burg auf Texel. Hier liegt tatsächlich die Burg Stavia in Trümmern, während die Burg Texel auf Anstiften Askars von den Holsteinern eingeäschert wird. Und während Frethorik von fratzenhaften ugrischen Götzenbildern berichtet, die man nach Ablauf der großen Uberschwemmung von 450 n. im wieder trockengewordenen Land gefunden habe (S.114 ff. des Originals), ist hier wiederum van Götzendienern und von im Lande umherziehenden Schamanen die Rede.

Ferner ist es wichtig hier zu bemerken, daß Reintja, als sie die frühere Einheit der ingwäonischen Völker wiederherstellen will, nicht nur überall die Menschen zur Eintracht ermahnt, sondern sie auch zu überreden versucht „Ihre Zunamen wegzuwerfen und sich allein Fryas Kinder zu nennen!”. Hier haben wir es mit einem Versuch zu tun, eine Benennung politisch wirksam zu machen, die damals wahrscheinlich die ganze germanische Völkergruppe oder sogar die gesamten nordischen Völker umfaßte. — Hierauf kommen wir noch am Anfang von Kapitel VI zurück. Als Volksname ist diese Bezeichnung aber wohl nie in Gebrauch gekommen und vermutlich ist sie bald verschwunden.

Mit Absicht sind aus obenstehender Zusammenfassung die meist unsinnigen Namenserklärungen weggelassen worden. Sie stammen zweifellos von humanistischen — zum Teil auch von mittelalterlichen — Abschreibern, die den Text bereichern, oder auch, wie man annehmen darf, ihn durch Anwendung zeitgemäßerer Ausdrücke und Einfügung von Namen, die ihren Zeitgenossen geläufig, aber früheren Generationen unbekannt gewesen waren, modernisieren wollten. So sind die [47] Namen Tartaren und Tschuden zweifellos der Feder Hiddo ura Lindas entflossen.

Tataren war ursprünglich der Name eines mongolischen Volksstammes in der Nähe des Baikalsees, der aber später von arabischen und persischen Schriftstellern für die Mongolen allgemein angewandt wurde.[31]

Da sich unter den Horden Dschingis-Khans und seiner Nachfolger, die Ost-und Mittel-Europa Anfang des 13. Jahrhunderts überrannten, viele Türken befanden, ging dieser Name allmählig auf die in Rußland und Sibirien ansässigen Türkvölker über, und bekanntlich spricht man im erstgenannten Land noch immer von der „Tatarenherrschaft”. Einem Wortspiel des französischen Königs Ludwig IX., des Heiligen — 1226 bis 1270 —, der diesen Namen von Tartaros ableiten wollte, ist die Umbildung von Tataren in Tartaren zuzuschreben. Damit wollte er dieses Volk als der Unterwelt entstiegen bezeichnen.[32]

Es war für Hiddo, der in einer Zeit lebte, in der man auch in Westeuropa vor den Horden Batus, des Enkels von Temudschin, die sogar auf der Walstatt bei Liegnitz 1241 siegreich gewesen waren, zitterte, als er 1256 der Handschrift abschrieb, verlockend, diesen damals gefürchteten Namen in seiner Abschrift zu verwenden. — Freilich dürften die Tataren auch den Humanisten des 16. Jahrhunderts bekannt gewesen sein, aber dann nur als ein weitab wohnendes und ziemlich unbekanntes Volk im westlichen Asien. Dieses Volk mit der alten Geschichte Frieslands in Verbindung zu bringen, wird ihnen wohl nie in den Sinn gekommen sein.

Mit den Tschuden hat es eine ähnliche Bewandtnis. Mit diesem Namen bezeichnet man bekanntlich in Rußland die finno-ugrischen Völker des Nordens in ihrer Gesamtheit. Im 13. Jahrhundert ist dieser Name höchstwahrscheinlich in Westeuropa bekannt gewesen, da rege Handelsbeziehungen mit Nowgorod bestanden; dagegen bestehen keinerlei Gründe dafür, daß den Humanisten des 16. Jahrhunderts diese Bezeichnung bekannt war.

Es ist auch sehr fraglich, ob der Name der Litauer bereits im 5. Jahrhundert in Westeuropa bekannt war; in der Zeit Hiddos kannte man ihn ohne Zweifel. Ferner weckt auch der Name Twiskland, der in den Handschriften wiederholt für Deutschland gebraucht wird, Bedenken. Dr. Willy Krogmann, der die ganze Sammlung als eine Fälschung aus dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts betrachtet, schreibt darüber:[33] „In dieser Zeit nämlich wurde der in der [48] Sammlung gebrauchte, falsch erschlossene Name Twiskland für Deutschland verwendet”.

Die Namen „deutsch” und „Deutschland” waren im 5. Jahrh. ohne Zweifel unbekannt. Felix Dahn schreibt hierzu:[34] „Der Name deutsch ist erst um die Wende des 9. und 10. Jahrhs. entstanden. Er ward vorerst von der Sprache gebraucht; Thiod heißt Volk, „theotisce” heit volksmäßig im Gegensatz zu der Gelehrtensprache, dem Latein. Da nun die mehr und mehr romanisierten Neustrier, die späteren Franzosen, mehr und mehr das Vulgär-Latein der gallischen Provinzialen annahmen, die Austrasier aber, die Ostleute, d.h. alle Stämme auf dem rechten Rheinufer und die Lothringer und Alamannen auf dem linken, die germanische Volkssprache beibehielten, nannte man sie die volksmäßig sprechenden „theotisce loquentes”, dann die Theotiscos, Deutischen, die Deutschen”.

Wenig hiervon verschieden ist die Auffassung von Prof. Ed. Heyck, der in seinem Werk über die Deutsche Geschichte schreibt: „Aus den Jahren 786 und 788 liegen in lateinischen Texten die ersten literarischen Spuren vor, daß man den Ausdruck theodisca lingua anwendet: „deutsche” Sprache.

Damit verband sich freilich nur die Absicht, das volksmäßige Idiom, in diesem Falle der Franken, vom Latein zu unterscheiden. Theodisk bedeutet wörtlich: völkisch. Es wurde aber der Ausgangspunkt, daß man nach einer Reihe von Jahrhunderten, im zwölften, mit nationaler Absicht von Deutschen und von Deutschland zu sprechen begann”.[35]

Einen Unterschied zwischen deutschen und nichtdeutschen Stämmen konnte man also im 5. Jahrhundert nicht machen, da man den Begriff „deutsch” damals noch nicht kannte. Es bestanden nur die großen germanischen Völkerschaften der Franken, Alamannen, Friesen, Sachsen u.a., die mehr oder weniger verwandte Dialekte sprachen. — Wenn die Handschrift von „freigewordenen Deutschen” spricht, ist vermutlich an die Befreiung von der Hunnenherrschaft zu denken. Weiterhin werden aber unter „freien Menschen” Stämme verstanden, bei denen sich keine erbliche Königswürde hatte entwickeln können. — Vom friesischen Standpunkt aus gesehen ist es natürlich richtig, wenn die Handschrift die Alamannen aus dem (fernen) Südosten kommen läßt, da dieses Volk schon um das Jahr 250, nach Durchbrechung des Limes, das Neckargebiet besetzt hatte und sich von da aus während der Völkerwanderungszeit über die Lande des Oberrheins ausbreitete. Unrichtig ist es aber, wenn die Handschrift das Bauernvolk der Franken [49] umherziehen läßt, als wäre es eine Art Nomaden. Zudem macht sie Thiod (thioth) zum Personennamen.

All diese Fehler und Unklarheiten sind zweifellos späteren Abschreibern, die die Handschrift in die Sprache ihrer eigenen Zeit übersetzen und sie dadurch verdeutlichen, aber auch in ihrem eigenen Sinne „berichtigen” wollten, zuzuschreiben. Dabei ist es unmöglich zu ermitteln, welche Ausdrücke ursprünglich in den Handschriften standen. Zweifellos besaßen die Abschreiber oft auch ein mangelhaftes geschichtliches Wissen. Verrät schon die von uns fortgelassene Übersicht der Alten Geschichte eine nur sehr oberflächliche historische Kenntnis, so ist die phönizische Flotte, die hier Askar erbeutet haben soll, ein grober Anachronismus.

Hervorzuheben ist noch: Askars Angriff auf die Golen, d.i. Rest-Gallien, soll mißgelungen sein, „weil das Volk nicht glauben wollte, Wotan könne ihnen helfen und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten”. Dies ist die einzige Stelle in der ganzen Sammlung, wo der Name Wotan genannt wird, abgesehen von einer Stelle, wo versucht wird, diesen Götternamen aus dem eines nach seinem Tode vergötterten Helden abzuleiten. Letztere Stelle kommt im übernächsten Kapitel zur Sprache.

Mann kommt zu dem Eindruck, ein späterer Bearbeiter habe den Namen Wotans — und vielleicht auch die Namen anderer Götter — überall in der Sammlung ausgemerzt, um den germanischen Götterglauben durch den „Wralda-Glauben” zu ersetzen. Er mag dabei diese eine Stelle übersehen haben, wodurch uns der Beweis erhalten geblieben ist, daß Wotan bis ins 5. Jahrhundert von den Friesen verehrt wurde.

Ob die in Friesland und anderen westgermanischen Ländern zurückgebliebenen finnischen (tschudischen) Schamanen wirklich Götzenbilder zur Anbetung aufgestellt haben, ist unsicher. Wohl ist zu vermuten, daß die düstere Magie dieser ekstatischen Zauberpriester, in dieser Schrift Magyaren genannt, nicht ganz ohne Auswirkung auf die einheimische Bevölkerung geblieben ist.

* * *

Wenden wir uns nun der Frage zu, ob und wie weit in dem von späteten Zutaten gereinigten Text ein Wahrheitskern enthalten bleibt, so können wir sagen, daß der Inhalt der ganzen Erzählung nirgends gegen bekannte historische Tatsachen verstößt: anderseits ist aber von der damaligen Geschichte Nordwest-Europas sehr wenig mit Sicherheit bekannt.

[50] Die Notwendigkeit einer Stärkung der Königsmacht in Friesland war bereits in der Hunnenzeit offensichtlich geworden. Der Adel, der sich einer Änderung der bestehenden Verhältnisse widersetzte, war infolge seiner inneren Zerwürfnisse nicht mehr imstande, eine starke und zielsichere Leitung zu geben. Das zeitweise Fehlen einer Volksmutter vergrößerte die Anarchie, und so verlor das Land auf kurze Zeit seine heiß geliebte Freiheit. So ist es nicht verwunderlich, daß nach Zerfall der Fremdherrschaft es einem tatkräftigen und rücksichtslosen Mann wie Askar, der sich auf die Masse des Volkes stützte, gelang, Ordnung zu schaffen, und das Wahlkönigtum in eine erbliche Monarchie umzuwandeln.

Die Einmischung König Askars in den schottischen Bürgerkrieg kann uns ebensowenig befremden, wie auch die folgenden Raubzüge. Britannien war den Friesen zweifellos wohl bekannt, an seiner Eroberung und Kolonisation durch die Angeln und Sachsen waren sie mitbeteiligt gewesen, und sächsische Seeräuber hatten schon in einer früheren Zeit die Küsten des Ärmelkanals und der Nordsee beunruhigt. — Ganz neu ist hier aber die Erwähnung der Druiden unter dem Namen Golen (=Gallier), die hier als eine aus Phönizien herkömmliche Priesterschaft beschrieben werden.

Lassen wir das schwierige Problem ihrer Herkunft und Verbreitung vorerst beiseite, dann können wir den Handschriften entnehmen, daß diese Priesterhierarchie nach der Eroberung de Insel Anglesea (Mona) durch den römischen Feldhern Agricola[36] im Jahre 77 nach d. Ztw. ihren Hauptsitz in das unzugängliche schottische Bergland verlegt hatte. Dort machte König Askar ihrer Herrschaft ein Ende.

In der Folgezeit scheint Askar, nachdem er durch Anwerbung einer schottischen Leibwache seine Stellung abgesichert hatte, danach gestrebt zu haben, durch Erwerbung der Freundschaft der Jüten, Dänen und Sachsen den alten Ingwäonenbund zu erneuern. Als Endziel mag ihm hierbei die Vertreibung der noch in Deutschland verbliebenen Finnen und Magyaren vor Augen gestanden haben. Aber noch während der Rundreise Reintjas ändert er seine Absicht und wendet sich gegen den Süden.

Auf welches Jahr ist nun aber der mislungene Angriff auf die Golen, worunter hier wohl die unter der Herrschaft des Syagrius (477-486) verbliebenen Gallo-Romanen zu verstehen sind, anzusetzen?

Im Jahre 486 bereitete der Frankenkönig Chlodwig (481-511) durch seinen Sieg bei Soissons der Herrschaft des Syagrius ein Ende. [51] Da Askar bei seinem misglückten Vorstoß über die Schelde von den Golen gefangengenommen und nachher von ihnen ausgetauscht wurde, muß dieses Ereignis bereits früher stattgefunden haben, denn Macht und Reich der Golen waren durch die Schlacht bei Soissons völlig vernichtet. Es bleibt die kurze Zeit der Herrschaft des Syagrius vor 486, als Chlodwig, der Frankenkönig, 481 erst 15 jährig, als ein unbedeutender Gaukönig in Doornik (Tournai) den Thron seiner salischen Vorfahren bestieg. — In diesen Jahren ist das Zustandekommen eines Bündnisses germanischer Gaufürsten der Franken, Sachsen und vielleicht auch der Alamannen unter Führung Askars und seines Neffen Alrik durchaus denkbar.

Wenn erzählt wird, das Unternehmen sei durch die Weigerung des Königs der Franken, beim Ubergang über den Rhein sich dem Oberfehl Alriks zu unterstellen, mißlungen, so ist hier vermutlich an einen der fränkischen Gaukönige zu denken, und zweifellos werden die Franken dieses ruhmlos verlaufene Unternehmen später nach Möglichkeit verdunkelt haben.

Es bleibt dann noch die Frage, welche Gebiete im Süden der Schelde Askar von den Golen zurückerobern wollte.

Wahrscheinlich ist hierbei an den von Sachsen bewohnten flandrischen Küstenstreifen zu denken, der in früherer Zeit — vor 409 — zum Ingwäonen-Bund gehört haben dürfte. (Verg. das Ende der Schluszbetrachtung).

Wie dem auch sei, an innerer Logik läßt auch die Geschichte König Askars nichts zu wünschen übrig. Daß sie keine Erfindung aus der Zeit der Enzyklopädisten sein kann, erhellt aus ihrem Inhalt. Hätte ein Gelehrter aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts diese Geschichte erfunden, so würde er bestimmt, statt eines Königs der — sich stützend auf das niedere Volk — den Adel erniedrigte und tyrannisierte, einen Monarchen gezeichnet haben, der — im Bündnis mit dem Adel — das Volk unterdrückte und aussog. Denn so war es im damaligen Frankreich, wenigstens nach der Ansicht dieser Autoren. Und ebensowenig hätte ein damaliger Gelehrter in der Geschichte von Adela den Zerfall und das Versagen einer Demokratie — für ihn die einzig richtige und legale Staatsform — gegenüber einer ausländischen und autokratischen Gewaltherrschaft zugeben wollen.

Kapitel IV — Kultur und Seefahrt der Atlanter

[53] In den letzten Jahrzehten ist unsere Erkenntnis der prähistorischen Ereignisse dank der Arbeit einiger hervorragender Gelehrter in solchem Maße erweitert, berichtigt und vertieft worden, daß man mit vollem Recht von einem „neuen Bild der Vorgeschichte” sprechen kann.[37] Es scheint darum angebracht, hier den Versuch zu wagen, ein Thema, das bisher etwas im Dunklen geblieben ist, ins rechte Licht zu stellen. Nach heutiger Annahme entstand das Volk der Germanen, als um 1800 v. indogermanische Streitaxtleute in die nördlichen Gebiete der sogenannten Megalithkultur eindrangen und sich das dort ansässige Hünengräbervolk unterwarfen. — Infolge dieser Eroberung und der sie begeleitenden Mischung der Völker und Kulturen entstand die sogenannte „Nordische Kultur”, zu der die Streitaxtleute ihre indogermanische Sprache, ihre Sitte der Bestattung in Einzelgräbern, ihren Feuerkult und andere Bräuche und die Megalithleute ihre Schiffahrt und überseeischen Handel beitrugen.

Um diese frühgermanische Kultur, die in der ersten Hälfte der hier beginnenden nordischen Bronzezeit — 1800-800 — einen staunenswerten Höhepunkt erreichte, zu verstehen, ist es erforderlich, ihrer Wurzel in der Megalithkultur nachzuspüren.

Zweifellos ist die große Bedeutung dieser frühen Kultur für die nachfolgende europäische Entwicklung bisher stark unterschätzt worden, weil sich das Interesse der Forschung zu stark und zu ausschließlich auf den kulturellen Beitrag der Indogermanen konzentriert hat.

Die Bedeutung dieser vor-indogermanischen Zeit erhellt schon aus der sehr weiten Verbreitung der von ihr hinterlassenen Denkmäler, besonders der Megalithgräber, die von der Ostseeküste, Norddeutschland, von den Shetlands und Orkneys über Irland, die westliche Hälfte Großbritanniens, die westlichen Küstengebiete Frankreichs und der Iberischen Halbinsel, über Südfrankreich, den westlichen Teil Nordafrikas bis nach Zypern und Palästina oft in gewaltigen Anhäufungen gefunden wurden.

Der Waliser Glyn Daniel unterscheidet in seinem ausführlichen Buch über die Megalichbauten Westeuropas[38] drei Haupttypen dieser [54] Gräber: einfache Kammern oder Dolmen, Ganggräber und Galeriegräber, von denen die erstgenannten auch zugleich die ältesten sein sollen. Während er für die einfachen Kammern, die nur ein oder nur wenige Skelette enthalten, eine selbständige Entstehung in Nordeuropa für möglich hält, sieht er in den Ganggräbern, die von ganzen Sippen benutzt worden sind, eine Herkunft dieser Kultur aus dem Westen, aus der Bretagne oder aus dem Pariser Becken.[39] Er verweist auch auf die Tatsache, daß die nordeuropäischen Megalithgräber, wie aus den in ihnen gefundenen Beigaben hervorgeht, aus dem Neolithikum stammen, während die portugiesischen, spanischen, südfranzösischen und nordafrikanischen dem Chalkolithikum und der Bronzezeit angehören. — Er betont jedoch hierbei, das brauche nicht auf eine spätere Entstehung hinzuweisen, weil die Metallzeit im Mittelmeergebiet mindestens 1000 Jahre früher beginnt, erwa ab 3000, als in Nordeuropa. Es ist nun aber bemerkenswert, daß der bekannte spanische Archäologe Bosch Gimpera, der die Entwicklung der iberischen Megalithgräber als einheimische Kultur betrachtet und ihren Ausgang von Nordportugal und Galizien sehen will,[40] die einfachen Kammern dieses Gebietes als neolithischen Ursprungs, aus der Zeit von 3000 bis 2500 stamment, annimmt.

Obwohl Daniel hierüber anderer Meinung ist und die Einführung der Megalithbeuten — wozu bekanntlich auch Steinzirkel, Cromlechs und Menhire gehören — Kolonisten aus dem östlichen Mittelmeergebiet, die schon vor 2000 in Südspanien gelandet sein sollen, zuschreiben möchte, ist die Theorie Gimperas doch die wahrscheinlichere, dies besonders in Anbetracht der ungeheueren Zahl von mehr als 3000 Großsteingräbern, die noch heute in Portugal zu sehen sind.

Auch der bekannte deutsche Archäologe Carl Schuchardt suchte den Ursprung der Großsteingräber und der mit ihnen verbundenen Kultur auf der iberischen Halbinsel,[41] von wo aus sie sich über See einerseits nach Irland und Wales und anderseits über Sardinien und Malta bis nach Griechenland verbreitet hätten. Die berühmten Tholosgräber der mykenischen Fürsten in Griechenland sollen späte Nachbildungen der südspanischen Kuppelgräber gewesen sein.[42]

Er schreibt: „Die Kuppelgräber hatten die Spanier schon zu einer Höhe gebracht, die nahe an die schönsten mykenischen herankommt”. Nach seiner Ansicht hat diese neolithische Kultur Westeuropas sogar die Grundlagen für die späteren Hochkulturen Griechenlands und auch Ägyptens gelegt, eine Annahme, die er mit zahlreichen Hinweisen [55] unterstützt. So fanden die Menhire ihre Weiterentwicklung sowohl in den griechischen stèlès, wie auch in den ägyptischen Obelisken, während die Steinalleen der Bretagne — u.a. die von Carnac — sich in den Bilderalleen von Karnak wiederholen. „Der breite afrikanische Nordrand — so schreibt er — erscheint geradezu als die Basis der ältesten Kultur des Mittelmeeres”.[43]

Für die englischen Prähistoriker Prof. Ch. Hawkes und seine Frau kamen die Erbauer der ältesten britischen Ganggräber aus Portugal und dem südwestlichen Spanien.[44] Sie waren aber nicht die ersten Kolonisten aus dem Süden: Ackerbau- und Viehzucht treibende Gruppen mediterraner Rasse und nordafrikanischer Herkunft wären ihnen vorangegangen und hätten auf den Kalkrücken Südenglands ihre Dörfer erbaut. Ihre kulturelle Hinterlassenschaft hat den Namen Windmill-Hill-Kultur erhalten.

In völliger Übereinstimmung hiermit meint der dänische Prähistoriker Geoffrey Bibby, es habe den Anschein, als seien die Megalithleute überal längs der atlantischen Küste ein oder zwei Generationen nach der Ankunft der ersten ackerbautreibenden Kolonisten plötzlich erschienen.[45]

Es ist nun sehr wesentlich, wann diese „Kolonisten” in Nordeuropa erschienen und auf welchen Zeitabschnitt die Megalithbauten zu datieren sind.

Während die Hawkes den Anfang des Neolithikums in England auf 2500 stellen, berichtet Daniel von Grabhügeln — long barrows — der Windmill-Hill-Kultur, die mit Hilfe des Carbon 14 Testes auf 3000 bis 2500 datiert werden konnten. — Die Hügelgräber der Niederlande wurden mit Hilfe derselben Methode auf 2800 bis 2000, zwei Ganggräber der Bretagne sogar auf 3500 bis 3000 datiert. — Auf Grund dieser Ergebnisse meint er, die Zeit, in der Großsteingräber in Westeuropa gebaut und benutzt wurden, auf 3500 bis 1000 stellen zu dürfen.[46] Vielleicht ist es nicht zu gewagt, die Jungsteinzeit in diesem Teil Europas um 4000 beginnen zu lassen.

* * *

Wichtig ist auch die Frage der rassischen Zugehörigkeit der Megalithleute. Glyn Daniel, dessen Buch einen irreführenden Titel „The Megalith-Builders of Western Europe” trägt, da er fast ausschließlich von buildings und nur zweimal beiläufig von den Erbauern, den builders, spricht, glaubt nicht an eine „Rasse der Megalither”, obwohl er an anderer Stelle die Erbauer dieser Monumente mit den Wikingern [56] vergleicht.[47] — Bündiger noch sind die Hawkes, die nur zugeben, die in den neolithischen Gräbern gefundenen Skelette seien langschädelig gewesen,[48] Hier verschafft der deutsche Anthropologe Walter Scheidt[49] eine genauere Auskunft. Er untersuchte 84 neolitische Schädel aus 36 Fundstellen in England und Schottland. Sie waren alle langschädelig, ebenso wie die aus Irland, und manche von ihnen besaßen cromagnonartige Züge, wie die für diese Rasse so bezeichnenden viereckigen und ein wenig nach der Außenseite hängende Augenhöhlen.

Es wird sich lohnen, diesem gründlichen Forscher auch weiter zu folgen. Von 65 neolithischen Schädeln aus Schweden waren 37 dolicho-, 35 meso- und 6 brachykephal. Bei 150 in Dänemark ausgegrabenen Schädeln waren diese Zahlen 42, 68 und 32, während bei beiden Gruppen das Antlitz an die Cromagnonform erinnerte. Obwohl beide also weniger rasserein waren als die neolitische Bevölkerung der britischen Inseln, nennt der Autor das Überwiegen „typischer nordischer Langschädel” innerhalb dieser Gruppe auffallend. Für Nordwestdeutschland verfügte er nur über 14 Schädel aus dem Ganggrab von Rimbeck in Westfalen: von ihnen waren 8 dolicho- und 6 mesokephal, während auch hier Cromagnonformen sich bemerkbar machten. — Zusammenfassend kann man also sagen, daß im Gebiet der Hünengräber-Kultur die rassische Eigenart der Bevölkerung sich nur wenig von der in Britannien unterschied.

In Frankreich scheint die Rassenmischung damals größer gewesen zu sein als in Deutschland. Trotzdem stellt Scheidt in einer Zusammenstellung fest, daß von den in Dolmen ausgegrabenen Schädeln in der Bretagne 18 zu den Langschädel- und 8 zu anderen Typen gehörten;[50] für die übrigen Küstenstriche waren die entsprechenden Zahlen 61 und 19, für alle Küstenbezirke zusammen 79 und 27. „Die nordische Langform und die ihr verwandten Typen finden sich vor allem in den allermeisten Dolmen”, meint der Autor, wobei er 5 Ausnahmen aufzählt. „Auch die Küstensiedlungen — schreibt er weiter — lieferten vorwiegend — mit 6 Ausnahmen unter 18 verzeichneten Fundplätzen — Bestattungen einer rein dolichokephalen Bevölkerung”. Er weist ferner darauf hin, daß fast alle Autoren diesen Langschädeltypus als homogen und cromagnon-artig beschreiben und besonders die ihn kennzeichnenden rechteckigen Augenhöhlen hervorheben.

Für die Iberische Halbinsel verfügte Scheidt über die Beschreibung von 106 Schädeln, darunter 68 aus El Argar. dem bronzezeitlichen Fundort im südöstlichen Spanien. Von den 61 meßbaren Schädeln [57] dieser Gruppe waren 8 brachykephal, was ich der Infiltration von Iberern aus Kaukasien, die die erste Kenntnis der Metallbearbeitung nach dem Westen brachten, zuschreiben möchte.[51] Die übrigen 53 gehörten zu einem ziemlich primitiven Cromagnontypus. Dem Autor zufolge ist das „einer der besten Beweise für das Fortbestehen der Cromagnon-Rasse im Neolithikum und darüber hinaus mindestens in den frühen Metallzeiten”. — Auch sonst überwogen auf der Halbinsel namentlich in den Dolmen und Höhlen die Langschädel, die aber cromagnonartiger waren als in den nördlicheren Ländern. Er schreibt: „Uber den wesentlichen Anteil der Cromagnon-Rasse an der spanischen Neolithbevölkerung sind sich, soviel ich sehe, alle Beobachter einig. Carteilhac will diesen Rasseneinschlag sogar deutlich bei den heutigen Basken wiederfinden”. Mit diesem Befund stimmen die Eindrücke des schottischen Professors R. Gayre of Gayre überein, die er bei seinem kürzlichen Aufenthalt in Portugal erhielt.[52] Uberall entlang der portugiesischen Küste vom äußersten Norden bis Algarvien, aber auch im Inland, fand er als Bestandteil einer überwiegend mediterranen Bevölkerung ein bedeutendes dalisches (atlantisches) aber auch ein nicht unbeträchtliches nordisches Element, letzteres, wie er annimmt, keltischer Herkunft.

Bezüglich Nordafrika verfügen wir über das Zeugnis von Prof. G. Sergi, den berühmtesten italienischen Anthropologen, der dem blonden Element in diesem Gebiet solche Bedeutung beimaß, daß er sogar den Ursprung der nordischen Rasse dorthin verlegte.[53] Er weist auf die altägyptischen Wandschilderungen hin, wo die Tehennu und die Lebu — d.i. Libyer — als blond und blauäugig abgebildet sind. Das erstere Volk war schon dem Altreich benachbart,[54] das letztere erschien erst um 2400 im Gesichtskreis der Ägypter und wohnte weiter westlich. Neben diesen sind auch dunkele Stämme, die Tamahu, die offenbar die alteinheimische Bevölkerung darstellten, abgebildet. Es ist bemerkenswert, daß gerade in den Gebieten Nordafrikas, in denen die Großsteingräber zu finden sind, ein nicht unbedeutender Teil der heutigen Bevölkerung noch blond und helläugig ist, besonders an den Nordabhängen des Atlasgebirges, im Riff und in der Kabylei.[55] Auch die Guanchen (sprich: Wantschen), auf den Kanarischen Inseln, werden als groß, blond und blauäugig beschrieben. Dem Amerikaner Coon zufolge, wurden die nordafrikanischen Dolmen noch in der römischen Zeit mitunter als Grabstätten benutzt,[56] die in ihnen gefundenen Gebeine haben deshalb nur einen geringen Aussagewert. Trotzdem findet [58] er es auffallend, daß die meisten dieser Skelette lang und auch langschädelig sind. Das rechtfertigt die Annahme, daß die Erbauer dieser Steingräber nicht zu den kleinen mediterranen Bewohnern Nordafrikas aus dem Mesolithikum gehören. Sie waren, so folgert Coon, ein neues ethnisches Element, das von anderswo herkam. Sergi zufolge hatte dieses Element zum Teil cromagnonartige Züge.

Fremden Ursprungs müssen auch die Erbauer der in Palästina liegenden Dolmen, Menhire und Cromlechs gewesen sein. Ihre Nachkommen waren die späteren Anakim und Rephaim, Volkssplitter die, wie aus dem Alten Testament hervorgeht, wegen ihrer großen Gestalt gefürchtet waren (Vergl. Num. XIII:28 und II Sam. XXI:16-23.)

Aber auch die Skelette, die man in der sumerischen Stadt Eridu ausgegraben hat,[57] und die aus der späten Obed-Zeit stammen, zeigen eine überraschende Körpergröße, ganz im Gegensatz zu den kleinen Skeletten aus der folgenden frühdynastischen Zeit. Ihre Beisetzung in gestreckter Rückenlage dürfte auf Cromagnon-Herkunft hinweisen.

Es dürfte wohl richtig sein, all diese blonden Menschen der fälischen oder dalischen Rasse — der „Atlantic race” der Engländer — zuzurechnen, und vielleicht ist es sogar zu verantworten, das Volk, das die Megalithkultur verbreitete, mit dem Namen Atlanter zu belegen. Fritz Paudler, ein hervorragender Anthropologe, der leider zu wenig bekannt ist, meint, die helle Cromagnonrasse habe sich seit der ältesten Steinzeit auf der Pyrenäenhalbinsel aus einer dunklen Vorform entwickelt und sich von da aus beim Milderwerden des Klimas in drei Richtungen verbreitet.[58] Diese Ansicht, die die Verschiebung der Klimazonen mit Ablauf der Eiszeit berücksichtigt, steht in auffallender Übereinstimmung mit der Auffassung Sergis, der die Urheimat der dalischen Rasse, von ihm mit der nordischen zusammen gefaßt, nach Marokko verlegte.

Die Ansichten der beiden Forscher ergänzen sich wenn man bedenkt, daß die Meerenge von Gibraltar nach Annahme der Geologen während der letzten Vereisung des sogen. Würmglazials infolge der Senkung des Meeresspiegels zeitweise trocken lag. So bestand beiderseits der damals bestehenden Landbrücke ein großes zusammenhängendes Gebiet, dessen kühles und feuchtes maritimes Klima dazu geeignet war, die Herausbildung der hellen Farben der dalischen Rasse durch Pigmentverlust zu fördern.

Es ist die Annahme berechtigt, die beiden blonden Rassen, die dalische und die nordische, seien unter der Einwirkung desselben Klimas [59] entstanden, das ihnen auch heute noch am meisten zusagt und sowohl ihr körperliches Wohlsein, wie auch ihre kulturelle Betätigung am meisten begünstigt. Ein solches Klima aber gab es während des Diluviums nicht in der Nähe der skandinavischen Eisdecke, wo es zu kalt und zu unwirtlich war. Nur ein dunkelgebliebener Rest der alten Cromagnonrasse, dessen späte Nachkommen unter den heutigen Eskimos leben dürften, konnte hier bestehen. Erst später, als die Eisdecke sich zurückzog und das Klima milder wurde, entstand für die dalische Rasse die Möglichkeit einer Ausbreitung nach Norden, wobei sie der sich verschiebenden gemäßigten Klimazone folgte. Diese Erweiterung ihres Siedlungsgebietes dürfte schon in der Mittelsteinzeit begonnen haben.

Wenn die Meerenge von Gibraltar in einem plötzlichen Durchbruch in postglazialer Zeit entstand, so wird sie in der nachfolgenden Zeit sich allmählig vertieft und verbreitet haben. Vielleicht kann diese anhaltende Erweiterung der, anfangs nur schmalen, Meerenge ein Anlaß zu einer beginnenden Entwicklung der Seefahrt gewesen sein.

* * *

Paudler zufolge ist wahrscheinlich ein Ur-Hamitisch, das noch frei von semitischer Beeinflussung war, die ursprüngliche Sprache der dalischen Rasse gewesen. Er stützt diese Ansicht auf die Tatsache, daß die Guanchen bei der Ankunft der Spanier einen berberischen Dialekt sprachen und daß auch das Baskische Spuren von hamitischer Beeinflussung aufweist. Im Piktischen — der Sprache der hochblonden dalischen Kaledonier, im schottischen Hochland — soll diese alte hamitische Sprache bis weit ins Mittelalter fortbestanden haben. Paudler beruft sich hier auf den Philologen Meinhof, nach dessen Meinung das Sumerische einen stark hamitischen Einschlag enthält. Der bekannte Historiker Eduard Meyer meint, die alten Sumerer seien immer nur ein Herrenvolk inmitten einer semitischen Bevölkerung gewesen.[59]

Aber auch im Keltischen und im Englischen sollen manche Worte hamitischen Ursprungs enthalten sein, wie Prof. Gayre of Gayre vermutet.[60]

Dieser Gelehrte hat auch die Bevölkerung von Malta und ihre Vergangenheit eingehend studiert. Die Insel wurde schon um 3800 von Kolonisten besiedelt, die imstande waren auf ihren Schiffen ihr Vieh mitzuführen. Später durch Nachschübler verstärkt, wurden ihre Nachkommen die Bauherren des berühmten Hypogeums von Hal Saflieni, [60] der Tempel von Tarxien und anderer megalithischer Monumente. Aber auch die Besetzung der Kanarischen Inseln, die bereits in neolithischer Zeit erfolgte, zeugt von einem sehr frühen Beginn der atlantischen Seefahrt.

Bemerkenswert ist ferner, daß der bekannte amerikanische Archäologe Albright die Dolmen Palästinas in die Zeit von 6000 bis 4000 datiert hat.[61] Die Verbreitung der megalithischen Bauten beweist, daß diese frühen Seefahrer sich nicht scheuten, in direkter Fahrt von Nordwestspanien nach Wales und Irland zu segeln.[62] Sie wagten sich weit auf den offenen Ozean, was auch ein neolithisches Steingrab auf der jetzt unbewohnten Insel St. Kilda — 75 km westlich der äußeren Hebriden — bezeugt.

Dabei trieben sie einen regen Handel, brachten Bernstein in das Mittelmeergebiet, englische Keramik und irisches Gold nach Spanien und Jütland und später auch jütländische Streitäxte zur Bretagne.[63]

In der folgenden Bronzezeit erreichte die Seefahrt der Atlanter, die anscheinend durch Vermischung mit indogermanischen Streitaxtleuten einen kriegerischen Charakter bekommen hatten, ihren Höhepunkt. Die Felszeichnungen von Bohus-län, die tausende von Schiffen, sowohl vom Ruder — wie auch vom Segeltypus zeigen, erwecken den Eindruck, daß der Schwerpunkt ihrer Kultur sich nach dem germanisch gewordenen Norden verlagert hatte. Jedenfalls zeugen die von diesen Nordleuten hinterlassenen bronzenen Kultgegenstände, wie der berühmte Sonnenwagen von Trundholm und die wunderbaren Luren, von einer erstaunlichen kulturellen Entwicklung. Der geographische Horizont dieser Vorfahren der späteren Seegermanen war zweifellos sehr weit, und nicht ohne Grund hielt der norwegische Prähistoriker W. Broger es für wahrscheinlich, daß sie bereits den Weg nach Amerika entdeckt hatten,[64] wohin sie dann die Kenntnis der Bronze und deren Bearbeitung gebracht haben.

Allen dalisch-hamitischen Völkern waren, nach Paudler, das Mutterrecht,[65] die Verehrung einer Muttergöttin, das Zwanzigersystem — das spater bei den Kelten, Basken und verschiedenen europäischen und nordafrikanischen Sprachen deutliche Spuren hinterlassen hat — und die uralte Sitte der Trepanation gemeinsam. Auch die Tätowierung war bei ihnen stark verbreitet, die aber auch bei anderen Völkern vorkam. Bei den Pikten wurde dieser Brauch erst gegen Ende des 8. Jahrhts. von der Kirche verboten.

In Obereinstimmung mit Gayre of Gayre weist Paudler schließlich auf [61] die hosenlose Knierocktracht der Männer, den schottischen Kilt, und die gewürfelte Kleidung — tartan — die Schottenmuster hin, die all diesen Völkern gemeinsam waren und auch jetzt noch von den Schotten und Albanern getragen werden. Hierzu ist zu bemerken, daß auch im westlichen Balkan die dalische Rasse vertreten war.

Von einer hohen Kultur der Atlanter spricht auch ein Buch der französischen Schriftstellerin Laurence Talbot,[66] das sich aber hauptsächlich auf etymologische und mythologische Daten stüzt. Ihre „Paladine der westlichen Welt” sind die Heroen und Halbgötter der griechischen Mythologie: Herakles, Prometheus, Atlas, Talos und andere, die in Wirklichkeit später vergöttlichte Anführer atlantischer Kolonistengruppen waren, die die Elemente einer höheren Kultur nach Griechenland, Kleinasien, Syrien, Ägypten, Mesopotamien und sogar bis nach Indien brachten.

Diese Atlanter hatten blaue Augen, rötlich blondes Haar[67] und waren von großer, oft sogar riesiger Gestalt. Im Westen Europas besaßen sie ein mächtiges Reich, dessen Hauptstadt auf der Insel Atlantis lag.

Diese Insel wird von der Schriftstellerin, in merkwürdiger Ubereinstimmung mit den Ansichten Jürgen Spanuths, im nördlichen Teil des atlantischen Küstengebietes Europas gesucht. Nicht minder bemerkenswert ist, daß sie Phönizien eine Kolonie der Atlanter nennt.

Aus dem Vorhergehenden erhellt, daß es unrichtig ist, die Megalithbauten als ein isoliertes Phänomen zu betrachten.

Sie sind die sichtbaren Zeugen einer uralten und bereits hochentwickelten Kultur, die seit Beginn des vierten Jahrtausends v.d.Ztr. im westlichen Teil Nordafrikas sowie in West-Europa geblüht und auf die späteren Kulturen des Orients und Griechenlands befruchtend gewirkt hat.

Zu solch einer hohen Kultur gehört aber eine begabte und schaffensfreudige Bevölkerung, ein Volk einer hochentwickelten Rasse. Als Träger dieser Megalithkultur und ihrer Bauten sehen wir die dalisch-atlantische Rasse, die im Kampf mit dem Ozean im Raum Nordwest-afrikas und Iberiens entstanden sein wird.

Kapitel V — Altlant und sein Untergang

[63] Wie wir im ersten Kapitel sahen, ist der Untergang von Altland der Anfangspunkt der in den Ura Linda Schriften gesetzten Zeitrechnung. Obwohl man diesen Ursprung in christlicher Zeit durch „die Sintflut”[68] ersetzte und hierdurch verdunkelte, blieb sie in Friesland bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Schwange.

Da wir hier gewissermaßen den Angelpunkt der ganzen Sammlung vor uns haben ist es äußerst wichtig zu untersuchen, wie weit der Beschreibung dieses Unterganges historische Tatsachen zugrunde liegen dürften.

Im Buche der Nachfolger Adelas steht unter „Dies steht auf allen Burgen geschrieben” (S.47 des Originals) über das Land der Fryas:

„Ehe die arge Zeit kam, war unser Land das schönste in der Welt. Die Sonne stieg höher und es gab selten Frost. An den Bäumen und Sträuchern wuchsen Früchte und Obst, die jetzt verloren sind. An Getreide hatten wir nicht nur Gerste, Hafer und Roggen, sondern auch Weizen, der wie Gold leuchtete, den man unter der Sonne dörren konnte. Die Jahre wurden nicht gezählt, denn ein Jahr war so fröhlich wie das andere. — Auf der einen Seite wurden wir von Wraldas See eingeschlossen, auf dem kein Volk außer uns fahren mochte noch konnte, auf der anderen Seite wurden wir von dem breiten Twiskland umsäumt, wo hindurch das Findas-Volk der dichten Wälder und der wilden Tiere wegen nicht zu kommen wagte. Gegen Morgen grenzten wir an das Ende der Astersee — der Ostsee — gegen Abend an die Mittelsee, sodaß wir außer den kleinen wohl zwölf Süßwässer-Ströme hatten, uns durch Wralda gegeben, unser Land feucht zu halten und unserem tapferen Volk den Weg nach seiner See zu weisen. Die Niederungen dieser Ströme wurden fast allesamt von unserem Volk bewohnt, auch die Felder am Rhein von einem Ende bis zum anderen. Gegenüber den Dänemarken und Jüttenland hatten wir Volkspflanzungen mit einer Burgmaid. Von dort gewannen wir Kupfer, Teer, Pech und andere Waren. Gegenüber unserem damaligen Westland hatten wir Britannien mit seinen Zinnländern. Britannien war das Land der Verbannten, die mit Hilfe ihrer Burgmaid fortgezogen waren, [64] [um ihr] Leib und Leben zu behalten”. (Sie wurden gezeichnet — tätowiert — und durften nicht zurückkehren). „Unsere Seeleute hatten außerdem manche Stapelplätze in den nahen Krekaländern (den späteren romanischen Ländern) und in Lydia” (Afrika). „In Lydia sind die schwarzen Menschen”. „Da unser Land so groß war, hatten wir viele Namen für die Landschaften”.

Es werden dann genannt „östlich der Denemarken” — was nicht zu- trifft — die Jütten, angeblich so genannt, weil sie immer am Strande Bernstein sammelten. (Sammeln von Strandtrift heißt im Niederländischen noch „jutten”), die Letten — fälschlich auf den Inseln angesetzt —, die Sturier (stjurar), Seekämpfer (sekämpar) und Angeln (angelara); dann die Sachsen (saxmanna) und schließlich die Landsaten, Marsaten („die am Meer wohnenden”) und Holt-oder Woltsaten (Holz-oder Waldbewohner). Soweit diese Namen Völkerschaften andeuten, stammen einige vermutlich aus einer viel späteren Zeit,[69] während die etymologischen „Erklärungen” auf humanistische oder mittelalterliche Zutaten deuten, weshalb ich sie hier grösztenteils weggelassen habe.

Wie die arge Zeit kam.

Den ganzen Sommer über war die Sonne hinter den Wolken versteckt, als wollte sie die Erde nicht sehen. Der Wind ruhte in den Niederungen, sodaß Rauch und Dampf gleich Säulen über den Niederungen und Gewässern standen. So war es dämmerig und die Luft war schwer, und den Menschen fehlte Freude und Frohsinn. Inmitten dieser Stille begann die Erde zu beben, als wenn ihr Ende gekommen wäre. Berge splissen auseinander und spiehen Feuer und Lohe, andere versanken in der Erde, und wo Felder gestanden hatten erhoben sich Berge.

Altland, von den Seeleuten Atland geheißen, sank nieder, und die wilde Flut brandete so lange über Berge und Täler, bis alles in der See versunken war. Viele Menschen wurden in der Erde verschüttet und viele, die dem Feuer entronnen waren, kamen nachher in den Fluten um. Nicht nur in den Landen Findas spien die Berge Feuer, sondern auch im Twiskland. Wälder brannten hintereinander weg und als der Wind von dort kam, wehte er unser Land voll Asche. Flüsse änderten ihren Lauf, und an ihren Mündungen entstanden neue Inseln.

Drei Jahre war die Erde also leidend; als sie wieder zur Ruhe kam, [65] konnte man ihre Wunden sehen. Viele Länder waren versunken, andere waren aus der See emporgestiegen, und Twiskland war zur Hälfte entwaldet. Scharen des Findasvolkes kamen und besetzten die leeren Räume. Unsere Flüchtlinge wurden vertilgt, oder sie wurden den Findas untertan. Da wurde uns Wachsamkeit doppelt notwendig. und die Zeit lehrte uns, daß Eintracht unsere stärkste Burg ist.

Aus den angeführten Stellen erhellt, daß Altland nicht mit dem Lande der Fryas gleichzusetzen ist. Offenbar war das erstere ein niedrig gelegenes Land an der Nordseeküste, das im Verlauf der Katastrophe im Meer verschwand. Das letztere umfaßte ausgedehnte Gebiete im westlichen Europa und in Nordafrika. Es ist nun sehr merkwürdig, daß dieser Machtbereich der Fryas — wenn man gewisse abseitsliegende Länder wie Palestina außer Betracht läßt — mit dem im vorigen Kapitel gezeichneten Verbreitungsgebiet der neolithischen und bronzezeitlichen Großsteingräberkultur übereinstimmt.

Das bezeichnete Gebiet deckt sich aber ebenfalls mit dem Gebiet, das die Könige der Atlanter nach den bekannten Platon-Dialogen beherrschten, das sich sowohl über einen Großteil Westeuropas, wie auch über Nordafrika erstreckte und einerseits bis Etrurien anderseits bis an die Grenze Ägyptens reichte, wie der Timaios-Dialog berichtet (Tim. 24 D).

Es findet sich hier eine Übereinstimmung mit den Feststellungen von Jürgen Spanuth in seinem Buch „Atlantis”, dessen Annahme der Lage von Atlantis sich im Wesentlichen auf seinen Vergleich des Platonberichtes mit den Inschriften des Pharaos Ramses III auf den Tempelwänden von Medinet Habu in Oberägypten gründet. In Anbetracht der Bedeutung seiner Feststellungen werden diese hier, unter Zuziehung des Kritiasdialoges, zusammengefaßt.

* * *

Atlantis war nach Ansicht Spanuths[70] nicht nur der Name einer Insel sondern zugleich eines mächtigen und gutorganisierten Königreiches, das Südschweden, Dänemark, die Kustengebierte Norddeutschlands und der Niederlande umfaßte. Es fiel damit zusammen mit dem Gebiet der sogenannten Nordischen Kultur, die den Urgermanen zugeschrieben wird. Das Reich besaß eine militärische Organisation, die 60.000 Distrikte — „Grundstücke von gegen hundert Quadratstadien” sagt der Kritias-Dialog 118 D — zusammenfaßte, die jeweils einem „Anfuhrer” unterstanden. Diese hatten im Kriegsfall ihrer sechs [66] zusammen einen Kriegswagen zu stellen, sodaß deren insgesamt 10 Tausend wurden. Ferner hatte ein jeder zwei Rosse und Reiter, ein weiteres Zwiegespann mit einem Krieger, der auch herabsteigend zu Fuß kämpfen konnte, und einem Lenker für die beiden Rosse zu stellen: ferner zwei Schwerbewaffnete, je zwei Bogen- und Schleuderschützen, je drei Stein- und Speerwerfer und endlich vier Seeleute zur Bemannung von zwölftausend Schiffen.

So verfügte der König von Atlantis nach dem Kritiasbericht über eine Kriegsmacht von 10.000 Kriegswagen, 140.000 Rossen und stellte einschließlich Bemannung für 1200 Kriegsschiffe 1.200.000 — eine Million zweihunderttausend Mann — ins Feld. „So war das Kriegswesen in dem königlichen Staate angeordnet: in den anderen neun Staaten aber auf verschiedene Weise, deren Erörterung hier zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde” (Kr. 119 B).


Obwohl Spanuth, der bei den Gestellungsbezirken von „Hundertschaften” spricht, die Gesamtzahlen „vielleicht übertrieben” nennt, weist er doch auf die große Anzahl der oft nahe beieinanderliegenden bronzezeitlichen Grabhügel in Jütland und Schleswig-Holstein hin, die auf eine große Dichte der damaligen Bevölkerung schließen läßt. Er weist auch auf die ähnlich großen Zahlen hin, die uns aus anderen Ländern des Altertums überliefert sind.

Neben den Berichten im A.T.,[71] I. Könige und II. Chron., wonach Salomon 40.000 Pferde für seine Streitwagen und Israel 800.000 Mann und 50.000 Reiter habe stellen können, finden wir den Bericht Herodots (VII, 60, 87 u. 89), wonach der persische Großkönig Xerxes nach seinem Übergang über den Bosporus eine Million Fußsoldaten, 80.000 Pferde und 1207 Kriegsschiffe zur Verfügung gehabt habe. Spanuth glaubt deshalb von Hundertschafts-Bezirken sprechen zu können, obgleich diese mit den Platonberichten nicht übereinstimmen, weil diese „Hundertschaften” beim Beginn der historischen Zeit als hundari (schwedisch), als haeret (dänisch), als harde (friesisch) in den militärischen Organisationen der germanischen Staaten eine bedeutende Rolle spielten.


Die Hauptstadt dieses Reiches lag auf der Insel Atlantis, von Platon auch Basileia, die „Königliche” (Insel) genannt und war von drei Wasserringen und zwei ringförmigen Wällen, zwischen denen sich eine Rennbahn befand, umgeben.

[67] In der Mitte der Hauptstadt befand sich die Königsburg mit dem Palast und einem prächtigen Tempel, der reich mit Gold, Silber, Elfenbein und Bernstein verziert war und, wie Spanuth annimmt, den Asgard der Edda darstellte. Uberreste der Wälle dieser Stadt, die einen Kern von Steinen hatten und mit Fliesen bekleidet waren, wurden 1939 bei einem Taucherunternehmen auf dem sogenannten Steingrund, einer seichten Stelle des Seebodens 9,2 km östlich von Helgoland, tatsächlich gefunden. — Die Insel wurde von Deichen geschützt, die von mit dem Meere verbundenen Kanälen unterbrochen waren, vielleicht mittelst Schleusen. Das Land war sehr fruchtbar, und es wurde Weizen, Flachs und sogar Wein angebaut. Spanuth erinnert an das milde Klima der frühen und mittleren Bronzezeit für Nordeuropa, das Skandinavien bis zum Polarkreis mit Laubwäldern bedeckte.

Der Reichtum des Landes beruhte aber hauptsächlich auf dem Bernstein, von Platon Oreichalkos genannt, das an vielen Stellen der Insel gesammelt und im Handel bis weit nach Südeuropa und nach Ägypten vertrieben wurde.

Spanuth wies nach, daß auch Kupfer auf Helgoland gewonnen und verarbeitet wurde. Er fand auf der Insel eine kupferführende Schicht, die früher abgebaut worden war, und man fand auch die Plätze, wo in prähistorischer Zeit das Kupfer ausgeschmolzen worden ist. Dieses helgoländer Kupfer weist Spuren von Arsen und Antimon auf und war hierdurch von besonders guter Qualität. Spanuth weist auch nach, daß es ausgeführt worden ist.

Eisen wurde auf Sylt gewonnen, Gold aus Irland bezogen. Webekunst und Töpferei hatten einen hohen Stand. So konnte die weit ausgreifende Seefahrt der Atlanter einen lebhaften Handel treiben, und die genannten Industrien bieten eine hinreichende Erklärung für die damalige große Bevölkerungsdichte.

Platons Kritias-Dialog 113 berichtet, Poseidon sei von Liebe zu einer Jungfrau Kleito, Tochter des der Erde entsprossenen Euenot und seiner Gattin Leukippe, ergriffen worden. „Mit ihr zeugte er an männlichen Nachkommen fünf Zwillingspaare, teilte die ganze Insel Atlantis in zehn Landgebiete und übergab dem Erstgeborenen den Wohnsitz seiner Mutter und setzte ihn zum König über die anderen Söhne. Er wurde Atlas geheißen”. Mit der „Insel Atlantis” ist hier wohl, wie man annehmen darf, das Herrschaftsgebiet der Atlanter gemeint. Nach Kritias 116 befand sich in der Mitte der königlichen Burg ein [68] der Kleito und dem Poseidon geweihter Tempel, der nur von Priestern betreten werden durfte. Hierhin sandte man jedes Jahr aus allen zehn Landgebieten die Erstlinge als Opfer.

Hier stand auch ein besonderer Tempel des Poseidon, in dem goldene Bildsäulen aufgestellt wurden, nämlich der Gott selbst „wie er auf seinem Wagen stehend, sechs geflügelte Rosse lenkt”, so groß gebildet „daß er mit dem Haupte die Decke berührte, rings herum die hundert Nereiden und Delphinen. Außerhalb aber standen rings um ihn die Bildsäulen von allen, nämlich von den zehn Königen selbst und ihren Weibern und allen, die von ihnen entsprossen waren”.

Poside oder Fosite (vgl. Fosetesland, den frühmittelalterlichen Namen von Helgoland) war, nach Spanuth, der germanische Namen des Poseidon. Auffallend ist, daß die geflügelten Rosse, die im Kritias-Dialog den Wagen Poseidons ziehen, in diesen Dialogen der einzige Hinweis auf den nordisch-indogermanischen Sonnenkult sind, der doch durch den berühmten Sonnenwagen von Trundholm so klar und eindeutig bezeugt ist. Spanuth weist auch darauf hin, daß nach Geoffrey Bibby der Orientierungsstein des Sonnenheiligtums von Stonehenge, das seine Entstehung zweifellos indogermanischer Inspiration verdankte, „seit grauer Vorzeit als „Hele” bezeichnet wird”, was an den griechischen Sonnengott Helios erinnert.

Ferner sieht Spanuth in dem sogenannten Wagen von Dupljaja, der in Ungarn gefunden worden ist, den Beweis, daß die Nordvölker, die ja die Atlanter des Platon-Berichtes sind, auch den Lichtgott Apollon, der nach der griechischen Sage jährlich den Winter im fernen Norden bei den Hyperboräern verbrachte, verehrten. Diese kupferne Nachbildung eines von drei Schwänen gezogenen dreirädrigen Wagens gehört der ältesten Urnenfelderkultur des 13. Jahrhunderts v. an, also der Zeit, in der ein Teil der Atlanter auf ihrer Wanderung nach Süden dieses Land durchquerte. Auf dem Wagen steht eine männliche Figur in einem bis auf die Füße herabwallenden, mit Sonnenzeichen festlich geschmückten Gewand und einem bronzenen Halsschmuck, wie er in gleicher Form aus Dänemark und Schleswig-Holstein bekannt ist (s. die Zeichnung am Ende dieses Kapitels).

Die Schwäne als Geleitvögel Apolls findet man noch heute in Friesland auf den von Prof. Wirth beschriebenen Ulebords wieder, auf denen zwei Schwäne eine stilisierte Irminsul flankieren. So weisen auch diese Giebelzeichen der friesischen Bauernhöfe auf den alten nordischen Lichtgott hin.[72]

[69] Indogermanisch sind auch die Streitwagen und der Wagenkampf. Dem Kritias-Bericht gemäß (Kr. 117) hatten die Atlanter in der Mitte der großen Insel eine ausgesuchte Rennbahn zum Wettkampf für die Rosse eingerichtet.

Nach dem Kritias-Dialog (119) standen die zehn Könige in ihren Gebieten über den Gesetzen. „Die Herrschaft aber über sie selber war gegenseitig und gemeinschaftlich geführt nach den Anordnungen des Poseidon, wie sie ein Gesetz ihnen überlieferte, das auf einer Säule von Goldkupfer eingegraben war”. Der Solon-Bericht sagt den Atlantern hiermit nach, daß sie des Schreibens und des Lesens kundig waren, und vermutlich hat Spanuth recht, wenn er die Atlanter mit den Phäaken des Odysseus, die Homer ebenfalls als gebildet und hochbegabt schildert, gleichsetzt. Von beiden Völkern wird berichtet, daß sie auf Stühlen saßen und Harfe und Laute spielten. Der griechische Gelehrte Apollonius von Rhodos — um 250 v. — setzt die Phäaken mit den Hyperboräern gleich, von denen ausdrücklich gesagt wird, sie wohnten an der Küste des nördlichen Ozeans in der Nähe des Eridanus.[73]

Wir sehen, der Atlantisbericht und die Schilderungen der Ura Linda Handschriften vom Lande der Fryas widersprechen sich in keiner Weise, wohl aber ergänzen sie sich. Es ist hervorzuheben, daß aus den Handschriften hervorgeht, Altland habe auch aus Südschweden — vielleicht aus der Umgebung von Falun — Kupfer und aus Britannien Zinn bezogen. Auch gibt die Schilderung, wonach in den Handschriften von dem ganzen Gebiet bis weit in das Mittelmeer hinein als von „unserem Land” gesprochen wird, Anlaß, hier einen staatlichen Zusammenhang dieses ganzen Landes zu vermuten, was — wie wir noch sehen werden — im Atlantisbericht seine Bestätigung findet.

Wie wird nun aber von Spanuth der Untergang von Atlantis geschildert?

* * *

Die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts v.d.Ztw. war — wie er hervorhebt — eine Zeit von noch nie dagewesenen Naturkatastrophen. Die altägyptischen Inschriften stimmen hiermit überein, und nicht allein in Platons Atlantis-Bericht,[74] sondern auch im Exodus und anderen Büchern des A.T., in der Edda und nach klassischen Autoren findet dies seine Bestätigung. Auch eine schwedische Tiefseeforschung 1947-1948 erwies dies. Die Ereignisse scheinen wie folgt abgelaufen zu sein: Um 1250 bis 1220 wurde das Klima Europas und Nordafrikas [70] außerordentlich heiß und trocken. Vielleicht wurde diese außerordentliche Temperatursteigerung und Austrocknung durch die Ankunft eines großen Kometen oder Meteoren verursacht,[[75]] die in Nordafrika das Land der Temhu, der Libyer versengte und dort dieses blonde Volk[76] zu einem Angriff auf Ägypten, das Land des großen Nils veranlaßte. Im Jahre 1227 wurde ihr Ansturm, den sie zusammen mit den Sarden, Lykiern, Tyrsenern (Etruskern) und Achäern unternahmen, von Pharao Merenptah zurückgewiesen. Zu dieser Zeit wandelte sich die heutige Sahara aus einem verhältnismäßig gut bewässerten Savannengebiet in eine Wüste.

Ähnlich war der Verlauf in Mittel- und Nordeuropa. Hier ließ die Trockenheit den Spiegel der Alpenseen um 5-10 Meter absinken, und die Masse der Atlanter, die mit den Germanen gleichgesetzt werden können, wurde gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Entlang der austrocknenden Strombetten zogen große Volksmassen nach dem Süden. Eine der Hauptgruppen hatte bereits Mazedonien erreicht, als eine gigantische Eruption des Thera-Vulkans — der jetzigen Insel Santorin — des Aetna, des Sinai, des Hekla und wahrscheinlich noch anderer Vulkane stattfand. Diese Eruptionen verursachten solch schwere Erdbeben, Aschenregen und Überschwemmungen, daß sie den totalen Untergang der mykenischen und der hethitischen Kultur in der Ägeis, in Griechenland und in Kleinasien, sowie schwere Schäden in Syrien, Palestina und Ägypten — die zehn Plagen zur Zeit des Exodus — zur Folge hatten. Dicke Aschenablagerungen auf dem Boden des Mittelmeeres zeugen noch heute von dem riesigen Ausmaß dieser Katastrophe.

Vermutlich wurden diese gleichzeitigen Eruptionen durch die Annäherung und den folgenden Einschlag eines riesigen Kometen, der um diese Zeit erfolgte, verursacht. Die alte Mythe von Phaeton, der mit dem Sonnenwagen in die Mündung des Eridanos stürzte, dürfte eine Erinnerung an dieses Ereignis enthalten. In Übereinstimmung mit dieser Mythe wird in der Voluspa, einem Gedicht der Edda, vom Ragnarök, dem Untergang von Asgard, verursacht durch den Fall von Fenrir — oder des Fenriswolfes — in die Mündung eines Flusses und vom gleichzeitigen Angriff der Mitgardschlange, das ist hier des Ozeans, der das Land verschlang, gesprochen.

Wie Spanuth triftig begründet darlegt, bewahrt diese Mythe aus Schleswig-Holstein die Erinnerung an den Untergang von Atlantis. Der Eridanos der klassischen Autoren ist die Eider,[77] deren Mündung [71] sich damals südlich von Helgoland befand, wo eine jetzt noch 50 Meter tiefe Mulde im Meeresboden vom Einschlag eines Himmelskörpers zeugen dürfte, Asgard war, wie oben schon ausgeführt, der Haupttempel von Atlantis, das, wie Spanuth annimmt, von einer seismischen Flutwelle zerstört, aber nach Aussage der Edda später wieder trocken wurde. Tatsächlich lag noch bis ins Mittelalter östlich von Helgoland eine Insel, die Utland, d.i. Atland, hieß.

In der Edda verursacht Ragnarök das Auseinanderbrechen der bisherigen Einheit der Menschen und den ersten „Volkskrieg”. Tatsächlich wanderten, wie schon geschildert, unzählbare Scharen der Germanen und verwandter Völker nach Süden und griffen Griechenland und sogar Ägypten an. Nachdem sie Griechenland mit Ausnahme von Athen und Attika, die tapferen Widerstand leisteten, überrant hatten, wandten sie sich gegen Ägypten. Hier wurden aber von Ramses III sowohl ihr Angriff zu Lande, wie auch von der See aus, um 1193 vernichtend zurückgeschlagen.

War also der Angriff dieser „Nordvölker”, wie die Ägypter sie nannten, gescheitert, so blieben doch die Pheres, die Philister, in denen Spanuth den Königsstamm der Germanen vermutet, im südlichen Palestina, die Sakar, oder Saksar an der syrischen Küste und die Denen auf Zypern zurück, während die Dorier[78] nach Griechenland zurückfuhren, um große Teile dieses Landes endgültig in Besitz zu nehmen. Soweit die Ausführungen Spanuths.

Vergleicht man nun diese Darstellungen des historischen Ablaufs der Ereignisse mit den in den Ura Linda Handschriften gegebenen Schilderungen von Atlands Untergang, so ist die weitgehende Ubereinstimmung auffallend. Freilich sind in den Handschriften gewisse Stellen undeutlich. So darf man im „Lande Findas”, wenn berichtet wird, daß dort, wie in Twiskland, die Berge Feuer spieen, das Mittelmeergebiet vermuten, wenn es aber weiterhin heißt, daß Banden von Findasvolk kamen, die leeren Räume zu besetzen, so deutet diese Stelle bestimmt auf nördliche oder östliche Nachbarvölker der Fryas hin. Es können hier sowohl Lappen, wie die dalischen Bewohner Mittelschwedens oder Nordrußlands gemeint sein. Die Bezeichnung „Findas” oder Findasvölker wird in den Handschriften bisweilen ausschließlich für mongoloide Völker, durchweg aber für alle Nichtfriasvölker außer den Negern gebraucht.

Es fällt auf, daß in den Handschriften zwei Dinge nicht erwähnt werden: Der Absturz eines Himmelskörpers und die Abwanderung großer [72] Volksmassen nach dem Süden. Ersteres könnte vielleicht eine Erklärung in der Tatsache finden, das der Fenrir wahrscheinlich aus dem Osten kam, sodaß sein Einschlag in Friesland nicht beobachtet werden konnte. Auch dürften recht wenige Bewohner der Umgebung die Katastrophe überlebt haben. Was die Abwanderung betrifft, so finden wir in dem Bericht des Seefahrers Tünis (S.58 des Originals):

Tünis fuhr entlang der Küste und durch die Pforte der Mittelsee. Damals, als Altland versank, war es an den Küsten der Mittelsee auch arg zugegangen. Dadurch waren viele Menschen des Findasvolkes nach unseren nahen und fernen Krekaländern gekommen und auch viele aus Lydasland (Schwarzafrika). Dagegen waren auch viele von unserem Volk nach Lydasland gegangen. Das alles hat verursacht, daß die nahen und fernen Krekaländer für die Oberherrschaft der Mutter verloren waren.

Im vorletzten Satz wird mit Lydasland wohl auch Nordafrika, bezw. das ganze Mittelmeergebiet gemeint sein. Man sieht aber, in wie hohem Grade die Erzählung der Ura Linda Schriften mit den Ergebnissen der Studien Spanuths übereinstimmen.

Sollte man beide ablehnen künnen? Dann bliebe die Aufgabe für diese merkwürdige Übereinstimmung eine Erklärung zu suchen.

[Bild: Wagen von Dupljaja, Apoll auf dem Sonnenwagen. Aus Spanuth, Atlantis Tafel 25 zu S 439/ u. 261]

Kapitel VI — Die ältesten Berichte (1193-650 vor d. Ztr.)

[73] Die ältesten Berichte, die sich in der Sammlung finden, sollen — wie im ersten Kapitel schon bemerkt wurde — auf Adelas Rat von Inschriften auf Türmen, teilweise auch aus anderen Schriften, abgeschrieben worden sein.

Obwohl unterbrochen, sind sie im „Buch der Nachfolger Adelas” immer durch besondere Überschriften zu erkennen. Sie stehen auch nicht in chronologischer Folge. Zählt man den Bericht über „unsere früheste Geschichte”, ungeachtet seines mythologischen Inhalts, mit, dann kommen hier 6 Erzählungen in einer Aufeinanderfolge von 1- 4- 5- 6- 3- 2-, wovon sich „2 in die „Schriften von Frethorik und Wiljo” verirrt hat, in Betracht.

Zurechtgerückt in die richtige chronologische Folge wollen wir sie eine nach der anderen betrachten.

1. Dies ist unsere früheste Geschichte.

Wralda, der allein gut und ewig ist, machte den Anfang. Dann kam die Zeit. Die Zeit schuf alle Dinge, auch die Erde. Die Erde gebar alle Gräser, Kräuter und Bäume, alles liebliche Getier und alles böse Getier. Alles, was gut und lieblich ist, erzeugt sie bei Tag und alles was böse und schlecht ist, erzeugt sie bei Nacht. Nach dem zwölften Julfest erzeugte sie drei Mägde: Lyda aus glühendem Stoff, Finda aus heißem Stoff und Frya aus warmem Stoff. Als diese zum Vorschein kamen, speiste Wralda sie mit seinem Atem, damit die Menschen mit ihm verbunden sein sollten. Sobald sie erwachsen waren, bekamen sie Gefallen und Vergnügen an den Träumen Wraldas und sein Odem trat in sie ein, und nun gebaren sie jede zwölf Söhne und zwölf Töchter. jede Julzeit ein Paar. Von ihnen sind alle Menschen gekommen.

Es folgt dann die Beschreibung der drei Stamm-Mütter.

Lyda war schwarz und hatte krause Haare, „wie die Lämmer” und eine harte Stimme. Sie war zügellos und bekam böse Kinder. „Finda war gelb und ihr Haar wie die Mähne eines Pferdes”, ihre Stimme war süß wie ihre Worte, und wer ihr traute fiel ins Unglück. Ihre Kinder waren [74] ebenso scheinheilig und doppelzüngig wie sie. Sie erfüllten die Erde mit Blut, „und die Köpfe der Menschen mähten sie ab wie Grashalme”. Frya war weiß wie Schnee, hatte blaue Augen und Haare „fein wie Spinngewebe”. Das glänzte „wie die Strahlen der Mittagsonne” Sie war vernünftig und weise und lehrte ihre Kinder Selbstbeherrschung und Liebe zur Tugend und Freiheit.

Diese Schöpfungsmythe, die angeblich der ersten „Volksmutter” Festa von Frya (= Freya) selbst mitgeteilt worden war und — wie es heißt — an den Wänden mehrerer Burgen geschrieben stand, ist, wie die schwierige Wralda-Frage, besser in unserer Schlußbetrachtung zu behandeln. Beschränken wir uns hier auf die Betrachtung der drei Stamm-Mütter.

Es ist auffällig, daß der Name Findas hier eine andere Bedeutung hat als in den anderen Teilen der Sammlung. In der sofort zu erörterten Geschichte des Seekönigs Tünis, den Erzählungen von Kälta, Minerva und Jon und in anderen Schriften bezieht er sich zweifellos sowohl auf die finnischen und ugrischen Völker Osteuropas, wie auf die mediterranen und orientalischen Mittelmeervölker. In der Ursprungssage dagegen hat er deutlich Bezug auf die Mongoliden und auf diese allein. In dieser Sage bleiben gerade die mediterranen und orientaliden Völker, mit denen die seefahrenden Ingwäonen so oft in Berührung kamen, unberücksichtigt, da die weiße, europide Hauptrasse hier — wie aus der Beschreibung erhellt — auf die nordische Rasse, die „Kinder Fryas” beschränkt wird. Deutlich verrät sich hier der Einfluß des französischen Zoologen Baron de Cuvier (1769-1832), der als einer der Ersten die ganze Menschheit in drei Hauptrassen, eine weiße (leukoderme), gelbe (xanthoderme) und schwarze (melanoderme) einteilte. Als Beweis für diese Annahme sei hier besonders auf die genaue Beschreibung der Haare Findas, die an die „Mähne eines Pferdes” erinnerten und ferner auf die ungehemmte Mordlust ihrer Kinder, die die Erde mit Blut erfüllten und die Köpfe der Menschen abmähten wie Grashalme, verwiesen. Dies scheint eher zu den Mongolen Dschingis-Khans und den von ihnen errichteten Schädelpyramiden, als zu den Hunnen, die sich eher durch Raubsucht auszeichneten, zu passen.

Da die erstgenannte Bedeutung des Namens Findas sich aber als die ältere und die ursprüngliche herausstellt, darf man annehmen, daß dieser Name sehr alt ist. Er dürfte mit dem Begriff „findig” zusammenhängen, da Verstandesschärfe und Arglist — wie aus manchen Stellen der Sammlung hervorgeht — gewöhnlich den Mittelmeervölkern [75] zugeschrieben wurden. Die von Theodor Birt befürwortete Gleichstellung des altgermanischen Götternamens Twisto (Tuisto) mit dem Begriff „Twist” böte hier eine Paralelle.[79] Auch der Name Lyda, obwohl etymologisch unerklärt, dürfte sehr alt sein.

Die obige Betrachtung legt die Annahme nahe, daß die alten Ingwäonen die ihnen bekannten Völker bereits in drei mehr oder weniger rassisch bedingte Gruppen eingeteilt haben. Es versteht sich, daß die Mongoliden in dieser Einteilung keinen Platz finden, da die Germanen mit ihnen kaum in Berührung gekommen waren. Freilich müssen sie die mongoloiden Lappen in Skandinavien schon früh gekannt haben. Aber die Existenz dieses kümmerlichen Völkchens im äußersten Norden kann die Aufteilung in die drei Hauptgruppen nicht veranlaßt haben. Diese Aufteilung stammt wohl aus der Aufklärungszeit.

2. Diese Schrift ist mir über Nordland oder Schonland gegeben.

Zur Zeit, als unser Land wegsank, war ich in Schonland. Da ging es so her. Es gab da große Seen, die zich von dem Boden ab wie eine Blase ausdehnten und dann auseinander platzten. Aus den Rissen kam ein Stoff wie glühendes Eisen. Es gab Berge, deren Gipfel heruntertaumelten und Wälder und Dörfer zerstörten. Ich sah selber, wie ein Berg von einem anderen losgerissen wurde. Schnurstraks sank er nieder und als ich nachher dorthin ging, sah ich, daß ein See entstanden war.

Als die Erde sich beruhigt hatte, kam ein Herzog aus Lindasburg mit seinem Volk und einer Magd, die überall ausrief: der Magy ist schuld an allem Leid, das wir gelitten haben. Sie zogen immer weiter und das Heer wurde immer größer. Der Magy flüchtete. Man fand seinen Leichnam; er hatte sich selbst umgebracht.

Dann wurden die Finnen nach einem Ort vertrieben, wo sie leben durften. Es gab auch solche von gemischtem Blut; diese durften bleiben, doch viele gingen mit den Finnen. Der Herzog wurde zum König gekoren. Die Tempel (kerka), die heil geblieben waren, wurden zerstört. Seitdem kommen die guten Nordleute öfter nach Texland um Rat zu der Mutter. Doch können wir sie nicht mehr als echte Fryas anerkennen.

In den Denemarken ist es bestimmt ebenso gegangen wie bei uns. Die Seeleute, die sich selbst stolz Seekämpfer nannten, sind auf ihre Schiffe gestiegen und sind später wieder zurückgegangen.

Es ist deutlich daß hier zwei Berichte, die aus weit auseinanderliegenden [76] Zeiten stammen, zu einem neuen Ganzen verbunden worden sind. Die erste Hälfte dieser Erzählung ist allem Anschein nach ein Augenzeugenbericht aus der Zeit der Naturkatastrophen um 1200 vor und dürfte der älteste authentische Bericht der ganzen Sammlung sein. Die zweite ist eine Erweiterung der von Adela und Apollonia erzählten Geschichte, da sie die Folgen der gewaltigen Überschwemmung beschreibt, die um 450 nach der Ztw. der Herrschaft des Magyarenherzogs (des Magy) ein Ende bereitete. Da in beiden von den Folgen eines gewaltigen Naturereignisses gesprochen wird, entsteht der Eindruck einer Einheit.

Wenn der erste Berichterstatter von dem Auseinanderplatzen großer Seen in Schonland, d.i. in Südschweden, spricht, ist dabei vermutlich an Eruptionen in der nächsten Umgebung des Vettersees zu denken. Im Gegensatz zu den anderen großen Seen Mittelschwedens, die in untiefen Mulden eingebettet sind, liegt dieser langgestreckte See in einer tiefen,[80] von Bruchlinien umgebenen Senke. Bei den gewaltigen Erschütterungen der Erdkruste, die damals stattfanden, mag aus diesen Erdspalten geschmolzene Lava hervorgequollen sein. Bei den abstürzenden Bergkuppen ist wohl an Norwegen (das Nordland) zu denken. Dem zweiten Bericht ist zu entnehmen, daß die Macht des Magyarenherzogs, nachdem sie durch eine große Uberschwemmung in Friesland bereits erschüttert war, durch einen Volksaufstand in Südschweden, bei dem er selbst den Tod fand, endgültig gebrochen wurde. Anscheinend wurden die reinblütigen ugrischen Finnen danach aus dem Lande vertrieben, während die Mischlinge zurückbleiben durften.

3. Im Jahre 1005 nachdem Altland versunken ist, ist dieses auf der Ostwand von Fryasburg geschrieben:

Nachdem wir in zwölf Jahren keine Krekaländer in Ameland (almanland) gesehen hatten, kamen hier drei Schiffe, so zierlich als wir keine hatten und zuvor nie gesehen hatten. Auf dem größten war ein König der Jonischen Inseln; sein Name was Ulysus und der Ruf seiner Weisheit groß. Diesem König war von einer Priesterin geweissagt worden, daß er König von allen Krekaländern werden sollte, wenn er Rat wußte, um eine Lampe (foddik) zu bekommen, die an der Lampe in Texland angezündet worden wäre. Um diese zu erhalten, hatte er viele Schätze mitgebracht, vor allem Frauenschmuck, wie in der Welt keiner schöner gemacht wurde. Sie kamen von Troje, einer Stadt, die die Krekaländer eingenommen hatten. All diese Schätze bot er der Mutter [77] an, aber die Mutter wollte von ihm nichts wissen. Als er endlich einsah, daß sie nicht zu gewinnen war, ging er nach Walcheren (walhallagara).

Dort saß eine Burgmaid, deren Name war Kat. Gemeinhin wurde sie aber Kalip genannt, da ihre Unterlippe wie ein Mastkorb hervorstand. Bei ihr hat er sich jahrelang aufgehalten, zum Ärgerniß von allen, die es wußten. Nach der Aussage der Mägde hat er zuletzt von ihr eine Lampe bekommen. Sie hat ihm aber nicht viel genutzt, denn als er in See stach, ist sein Schiff untergegangen und er nackt und bloß von den anderen Schiffen aufgenommen worden.

Von diesem König ist hier ein Schreiber von reinem Fryasblut zurückgeblieben, geboren in dem neuen Hafen von Athen, und das was hier folgt, hat er für uns über Athen geschrieben (usw.)

Es folgt hier dann eine Erzählung, die in einer viel späteren Zeit (um 630 v.) spielt und sich der Geschichte von Jon und Minerva, die erst im nächsten Kapitel zu behandeln ist, anschließt.

Auch hier sind die Schriften also durcheinandergeraten, und schon Overwijn spricht hier von einem Hiatus und einem Zusammentreffen zweier Geschichten.[81]

Was gegen die Authentizität dieses Berichtes zeugt, ist an erster Stelle seine Datierung. Zwar weicht diese (2193 - 1005 = 1188 v.d. Ztr.) nicht allzuviel ab von der herkömmlichen Zeitbestimmung für den Untergang von Troja, der auf 1184 v. angenommen wurde, aber gerade dieser Umstand weckt hier Argwohn. Ein möglicher Besuch von Odysseus in Friesland könnte nur geraume Zeit nach der Einnahme dieser Stadt, muß aber vor dem Untergang der mykenischen Welt, der auf 1220 gestellt wird. stattgefunden haben. Spanuth setzt die Einnahme Trojas auf 128 v. an und neuerdings hat G. Kahl-Furthmann die Eroberung der Stadt durch die Achäer sogar in den Zeitabschnitt von 1370-1350 zurückverlegt,[82] indem sie meint, Homer sei ein Zeitgenosse der von ihm geschilderten kriegerischen Vorgänge gewesen.

Außer dieser Datierung weckt auch der lateinische Name Ulysus, der dem damaligen Griechen sicherlich unbekannt gewesen ist, Bedenken: wäre der Bericht authentisch, so hätte man hier den griechischen Namen Odysseus, sei es vielleicht in einer verdorbenen Form, erwarten müssen. Auch der Umstand, daß Tacitus in seiner Germania von einem Aufenthalt des Odysseus an der Nordseeküste und im Rheingebiet spricht, kann hier nicht helfen, da dieses Buch den späteren [78] Humanisten bekannt gewesen ist. Es scheint also unmöglich, diesen Bericht nicht für eine spätere Erfindung zu halten.[83]

4. Dieses steht an der Waraburg bei der Aldegamude geschrieben:

Die Waraburg ist keine Mägdeburg, aber allerhand ausländische und exotische Dinge, die von den Seeleuten mitgebracht sind, wurden darin aufbewahrt. Sie ist drei Pfähle, d.i. eine halbe Gezeit (drei Stunden) von Medemblik (medeasblik) gelegen. Also ist der Prolog: Berge beuget eure Gipfel, Wolken und Ströme weint: Ja, Schonland erröte, Sklavenvölker (slâvona folka) treten auf dein Kleid, o Frya!

Wenn die hier gegebene Ortsbestimmung richtig ist, war die Waraburg — eine Art Museum — in der Nähe der heutigen Stadt Hoorn gelegen. Die Aldega war ein breites Gewässer, das vielleicht hier begann und in der Zeit Apollonias (5. Jhdt n.), wie aus ihrer Reisebeschreibung hervorgeht, durch einen ausgehobenen Kanal mit der Nordsee beim heutigen Dorf Egmond (egmunda) verbunden war. Bei der großen Überschwemmung von 450 n. soll dieser Kanal versandet sein. (Vergl. S.116 des Originals.)

So ist die Geschichte:

Hundertundein Jahr nachdem Altland versunken war (1193 - 101 = 1092 v.), kam ein Volk aus dem Osten. Dieses Volk war von einem anderen Volk vertrieben worden. Hinter unserem Twiskland bekamen sie Zwist: sie teilten sich in zwei Haufen und jeder ging seiner Wege. Von einem Teil ist kein Bericht zu uns gekommen, aber der andere Teil fiel hinten in unser Schonland ein. Schonland war sparsam bevölkert und an der Hinterseite am spärlichsten. Deshalb konnten sie es ohne Kampf besetzen, und da sie sonst kein Leid antaten, wollten wir deshalb keinen Krieg (orloch) haben.[84]

Das Volk hatte keinen eigenen Namen, wurde aber von den Fryas Finnen (finna)[85] genannt. Es war nicht so wild, wie viele Geschlechter Findas. Sie haben Priester (prestera), Tempel (kärka) und Bilder (byldon). wie die Ägypter. Die Priester sind die einzigen Herren: sie nennen sich selber Magyaren (mägjara), ihr Oberster heißt Magy, er ist Oberpriester und König zugleich. All das andere Volk ist eine Null und einander gleich, und alle sind unter ihrer Gewalt.

Auch sind sie nicht zu beneiden, denn sie sind Sklaven (slâvona) ihrer Priester, aber noch viel mehr ihrer Anschauungen. Sie meinen, daß alles voll böser Gieister ist, die sich in Menschen und Tiere schleichen, [79] aber vom Geist Wraldas wissen sie nichts. Sie haben Steinwaffen, die Magyaren kupferne. Die Magyaren erzählen, daß sie böse Geister bannen und ausbannen können. Deshalb ist das Volk immer in banger Furcht und in ihrem Antlitz ist niemals Heiterkeit zu sehen.

Achtzig Jahre später (also 1012 v.) überfielen diese Finnen, die bis dann freundliche Nachbarschaft gehalten hatten, erneut die Fryas und stießen bis in die Nähe von Gothenburg (goda-his burch) vor.

„Frya wurde angerufen, aber die Schonländer hatten ihren Rat vernachlässigt”. Ein Aufgebot von jungen Männern aus Ostflyland und den Denemarken kommt ihnen aber zu Hilfe; drei Neffen eines alten Seekönigs namens Sterik: Wodin, Tünis und Inka wurden dabei zum Heermann oder König, Seekönig und Schult bei Nacht gewählt. Wodin teilt sein Heer in drei Keile und schlägt die Finnen zurück, worauf der Magy ihm anbietet, König auch über die Finnen zu werden. Wodin nimmt das Angebot an, läßt sich krönen und siegt dabei auch über das Reitervolk, das die Finnen noch immer in ihrem Rücken bedrohte, worauf der Magy ihm seine Tochter zur Frau gibt. Nach sieben Jahren stirbt er — wohl vergiftet — und wird vom Magy unter die Götter aufgenommen. Es folgen allerlei Zerwürfnisse, die hier fortgelassen werden können.

Es ist von vorneherein deutlich, daß diese Erzählung Unmöglichkeiten sowie Widersprüche enthält. Wo auf der Welt hat jemals ein Volk gelebt, dessen Priester besser bewaffner waren als seine Krieger? Ein organisierter Priesterstand unter einem Oberhaupt, das zugleich Oberpriester und König war, hat, soviel bekannt ist, bei keinem einzigen osteuropäischen Volk in prähistorischer Zeit existiert. Hierzu kommt, daß diese angeblichen Priester als richtige Schamanen gezeichnet werden und deshalb eher als Zauberer und Wahrsager angesehen werden können. Die eingedrungenen Finnen sind abergläubische Ugrier und gehören ebenso wie der Magy in eine viel spätere Zeit: in das 5. Jahrhundert n., ebenso wie das friesische Wort slâvona für „Sklaven”. Auch der moderne Name Gothenburg ist hier verdächtig.

Diese ganze Geschichte scheint erdichtet zu sein mit dem Zweck, den germanischen Gott Wodan aus einer vergöttlichten Heldenfigur — hier Wodin — zu erklären, in der Weise des Euhemerismus. Dies mag das Werk eines späteren Bearbeiters sein, der die Namen der germanischen Götter zugunsten der Alleinherrschaft „Wraldas” ausmerzen wollte. Es mag dahingestellt bleiben, in welcher Zeit dieser Bearbeiter [80] lebte; zweifellos hat er aber — wie in der Geschichte Askars — etwas ubersehen, nämlich den Satz über die Anbetung Fryas, der mit einem angeblichen Monotheismus in Widerspruch steht.

Ob in der hier besprochenen Erzählung ein historischer Kern steckt, ist schwer zu entscheiden. Angriffe aus dem Osten auf Südschweden sind in prähistorischer Zeit archäologisch nicht nachweisbar; trotzdem können sie dann und wann stattgefunden haben. Bei dem Fehlen jeden Anhaltspunktes ist es am besten, diese Frage offen zu lassen.

5. All dieses steht nicht nur auf der Waraburg, sondern auch auf der Burg Stavia, die hinter dem Hafen von Stavre gelegen ist.

Dieser Bericht ist die Fortsetzung des vorigen. Es wird erzählt, wie Tünis und Inka bei ihrer Rückkehr aus Schonland weder in Dänemark noch in Friesland (flyland) landen durften, weshalb sie längs der Küste weiter südlich fahren und sich durch Raub ernähren. Sie kamen an die Volkspflanzung Cadiz (kâdik), wo sie Lebensmittel kaufen durften. Aber die Burgmaid Tuntja verbot ihnen auch hier, sich niederzulassen. Als sie weiterfahren wollten, bekamen sie Zwist: Tünis wollte durch die Straße in das Mittelmeer, „um für den reichen König von Ägypten zu fahren, wie er früher getan hatte, aber Inka sagte, er hätte von all dem Findas-Volk genug. Inka meinte, es sei veilleicht ein hochgelegener Teil Atlands in Gestalt einer Insel übrig geblieben, wo er und seine Mannschaft friedlich leben könnten”. So trennten sich die Scharen. „Vom Neffen Tünis ist nachher Bericht gekommen, vom Neffen Inka niemals”. Altland wird in diesem Bericht stets Atland geschrieben.

Es folgt hier der schon im vorigen Kapitel zitierte Bericht bezüglich der Katastrophen, die sich beim Untergang von Atland im Mittelmeergebiet zugerragen hatten. In deren Folgen waren die „Nahen und Fernen Krekaländer” der Oberherrschaft der Volksmutter verloren gegangen und gerade deshalb wollte Tünis, der auf Befehl der Mutter in Dänemark und Friesland nicht hatte landen dürfen,[86] hier einen guten Hafen suchen, um von da aus „für die reichen Fürsten” zu fahren.

Da sein Volk verkommen aussah, wurden sie aber von den Küstenbewohnern (kädhemer) überall als Seeräuber angesehen und verjagt.

Zuletzt kamen sie an Phönikiens (phonisiens) Küste, das war 193 Jahre nachlem Arland gesunken ist (also 1000 v.d.Ztr.). In der Nähe der Küste fanden sie eine Insel mit zwei tiefen Buchten, sodaß sie wie drei Inseln aussah. Auf der mittelsten errichteten sie ihre Zufluchtsstätte; [81] später bauten sie hier herum einen Burgwall. Als sie dieser Burg nun einen Namen geben wollten, wurden sie uneinig; etliche wollten sie Fryasburg nennen, andere Neeftünia, aber die Magyaren und Finnen baten, daß sie Thyrhisburg heißen sollte. Thyr nannten sie einen ihrer Götter, und auf dessen Geburtstag waren sie dort gelandet. Zum Entgeld wollten sie Tünis ewig als ihren König anerkennen. Tünis ließ sich überreden und die anderen wollten darüber keinen Krieg haben.

Es wird dann weiter erzählt, wie man schließlich mit den Bewohnern der benachbarten Burg Sidon, die nach den mitgebrachten Eisenwaffen und Bernstein begierig waren, einig wurde und sich ein großer Handel zwischen Phönizien und der alten Heimat entwickelte. Tünis fuhr mit reichbeladenen Schiffen zurück und erhielt Erlaubnis in Westflyland bei der Mündung des Flysees einen Stapelplarz (loge) einzurichten.

Später ist dieser Ort Ameland (almanaland) genannt und der Markt in Wieringen[87] (wyringga), wo sie nachher Tauschhandel treiben durften, Zulassungsmarkt. Die Mutter riet, daß wir ihnen — den Tyriern — alles verkaufen sollten, außer eisernen Waffen, aber man achtete nicht auf sie. Da die Tyrier also freies Spiel hatten, kamen sie immer zurück, um unsere Waren allenthalben zu verkaufen, zum Schaden unserer eigenen Seeleute. Darauf hat man auf einer allgemeinen Versammlung beschlossen, jährlich sieben tyrische Schiffe zuzulassen und nicht mehr.

Auch diese Erzählung zeigt wieder die Spuren einer späteren Umarbeitung. Mit Finnen können viellecht die dalisch-fälischen Urbewohner Mittelschwedens gemeint sein;[88] die ugrischen Finnen und Magyaren aber sind in diesem Zeitabschnitt ein arger Anachronismus, der nur in der historischen und ethnographischen Unkenntnis eines späteren Bearbeiters seine Erklärung findet. Bemerkenswert ist es dabei, daß mit Magyaren hier wieder ein Volk gemeint wird, statt — wie in dem vorigen Bericht — eine Priesterkaste.

Weiter ist es befremdend, daß Tünis, dessen Vater uns unbekannt bleibt, wiederholt Neffe Tünis (neef Tünis, niederländisch neef Teunis) genannt wird, weil er ein Neffe eines alten in den Ruhestand versetzten Seekönigs war. Die beide anderen Neffen Steriks, Inka und Wodin, werden der erste nur einmal und der zweite niemals als Neffen bezeichnet. Es ist klar, daß hier versucht wird, den römischen Seegott Neptunus mittels eines Wortspiels,[89] als einen nach seinem Tode vergötterten germanischen Seekönig zu deuten, wiederum im Sinne des [82] Euhemerismus. Wie unsinnig dieser Versuch ist erhellt, wenn man bedenkt, daß, wenn die hier suggerierte „Erklärung” richtig wäre, die Römer ihren Seegott den Phöniziern entlehnt haben müßten. Etwas anders liegt der Fall mit dem altgermanischen Gott Ziu oder Tyr, der hier in durchaus willkürlicher Weise zu einer Erfindung der ugrischen „Priester” herabgewürdigt wird.

Am deutlichsten enthüllt sich die Hand eines späteren Bearbeiters in der Mitteilung bezüglich des Überbleibsels von Atland, das Inka im Westen suchen wollte. Hier spürt man den Einfluß neuzeitlicher Gelehrter, die, in Verkennung der geologischen Möglichkeiten, das verschwundene Atlantis irgendwo im Atlantischen Ozean lokalisieren möchten. Ob Neffe Inka als eine historische Figur aufgefaßt werden muß, ist sehr fragwürdig; als Stammvater der Inkas von Peru kann er keineswegs gelten, da das Inkareich erst um 1300 n. entstand und erst viel später eine größere Ausdehnung erreichte. Höchstens dürfte dieser Neffe Steriks seinen Namen nach Amerika gebracht haben, denn gelegentliche Kontakte der Alten mit der neuen Welt mögen schon sehr früh stattgefunden haben.[90]

Die Stadt Tyrus, die von Tünis 1000 gegründer sein soll, bestand bereits im 3. Jahrtausend: die Priester des Melkart versicherten Herodot, als dieser um 450 v. ihre Stadt besuchte, daß sie 2300 Jahre alt sei (Her. II, 44). Mit Sicherheit darf man aber annehmen, daß diese ältere Stadt vollständig zerstört worden war, als die riesige Flutwelle als Folge des Santorinausbruchs um 1220 v. den ganzen Küstenstreifen Syriens und Palästinas überschwemmte. Für das nördlicher gelegene Ugarit ist die gänzliche Zerstörung um das Jahr 1200 archäologisch erwiesen, für Tyrus kann sie als feststehend angenommen werden. Eine Neugründung dieser Stadt um das Jahr 1000 ist deshalb nicht nur möglich sondern sogar nahezu sicher.

Mit nicht weniger Grund darf man vermuten, daß diese Neugründung das Werk von mit den Seevölkern immigrierten Germanen war oder eines Nachschubs, der ihnen aus der alten Heimat gefolgt war. Spanuth zufolge setzten die Philister (Pheres oder Pelesati) sich nach dem mißlungenen Angriff auf Ägypten in der palestinischen Küstenebene, die Sakar oder Saksar (= Sachsen?) an der Westküste Syriens und die Denen (= Dänen?) sich auf Zypern fest,[91] in den Pheres (griech. Pheresioi) darf man die Friesen vermuten. Auf eine germanische Kolonisation des syrischen Küstenstreifens, der jedenfalls infolge der Naturkatastrophen damals stark entvölkert gewesen sein muß, [83] deutet vielleicht auch der Name Tyrus, der von dem einheimischen semitischen Namen Zor in auffallendem Maße abweicht und einen nichtsemitischen Klang hat.

Jedenfalls entwickelten die neuen Bewohner in der folgenden Zeit eine große Aktivität. Der Handelsverkehr von Tyrus mit den westlichen Mittelmeerländern blühte empor. König Hiram von Tyrus (969-934) schützte seine Stadt durch gewaltige Ringmauern und verschönerte sie durch den Bau prachtvoller Paläste und Tempel. Die Fahrten, die seine Seeleute zusammen mit den Knechten des israelitischen Königs Salomo vom Hafen von Ezion Geber bei Elath aus nach dem fernen Goldland Ophir unternahmen, vergrößerten zweifellos seinen Reichtum. Seine Äußerung, als er die „Städte sah, mit deren Abtretung sein Bundesgenosse ihn für seine Hilfe beim Bau des Tempels von Jerusalem „belohnte”: „Was sind das für Städte, mein Bruder, die du mir gegeben hast”, klingt wie die bedachtsame, zugleich aber auch übergelegene Sprache eines Nordländers.

Mag der Seekönig Tünis vielleicht keine historische Person sein, so gibt es doch triftige Gründe, um das schnelle Emporkommen von Tyrus mit seinen bis in den fernen Westen, ja bis nach Nordeuropa reichenden überseeischen Beziehungen mit dem Einströmen nordischen Blutes in Verbindung zu bringen. Die Reaktion der Überschichteten und Unterworfenen ließ aber auch hier nicht lange auf sich warten. Bald nachher wurde Hirams Geschlecht durch den Oberpriester der Göttin Astarte vertilgt, worauf dieser die Königswürde mit dem Priesteramt in seinem Hause vereinigte.

So entstand das semitisierte Phönikien, das bis jetzt für die Geschichtsschreiber das einzige gewesen ist, das sie kannten. Schuld hieran sind aber vermutlich die phönizischen Priester, von denen man annehmen darf, daß sie die Erinnerung an die ihnen verhaßte Fremdherrschaft nach Möglichkeit ausgemerzt und dadurch die Geschichte gefälscht haben.

Es ist bemerkenswert, daß bereits der französische Orientalist Ch. Autran[92] den semitischen Charakter der Phönizier in Abrede stellte; statt als Semiten betrachtete er sie als Karer, was für die Urbevölkerung Phöniziens zutreffen dürfte. Zur Begründung seiner Annahme wies dieser Autor darauf hin, daß im Bereich des Ägäischen Meeres im Altertum keine semitischen Sprachreste gefunden wurden. Diese Tatsache könnte aber als Widerlegung seiner eigenen These gedeutetwerden, da die Karer, falls sie der mediterranen Rasse angehörten, [84] vermutlich eine mit dem Semitischen nahe verwandte Sprache gesprochen haben. Die Schwierigkeit löst sich, wenn man annimmt, daß die Phönizier, die in der Ägäis als Vorläufer der Griechen auftraten, als nordische Indogermanen ihnen nahe verwandt waren.

6. Was daraus geworden ist.

In diesem nicht datierten Bericht handelt es sich um eine Insel im nördlichsten Winkel des Mittelmeeres, die mit Zustimmung der Volksmutter an die Golen, die Priestermissionare von Sydon, verkauft wurde. Man bereute das später, weshalb man die Insel Missellia (Fehlverkauf, Mißverkauf) nannte.

Als sie sich häuslich eingerichtet hatten, tauschten ihre Kaufleute feine kupferne Waffen und allerhand Schmuck gegen unsere eisernen Waffen und Häute wilder Tiere, die man in unseren südlichen Ländern in Menge bekommen konnte. Aber die Golen feierten allerhand schmutzige, fratzenhafte Feste und lockten die Küstenbewohner (kádhemer) mit Hilfe ihrer lüsternen Mädchen und der Süße ihres vergifteten Weines herbei.

Auch wird den Priestern vorgeworfen, daß sie Verbrecher und Übeltäter in ihre Obhut nahmen und nach Phonisia, „das ist Palmland”, brachten. Auch entführten sie Mädchen nach Britannien, wo es Mangel an Frauen gab. „All diese Mädchen waren ihre Dienerinnen, die die Kinder von Wralda stahlen, um sie ihren falschen Göttern zu geben”.

In diesem Bericht, der anscheinend aus einer späteren Zeit stammt als der vorhergehende, ist zum ersten Mal die Rede von den Druiden (Golen), deren möglicher Ursprung besser im nächsten Kapitel besprochen werden kann.

Sie treten hier missionierend auf, und ihre Götzen und religiösen Feste wecken den Abscheu der Fryas. Weshalb sie Übeltäter sammeln und nach Phönizien schicken, ist nicht deutlich. Man könnte versucht sein, hier an die von Cäsar überlieferte Gepflogenheit der späteren Druiden zu denken, Verbrecher und Fremdlinge in Käfigen von Flechtwerk lebendig zu verbrennen. Der geschilderte Raub von Kindern „die ihren falschen Göttern gegeben wurden”, weckt die Erinnerung an die scheußlichen Kinderopfer, die im damaligen Phönizien dem Moloch dargebracht wurden.

Trotz späteren Zutaten — „Wralda” — steckt in diesem Bericht anscheinend doch ein Kern von Wahrheit.

Mit Missellia ist wohl eine Vorläuferin der heutigen Stadt Marseille [85] gemeint. Sie lag zweifellos auf einer der kleinen Inseln, die der jetzigen Stadt vorgelagert sind; am ehesten wäre hier vielleicht an die Insel If mit der gleichnamigen Burg, „Chateau d’If”, zu denken. Es ist durchaus möglich, daß zuerst die Friesen und nach ihnen die Phönizier, die sich vorzugsweise auf kleinen der Küste vorgelagerten Inseln festsetzten, hier eine Faktorei besessen haben. Die Phönizier mögen erst Anfang des 8. Jahrhunderts v., als sie bereits unter der Herrschaft ihrer Priesterkaste lebten, die Insel erworben und um 600 v. bei der Gründung von Massilia von den Griechen vertrieben worden sein.

Kapitel VII — Die Geschichten von Kälta, Minerva und Jon

[87] Es folgt nun in den Handschriften eine Reihe zusammenhängender Geschichten, die sich zwischen die Berichte aus einer älteren Zeit verirrt haben und in den s.g. Schriften von Minno, die ihnen in der Sammlung vorangehen, ihre Fortsetzung finden. Auch sie wurden im 5. Jhdt von einer älteren Vorlage abgeschrieben, anscheinend ebenfalls auf Adelas Befehl.

Jetzt wollen wir schreiben über den Krieg der Burgmägde Kalta und Minerva,

und wie wir dadurch unsere südlichen Länder und Britannien an die Golen (gola) verloren haben.

Bei der südlichen Rheinmündung und der Schelde gibt es sieben Inseln, benannt nach Fryas sieben Wachmägden der Woche. Mitten auf einen Insel ist die Burg Wallhallagara[93] und von den Wänden dieser Burg ist die folgende Geschichte abgeschrieben. Darüber steht: lies, lerne und wache.

563 Jahre nachdem Atlant versunken war, saß hier eine weise Burgmagd. Minerva war ihr Name, von den Seeleuten Nyhellenia zugenannt. Dieser Zuname war gut gewählt, denn der Rat, den sie erteilte, war neu (ny) und klar (hel) über alle anderen.

Über der Schelde auf der Fluchtburg (flyburch) saß Syrheed; diese Burgfrau war voller Ränke. Schön war ihr Antlitz und gewand ihre Zunge aber der Rat, den sie gab, war immer in düstern Worten. Deshalb wurde sie von den Seeleuten Kälta genannt. Die Leute meinten, daß dies ein Ehrenname sei. In der letztwilligen Verfügung der verstorbenen Mutter war Rosamunde als erste, Minerva als zweite und Syrheed als dritte Nachfolgerin genannt. Minerva störte das nicht, aber Syrheed war hierdurch peinlich betroffen.

Es wird dann geschildert, wie der Gegensatz sich dadurch zuspitzt, daß Minerva mehr geehrt und geliebt wird als ihre Nebenbuhlerin. Um ihre Wachsamkeit zu betonen, läßt Syrheed einen Hahn auf ihrem Banner abbilden. Minerva dagegen macht sich ein Banner mit einem Schäferhund und einer Eule. In ihrem Ärger läßt Kälta Zauberer (mâgjara) zu sich kommen, um von ihnen zu lernen; später verbündet sie sich mit den Golen. Als sie sieht, daß die Seeleute sich von ihr abwenden, [88] läuft sie bei hellem Mondschein über die stürmische See, um sie zu erschrecken. Schließlich wirft sie auf einem Seefest Minerva vor, sie habe die Herstellung von Schreibfilz aus Flachs zugrundegerichtet, indem sie Schreibfilz aus Wasserlilien machen ließ. Das Volk, betrunken von dem vielen Freibier, das sie hatte ausschenken lassen, läßt sich so aufhetzen und geht über den Sandfall (sandfall) und überfällt bei Nacht die Burg von Minerva. Doch Minerva samt ihren Mägden und der Lampe wurden von den Seeleuten gerettet.

* * *

Diese in eine schöne dichterische Form gegossene Geschichte, die hier nur stark gekürzt wiedergegeben werden konnte, zeigt wiederum die Spuren späterer Bearbeitung, die auf die Zeit der französischen Revolution hinweist. Der „gallische Hahn”, damals das Wappentier und Symbol der Revolution, erscheint hier bereits auf dem Banner Syrheeds, während er auf altgallischen Münzen niemals vorkommt.[94]

Der Name Walhallagara für die Burg auf der Insel Walcheren, der an das himmlische Walhalla gemahnt, hat in den Endsilben einen friesischen Klang und dürfte authentisch sein; der von Ptolemäus überlieferte Ortsname Mannagara, von dem im nächsten Kapitel die Rede sein wird, ist es jedenfalls. In den ältesten aus dem Ende des 7. Jahrhunderts überlieferten Namen der Insel Walcheren Walachra und Walacria[95] mag dieser Name verdorben sein. Dagegen haben die 1647 vor der Küste dieser Insel gefundenen Altar- und Votivsteine vermutlich einen späteren Bearbeiter veranlaßt, der Minerva den Beinamen Nyhellena zu geben.

Auch diese, von Ursprung wahrscheinlich keltische, Göttin sollte aus der posthumen Vergötterung eines Menschen entstanden sein. Schließlich verrät das Laufen der Syrheed auf der See den Einfluß einer Christuslegende aus dem neuen Testament.[96]

All dieser späteren Zutaten ungeachtet ergibt sich doch die Frage, ob nicht auch diese Erzählung einen historischen Kern enthalten könnte. Der Beiname der Syrheed: Kälta, d.i. wohl „die Keltische”, gibt hier einen wichtigen Hinweis. Das Zerwürfnis zwischen den Burgmägden Minerva und Kälta soll 563 Jahre nach dem Untergang von Atlant, also 630 v. zum Ausbruch gekommen sein und einen Krieg zwischen den Nachbarvölkern der Germanen und Kelten veranlaßt haben. Die Kelten sollen damals schon bis an die Nordseeküste gewohnt haben und das Sincfal soll die Grenze zwischen beiden Völkern [89] gewesen sein. Allerdings ist es unbekannt, ob das Gebiet der Ingwäonen (Fryas) sich in dieser frühen Zeit so weit nach Süd-Westen ausgedehnt habe. Es ist aber eine unbestreitbare Tatsache, daß die genannte Datierung der Ausbreitung der Kelten über Nordfrankreich gut mit den Annahmen der Prähistoriker übereinstimmt.

Dem verstorbenen Tübinger Philologen Hans Krahe zufolge grenzten die Germanen während der Bronzezeit im Südwesten ihres Gebietes an die Italiker, während sie mit den südlicher wohnenden Kelten noch keine direkte Berührung hatten. Er schließt das aus der Tatsache, daß Latein und Altgermanisch ein gemeinsames Wort für „Bronze” haben, das aber im Keltischen fehlt. Das dem Keltischen und dem Germanischen gemeinsame Wort für Eisen, das im Lateinischen fehlt, ist ihm dagegen Beweis, daß diese beiden Völker in der Eisenzeit Nachbarn geworden waren.[97] In Übereinstimmung mit dieser Ansicht wird gewöhnlich angenommen, die Kelten seien frühestens im 8. Jahrhdt von Süddeutschland aus vorgestoßen und hätten Nordfrankreich erobert, während Prof. Hawkes ihre ersten Gruppen erst nach 700 v.d.Ztr. in England an Land gehen läßt.[98]

Bemerkenswert ist es weiter, daß die hier auftretenden Kelten noch — genau wie die anderen indogermanischen Völker — Burgen und Burgmägde (Vestalinnen) haben, deren Aufgabe es ist, eine ewig brennende Lampe zu hüten. Dagegen fehlt bei ihnen noch die mächtige Priesterschaft der Druiden, die bei den späteren Kelten Galliens und Britanniens das Volk in Schrecken und den ehemals übermächtigen Adel in Schach hielt.

Caesar, der als erster diese Priesterschaft und die von ihr dargebrachten scheußlichen Menschenopfer beschrieb,[99] meinte, daß sie aus Britannien kamen. In der Geschichte vom Verkauf von Missellia, wo sie unter dem Namen Golen zum ersten Mal in den Handschriften erwähnt werden, heißt es aber ausdrücklich, daß sie Priestermissionare aus Sidon waren. Als Syrheed sich näher mit ihnen verbünden will, fährt sie, wie noch erzählt werden wird, nach Missellia. Schon Dr. Ottema wies darauf hin, daß auch die kastrierten Priester der Rea Kybele in Rom mit dem Namen Galli angedeutet wurden.[100]

Später sei dieser Name dann auf das ganze Volk der im heutigen Frankreich wohnenden Kelten übertragen worden.

In dieser Welt der indogermanischen Völker ist der Druidismus zweifellos ein Fremdkörper gewesen, dessen Herkunft bisher im Dunklen lag. Hier wird diese orientalisch anmutende, hierarchisch geordnete [90] Priesterschaft, die sich ihr Oberhaupt selbst erwählte, aus Phönikien hergeleitet, mit dessen Kult sie die grausamen Menschenopfer gemeinsam hat. Bevor man diese Lösung des Rätsels verwirft, soll man bedenken, daß hier Tatsachen mitgeteilt werden, die sich in die prähistotische Entwicklung einpassen lassen und einem Bearbeiter, oder sagen wir: Fälscher, aus dem 18. Jahrhundert völlig unbekannt gewesen sein müssen.

* * *

Hierzu kommt die Geschichte von Jon

Jon, von den Seeleuten auch Jôn, Jhon oder Jan genannt, war ein Seekönig, geboren zu Alderga (in Westflyland). Er fuhr mit 127 reich beladenen Schiffen aus dem Fliesee heraus auf eine große Reise. Als er aber die zerstörte Burg von Walhallagara sah, wurde er sehr böse und ging mit seinen Mannen auf die Fluchtburg von Kälta los, die er in Brand setzte. Sein Konteradmiral (skelta bi nacht, niederl. schout by nacht) rettete hierbei die Mägde und die Lampe. Kälta entkommt durch ein Wunder. Hieraus entsteht ein Krieg, in dem Tausende fallen.

Rosamunde, die damalige Volksmutter, die zuerst viel für die Erhaltung des Friedens getan hatte, ruft nun den Heerbann zu den Waffen. Jon birgt sich mit seinen Leuten auf seine Flotte und nimmt die beiden Lampen, Minerva und die Mägde beider Burgen mit. Helprik, der Heermann, läßt ihn vorladen, Jon aber fährt zurück zum Fliesee, nimmt die Frauen und Kinder seiner Mannschaft und viel anderes Volk an Bord und entweicht heimlich, als er bemerkt daß man ihn und seine Mannen als Verbrecher strafen will.

Er tat das mit Recht, denn alle unsere Inselbewohner und all das andere Scheldevolk, das gekämpft hatte, wurde nach Britannien gebracht. Dieser Schritt war fehlgetan, denn nun kam der Anfang vom Ende.

Kälta begab sich nach Missellia.

Darauf kamen die Golen mit ihren Schilfen aus dem Mittelmeer und fuhren nach Cadiz (kädik) und unser ganzes Südland entlang und fielen über Britannien her, konnten aber daselbst keinen Fuß fassen, da die hier Führenden mächtig und die Verbannten noch Fryas waren.

Dann aber hetzt Kälta die letzteren auf und sagt ihnen, sie seien nicht ihrer Vergehen wegen sondern der Zinngewinnung wegen hierher verbannt worden; wenn sie wieder frei sein und unter ihrer Hut leben wollen, so würden ihnen Waffen gegeben werden.

Wie ein Blitz ging es über die Insel und bevor des Kroders Jul (thet kroders jol) einmal umgelaufen war, war sie Herrin [91] über allesamt und die Thyrier (Herren) über alle unsere Südstaaten bis zur Seine (sejene). Da Kälta sich aber nicht sicher fühlte, ließ sie im nördlichen Bergland eine Burg bauen. Kältasburg wurde sie genannt; sie ist noch da, aber jetzt heißt sie Kerenäk. Von dieser Burg herrschte sie wie eine echte Mutter, nicht um ihrer Folger willen, sondern über diese, die sich fürder Kelten (kältana) nannten. Aber die Golen herrschten allmählig über ganz Britannien. Das kam einerseits dadurch, daß sie nicht mehr Burgen hatten, zweitens weil sie keine Burgmägde und endlich auch, weil sie keine echte Lampe hatten. Infolge all dieser Ursachen konnte ihr Volk nicht lernen, es wurde dumm und stumpf, und von den Golen all seiner eisernen Waffen beraubt, wurde es schließlich gleich einem Bullen bei der Nase herumgeführt.

Die Mitteilung, daß die Kältasburg in Schottland „auch jetzt noch da ist”, beweist, daß diese Erzählung zu den Berichten gehört, die um 443 n. auf Adelas Befehl von älteren Vorlagen abgeschrieben wurden. Sie kann also nicht als eine Erfindung aus späterer Zeit abgetan werden. Es kommt hinzu, daß die historische Entwicklung, die sie schildert, keine unlogische ist und nirgends gegen die schon bekannten geschichtlichen Daten verstößt. Es soll hier versucht werden, diese Entwicklung in ihren Hauptlinien zu skizzieren.

Nach dem Untergang von Atland bestand das Reich der Atlanter, obwohl geschwächt durch den Abzug eines Großteils seiner Bevölkerung, weiter. Sein Zentrum lag noch immer bei der Nordsee, im Land der Seegermanen oder Ingwäonen, während Britannien und ausgedehnte Küstengebiete in West- und Südeuropa, darunter die vor der ligurischen Küste gelegene Insel Missellia, ihm botmäßig waren. Nach Britannien schob das germanische Kernland nicht nur Sträflinge ab, die dort in den Zinngruben arbeiteten, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach wurden auch Kolonisten dorthin gesandt. Darauf weist eine Mitteilung des Tacitus, der in seiner „Agricola” (Kap. 11) meint, daß das rötliche Haar und der starke Körperbau der Caledonier — also der Bewohner von Schotland, wo kein Zinn gewonnen wurde — auf germanische Absammung hinweisen. Gegenüber der machtvollen Stellung der Volksmutter auf Texel tritt die Autorität der Könige in dieser Zeit stark in den Hintergrund, vermutlich zum Nachteil des Staates.

Der Verkauf von Missellia an die Phönizier deutet vielleicht auf den beginnenden Zerfall dieses Reiches. In der folgenden Zeit, dem 8. Jahrh.v., erobern die Kelten Ost- und Nordfrankreich nördlich der [92] Seine und erreichen die Küste der Nordsee. Als dann im Jahre 630 der Konflikt zwischen Minerva und Syrheed einen Krieg zwischen Germanen und Kelten einleitet, offenbart sich im Reich ein innerer Zwiespalt. Was die eigenmächtige Haltung von Jon veranlaßt haben mag ist unsicher. Der Bericht ist, was diesen Punkte betrifft, undeutlich, aber zweifellos entzog er sich dem beginnenden Krieg durch seine Abfahrt. Übervölkerung infolge der Klimaverschlechterung während der Eisenzeit mag zu der von ihm geleiteten Emigration den ersten Anstoß gegeben haben.

Syrheed begibt sich darauf nach Missellia, wo sie sich mit den von Priestern geführten Phönikiern verbündet. Eine phönikische Flotte besetzt dann, aus dem Mittelmeer kommend, Cadiz und bemachtigt sich der dem Atlantischen Reich botmäßigen „Südlande”, die wohl im heutigen Portugal anzusetzen sind. Als der Angriff auf Britannien anfangs mißlingt, begibt Syrheed sich dorthin und bewegt durch Hetzreden die Menge der Verbannten zum Abfall. Binnen eines Jahres ist sie Herrin des ganzen Landes; sie fühlt sich aber nicht sicher, weshalb sie sich in Schottland eine Burg bauen läßt, die später Kerenäk heißen sollte.

Ihre Herrschaft war aber nicht von Dauer; die mit ihr verbündeten Phönikier, denen es wohl um die Beherrschung Cornwalls mit seinem Zinnvorkommen zu tun gewesen sein mag, „herrschten allmählich über ganz Britannien”. Vermutlich ist hier aber die geistig-religiöse Herrschaft der phönikischen Priester, der späteren sogen. Druiden, gemeint: die Gründe, die im Original für die Verdrängung der alten Religion angeführt werden, machen diese Annahme wahrscheinlich. Wie aus der Geschichte König Askars hervorgeht, ist ihre Herrschaft in Britannien jedoch nie eine absolute geworden, denn noch im 5. Jhdt.n. wurde sie in Schottland von den da verbliebenen Burgmägden und deren Anhägern angefochten (vergl. Kap. III). In Gallien, wo es ebenso bis in die historische Zeit weise Frauen gab, dürfte es nicht anders gewesen sein. Druiden gab es da noch im 4. Jahrhundert.

* * *

Jetzt wollen wir schreiben, wie es Jon ergangen ist. Das steht in Texland geschrieben.

Zehn Jahre nachdem Jon abgereist war, liefen hier drei Schiffe in den Fliesee ein. Das Volk rief Hurra, und von ihren Erzählungen hat die Mutter dies aufschreiben lassen. Als Jon in das Mittelmeer kam, war die Kunde seiner Ankunft dort [93] schon durch die Golen verbreitet, sodaß er an den Küsten der nahen Krekalande (Italien) nirgends sicher war. Er fuhr deshalb mit seiner Flotte nach Lydia, d.i. Lydasland hinüber, wo die schwarzen Menschen ihn fangen und verspeisen wollten. Zuletzt kamen sie nach Tyrus, aber Minerva sagte: Haltet ab, denn die Luft ist hier schon längst durch die Priester verpestet. Der König war ein Nachkomme von Tünis, wie wir später hörten. Da aber die Priester einen König haben wollten, der nach ihren Begriffen ewig wäre, so hatten sie Tünis zu einem Gott erhoben, sehr zum Ärger seiner Anhänger.

Als sie weiterfuhren, raubten die Tyrier ein Schiff aus seiner Nachhut. Jon schwur Rache. Nachts wendet er dann den Steven nach den fernen Krekalanden (Griechenland) und erreicht die Küste Attikas, wo Minerva bleiben will. Sie erachtet sich mit ihren Mägden und ihrer Lampe in diesem dürren Lande sicher, da Fürsten und Priester „fette Marschen lieben”. Mit ihr bleiben die meisten älteren Leute. Mit den anderen, meist jüngeren Mannschaften, fährt Jon mit den Mägden und der Lampe Kältas weiter und richtet sich auf einer Insel zwischen den nahen und fernen Krekaländern ein, wo er eine Burg baut.

Von den kleineren Inseln aus ging er aus Rache Tyrische Schiffe und Länder plündern. Deshalb sind diese Inseln sowohl Räuber-Inseln wie auch Jonische Inseln genannt.

Minerva sieht sich Attika an und stellt fest, daß die Einwohner alle Ziegenhirten sind, die ihre ärmlichen Behausungen auf den Abhängen der Berge haben und mit Fellen bekleidet sind. „Deshalb sind sie von unseren Volk Hellinger (hellingar) genannt worden”.

Minerva weiß sie für sich zu gewinnen und baut im Einvernehmen mit den Eingeborenen eine Burg „anderthalben Pfahl vom Hafen”.[101] „Auf Minervas Rat wurde sie Athene (âthenja) genannt, denn, so sagte sie, die Nachkommen sollen wissen, daß wir hier nicht durch List und Gewalt gekommen sind, sondern als Freunde (friesisch: áthen)[102] empfangen worden sind”.

Es folgt dann eine Auseinandersetzung mit den Vornehmen, die mit Unbehagen sehen, daß die Fremdlinge keine Sklaven (slâvona) haben, worauf Minerva sie auffordert, die ihrigen freizulassen.

Das nun wollen die Fürnehmsten nicht, sie wollen uns aber vertreiben. Aber die kühnsten ihrer Leute kamen, um unsere Burg bauen zu helfen, die wir nun von Stein machen. Als sie dies alles erzählt hatten, baten sie ehrerbietig um eiserne Burgwaffen, denn, sagten sie, unsere Beleiliger sind mächtig, aber wenn [94] wir echte Waffen haben, werden wir ihnen widerstehen können. Als sie dem zugestimmt hatte, fragten die Leute, ob Fryas Sitten in Athen und anderen Krekaländern blühen würden. Die Mutter antwortete: Wenn die Fernen Krekaländer zum Erbteil Fryas gehörten, so werden sie dort blühen; gehören sie aber nicht dazu, so wird darüber gekämpft werden müssen. Denn der Kroder muß noch fünftausend Jahre mit seinem Jul umlaufen, bevor Findas Volk reif für die Freiheit ist.

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Auf den ersten Blick ist man geneigt, diese ganze Geschichte für eine Erfindung eines späteren Bearbeiters, der von den rassischen Verhältnissen in der antiken Welt eine nur mangelhafte Kenntnis besaß, zu halten. Auf Unkenntnis dieser Verhältnisse weist schon die Mitteilung hin, daß Jon sich in dem von Negern bewohnten „Lydasland” wegen der dort üblichen Menschenfresserei unsicher fühlte. Wenn mit Lydasland an Lydien in Kleinasien gedacht ist — wie es den Anschein hat —, dann stimmt das nicht, aber auch wenn Ottema an eine Verwechselung mit Libyen in Nordafrika denkt, wird die Schwierigkeit nicht behoben, da keines von beiden Ländern im Altertum von Negern — geschweige von Kannibalen — bewohnt wurde.

Die Behauptung, Tünis sei von den damals in Tyrus allmächtigen Priestern vergöttlicht worden, stammt zweifellos von einem späteren Bearbeiter und bestätigt unsere im vorigen Kapitel ausgesprochene diesbezügliche Ansicht. Obgleich aber die ganze Sammlung von einer priester- und fürstenfeindlichen Tendenz — die sicherlich bei einer späteren Abschreibung hineingelegt worden ist — durchtränkt ist, paßt bei der Bemerkung, die Luft in Tyrus sei „von den Priestern verpestet”, doch eine gewisse Reserve. Herrschsucht und Anmaßung von Priestern werden auch damals Haß erzeugt haben, und man darf annehmen, daß der scheußliche Molochdienst nicht nur im alten Israel Abscheu erregt hat.[103]

Ein Gespräch über die Berechtigung der Sklaverei ist in einem Lande, dessen Bevölkerung ausschließlich aus Ziegenhütern bestand, kaum denkbar, und die Bezeichnung „Sklaven” für die Unfreien wurde erst in karolingischer Zeit üblich, Von dieser Periode schreibt Felix Dahn:

Endlich wurden Slawen in solchen Massen kriegsgefangen und verknechtet, daß ihr Name in den meisten europäischen Sprachen — in allen romanischen, im Englischen, im Griechischen wie im Deutschen — für die niedrigste Unfreiheit gang und gäbe ward.[104]

Die Bezeichnung [95] der einheimischen Bevölkerung Attikas als „Findas Volk” muß dagegen als ursprünglich betrachtet werden, man vergleiche hier die Erörterung der Rassenfrage im vorigen Kapitel.

Kommen wir jetzt aber zur Hauptsache! Es ist vollauf unmöglich, die friesische Minerva als Gründerin der Stadt Athen und als mit der Pallas Athene identisch zu betrachten. Athenai wird bereits im zweiten Gesang der Ilias als des „hochgesinnten Erechtheus wohlgebaute Stadt” genannt und Pallas Athene ist in der Odyssee die Beschützerin von Odysseus. Dem Sprachforscher Hans Krahe zufolge, stammt der Name der Stadt Athen, ebenso wie der weitaus überwiegende Teil aller für die griechisch besiedelten Länder des Altertums überlieferten Ortsnamen „nicht aus dem Griechischen, sondern aus den vorhellenischen Epochen”.[105] Das führt ihren Ursprung bis ins 3. Jahrtausend vor zurück, und die Theorie Dr. Ottemas, der den Namen Athens aus dem Friesischen (âthen = Freunde) erklären wollte, zeigt sich als hinfällig. Schließlich sind auch die Namen Jon und Minerva verdächtig. Es ist deutlich, daß mit Jon der mythische Stammvater der Ionier gemeint ist, der also aus Friesland stammen sollte. Minerva erinnert an die gleichnamige römische Göttin, die später mit der Pallas Athene identifiziert wurde. Man hätte hier eher den Name der Pallas Athene erwarten können, aber dann wäre es einem Überarbeiter (oder Fälscher) unmöglich gewesen, diesem Namen die obenstehende Deutung aus dem Friesischen zu geben.

Es ist zweifellos vieles in den Text interpoliert und anderes abgeändert worden und doch bleibt es fragwürdig, ob auch die Namen Jon und Minerva erdacht sind. Es ist hier zu bedenken, daß der Name Jon in vielerlei Ableitungen, wie John, Jan und Jean in Nordeuropa häufig vorkomt, während im heutigen Friesland die Namen Minne als Männer- und Mintsje als Frauennamen bekannt sind. Hier ist also Vorsicht geboten und die Tatsache, daß — wie oben bemerkt wurde — die Sprachgebiete der Germanen und der Italier während der Bronzezeit benachbart waren, ermöglicht die Annahme, daß Personennamen wie Minerva beiden Sprachgruppen gemeinsam gewesen sind.

Nachdem im Oberstehenden unsere Erzählung von allen Schlacken gereinigt ist, bleibt die Frage zu beantworten, ob trotz allem Beiwerk hierin doch ein historischer Kern stecken könnte, oder mit anderen Worten, ob es möglich oder sogar wahrscheinlich zu erachten ist, daß während der dunklen Jahrhunderte der griechischen Geschichte in Attika eine überseeische Invasion von germanischen Kolonisten [96] stattgefunden habe. Diese Frage, die die Herkunft der Ionier berührt, verdient gründlich untersucht zu werden.

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Die Frage der Herkunft der Ionier wird von den meisten Prähistorikern höchstens nur oberflächlich erörtert.[106] Gewöhnlich „wird angenommen”, daß nachdem um 2000 v. die Achäer oder Achajer von Norden her in Thessalien eingedrungen waren und dort mit der Kenntnis des Kupfers das sogenannte Chalkolithikum[107] hatten anbrechen lassen, einige Jahrhunderte später, etwa um 1600 v., neue Gruppen von Indogermanen, ebenfalls von Norden her, in die griechische Halbinsel eindrangen. In diesen neuen Eroberern, unter deren Druck die Achäer sich genötigt sahen, nach dem Süden auszuweichen, vermutet man dann die Vorfahren nicht nur der Aioler, die zu Anfang der historischen Zeit Thessalien und Böotien bewohnten, sondern auch der Ionier, die im nördlichen Teil der Halbinsel keine Spuren hinterlassen haben.

Gegenüber dieser Annahme, die mit den Mitteln der Archäologie nicht zu beweisen ist, steht nun die Tatsache, daß uns in der Ilias, die in der mykenischen Zeit verfaßt worden ist, eine einheitliche Bevölkerung — oder jedenfalls Adelsschicht — ganz Griechenlands vorgeführt wird. Während darin immer wieder von Achäern und Danäern — beide offenbar verwandte Völker — die Rede ist, kommt der Name der Ionier darin nicht vor. Es kommt hinzu, daß — dem Platonbericht zufolge — bei der um 1200 stattfindenden Therakatastrophe die Bevölkerung Griechenlands, oder mindestens seiner südlichen Landesteile „bis auf einen winzigen Samen” den Tod fand; in Athen kam, wie erzählt wird, die gesamte waffenfähige Mannschaft „während eines schlimmen Tages und einer schlimmen Nacht” ums Leben (Timaios 25).

Wenn es kurz nachher dem halblegendären König Kodros trotzdem gelang Athen gegen die heranstürmenden Atlanter zu verteidigen[108] so ist die Annahme gerechtfertigt, daß Flüchtlinge aus allen benachbarten Landschaften sich in Athen zusammengefunden hatten.

Genauso zusammengewürfelt war aber die Bevölkerung, die sich in den Anfangsjahren der griechischen überseeischen Kolonisation im 7. Jahrhundert v. längs der kleinasiatischen Westküste — deren mittlerer Teil nachher Ioniem genannt wurde — bildete. In völliger Übereinstimming mit Herodot I, 146, zählt der französische Historiker Gustave Fougeres alle die Völkersplitter auf, die sich hier zusammenfanden [97] und die anfangs vier Dialekte sprachen, woraus sich aber allmählich eine allgemeine Literärsprache entwickelte.

„Nichtsdestoweniger — so heißt es dann weiter — bezeichneten sie sich alle mit dem Namen Ionier, worin man bald den Kern der attikisierten Aristokratie, die alle diese Kolonien geleitet hatte, bald ein von den Kolonisten selber an Ort und Stelle aus dem „asianischen” (d.i. kaukasischen oder alarodischen) Wortschatz übernommenen Terminus (Javan) sehen wollte.[109]

Mag auch Prof. Krahe Recht haben, wenn er meint, das Ionische sei das altertümlichste der griechischen Dialekte,[110] so macht das obenstehende Zitat es doch wahrscheinlich, daß die Namen Ionier und ionisch erst in einer verhältnismäßig späten Zeit entstanden sind. Ihre Ableitung von einem „barbarischen” Namen Javan ist mehr als unwahrscheinlich. Die Assyrer bezeichneten mit diesem Namen die Griechen im allgemeinen, wie das aus der Tatsache hervorgeht, daß sie Zypern — das damals hauptsächlich von Achäern und Aiolern, die einen arkadischen Dialekt sprachen, bewohnt wurde — die „Insel der Javan” nannten. In Übereinstimmung hiermit ist Javan in der bekannten Völkertafel von Genesis X der Stammvater aller Hellenen überhaupt.[111] So bleibt uns nur die erste von Prof. Fougeres angedeutete Möglichkeit, nämlich, daß der Name der Ionier den an der kleinasiatischen Westküste angesiedelten Kolonisten von einer aus Attika hierhin ausgewanderten Adelsschicht gebracht worden ist.

In historischer Zeit treten die Ionier als ein Stamm hervor, dessen Volksart sich erheblich von der der beiden anderen griechischen Stämme, den Aiolern und den Doriern, unterscheidet. Diese so stark ausgeprägte Eigenart kann, wie aus dem oben gesagten hervorgeht, nicht vor oder während der Dorischen Völkerwanderung entstanden sein; sie muß einen späteren Ursprung haben. Darauf deutet vielleicht auch die griechische Sage, wenn sie Jon, den mythischen Stammvater der Ionier, einen Sohn des Xuthos und einen Urenkel des Deukalion nennt: es sei hier daran erinnert, daß die sogen. Sintflut des Deukalion, die Thessalien heimgesucht haben soll, zweifellos in die Katastrophenzeit anzusetzen ist.

Nicht recht verständlich ist die folgende im Brockhaus enthaltene[112] Bemerkung:

Der attische Stolz sträubte sich dagegen, daß Jon von einem Fremden abstammen sollte und setzte an die Stelle des Xuthos Apollon, den die ionischen Geschlechter in Athen als Stammgott verehrten.

Warum gerade Xuthos in Athen als Fremder gelten sollte, [98] ist undeutlich, aber Apollon stammte vermutlich aus dem germanischen Nordeuropa. Nach Ansicht des Leipziger Philologen Prof. Gerhard Kahlo[113] soll sein germanischer Name Phol gelautet haben und dieser Gelehrte weist auch darauf hin, daß nach Angabe des Diodorus Siculus (ll. 49) Apollons Mutter, Leto, im Hyperboräerland — das mit Germanien gleichzusetzen ist — geboren wurde.

Auf dauernde Beziehungen zwischen Griechenland und Germanien weist auch der Bericht Herodots (IV. 32-36) bezüglich der Opfergaben hin, die, in Weizenstroh verpackt, jährlich von den Hyperboräern nach Delos kamen. Auf dieser kleinen Insel, die den Mittelpunkt des Apollon-Kultus darstellte, befand sich das Grab der Arge und Opis, zweier germanischer Jungfrauen, die hier gestorben waren. Der von Herodot angegebene Weg über den die Opfergaben Delos erreichten, ist — abgesehen davon, daß er nicht durch das Land der Skythen geführt haben kann — tatsächlich der bequemste. Auch können die in diesem Bericht angedeuteuten Beziehungen nicht eine Folge der nordischen Herkunft der Achäer oder der Aioler gewesen sein, da die Vorfahren dieser beiden Stämme nicht aus dem germanischen Kernland um Nord- und Ostsee, sondern aus dem Donaugebier gekommen waren. An anderer Stelle schreibt Herodot (I, 143), von dem ganzen Hellenenvolk, das damals noch schwach war, sei der

ionische Stamm der allerschwächste und unbedeutendste gewesen, denn außer Athen gab es keine Stadt von einiger Bedeutung. Auch wollten die übrigen Ionier — hier sind die Ionier außerhalb der kleinasiatischen Westküste gemeint — samt den Athenern von dem Namen nichts wissen und nicht Ionier heißen, und noch heutigen Tages kenne ich viele, die sich des Namens schämen. Aber jene zwölf Städte (in Kleinasien) waren stolz auf ihre Namen und hatten für sich ein Heiligtum erbaut, das sie Panionion nannten, und sie hatten beschlossen, daß keiner von den übrigen Ioniern Teil daran haben sollte, auch verlangte dies keiner außer den Smyrnäern.

Dieser Bericht ist in vielerlei Hinsicht wichtig. Er erweckt den Eindruck, daß die Athener nicht an eine frühere Fremdherrschaft erinnert und für Abkömmlinge von „Barbaren” gelten wollten, während die Ionier Kleinasiens sich im Gegenteil ihrer „barbarischen” Abstammung rühmten,[114] Eine vorübergehende Fremdherrschaft ist in der unruhigen Periode, die in Athen dem Auftreten Solons als Gesetzgeber (594 v.) voranging, bestimmt nicht als unmöglich zu betrachten. In diese chaotischen Jahrzehnte, die in Attika von Parteihader und Gesetzlosigkeit [99] erfüllt waren, fällt auch das Auftreten von Drakon (griechisch Drakon = Drachen) 621, dessen Name — wenn er nicht ein Schimpfname gewesen ist — an seine fremde Herkunft erinnern dürfte.

Gewinnt der Reisebericht Jons durch die Angaben Herodots sowohl wie durch die genannten historischen Verhältnisse an Wahrscheinlichkeit, so ist noch auf die folgende Möglichkeit hinzuweisen. Nach dem Fall ihrer Herrschaft über Athen mag der größte Teil der germanischen Eindringlinge nach den noch weinig bevölkerten griechischen Kolonien an der kleinasiatischen Westküste ausgewichen sein und den in diesem Zeitabschnitt beginnenden großartigen Aufschwung dieser Kolonien mitverursacht haben. Diese Vermutung wird durch die Angabe Herodots, daß die kleinasiatischen Ionier stolz auf ihre ionische Herkunft waren, unterstützt; sie soll aber im nächsten Kapitel näher begründet werden.

Man könnte hier fragen, weshalb Herodot, angenommen daß unsere Annahmen richtig sind, nichts von einer „hyperboräischen” Herrschaft über Athen berichtet hat. Sein Geschichtswerk war aber dazu bestimmt, vor einem größeren Publikum vorgelesen zu werden, vorzugsweise in Athen, wo er längere Zeit wohnte. Es liegt daher auf der Hand, daß er dies unterließ, um bei seinen Zuhörern keine unangenehmen Erinnerungen zu wecken.

Die hier oben zitierten Angaben des Herodot müssen bei Ablehnung des Jon-Berichtes unverständlich bleiben. Unerklärt bleiben dann aber auch die Namen der Ionischen Inseln und des Ionischen Meeres,[115] die befremden müssen, da diese Inseln bei Beginn der historischen Zeit, soviel bisher bekannt war, nicht von Ioniern sondern von Doriern und Aiolern bewohnt wurden.

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Nützliche Sachen aus den hinterlassenen Schriften von Minno.

Minno war ein alter Seekönig, Seher und Weiser; er hat den Kretenzern Gesetze gegeben. Er ist geboren in den Linda Orten und nach all seinen Wanderungen hat er das Glück gehabt, in Lindaheim zu sterben.

Es folgen dann in dieser Schrift, die im „Buch von Adelas Anhängern” enthalten ist, Betrachtungen und Ratschläge über Gesetze und schickliches Benehmen unter allerlei Umständen, die hier fortgelassen werden können. Eine zweite Schrift des Minno enthält die Wiedergabe einer Diskussion Minervas, hier auch Hellenia genannt, mit den „Fürsten und Priestern Attikas”, des angeblich nur von Ziegenhirten [100] bewohnten Landes. Auch dieses Stück, das einen wenig authentischen Eindruck macht, kann uns hier nicht interessieren. Die dritte Schrift aber hat einen angeblich historischen Inhalt.

Aus den Schriften von Minno.

Als ich mit meinen Leuten von Athenia abgefahren war, kamen wir zuletzt an ein Eiland, von meinen Männern Kreta geheißen, wegen des wilden Geschreies (wilda kreta = niederl. wilde kreten), welches das Volk bei unserer Ankunft erhob. Als sie aber sahen, daß wir keinen Krieg im Sinne hatten, wurden sie fügsam, sodaß ich zuletzt gegen ein Boot mit eisernen Geräten eine Hafenmündung und ein Grundstück eintauschen konnte. Als wir aber eine Weile dort gesessen hatten, und sie bemerkten, daß wir keine Sklaven hatten, waren sie hierüber erstaunt. Aber als ich ihnen erzählte, daß wir Gesetze hätten, um über alle gleich zu richten, da wollte das Volk auch solche Gesetze haben. Doch kaum hatten sie diese, da kam das ganze Land in Verwirrung.

Die Fürsten und Priester kamen und klagten, wir hätten ihre Untertanen aufrührerisch gemacht, und das Volk kam zu uns und bat um Schutz. Als die Fürsten aber sahen, daß sie ihr Reich verlieren würden, gaben sie dem Volk die Freiheit und kamen zu mir und erbaten ein Asegabuch. Das Volk war jedoch an keine Freiheit gewohnt, und die Herren herrschten bald wieder nach ihrem Gutdünken.

Nachdem dieser Sturm sich gelegt hatte, begannen sie Zwiespalt zwischen uns zu sähen. Sie sagten meinem Volke, daß ich ihre Hilfe angerufen hätte, um beständig König zu werden. Einmal fand ich Gift in meiner Speise. Als nun ein Schiff aus Flyland sich zu uns versegelt hatte, bin ich damit im stillen fortgezogen. Aber abgesehen von meinen Erlebnissen will ich mit dieser Geschichte nur sagen, daß wir uns mit dem Findas-Volk, wann es auch sei, nicht einlassen sollen, weil sie voller Ränke sind, die genauso zu fürchten sind, wie ihre Weine mit tödlichem Gift. Ende von Minnos Schriften.

Auch diese Schrift zeigt wieder deutliche Spuren von einer Bearbeitung in späterer Zeit. Die fürsten- und priesterfeindliche Tendenz, von der die ganze Sammlung mehr oder weniger durchtränkt ist, macht sich auch hier wieder bemerkbar. Freilich mag die unsinnige „Erklärung”, die von dem Namen Kretas gegeben wird, von einem Humanisten stammen. Aber der dem Minno hier angedichtete Versuch, ein fremdes, fremdrassiges Volk mit einer demokratischen Verfassung zu [100] „beglücken”, kann nur dem Geist eines politischen Theoretikers aus dem Zeitalter der französischen Revolution entsprungen sein. Was dieser doktrinär denkende Bearbeiter jedoch nicht wissen konnte, ist die Tatsache, daß Kreta im 7. Jahrhundert v. tatsächlich ein armes Land mit einer heruntergekommenen Bevölkerung war. Auch in dieser Schrift darf aber ein historischer Kern enthalten sein.

Was der ursprüngliche Inhalt dieser Schrift gewesen ist, kann man nur vermuten. Die Angabe, daß von Minno ein bei einem Hafen gelegenes Grundstück erworben wurde, legt den Gedanken an einen mißlungenen Versuch der Gründung einer Faktorei nahe, die als Stützpunkt für den ingwäonischen Handel dienen sollte. Germanische Handelsbeziehungen mit den Mittelmeergebieten sind für diese Zeit durchaus wahrscheinlich.

Kapitel VIII — Die Geertmänner

[103] Der erste und kleinste Teil dieser Geschichte steht im sogen. „Buch von Adelas Anhängern”, also in dem jetzigen ersten und angeblich ältesten Teil der Sammlung (S.72 bis 75 des Originals), der — wie wir bereits sahen — um 442 n.d.Ztw. verfaßt worden ist. Er wurde damals von einer älteren Vorlage, wahrscheinlich einer Inschrift auf einer Turmwand, abgeschrieben. Der zweite und größere Teil findet sich in den „Schriften von Frethorik und Wiljo” (S.119-131), die zum jetzigen zweiten Teil gehören und kann erst nach der großen Überschwemmung von 450 n.d.Ztw. entstanden sein, was im folgenden begründet wird.

Dies ist über die Geertmänner.

Als Hellenia oder Minerva gestorben war, stellten die Priester sich, als wären sie mit uns, und damit sich dies deutlich zeigen würde, haben sie Hellenia zur Göttin ausgerufen. Auch wollten sie keine andere Mutter wählen lassen, da — wie sie sagten — unter ihren Mägden keine sein würde, der sie so trauen könnten, wie Minerva, die Nyhellenia zugenannt wurde. Wir aber wollten Minerva nicht als eine Göttin anerkennen, da sie selber gesagt hatte, daß niemand gut oder vollkommen sein könne außer Wraldas Geist. Deshalb wählten wir Geert Pyres Tochter zu unserer Mutter. Als die Priester sahen, daß sie ihren Hering nicht auf unserem Feuer braten konnten, gingen sie außerhalb Athens und sagten, daß wir Minerva nicht als Göttin anerkennen wollten aus Neid, weil sie den Eingeborenen soviel Liebe bewiesen hatte. Dann gaben sie dem Volk Bildwerke, die ihr glichen und beteuerten, daß man diese um alles bitten könne, solange man gehorsam bliebe. Durch all diese Erzählungen wurde das dumme Volk gegen uns aufgebracht und zuletzt rückten sie uns auf den Leib.

Es wird dann erzählt wie die Fryas sich in ihrer steinernen Burg, die mit zwei „umgebogenen Hörnern” an das Meer stieß, verteidigten. „Sie konnten uns darum nicht näher kommen”. So kam Kekrops (sekrops), ein ägyptischer Oberpriester „hell von Augen, klar von [104] Verstand und licht von Geist”. Als er sah, „daß er mit seinen Leuten die Burg nicht erstürmen konnte, sandte er Boten nach Thyris”. Unerwartet, während die Fryas auf den Wällen kämpften, kamen dreihundert Schilfe voller Söldner von den wilden Bergvölkern und fuhren in unseren Hafen ein.

Als es zu Plünderungen kommt, will Kekrops diese nicht zulassen und die thyrischen Seeleute, „die noch Fryasblut in den Adern hatten”, drohen den Bergbewohnern, deren Schiffe in Brand stecken zu wollen, dann würden sie ihre Berge nicht wiedersehen. Kekrops bietet Geert freien Abzug mit allen Anhängern und aller Habe an, und Geert nimmt dies Angebot auf Anraten der Burgherren an.

Drei Monate später fuhr Geert mit den besten Fryassöhnen und siebenmal zwölf (= 84) Schiffen von hinnen. Als sie eine Strecke außerhalb des Hafens waren, kamen wohl dreißig Schiffe von Thyrus mit Frauen und Kindern. Sie wollten nach Athen fahren. Als sie aber hörten, wie es da beschaffen war, gingen sie mit Geert. Der Seekönig der Thyrier brachte sie allesamt durch die Straße, die zu jener Zeit in das Rote Meer auslief. Zuletzt landeten sie am Pangab, das ist in unserer Sprache „fünf Wasser”, weil fünf Flüße hier dem Meer zuströmen. Hier ließen sie sich nieder. Sie haben das Land Geertmannia genannt. Als der König von Thyrus nachher sah, daß seine besten Seeleute abgezogen waren, sandte er alle seine Schiffe mit seinen wilden Söldnern ihnen nach, um sie tot oder lebend zu fassen. Aber als sie an die Straße kamen, da bebten Erde und See, und die Erde hob ihren Leib so hoch, daß alles Wasser aus der Straße hinaus lief, und alle Watten und Groden sich gleich einem Burgwall vor ihnen erhoben. Dies alles geschah, wie jedermann klar und deutlich sehen kann, wegen den Tugenden der Geertmänner.

* * *

Auch in dieser Erzählung hat eine spätere Ausschmückung den zu vermutenden historischen Kern verdunkelt. Die Priester sind auch hier wieder die ränkesüchtigen Übeltäter, die sich nur um die Erhaltung oder Vergrößerung der eigenen Macht kümmern. Ein geeignetes Mittel hierzu scheint ihnen die Vergöttlichung der verstorbenen Volksmutter zu sein, der die Fryas sich als treue Anhänger des monotheistischen Wraldaglaubens widersetzen.

Diese Darstellung wird alleine schon dadurch als Tendenz erkannt, [105] daß es bei den alten Griechen niemals eine mächtige und kastenmäßig organisierte Priesterschaft gegeben hat.

Verdacht weckt auch das Auftreten Kekrops in dieser Erzählung. In den griechischen Sagen ist seine Figur schwankend: das eine Mal ist er dem Boden Attikas entsprossen und ist der Stifter der Burg von Athen. Kulturbringer und Organisator des attischen Staatswesens, ein anderes Mal kommt er aus Ägypten. Genauso undeutlich ist die Rolle, die er in der Erzählung spielt. Zunächst als Feind der Fryas auftretend, der ihre Burg mit Hilfe der wilden Bergvölker zu erstürmen versucht, bewirkt er später eine Kapitulation, die ihnen einen ehrenvollen Abzug ermöglicht. Dabei bleibt die Frage, weshalb er auf dem Kriegsschauplatz erschien, im Dunkeln.

In der Angabe über die Straße, „die zu jener Zeit in das Rote Meer auslief” — von uns kursiv gesetzt — enthüllt sich ein Abschreiber, der sich gewiß nicht auf die wortgetreue Wiedergabe seiner Vorlage beschränkte. Trotzdem macht die bündige Kennzeichnung der Persönlichkeit des ägyptischen Oberpriesters es schwierig, hier an einen Betrug zu denken. Wie auch könnte ein späterer Bearbeiter der Handschriten wissen, daß gerade in der Zeit, in der diese Geschichte spielt, die Erwähnung eines helläugigen Ägypters durchaus zu den Möglichkeiten gehört.

Nach Angabe von Herodot (II, 152-155) bemächtigte Psammetich I. (664-610) sich mit Hilfe von karischen und ionischen [116] Mietstruppen der Herrschaft über Ägypten und belohnte diese später mit Ländereien beiderseits des Nils. Rassenmischung wird auch hier nicht ausgeblieben sein und dem ägyptischen Volk ein — freilich geringes — nordisches Flement zugefügt haben.

Zweifellos abzulehnen ist aber das am Ende dieser Erzählung Gesagte über das Trockenfallen einer sich in der Landenge von Suez befindlichen Seestraße infolge eines Erdbebens. Nicht von einer Seestraße ist in der Erzählung die Rede, sondern von dem auf Befehl des Pharaos Necho (610-594) unter furchtbaren Opfern an Menschenleben — Herodot (II. 156) spricht von 120.000 Toten — gegrabenen Kanal zwischen dem östlichen Mündungsarm des Nils und dem Golf von Suez. Dieser Kanal, der eine indirekte Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer herstellte, versandete bald wieder, bis er auf Befehl des persischen Großkönigs Darius I. (521-485) wieder instandgesetzt wurde. Unkenntnis dieser Tatsachen mag es einem Bearbeiter der Handschriften, dem die Erinnerung an den Auszug [106] der Israeliten aus Ägypten im Gedächtnis spuckte, ermöglicht haben diese Geschichte in seiner Weise zu verschönern.

Eine Angabe, die nicht erdichtet sein kann, ist die der Ankunft von „wohl dreißig Schiffen von Tyrus mit Frauen und Kindern”, von uns in unserer Zusammenfassung ebenfalls kursiv gesetzt. Wäre diese ganze Geschichte erdichtet, dann hätte ihr Autor doch sicherlich zu der Ankunft dieser Schiffe eine Erklärung gegeben. Die Angabe steht jedoch ganz unvermittelt da. Es ist offensichtlich, daß es sich hier um eine Flucht, wahrscheinlich sogar um eine organisierte Aussiedlung aus einer bedrohten Stadt handelt, und es entsteht hier nun die Frage, wann diese stattgefunden haben kann.

Die amerikanische Schriftstellerin Constance Irwin veröffentlichte kürzlich ein gründliches Buch[117] über prähistorische Beziehungen zwischen der Alten und der Neuen Welt, das den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels bietet. Sie weist auf den fürchterlichen Notstand hin, der in Insel-Tyrus entstanden sein muß, als diese dichtbevölkerte Stadt mit ihren oft vierstöckigen Häusern dreizehn Jahre lang (von 586-573) von der Landseite aus blockiert wurde durch das Heer des babylonischen Königs Nebukadnezar, das kurz zuvor ganz Syrien und Palestina überrannt hatte. Frauen und Kinder sind damals, wie sie annimmt, soviele wie eben möglich, ausgesiedelt worden. Ein Teil dürfte in ihren Schiffen — meint sie — über die Kanarischen Inseln den Ozean überquert und Mittelamerika erreicht haben, das den damaligen Phöniziern nicht unbekannt gewesen sein soll. So mag ein anderer Teil in Athen Zuflucht gesucht haben.

Wie sehr die Ereignisse auf unser Thema Bezug haben, erhellt aus der folgenden Übersicht. Im Jahre 605 v. besiegte Nebukadnezar — damals noch Kronprinz — das Heer des Pharao Necho in der Schlacht bei Karkemisch am Euphrat, worauf Syrien und die phönizischen Küstenstädte sich ihm unterwarfen. Bald darauf aber gaben die Phönizier den ägyptischen Einflüsterungen Gehör und empörten sich gegen die babylonische Herrschaft. Nebukadnezar kehrte darauf mit einem gewaltigen Heer zurück und zerstörte in der grausamsten Weise[118] Sidon und das festländische Tyrus. Es folgte die langwierige Blockade von Insel-Tyrus, das sich nicht unterwerfen wollte und die Einnahme von jeruzalem im Jahre 586. Die freundschaftliche Verbindung des ägyptischen Oberpriesters Kekrops mit den Tyriern findet in der hier geschilderten politischen Konstellation ihre Erklärung.

Vermutlich war es Kekrops bei seinem Eingreifen in Attika darum zu [107] tun, für die bedrängten Tyrier in Griechenland eine neue Heimat zu schaffen. Das muß dann aber nach der Schlacht bei Karkemisch geschehen sein, und man kann annehmen, daß der Versuch durch die unbotmäßige Haltung der Hilfstruppen, der „Bergvölker”, worunter vielleicht die Kilikier gemeint sind, mißlungen ist. Jedenfalls müssen diese Ereignisse und der Abzug der Geertmänner aus Attika vor dem Auftreten Solons in Athen (594) stattgefunden haben, und wir können verantworten, sie um das Jahr 600 anzusetzen.

Da nun aber die Auswanderung der Geertmänner und ihrer tyrischen Gefolgschaft nach Indien erst nach 586 erfolgt sein kann und ihre Ankunft im Pandschab (pangab) — wie aus den Angaben in der Fortsetzung dieser Erzählung berechnet werden kann — auf 550 v. datiert werden muß, bekommt man die Sicherheit, daß diese Wanderung nicht — wie es in der Erzählung dargestellt wird — in einem Zuge, sondern in Etappen vor sich gegangen ist. Zwischen dem Abzug der Geertmänner aus Attika — der wohl durch einen Aufstand der einheimischen Bevölkerung verursacht wurde — und ihrer Ankunft im Indusgebiet liegt ihr Aufenthalt an der kleinasiatischen Westküste, im nachmaligen Ionien, der im vorigen Kapitel bereits angenommen wurde. Wo aber haben sie ihre weitere Wanderung unterbrochen, und was hat diese verursacht?

Eine Bemerkung von Dr. Ottema bringt uns hier auf die richtige Spur. Dieser verwies schon in einem Gutachten des Jahres 1871[119] auf eine Stelle bei Herodot (I, 125), wo unter den persischen Stämmen die Germanioi genannt werden. Ottema übersetzte diesen Namen zu Unrecht mit „Germanen", einer Bezeichnung, die erst im ersten Jahrhundert v. für dieses Volk üblich wurde. Die folgende Betrachtung wird es deutlich machen, daß mit diesen Germanioi, die die Landschaft Karmania[120] nördlich der Straße von Hormus bewohnten, die Geertmänner gemeint sind.

Nach Angabe des englischen Prähistorikers Sir Mortimer Wheeler, der den uralten Handelsverkehr zwischen dem Mittelmeergebiet und dem indischen Subkontinent eingehend studierte, wurde hierbei erst seit dem Anfang unserer Zeitrechnung der direkte Weg quer über das Arabische Meer befahren. Es soll ein gewisser Hippalus, ein römischer Bürger unbekannter Herkunft, gewesen sein, der die Seeleute lehrte, auf der Hin- und auf der Rückfahrt die Monsune zu benutzten,[121] Zuvor war man schon bestrebt gewesen, den Seeweg nach Indien mehr und mehr zu kürzen, während man bis in die Zeit Alexanders des [108] Großen stets den langen und wegen der Seeräuberei gefährlichen Weg entlang der Küste Arabiens gefahren war. Längs diese Route mußten nun aber die Geertmänner die Küste Persiens gerade in der Straße von Hormus erreichen.

Wer die Geertmänner, oder wenigstens einen Teil von ihnen, dazu überredet hatte, das schöne und fruchtbare Ionien zu verlassen, um sich im dürren Küstenland des Persischen Meerbusens eine neue Heimat zu schaffen, ist nicht schwer zu erraten. Es war eine Zeit grosser Spannungen zwischen den damaligen Großmächten: Babylonien, Lydien, dem Reich der Meden und Ägypten, die einen regen diplomatischen Verkehr unterhielten und sich hierbei argwöhnisch beobachteten.

Die Macht Babylons und seines Königs Nebukadnezar war seit dem Untergang Assyriens (606) und seit seiner Eroberung Syriens im Jahre 605, besonders aber seit der Besetzung Phöniziens und der Einnahme Jeruzalems (586) in einem für seine Nachbarstaaten bedrohlichen Maße gestiegen. So mußte es dem König der Meder, Astyages (585-550), der auch über Persien gebot, vorteilhaft erscheinen, sich im Bereich des Persischen Meerbusens einen gesicherten Seehafen zu schaffen, von dem aus eine in seinen Diensten stehende Flotte im Kriegsfall den Seeverkehr zwischen Babylon und Indien unterbinden und das babylonische Reich von der See aus bedrohen konnte.

Nicht weniger veranlaßte die Furcht vor Babylon den Pharao Hophra (griech. Apries 589-570) dazu, den Geertmännern die Fahrt durch den Kanal seines Großvaters zu gestatten. In beiden Fällen war es die politische Notwendigkeit, die den Herrschern ihre Haltung diktierte.

Die Schriften von Frethorik und Wiljo.

Unter diesem Titel, der nicht im Original steht, sondern von Ottema hier eingeschaltet ist, folgt in der Sammlung eine Erzählung, die folgendermaßen beginnt:

Mein Name ist Frethorik, zugenannt Ura Linda, das heißt ‚gegenüber den Linden. In Ljudwardja ist ein neues Dorf innerhalb des Ringdeiches der Burg Ljudgarda, wovon der Name in Unehre gekommen ist. In meiner Zeit ist viel geschehen. Vieles hatte ich darüber geschrieben, aber nachher sind mir noch viele Dinge gemeldet worden. Von einem und dem anderen will ich eine Geschichte hinten in diesem Buch schreiben, den guten Menschen zur Ehre, den schlechten zur Unehre.

[109] Die Erwähnung des neuen Dorfes Ljudwardja, d.i. Leeuwarden (friesisch Ljouwerd), beweist, daß diese Schrift nicht vor der furchtbaren Uberschwemmung von etwa 450 n.d.Ztr. entstanden sein kann (vgl. hier Kap. I). Diese Annahme wird von der im Original folgenden Erzählung, in der von den Folgen der Katastrophe sowie von der Herrschaft des Magy die Rede ist, vollauf bestätigt. Freilich ist diese Erzählung untermischt mit einigen Zügen — feuerspeiende Berge und eine kochende See — die an den Untergang von Altland erinnern und sich hierin verirrt haben müssen. Plötzlich wird sie von einer Zeitangabe unterbrochen, und hier beginnt — wie man annehmen muß — eine andere Geschichte, die Frethorik einer älteren Vorlage entnommen haben muß.

Dieses geschah 1888 Jahre nachdem Atland versunken war.

In 282 Jahren hatten wir keine Ehrenmutter gehabt, und jetzt, da alles beinahe verloren schien, wählte man eine. Das Los fiel auf Gosa, zugenannt Makonta. Sie war Burgmagd auf der Fryasburg von Texel (texland). Ein heller Kopf und klarer Sinn, sehr gut, und da nur ihre Burg verschont worden war, sah jedermann darin ihre Berufung.

Es folgt dann eine Geschichte, die sich zehn Jahre später abgespielt haben soll und hier fortgelassen werden kann, da sie sich zweifellos auf Ereignisse bezieht, die erst nach der großen Uberschwemmung von 450 n. in Friesland sich ereignet hatten. Auch die Angabe, daß nur die Burg auf Texel bei der Katastrophe geschont worden war, deutet auf jene Zeit hin. Nichtsdestoweniger zwingt die im ersten Kapitel erwähnte Angabe, daß Frana (ermordet 411 n.) die letzte Volksmutter war, zu der Annahme, daß Gosa in einer früheren Zeit lebte. Auch wird das Jahr ihrer Wahl 2193 - 1888 = 305 v.d.Ztr. genau angegeben, obwohl falsch errechnet (2193 - 1888 statt 1193 - 888 = 305 v.d.Ztr.). Es wird hier wiederum deutlich, wie spätere Abschreiber bemüht gewesen sind, die beiden Teile der Sammlung nach ihrer Verwechselung wieder miteinander in Einklang zu bringen, nötigerfalls durch Umdatierung.

Jetzt wil ich schreiben, wie die Geertmänner und viele Anhänger Helenias zurückkamen.

Zwei Jahre nachdem Gosa Mutter geworden war, lief eine Flotte in den Fliesee ein. Das Volk rief „welch ein Segen”. Sie fuhren nach Staveren, da riefen sie nocheinmal. Die Fahnen waren im Topp und nachts schossen sie Brandpfeile in die Luft. Bei Tagesanbruch ruderten einige in einem Boot in den Hafen und riefen wieder hurra (ho. n. seen). [110] Als sie landeten sprang ein junger Kerl auf den Wall. In seinen Händen hatte er einen Schild, worauf Brot und Salz lagen. Nach ihm kam ein Greis; er sagte, wir kommen aus den fernen Krekaländern her, um unsere Sitten zu bewahren. Wir wünschten nun, daß ihr so freundlich sein solltet, uns soviel Land zu geben, daß wir darauf wohnen können. Er erzählte uns eine ganze Geschichte, die ich hiernach besser aufschreiben will.

Auf Rat der Volksmutter bekamen die Fremdlinge dann die Erlaubnis zum Bleiben, aber über das Land zerstreut, damit sie nicht zu mächtig werden würden. Friso blieb mit seinen Leuten in Staveren, das sie wieder zu einer Seestadt machten, so gut sie konnten. Wichhirte ging mit den Seinigen ostwärts nach der Eemündung (êmude). Einige der Jonier, die meinten, daß sie vom Alderga-Volk abstammten, gingen dorthin. Ein kleiner Teil, die meinten, daß ihre Vorfahren von den Sieben Inseln herkamen, gingen hin und ließen sich innerhalb des Ringdeichs der Burg Walhallagara nieder. Liudgert, der Konteradmiral (skolte bi nachte) von Wichhirte, wurde mein Gefährte und später mein Freund. Aus seinem Tagebuch habe ich die Geschichte, die hier unten folgen wird.

Nachdem wir 12 mal 100 und 2 mal 12 Jahre bei den Fünf Gewässern gewohnt hatten, während unsere Seekämpfer alle Meere befuhren, die es nur gab, kam Alexander der König mit einem gewaltigen Heer von oben herab den Strom entlang bis zu unseren Dörfern gefahren. Niemand konnte ihm widerstehen. Aber wir Seeleute, die in der Nähe des Meeres wohnten, schifften uns mit all unserer Habe ein und fuhren auf die hohe See. Als Alexander hörte, daß eine solch große Flotte ihm entwischt war, geriet er in Wut und schwor, alle unsere Dörfer in Flammen zu setzen, falls wir nicht zurückkeren würden. Wichhirte lag krank im Bert. Als Alexander das hörte, wartete er, bis es ihm wieder besser ging, dann besuchte er ihn und sprach sehr freundlich mit ihm, aber er wollte ihn hintergehen.

Wichhirte zeigte sich als gewandter Diplomat und kam mit dem König überein, daß dieser die Fryas, die auf ihrer Freiheit bestehen und keine Sklaven werden wollten, in seinen Sold nehmen wird. Nachdem er mit dem König Brot und Salz gegessen hat, läßt er die Schiffe durch seinen Sohn zurückholen. Alexander will einen Teil seines Heeres auf der Flotte zum „heiligen Ganges” fahren lassen, den er über Land nicht hatte erreichen können. Alexander ließ Bäume fällen, die die friesischen Zimmerleute zu Schiffen verarbeiteten. Seine [111] aus dem Bergland stammenden Soldaten setzen aber die Zimmerschuppen in Brand und Alexander muß seinen Plan aufgeben. Er läßt sich von Nearchus zur Rückkehr bereden. Auf den neugebauten Schiffen, die dem Brand entkommen waren, schifft Alexander Jonier und Krekaländer ein. Die Fryas, die anscheinend der mazedonischen Flotte unter Nearchus den nur ihnen bekannten Kurs weisen sollten, mußten Frauen und Kinder mitnehmen; man war übereingekomen, daß sie bei der Mündung des Euphrat sich entscheiden sollten, ob sie zurückfahren, oder sich neue Wohnsitze wählen wollten. Alexander selbst ging mit seinem anderen Volk durch die dürre Wüste.

(Wüste ist das Land, das Irtha aus dem Meer emporgehoben hatte, als sie die Straße hinter unseren Vorfahren aufhöhte, sobald sie in das Rote Meer kamen.)

Als wir in Neu-Geertmania ankamen (Neu-Geertmania ist ein Hafen, den wir selber gemacht hatten, um daselbst Wasser einzunehmen), begegneten wir Alexander mit seinem Heer. Nearchus ging an Land und verblieb da drei Tage, dann ging es wieder weiter. Als wir an den Euphrat kamen, ging Nearchus mit den Soldaten und vielen seines Volkes an Land. Er kam aber bald zurück und sagte, der König läßt euch bitten, um seinetwillen noch eine kleine Fahrt zu machen bis ans Ende des Roten Meeres. Danach wird jeder soviel Gold bekommen, als er aufheben kann. Als wir dahin kamen, ließ er uns dahin weisen, wo vorher die Straße gewesen war. Darauf verweilte er 31 Tage, immer in die Wüste schauend.

Zuletzt kamen ein Haufen Menschen, die 200 Elefanten und 1000 Kamele mit hölzernen Balken sowie Taue und anders Gerät mitführten, um unsere Schiffe nach dem Mittelmeer zu schleppen. Das setzte uns in Erstaunen, aber Nearchus sagte uns, sein König wolle den anderen Königen zeigen, daß er mächtiger sei, als die Könige van Tyrus früher gewesen waren. Wir sollten nur mithelfen, das würde nicht zu unserem Schaden sein. Wir mußten wohl nachgeben und Nearchus wußte alles so gut zu regeln, daß wir im Mittelmeer lagen, bevor drei Monate vergangen waren.

Als Alexander vernahm, wie es mit seinem Vorhaben gegangen war, wurde er so verwegen, daß er die trockene Straße austiefen lassen wollte, Irtha zum Spott. Aber Wralda entband seine Seele, deshalb ertrank er in dem Wein und in seinem Ubermut, bevor er hiermit beginnen konnte.

Er entbrennt dann ein Streit zwischen den Feldherren Alexanders, [112] deren jeder sich eines Teils seines Reiches bemächtigen will und der daraus entstehende Krieg hindert die Fryas an ihrer Rückkehr. Nearchus wollte sie in Phönizien ansiedeln, doch als sie darauf bestanden nach Friesland (fryasland) zu fahren, brachte er sie nach dem neuen Hafen von Athen, „wo alle echten Fryaskinder ehemals hingezogen waren”. Sie beschäftigten sich dann mit dem Transport von Soldaten, Lebensmitteln und Waffen im Dienst von Antigonus, einem Freund von Nearchus, die beide das Reich dem Königsgeschlecht erhalten wollten. Sie halfen Antigonus’ Sohn, Demetrius „später zugenamt der Städtewinner”, bei der Belagerung von Salamis und dem siegreichen Kampf gegen eine Flotte von Ptolemäus, alles aus Freundschaft für Nearchus, der, obschon er „Bastardblut” hatte, ihnen durch seine helle Haut, seine blaue Augen und weißes Haar auffiel. Zuletzt verrichteten sie Transportdienste für Demetrius bei seiner Belagerung von Rhodos. Dann ist der Krieg vorüber und Demetrius ist nach Athen gefahren.

Hier schließt sich im Original eine ergreifende Geschichte an, die wegen ihres persönlichen Charakters in unserem Zusammenhang nur anzudeuten ist. Friso, der „König über die Flotte war”, hatte seine Frau und seine beiden Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, beide wunderschön, „so besonders frisch, als ob sie eben aus Friesland kämen”, in dieser Stadt zurückgelassen. Während seiner Abwesenheit hatte Demetrius, der hier als ein schmutziger und sittenloser Mensch gezeichnet wird, sich in schamloser Weise an seinen Kindern vergriffen. Die Mutter war darauf wahnsinnig geworden, und als Friso, „der stolz und hart war”, bei seiner Rückkehr dies alles hörte, sandte er seinen Kindern heimlich Gift mit dem Befehl, sich das Leben zu nehmen, denn — so schrieb er — ihre Seelen sollten, falls sie wie ihre Körper verunreinigt seien, „niemals in Walhalla kommen, sondern über die Erde umherirren müssen, ohne jemals das Licht sehen zu dürfen” und Frya würde ihr Haupt von ihnen abwenden müssen. Die Kinder taten, wie ihr Vater befohlen hatte, worauf Demetrius ihre Leichname in die See werfen und das Gerücht verbreiten ließ, sie seien geflüchtet.

„Friso wollte nun mit allen Männern nach Friesland fahren, wo er schon früher gewesen war, aber die meisten wollten das nicht tun” Kurzerhand läßt er dann das Dorf und die königlichen Vortatsscheunen in Brand schießen, wodurch er die ganze Gemeinschaft zwingt, ihm zu folgen. Außer den Frauen und Kirdern werden auch Mundvorrat und [113] Waffen mitgeführt, die ganze übrige Habe aber wird zurückgelassen. Als die Kriegsflotte des Demetrius ihm nachsetzt, zeigt Friso sein kriegerisches Talent; er schickt die größeren Schiffe mit den Frauen und Kindern voraus und befiehlt den kleineren, sich in einer breiten Linie zu entfalten. Die Kapitäne bekommen den Auftrag, die Kranbogen auf die Hintersteven aufstellen zu lassen. Obwohl er durch einen widrigen Wind in die größte Gefahr gerät, gelingt es ihm, in einem Rückzugsgefecht eine Anzahl feindlicher Schiffe in Brand zu schießen und sich darauf vom Feind zu lösen.

Zwei Tage später wird er von einer anderen Flotte überholt, die nicht wie die des Demetrius mit Phöniziern, sondern mit Joniern bemannt ist. Diese bitten ihn um die Erlaubnis, sich bei ihm anschließen zu dürfen.

Friso, der viel mit Joniern gefahren war, sagte ja, aber Wichhirte, unser König, sagte nein; die Jonier sind Götzendiener sagte er, ich habe es selbst gehört wie sie diese arriefen. Friso sagte, das kommt durch den Umgang mit den echten Krekaländern. Das habe ich oft selbst getan, und doch bin ich so fromm, wie der frömmste von euch. Friso war der Mann, der uns den Weg nach Friesland weisen mußte, folglich gingen die Jonier mit. Auch schien Wralda daran Gefallen zu haben, denn bevor drei Monate vergangen waren, fuhren wir an Britannien vorbei und drei Tage später durften wir hurra rufen.

* * *

Gerade dieser letzte Satz beweist, daß auch diese Geschichte Spuren einer späteren Bearbeitung aufweist. Derselbe Friso, der in seinem an seine Kinder gerichteten Brief vom Walhalla und der Göttin Freia (Frya) spricht, gibt sich für einen Anhänger des Wralda-Glaubens aus. Dieser Allgeist wird auch wieder für den Tod Alexanders verantwortlich gemacht, wobei — das sei hier nebenbei bemerkt — die Erde (Irtha) ebenfalls als ein göttliches Wesen erwähnt wird. Auch die von uns in Klammern gesetzte Bemerkung bezüglich der angeblichen Hebung der Küste Gedrosiens — die hier garnicht am richtigen Platz steht — muß eine spätere Einschaltung sein. Merkwürdig ist bei alledem, wie der germanische Götter- und Walhallaglaube auch hier wieder an einer auffallenden Stelle hindurchleuchtet.

Auffallend sind aber sowohl die Einheitlichkeit wie auch die Sachlichkeit der Erzählung, und diese machen es wahrscheinlich, daß wirklich ein von einer der leitenden Persönlichkeiten geführtes Tagebuch dem unbekannten Autor zur Verfügung gestanden hat. [114] Die Angabe, die Geertmänner seien, als Alexander in ihrem Gebiet erschien, 12 mal 100 und 2 mal 12, d.i. 1224 Jahre bereits dort ansäßig gewesen, erklärt sich hinreichend aus dem Bestreben eines späteren Bearbeiters, die Datierungen nach der Umwechselung der beiden Teile der Sammlung wieder miteinander in Übereinstimmung zu bringen. Liest man hier 2 mal 100 und 2 mal 12, d.i. 224 Jahre, dann zeigt sich, daß die Geertmänrer sich (326 + 224 =) 550 v.d. Ztr., also während der Regierung des persischen Königs Kyros (Cyrus 555-529) im Pandschab niedergelassen haben.

Es ist durchaus wahrscheinlich, daß Kyros, der in der ersten Hälfte seiner Regierung in Ost-Iran große Eroberungen machte und dabei bis zum Indus vordrang, die Geertmänner zu dieser Niederlassung ermuntert hat, um sie im Osten mit dem Grenzschutz zu betrauen. Ein Teil von ihnen wird aber in Karmanien geblieben sein, wo man in ihrer Niederlassung Neu-Geertmania (ny gertmanja) das antike Harmozia vermuten darf. Der Großkönig wird diese tüchtigen Seeleute gerne an diesem strategisch wichtigen Platz zur Beherrschung des Seeweges nach Indien verwendet haben. Wie weit die Seereisen dieser Nordländer sich bisweilen erstreckten, erhellt aus der Bemerkung, daß Friso zuvor schon einmal in Friesland gewesen war.

Die Erzählung läßt sich ferner unschwer in die Geschichte des Diadochenkampfes einpassen, während die Bemerkung über Athen, „wo alle echten Fryaskinder ehemals hingezogen waren”, von der Bekanntschaft des Autors mit dieser früheren Geschichte zeugt. Es trifft zu, daß diese Stadt damals von Antigonus, dessen Sohn Demetrius Poliorkätes längere Zeit in ihr verblieb, beherrscht wurde; die Bemerkung aber, daß dieser begabte Feldherr Alexanders das Reich dem Königsgeschlecht habe erhalten wollen, ist in dem Sinn zu berichtigen, daß er zwar das Reich unversehrt erhalten, aber es selbst beherrschen wollte.

Die Belagerung des kyprischen Salamis und der bei dieser Stadt erzwungene Seesieg über die Flotte des Ptolemäus fanden 306 v. statt und ermutigten Antigonus und seinen Sohn zur Annahme des Königstitels. Die mißlungene Belagerung der Stadt Rhodos folgte im Jahre 304 und im nächsten Jahr kehrten die Geertmänner nach Friesland heim.

Die Mitteilung am Anfang dieser Geschichte, daß ein Teil der Jonier, nach ihrer Ankunft in die alte Heimat, nach dem Alderga — einer Gegend im heutigen Westfriesland — wollte, da sie meinten, ihre [115] Ahnen seien von dorther gekommen, zeugt von dem Zusammenhang dieser Geschichten. Denn wirklich war Jon — wie im vorigen Kapitel erwähnt wurde — aus dem Alderga gebürtig. Unter der Eemude, wo Wichhirte hinwollte, ist vermutlich die Mündung der Ee, ein jetzt kanalisiertes Flüßchen bei der späteren Stadt Dokkum zu verstehen.

* * *

Zum Schluß seien hier als Beweis für die Echtheit dieser alten Schriften noch einige Tatsachen erwähnt, die bereits Dr. Ottema anführte. Zunächst weist dieser feinsinnige Gelehrte darauf hin, daß Strabo der einzige unter den griechischen Autoren ist, der davon berichtet, Nearchus sei nach seiner Landung an der Mündung des Pasitigris auf Befehl Alexanders wieder ausgefahren, um Arabien zu umschiffen.[122] Was aus seiner Flotte geworden ist, meldet Strabo nicht, aber nach Plutarchus „Vita Alexandri” ist sie wirklich im Mittelmeer wieder erschienen. Allerdings läßt dieser Autor den Neacchus dabei ganz Afrika umfahren. Da Alexander aber von Babylon aus dreimal ein großes Schiff zur Erkundung der arabischen Küste aussandte,[123] ist es wahrscheinlich, daß die Fahrt des Nearchus, dessen Flotte 150 Schiffe gezählt haben soll,[124] erst nach dem Tode des großen Königs erfolgte.

Ein zweiter von Dr. Ottema angeführter Beweis ist die Tatsache, daß Strabo in seiner Beschreibung von Indien neben den Brachmanes, d.i. den Brahmanen, die Germanes (oder Garmanes) „als einen von jenen in Sitten, Sprache und Religion gänzlich verschiedenen Volksstamm”[125] nennt. Das letztere läßt sich nun aber aus Strabos Werk nicht erweisen. Wohl unterscheidet dieser in Indien auf die Gewähr von Megasthenes, der als Gesandter des syrischen Königs Seleukos I Nikator um 300 v. einige Zeit in diesem Land verweilte, zwei Gruppen von Weisen, die Brachmanes und die Garmanes, deren Lebensweise und soziale Stellung er kurz beschreibt.

Man bekommt dabei den Eindruck, daß die Garmanen genau wie die Brachmanen eine Art Kaste bildeten, die in zahlreiche Untergruppen — u.a. die der Ärzte und die der Wahrsager und Zauberer — unterteilt und dem Aberglauben verfallen waren. Obgleich sie wahrscheinlich bereits weitgehend sich den indischen Verhältnissen angepaßt hatten scheint es doch erlaubt, in ihnen die Nachkommen eines in Indien verbliebenen Teiles der Geertmänner zu sehen.

Als dritten Beweis nennt Ottema zwei von Ptolemäus genannte in [116] Indien gelegene Ortschaften, die beide den friesisch klingenden Namen Minnagara (vergl. Walhallagara und Folsgara) trugen, die er im historischen Atlas von Kiepert auffand. Die eine lag am westlichen Ufer des Indus auf 24° n.Br., die andere um 6° östlich hiervon auf 22° n.Br..[126] Tatsächlich wird auch in der „Schrift von Konered” — die im zweiten Kapitel besprochen worden ist — ein irgendwo in Friesland oder Sachsen gelegenes Mannagarda genannt (S.151 des Originals). Wheeler zufolge wird das am Indus gelegene Mannagara — hier Minnagara geschrieben — auch im sog. „Periplus des Roten Meeres”, einem griechisch geschriebenen Handbuch für Seeleute aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrhundert n. genannt.[127] Der englische Prähistoriker vermutet, daß es mit dem aus Alexanders Zeit bekannten Patala identisch und an der Stelle des heutigen Haiderabad (im Sindh) gelegen war. Der Periplus nennt es die Hauptstadt eines unter parthischer Herrschaft stehenden Gruppe von Skythen. Der letztere Name deutet aber auf ihre Herkunft aus dem Norden.

Einen letzten Beweis für die Echtheit dieser Geschichte fand Ottema in den altfriesischen Chroniken, die alle erzählen, Friso — den sie als den Stammvater und Ahnherrn der Friesen hinstellen — sei aus Indien gekommen und ihn trotzdem einen „Germanen” d.i. Geertmann nennen. Obgleich der historische Wert dieser Chroniken als sehr gering erachtet wird, ist diese Ubereinstimmung doch auffallend und nicht ganz ohne Bedeutung.

Es schließt sich hier noch ein Teil der Schrift des Konered an, deren Hauptteil im II. Kapitel behandelt worden ist. Wir lassen ihn hier wörtlich folgen. Vermutlich ist er vom selben Autor, der auch die Geschichte der Geertmänner verfaßt hatte.

Nun will ich über Friso schreiben

Friso, der schon durch seine Leute machtvoll war, wurde von den Bewohnern des Staverener Landes zum obersten Grevetmann gewählt. Über unsere Art der Landesverteidigung und des Seekampfes hatte er nur Spott; so gründete er eine Schule, auf der die Jungmänner nach Art der Krekaländer (des Mittelmeeres) zu kämpfen lernten. Ich glaube aber, daß er das getan hat, um die jungen Leute an sich zu binden. Ich habe meinen Bruder auch dorthin geschickt, das ist jetzt zehn Jahre her. Denn, so dachte ich, da wir keine Mutter mehr haben, um den einen vor dem anderen zu schützen, soll ich doppelt wachsam sein, daß er nicht Herr über uns wird.

[117] Gosa hat uns keine Nachfolgerin genannt; darüber will ich nicht urteilen. Es gibt hier aber argwöhnische alte Leute, die meinen, sie sei wohl hierüber mit Friso einig geworden.

Als Gosa gestorben war, wollten die Leute aus allen Orten eine andere Mutter wählen. Aber Friso, der dabei war, ein Reich für sich selbst zu schaffen, begehrte weder Rat noch Boten von Texland. Als die Boten der Landbewohner (landsâtun) zu ihm kamen, sprach er und sagte, „Gosa war weitblickend und weiser als alle Grafen zusammen”, und doch hätte sie weder Licht noch Klarheit in dieser Sache gefunden, darum habe sie es nicht gewagt, eine Nachfolgerin zu wählen, die fragwürdig sei, darin habe sie Nachteil gesehen. Darum habe sie in ihrem letzten Willen geschrieben: „Es ist euch besser keine Mutter zu haben, als eine, auf die ihr euch nicht verlassen könnt.

Friso hatte viel gesehen. Im Kriege war er aufgewachsen, und von den Ränken der Golen und Fürsten hatte er gerade soviel gelernt und gesammelt, als er brauchte, um die anderen Grafen dahin zu führen, wohin er wollte. Sieh, wie es sich damit zugetragen hat.

Friso hatte hier eine andere Frau genommen, die Tochter Wilfrethes, der Zeit seines Lebens oberster Graf zu Staveren gewesen war. Mit dieser hatte er zwei Söhne und zwei Töchter. Auf sein Betreiben ist Kornelia, seine jüngste Tochter meinem Bruder angetraut. Kornelia ist kein gutes Friesisch und soll Korn-helja geschrieben werden. Wemod, seine älteste hat er an Kauch verbunden. Kauch, der auch bei ihm zur Schule ging, ist der Sohn Wichhirtes, des Königs der Geertmänner. Aber Kauch ist auch kein gutes Friesisch und muß Kap heißen, aber schlechte Sprache haben sie mehr mitgebracht als gute Sitten.

Was hier von Friso gesagt wird, daß er die griechische Kriegskunst in Friesland einführen wollte und er bestrebt war, seine Macht zu vergrößern, ist bei einem Mann, der soeben die schon hoch entwickelte Kampftechnik der Diadochen und auch ebenso ihren Despotismus kennengelernt hatte, sehr begreiflich. Es ist nur zu bedauern, daß diese Geschichte hier plötzlich abbricht.

Zur Erleichterung der Übersicht möge dem Leser die folgende Zeittafel dienen.

Daten zur Geschichte der Geertmänner

  • 664-610 Psammetich I. (wahrscheinlich libyscher Name), ursprünglich Fürst von Sais, befreit Agypten mit Hilfe griechischer Söldner von assyrischer Oberherrschaft. [118]
  • 630 Die Kelten erobern Britannien — Jons Fahrt in das Mittelmeer — Minerva in Athen — Jon auf den Ionischen Inseln.
  • 621 Drako zeichnet, von seinen Standesgenossen beauftragt, in Athen die als „Drakonische Gesetze” bekanntgewordenen Rechtssatzungen auf.
  • 610-594 Necho, Pharao von Ägypten, Sohn Psammetichs I., entreißt Syrien den Assyrern.
  • 606 Untergang des Assyrierreiches.
  • 605 Necho, von Nebukadnezar bei Karkemisch geschlagen, muß Syrien wieder aufgeben. / Er läßt den Kanal vom Roten Meer zum Nil graben. Auch läßt er durch phönizische Schiffe angeblich Afrika umsegeln.
  • 594 Gesetzgebung des Solon in Athen (unter Abmilderung der Drakonischen Gesetzgebung).
  • 604-562 Nebukadnezar von Babylon.
  • 589-570 Pharao Apries, Sohn Prammetichs II., hebräisch: Hophra.
  • 585-550 Astyages von Medien.
  • 586-573 Belagerung von Insel-Tyrus durch Nebukadnezar.
  • 586 Einnahme von Jeruzalem.
  • um 600 Tod der Minerva — Wahl von Geert und Abzug der Geertmänner aus Athen (?).
  • um 600-575 Aufenthalt der Geertmänner — Ionier an der Klein-asiatischen Küste (= Ionien) (?).
  • um 575 Fahrt der Geertmänner durch den Necho-Kanal.
  • 555-529 Cyrus, aus dem Hause der Achämeniden, König von Persien.
  • 550 Niederlassung der Geertmänner im Pandschab. [118]
  • 333 Alexander beginat seinen Siegeszug mit der Schlacht bei Issus.
  • 326 Alexander des Großen Zug nach Indien.
  • 325 Fahrt des Nearchus und Frisos entlang der Küste des Irans.
  • 324 Fahrt des Nearchus und Frisos durch das Rote Meer nach Griechenland. (Nach dem Bericht Frethoriks fand der Transport der Flotte vom Roten Meer zum Nil vor dem Tod Alexanders statt.)
  • 323 Tod Alexanders des Großen.
  • 306 Belagerung von Salamis (auf Zypern) durch Demetrius Poliorketes und sein Seesieg bei Salamis.
  • 305 Wahl der Gosa Makonta zur Volksmutter.
  • 304 Belagerung von Rhodos.
  • 303 Rückkehr der Geertmänner und Ionier unter Friso nach Friesland.

Schlußbetrachtung

[121] Am Ende unserer Untersuchungen angekommen ist nun die Bilanz zu ziehen zwischen echt und unecht. Als Hauptergebnis stellt sich dann die Folgerung heraus, daß — ungeachtet der vielen Änderungen und Einschiebsel — in den Handschriften historische Kerne enthalten sind, deren Authentizität nicht mit stichhaltigen Gründen bezweifelt werden kann.

Ein erster und allgemeiner Beweis für die Echtheit dieser vom späteren Beiwerk gereinigten Kerne ist die Tatsache, daß sie sich mit nur wenigen Ausnahmen unschwer in den Rahmen der bekannten Geschichte einpassen lassen. Nicht nur, daß sie nirgends gegen die bekannten historischen Daten verstoßen: auf wichtigen Punkten ergänzen sie diese und mitunter geben sie Antwort auf noch offenstehende Fragen. Am merkwürdigsten ist wohl ihre Ubereinstimmung mit der Theorie von Jürgen Spanuch über die Lage und den Untergang von Atlantis, die sie in jeder Hinsicht stützen.

Die Gestalt „Wraldas” hat jetzt, da es sich herausgestellt hat, daß die Ura Linda Schriften erst im 5. und 6. Jahrhundert n.d.Ztr. verfaßt worden sind, eine Klärung bekommen. Christliche Einflüsse sind in dieser späten Zeit nicht ausgeschlossen und machen sich anscheinend hin und wieder bemerkbar. „Wralda” gibt Gesetze, belohnt und bestraft — man denke hier u.a. an die Geschichte König Askars — er ist gerecht aber mild, all dies mutet eher christlich als heidnisch-germanisch an und kann deshalb nicht als Beweis für einen uralten ingwäonischen Monotheismus gelten.

Übrigens schimmert der altgermanische Götterglaube, den der Verfasser der Handschriften anscheinend hat ausmerzen wollen, noch an vier Stellen durch. In der Geschichte König Askars wird erwähnt, sein Angriff auf Restgallien sei dadurch mißlungen, daß das Volk nicht an Wotan geglaubt und ihn nicht angebetet habe. In der Geschichte von Wodin heißt es, die Schonländer hätten bei einem Einfall der Finnen Frya angerufen, aber kein Gehör gefunden, weil sie ihren Rat vernachlässigt hauten. Von diesen Göttern spricht auch der Geertmann Friso in dem Brief an seine mißbrauchten Kinder. Darin wird auch von Walhalla gesprochen als von einem Ort, wohin unreine Seelen nicht kommen dürften. Und in der Erzählung von Kälta wird [122] der Verlust Britanniens dem Fehlen von Burgen und Burgmägden, nebst der Tatsache, daß man deshalb nicht über ein „echtes” Feuer verfügte, zugeschrieben, ohne das Wralda dabei erwähnt wird.

Man könnte in diesem Zusammenhang auf die Tatsache hinweisen, daß die Annahme eines Schöpfergottes im Ursprungsmythus eng mit der Lehre der drei Hauptrassen verbunden ist und deshalb, wie diese, aus der Zeit der Französischen Revolution stamme. Dem steht aber entgegen, daß der Name Wralda, der Prof. Wirth zufolge[128] mit angelsächsisch weorolt, worolt, engl. world und mittelniederl. werelt zusammenhängt, während in der Inglinga-Saga der germanische Gott Freyr „Veraldargod", d.i. Weltengott genannt wird, aller Wahrscheinlichkeit nach sehr alt ist.

Statt an einen Deisten aus der Aufklärungszeit, ist hier eher an einen religiösen Reformator aus dem 5. oder 6. Jahrhudert n., der das Heidentum „konkurrenzfähig” gegenüber dem Christentum machen wollte, zu denken.

Das Bild Wraldas ist in den Handschrifien schwankend. Im Schöpfungsmythus wird von ihm anfangs als sächlich (thet) gesprochen, während sein Wesen als weder männlich noch weiblich gezeichnet wird; später aber wird dieser Allgeist, der mit seinem Atem alles belebt, als er (hi) angedeutet.

Mag die erstgenannte Auffassung — wie anzunehmen ist — die ältere und ursprüngliche sein, so zeugt diese Annahme eines unpersönlichen Schöpfergottes von einer tiefen Religiosität. Hier offenbart sich die Ehrfurcht vor einer geheimnisvollen göttlichen Urkraft, von der auch Tacitus spricht, wenn er in seiner Germania 9 berichtet:

Im übrigen entspricht es nicht germanischen Anschauungen von der Hoheit der Himmlischen, die Götter in Tempelbauten einzuengen oder sie in Menschengestalt darzustellen. Sie weihen ihnen Wälder und Haine und belegen jenes Geheimnis, das sie in gläubiger Verehrung ahnen, mit göttlichen Namen.

Die Sammlung ist zweifellos von einer priester- und monarchenfeindlichen Tendenz durchsetzt. Man sollte diese aber nicht einseitig einem Bearbeiter aus der Aufklärungszeit zuschreiben, sondern bedenken, daß bereits ein Liko ovira Linda 803 nach uns.Ztr., wie bereits in der Einleitung hervorgehoben wurde, allen Grund hatte, die christlichen Priester und den sie schützenden fränkischen König zu fürchten und zu verabscheuen. Der Freiheitsgedanke, der überall in den Schriften durchschimmert, ist eher altgermanischen als [123] aufklärerischen Ursprunges. Nirgends wird er von der Idee einer angeborenen Gleichheit begleitet und nirgends richten sich die Schriften gegen den Adel, und die Ungleichheit der Menschenrassen wird keinesfalls geleugnet, sondern sie wird hervorgehoben. Man kann hieraus folgern, daß die Grundgedanken dieser Sammlung weit mehr dem altgermanischen und zugleich dem friesischen Volksempfinden, als dem Wunschdenken der französischen Revolution und deren Vorläufern entsprungen sind.

Anderseits kann nicht geleugnet werden, daß sich die Ideen der französischen Revolution hier und da zeigen. Am deutlichsten ist dies bei der Geschichte von der Geburt Jesu oder Buddhas der Fall, die als ein Teil der angeblich von Dela oder Hellenia hinterlassenen Schriften von Wiljo überliefert sein soll. In dieser Geschichte, die wahrscheinlich als eine Erdichtung aus der Zeit der Aufklärung anzusehen ist, heißt es, die Priester wähnten, alles Licht von Frya und von Jesus ausgelöscht zu haben, aber durch Menschen, die heimlich im Besitz der Wahrheit geblieben seien, würden sie letzten Endes doch eines Besseren belehrt werden.

Weiter wird hier prophetisch gesprochen:

Die Fürsten, die Wahrheit lieben und das Recht, werden von den Priestern weichen.[129] Blut wird strömen, aber daraus wird das Volk neue Kräfte sammeln. Findas Volk wird seine Fähigkeit zum gemeinsamen Nutzen anwenden und Lydas Volk seine Kräfte und wir unsere Weisheit. Dann werden die falschen Priester von der Erde weggefegt werden. Wraldas Geist wird allum und allerwege geehrt und angerufen werden. Die Gesetze (ewa), die Wralda am Anfang in unser Gemüt legte, werden allein gehört werden, da werden keine anderen Meister, noch Fürsten, noch Obmänner sein, als diejenigen, die bei gemeinem Willen gekürt sein werden.

Dann wird Frya jauchzen und Irtha (die Erde) wird ihre Gaben allein schenken den werkenden Menschen.

Dies alles wird anfangen viertausend Jahre nachdem Altland versunken ist (also 4000 — 2193 = 1807 n.uns.Ztr.)[130] und tausend Jahre später wird da länger kein Priester roch Zwang auf Erden sein. Dela, zugenannt Hellenia, wache!

„Hier keinen Zusammenhang mit der französischen Revolution zu sehen, fällt schwer”, wie Dipl. Ing. Pfannenmüller[131] richtig bemerkt. Es ist zudem wahrscheinlich, daß die Deisten des 18. Jahrhunderts in der Wralda-Lehre, falls diese wirklich — wie wir annehmen — aus [124] dem 5. Jhdt.n. stammen sollte, eine Bestätigung ihrer eigenen Lehre von der Naturreligion gesehen haben. Nach der damaligen Erwartung würde diese den Menschen eingeborene Religion überall obsiegen, wenn sie ihnen nur bewußt gemacht würde. Ein historischer Beweis für die Richtigkeit ihrer Ansichten, wie sie ihn in diesen alten Handschriften zu finden vermeinten, kann den Anhängern dieser Lehre nur wilkommen gewesen sein.[132]

Es ist vielleicht nützlich, hier auch noch auf die Frage der drei Stammütter Lyda, Finda und Frya zurückzukommen. Wie im sechsten Kapitel ermittelt wurde, sind diese Namen zweifellos sehr alt. Freilich steht die Annahme, Frya sei die Stammutter der Ingwäonen, oder sogar aller Germanen, im Gegensatz zu den Angaben des Tacitus, der in der Germania 2 Mannus und seine drei Söhne als Ahnherren der Germanen nennt. Einem Bearbeiter aus der französischen Revolutionszeit aber wird der Name Frya wegen seines Gleichklanges mit dem Wort „Freiheit” (friesisch frydom) aufgefallen und liebgeworden sein. Er mag also diese Abstammung ersonnen haben.

Zweifellos war für den Bearbeiter aus dem Ende des 18. Jahrhurderts die germanische Freiheitsliebe, wie sie aus den vorliegenden Schriften hervorging, äußerst sympathisch. Es mag ihm dabei nicht zum Bewußtsein gekommen sein, wie sehr die von diesem Freiheitswillen durchwehte altgermanische Demokratie sich von der Seinigen unterschied. Während die altgermanische Staatsverfassung gleiches Recht an Gleiche, also an die Erbbauern (Odalsbauern) zuerkannte, gab der revolutionäre Staat gleiches Recht an alle Bewohner des Landes, ungeachtet ihrer ungleichen sozialen Lage, was den denkenden Teil nicht befriedigen konnte. Der Gegensatz einer aus natürlichen Verhältnissen gewachsenen Gemeinschaft „Gleicher” zu einer doktrinären Demokratie, die die gewachsenen Verhältnisse zerstört und alles gleichschalten will, wird dem Bearbeiter wohl nicht klar gewesen sein.

* * *

„Es fehlt — schreibt Dr. Krogmann (S.24) — sowohl jeder Anhalt, daß der Abschnitr über Buddha oder auch irgend ein anderer für sich genommen werden darf, wie auch jedes Kennzeichen dafür, daß die hier gebrachten Etymologien der Humanistenzeit angehören. Ganz gleiche Deutungen treffen wir nämlich in dem Schrifttum aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts an”.

Während man dem ersten Teil dieser Behauptung entgegen halten kann, daß nicht einzusehen ist, weshalb nicht gewisse Teile der [125] Sammlung später eingeschaltet sein können, ist der zweite Teil — wie aus unserem vorigen Zitat hervorgeht — zweifellos richtig. Ob nun aber die zahlreichen Etymologien von einem humanistischen Bearbeiter aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, wie Prof. Wirth annimmt, oder ob sie aus einer späteren Zeit stammen, ist ziemlich gleichgültig. Fest steht nur, daß zahlreiche Abänderungen, Überarbeitungen und Zusätze im Laufe der Zeit stattgefunden haben.

Dabei sind diese Anderungen und Zufügungen wohl niemals in böser Absicht erfolgt: vielmehr sind sie dem Wunsch entsprungen, den Text zu verbessern und zu ergänzen oder zu verdeutlichen, ein einziges mal auch vielleicht um ihn schöner zu gestalten. Dabei gebrauchten die Abschreiber die Sprache und Ausdrucksweise ihrer eigenen Zeit, woraus sich zahlreiche sprachliche Verschiedenheiten erklären lassen. Bisweilen ersetzten sie auch ältere, nicht mehr übliche Namen durch „moderne”. Wozu an Hiddo ura Linda erinnert sei, der den Namen der Hunnen durch den der Ta(r)taren ersetzte. Schließlich sind wichtige Änderungen und Umdatierungen in der Absicht vorgenommen worden, die beiden Hauptteile nach ihrer Verwechselung wieder miteinander in Einklang zu bringen.

Ungeachtet all dieser Änderungen und Einschaltungen deuten zahlreiche Hinweise auf die Echtheit eines Kernes hin, während einzelne Tatsachen als regelrechte Beweise betrachtet werden dürfen. Zu den letzteren sind an erster Stelle etliche in der Sammlung vorkommende Namen, wie Geertmänner, Mannagara und Suobia, die nahezu unbekannt, aber trotzdem aus anderen Quellen nachzuweisen sind, und dann der Bericht über die aus Tyrus evakuierten Frauen und Kindern zu rechnen.

Ferner sind hier einige Ereignisse zu erwähnen, die in den Handschriften genannt und richtig datiert werden, obwohl sie noch im vorigen Jahrhundert, oder auch zum Teil noch bis vor kurzem völlig unbekannt waren, so die durch Grabungen bestätigte große Uberschwemmung von ungefähr 450 n. und das Eindringen der Kelten in Britannien um 630 v.d.Ztr. Nicht zu vergessen sind ferner die beiden in der Einleitung schon behandelten Widmungen worin die Zeitumstände, unter denen ihre Verfasser lebten, richtig angedeutet werden. Einige Berichte, wie z.B. die Schilderung der Naturkatastrophen in Schonland, scheinen von Augenzeugen verfaßt, ein anderer, der über die Erlebnisse der Geertmänner, scheint auf Grund eines Tagebuches geschrieben zu sein.

[126] Noch zwei weitere Tatsachen, die in der letzten Zeit bekannt geworden sind, sprechen für die Echtheit der in den Handschriften enthaltenen Berichte. Unter den niederländischen Archäologen hat sich die Ansicht allgemein durchgesetzt, daß die Kannenefaten, die das Küstengebiet der Provinzen Nord- und Südholland von Alkmaar bis südlich vom Haag bewohnten, Friesen waren. Obwohl es unbekannt ist, welcher Herkunft ihre südlichen Nachbarvölker, die Marsacii und Sturii[133] gewesen sind, stimmt dies mit den Angaben der Handschriften, die das Wohngebiet der Friesen, sowohl vor wie nach der Römerzeit, sich südwärts bis zum Sincfall, dem heutigen Zwin (der heutigen Staatsgrenze) sich erstrecken lassen, überein.

Ferner sind in den letzten Jahren bei Grabungen in der flämischen Küstengegend bei Kocksijde 25 km südwestlich von Ostende an die tausend Skelette einer keltischen Ansiedlung freigelegt worden, die dort auf einem Gräberfeld in den Zeiten vom 4. bis 9. Jahrhundert beigesetzt waren.[134]

Diese ganz neue Entdeckung bestätige die sonst unwahrscheinlich klingende Angabe, daß König Askar bei seinem über den Sincfall unternommenen Feldzug in das Gebiet der Golen, also der Gallier, eindrang. Sind die Folgerungen, die man aus diesen Funden gezogen hat, richtig, dann haben anscheinend die Franken bei ihrem Vordringen nach Süden den Küstenstreifen gemieden. Das wird auch durch die Tatsache bestätigt, daß die ausgegrabenen Skelette kurzschädelig waren.[135]

Sucht man sich den Umfang der historischen Kenntnisse zu vergegenwärtigen, die durch die Handschriften übermittelt werden, dann zeigt sich dieser als sehr beträchtlich. Vorerst ist da die Geschichte Frieslands und im weiteren Sinne Nordwesteuropas im Zeitalter der Hunnenkriege, die bis dahin völlig unbekannt war, nun aber in den Schriften Adelas und Apollonias enthüllt wird. Nebenbei wird darin auch die Entstehung des Middelzees und der seenreichen friesischen Landschaft geschildert, beide verursacht durch eine Flut, die das Antlitz dieser Gegend gründlich verändert hat, obgleich die Erinnerung an sie, wie die an viele andere Ereignisse aus der heidnischen Zeit, nach der gewaltsamen Christianisierung gänzlich verloren gegangen ist.

Anschließend wird in den Erzählungen über den zweiten Friso und König Askar die Entstehung des friesischen Erbkönigtums, das später in der Gestalt des heldenhaften Königs Redbad (679-719) verkörpert [127] werden sollte, anschaulich gezeichnet. Die Rolle des Adels, der sich als Hüter der alten Traditionen dieser Entwicklung entgegenstemmte, tritt klar hervor. Nebenbei bekommt man durch diese und andere Geschichten einen unerwarteten Einblick in die politischen und sozialen Verhältnisse Frieslands.

Die älteren Berichte, die auf Adelas Befehl von Inschriften auf Turmwänden abgeschrieben wurden, werfen ein helles Licht auf die Rolle, die ingwäonische Seeleute und Händler im Mittelmeergebiet gespielt haben. Sehr wichtig ist hier namentlich ihre Kolonisation entlang der syrischen Küste, die den um 1000 v. einsetzenden Aufschwung von Tyrus und dessen bis nach Nordwesteuropa reichenden Handelsbeziehurgen ihren rätselhaften Charakter nimmt.

Völlig in Übereinstimmung mit den Gepflogenheiten der Phönizier sind ihre Niederlassungen auf der Landzunge von Cadiz und auf einer kleinen Insel vor der ligurischen Küste bei der heutigen Hafenstadt Marseille.

Indem diese letztere Siedlung der Phönizier als Ausgangspunkt für die Ausbreitung der Golen als Priester/Missionare aus Sidon über einen Großteil Westeuropas hingestellt wird, bieten die Handschriften eine annehmbare Lösung für das Problem der Herkunft der Druiden, zugleich aber auch eine Erklärung des Namens der Gallier. Die vorhergehende Ausbreitung der Kelten über Nordfrankreich und Britannien wird anscheinend richtig datiert und näher beleuchtet.

Schließlich wird in den Erzählungen über Jon und Minerva und der dabei anschließenden Geschichte der Geertmänner ein Bild des Eindringens und der späteren Tätigkeit einer Gruppe von ingwäonischen Kolonisten in Griechenland, Kleinasien, den Iran und Indien gezeichnet. Manche Undeutlichkeiten im Verlauf der griechischen Frühgeschichte sowie der Geschichtsschreibung des Herodot finden hier eine ungeahnte Aufhellung. An erster Stelle ist hier an das erstaunlich schnelle Aufblühen Ioniens zu denken und an seine hochentwickelte Kultur, die ohne den hier vermuteten Zustrom nordischen Blutes rätselhaft bleiben müßte.

Auf Grund der obigen Übersicht ist die Folgerung gerechtfertigt, daß in den Ura Lirda Handschriften eine Geschichtsquelle vorliegt, die als besonders reichhaltig zu betrachten ist. Dabei sind weder die in der Sammlung enthaltenen Gesetze noch die zahlreichen Ermahnungen und Lehren von Burgmägden und andere nichthistorische Schriften in unsere Untersuchung einbezogen worden. Alle diese nicht behandelten [128] Schriften zeugen von einem scharfen Verstand, einem weiten Blick und einer wahrhaft humanen Gesinnung. Insoweit sie echt sind, machen sie unseren friesischen Vorfahren alle Ehre.

Nachdem der Burgschreiber Bruno in seiner zweiten Schrift in ergreifender Weise den Tod Adelas berichtet hat, teilt er die Grabschrift dieser hervorragenden Frau mit. Sie lautet:

„Laufe nicht so eilig, denn hier liegt Adela begraben”.

Genauso möchte man den allzu eiligen Kritikern der Ura Linda Schriften zurufen:

„Urteile nicht zu eilig, denn hier liegt ein Schatz an wertvollen historischen Berichten begraben”.

Beilage I — Inhaltsverzeichnis des altfriesischen Originals

[S.139-142] Die Seitenangaben beziehen sich auf das altfriesische Original. Die zwischen Klammern angeführten Angaben kommen darin nicht vor; sie sind zur Ergänzung hier zugefügt.

Die historischen Erzählungen sind mit einem + bezeichnet und deren historische Jahreszahlen angegeben.

S.1-87 Das Buch der Anhänger Adelas (Thet bok thera Adela folstar). Verfaßt um 442 uns. Ztr.
1-5 + (Bericht über Adelas Auftreten in einer Volksversammlung 441 n.)
6 + Dies ist unsere früheste Geschichte. (Zeigt Spuren einer Bearbeitung am Ende des 18. Jahrhunderts.)
11 Fryas Text (Text = Gesetz).
14 Dieses hat Fästa gesagt.
15 Dies sind die Gesetze, die zu den Burgen gehören.
19 Allgemeine Gesetze.
21 Hier folgen die Gesetze, die daraus zusammengesetzt sind.
23 Hier sind die Rechte der Mutter und der Könige.
25 Hier sind die Rechte aller Fryas, um sicher zu sein.
26 Aus den Schriften Minos.
27 Gesetze für die Steuerleute (Steuermann — stjurar — ist der Ehrenname für die Hochseefahrer).
29 (I) Nützliche Sachen aus den von Mino hinterlassenen Schriften.
33 (II) Aus Minos Schriften.
39 + (III) Aus Minos Schriften. (Etwa 620 vor der Ztr.)
40 Hierunter sind drei Grundsätze: danach sind diese Satzungen gemacht. (Zeigt Spuren einer Bearbeitung am Ende des 18. Jahrhunderts).
42 Diese Bestimmungen sind für zornige Menschen gemacht.
43 Diese sind die Bestimmungen für „Horninge” (Verbrecher, die sich durch ihre Missetaten aus der Gemeinschaft der Fryas ausschließen).
45 Was hierunter steht ist an den Wänden der Waraburg geschrieben (betrifft die Erfindung der Schrift und der Ziffern).
47 + Dies steht auf allen Burgen geschrieben (Beschreibung von Atland). (Vor 1193 vor der Zrt.)
49 + Wie die arge Zeit kam. (Der Untergang von Atland.) (1193 v.d. Ztr.)
50 Dieses steht auf der Waraburg bei Aldegamude geschrieben.
50 + So ist die Geschichte. (Erzählung über Wodin) (1092 v.?).
56 + Dies alles steht nicht nur auf der Waraburg, sondern auch auf der Burg Stavia, die hinter dem Hafen von Stavre liegt. (Die Geschichte von Tünis und Inka) (1000 v.).
60 + Was daraus geworden ist. (Der Verkauf von Misselja) (Nach 1000 v.).
61 + Jetzt wollen wir schreiben über den Krieg der Burgmägde Kälta und Minerva und wie wir dadurch alle unsere südlichen Länder und Britannien an die Golen verloren haben (630 v.).
65 + Hierzu kommt die Geschichte von Jon (630 v.).
68 + Jetzt wollen wir schreiben, wie es Jon ergangen ist. Das steht in Texland geschrieben (620 v.).
72 + Dieses ist über die Geertmänner (ungefähr 600 bis 550 v.).
75 + Im Jahre 1005 nachdem Atland versunken ist, ist dieses auf der Ostwand von Fryasburg geschrieben. (Die Geschichte von Ulysses und ein Bericht über Kekrops) (1188? und um 600 v.).
79 + Dieses steht auf all unseren Burgen (Tod der Volksmutter Frana) (409 bis 411 u. Zr.)
85 + Wie es dem Magy weiter ergangen ist (nach 411 u. Zer.)
87-113 + Die Schriften von Adelbrost und Apollonia. (Tha skrifta fon Adelbrost änd Apollonia.) (Verfaßt ab 445 n. Bericht über den Landtag in Groningen, den Tod von Adelbrost und die Errichtung der Lindasburg) (412-444 n.).
91 + Dies sind die hinterlassenen Schriften van Bruno, der Schreiber auf dieser Burg gewesen ist. (Die vereitelte Wahl Tüntjas zur Volksmutter) (443 n.).
93 + Die zweite Schrift (Tod der Adela) (444 n.).
95 + Das Lob der Burgfrau (Von Bruno verfaßt) (445 n.?).
98 Älteste Lehre.
100 Der zweite Teil der ältesten Lehre.
103 Dieses steht auf Schreibfilz geschrieben. Sprache und Antworten anderen Mägden zum Vorbild.
106 + Jetzt will ich selber schreiben zuerst von meiner Burg und dann von dem, was ich habe sehen dürfen. (Sie beschreibt hier ihre Reise den Rhein entlang zum Lande der Marsaten) (445 n). (Auch die Seiten 114, 115 und 116, der größte Teil von 117 und die letzten Zeilen von 118 sind von Apollonia).
113 + Die Schriften von Frethorik und Wiljo. (Tha skrifta fon Frêthorik ánd Wiljo) (verfaßt um 303 vor).
117 + (Die Wahl von Gosa Makonta als Volksmutter) (305 v.).
119 + Jetzt will ich schreiben, wie die Geertmänner und viele Anhänger von Helenia zurückkamen (303 v.).
130 + Diese Schrift ist mir über Nordland oder Schonland gegeben (teils 1193 v. andernteils 450 n.).
131 Heil! (Eine Charakteristik der Griechen und Jonier).
133 (Wiljo stellt sich vor nach dem Tode Frethoriks, etwa 270 v.).
134 Allen echten Fryas heil! (Eine von Haß gegen Priester und Fürsten erfüllte Betrachtung über das Schicksal der slawischen Völker. Ende des 18. Jahrhunderts).
136 (Erzählung über die Geburt von Jesus oder Buddha in Kaschmir, datiert auf (2193 — 1600 =) 593 v. und endend mit einer „Prophezeihung”. Unterzeichnet: Dela, zugenannt Hellenia. Ende des 18. Jahrhunderts).
141 + So lautete Franas letztwillige Verfügung (411 n.).
142 Dieses hat Gosa hinterlassen (Eine „Prophezeihung” Ende des 18. Jahrhunderts).
143 Die Schrift von Konered. (Thet skrift fon Konered.) (verfaßt um 260 v.d.Ztr.).
143 + (Die ersten eineinhalb Seiten dieser Schrift sind von Apollonia und dürften kurz nach 450 uns. Ztr. verfaßt sein, etwa 455 n.).
144 + Jetzt will ich über Friso schreiben (Die ersten zwei Seiten handeln über den Geertmann Friso, die weiteren über einen anderen späteren Friso (teils etwa 300 v. teils etwa 460 n.).
150 + Was Friso ferner tat (460 n.).
154 + Jetzt will ich schreiben über seinen Sohn Adel (etwa 470 n.).
158 Hier ist diese Schrift mit Gosas Rat (Unecht, ende des 18. Jahrhunderts).
161 Hier ist nun mein Rat (Unecht, ende des 18. Jahrhunderts).
163 (Ein von dem Geertmann Ljudgert hinterlassener Brief mit einer Beschreibung des Pandschabs, um 300 v.).
168 + Die Schrift von Beden. (Thet skrift fon Beden.) (Er nennt sich einen Neffen von Konered, an dessen Stelle er zum Asega gewählt wurde und sagt, König Adel III. habe diese Wahl bekräftigt. Dann bricht seine Schrift ab, da die Seiten 169 bis 189 der Handschrift fehlen) (Etwa 475 n.).
189 Brief von Rika der ehemaligen Magd, vorgelesen zu Staveren beim Julfest. (Dieser Brief endet mit einer „Prophezeihung” Ende des 18. Jahrhunderts. Die Seiten 193 und 194 fehlen.)
195 + Die Geschichte von König Askar. (Sie hat weder Anfang noch Ende, während ihr Verfasser unbekannt bleibt) (Etwa 470 bis 485 n.).

Beilage II — Die altfriesische Zeitrechnung

[/142] In Friesland bestand bis ins 19. Jahrhundert eine alte autochthone Zeitrechnung, deren Anfangsjahr offenbar dem Ura Linda Bok entlehnt worden ist. Vergl. De Jong. S.160-163.

In friesischen Almanachen aus der 1 Hälfte des 19. Jhts wurde die christliche Jahreszahl immer in andere Zeitrechnungen umgerechnet. u.a. in Jahre nach der Sintflut. Nun fand Dr. Ottema in einem Almanach von 1850 die Beifügung: „seit der Sintflut 4043”, das ist in unserer Zeitrechnung 4043 — 1850 = 2193 v.d.Ztr. Das ist das im Ura-Linda-Bok genannte Jahr für den Untergang von Atlantis! In älteren sowie auch in neueren Berechnungen, die untereinander nicht mehr als 23 Jahre von einander abweichen, wird aber die Sintflut immer um 150 Jahre früher datiert. — Wollte man annehmen, daß — umgekehrt — ein moderner Fälscher seine Datierung einem Almanach entlehnt hat, so wäre diese Abweichung von 150 Jahren unerklärlich.

Anmerkungen und Verweisungen

[im Original S.129-138]

  1. Zitat aus einem Artikel von A.H. Huussen Jr. im Spiegel Historiael 1971 6. Jgg. N. 9.
  2. Vergl. E. Molenaar: „Het geheimzinnige handschrift van de Familie Over de Linden”, Bussum 1949.
  3. Vergl. M. de Jong: „Het geheim van het Oera Linda Bok”, Bolsward 1927.
  4. Vergl. Herman Wirth: „Die Ura Linda Chronik", Leipzig 1933, S. 139-140.
  5. J.F. Overwijn: „Thät Ura Linda Bok", tweede druk, Dordrecht 1941.
  6. Ottema hat die Seitenangabe des Originals leider fortgelassen.
  7. Vergl. P. Schotel: „Historisch Overzicht van de hooge vloeden en overstromingen tot het jaar 1868”, ’s-Gravenhage 1922, S. 1.
  8. Vgl. Felix Dahn: „Geschichte der deutschen Urzeit”, II, Gotha 1883-88, Bd S. 231 ff. und 307.
  9. Die Übersetzungen Overwijns sind für die Namen oft so willkürlich, daß ich sie anhand des friesischen Originals oft habe ändern müssen. Seine Zeitangaben sind unsicher und sein Kommentaar ist phantastisch und oft geradezu unsinnig.
  10. Wie die altfriesischen Personennamen erinnern auch verschiedene nordniederländische Ortsnamen wie Ter Apel, Appelscha, Apeldoorn und Appeltern anscheinend an Apollo. Es erscheint daher als möglich, daß diese griechische Gottheit auch im ingwäonischen Gebiet verehrt worden ist.
  11. Vergl. P. Brouwer, W. Eeckhoff: „Nasporingen betrekkelyck de geschiedenis der voormalige Middelzee”, Leeuwarden 1934, S.104. Ohne Beweis oder Nachprüfung (Niederl. nasporing) wird in dieser übrigens gründlichen Spezialarbeit angenommen, daß die später so genannte Middelzee schon in römischer Zeit bestand. Nur das spätere Verschwinden dieses Seebusens wird ausführlich erörtert. Auch in dem grundlegenden Werk von L.Ph.C. van den Bergh: „Handboek der Middel-Nederlandsche Geographie”, Leiden 1852, ist über dessen Entstehung nichts zu finden.
  12. Ich stütze mich hier auf Angaben von Dr. M. de Jong, eines Gegners der Echtheit! Vergl. seine „Het geheim van het Oera Linda Boek”, Bolsward 1927, S.359 und Fußnote 1 auf S.360.
  13. Ihre vollständige Korrespondenz ist von Herrn E. Molenaar veröffentlicht worden unter dem Titel „Het Geheimzinnige Handschrift van de familie Over de Linden”, Bussum 1949, daselbst S.51.
  14. Vergl. Dr. Oskar Paret: „Das neue Bild der Vorgeschichte”, Stuttgart 1946, S.13-54.
  15. Ausführlich habe ich das hier folgende in meinem Buch „Oost-Europa in vóór- en vroeghistorische tijd”, Oostburg 1969, erörtert. S.105 ff. Für die Ausbreitung des Hunnenreiches unter Attila vergleiche man Karte 46/47 im bekannten „Historischen Schulatlas” von F.W. Putzger, 79. Auflage.
  16. Auch im Heer der späteren Awaren zogen Schamanen mit in den Kampf. Vergl. Felix Dahn, o.c. Bd. II, S.131.
  17. Abbildungen dieser Vikingerburgen in J. Brondsted: „The Vikings”, London, Reading and Fakenham 1970.
  18. Vergl. A. Russchen: „New Light on Dark-age Frisia”, Drachten 1967, die Seiten 11, 16, 17, 26 bis 29 und 74.
  19. Diese „Hemriken”, die für vier Jahre unter die einzelnen Hufen zur Nutzung verteilt wurden, kannte man in Friesland noch am Ende des 18. Jahrhunderts. Vergl. de Jong. S. 204.
  20. Vergl. Meyers Konv. Lexikon, Art. Münster. Auf Karte 23 von Droysens Hist. Handatlas wird dieser Name aber Mimigerneford geschrieben.
  21. Oder sollte die kleine Ortschaft Kattenburg in Wagrien, Kreis Oldenburg mit Kattaburg identisch sein? Ich wage es nicht, in dieser Frage eine Meinung zu äußern.
  22. Dieser Gau lag links der unteren Saale, nördlich der Bode und grenzte im Süden an den Gau Frisonovel, was auf die Anwesenheit von Friesen in dieser Gegend hinweisen dürfte. Vergl. Droysens Hist. Handatlas, Karte 23 „Deutschland um das Jahr 1000”.
  23. Vergl. Ottema: „Thet Ura Linda Bok”, Leeuwarden 1876, S. 35.
  24. Asega oder Asinga ist der altfriesische Namen der rechtskundigen Adligen, denen die Leitung der Volksversammlungen oblag und die bei anderen germanischen Volkern den Titel Eward oder Gode hatten. Die Benennung Askar ist — soweit mir bekannt ist — nicht aus anderen Quellen belegt.
  25. Schwierig zu übersetzen. Ottema übersetzt „Kältana Anhänger” (eigentlich: Keltana volgers). Nach dem Text muß es einfach heissen „Kelten”.
  26. Übersetzung von Ottema.
  27. Die wunderlichen im Text gegebenen Ableitungen der Volksnamen sind hier weggelassen. Die „Lithauer” seien — so heißt es — so genannt wegen ihrer Gewohnheit, ihren Feinden ins Gesicht zu hauen!
  28. Ich folge hier der Übersetzung von Prof. Wirth und nicht der von Öttema, der von „üblen Gebräuchen” spricht.
  29. Jetzt ein Dorf an der Nordseeküste westlich von Alkmaar.
  30. Das Wort Kirche (cherka = fries. tsjerk, niederl. kerk, engl. church) wird hier für Tempel gebraucht: es ist also altgermanisch.
  31. Vergl. H. Vámbéry: „Der Ursprung der Magyaren”, Leipzig 1882, S. 436.
  32. Quellen für diese Behauptung in Meyers Konv. Lex. LV. Auflage, Leipzig 1890, Art. Tataren.
  33. Vergl. Krogmann, Dr. Willy: „Ahnenerbe oder Fälschung”, Berlin 1934, S.24.
  34. Vergl. Felix Dahn, o.c. Bd. I, S.40-50.
  35. Prof. Dr. Ed. Heyck: „Deutsche Geschichte”, Bd.1. S.110.
  36. Vergl. Tacitus: „Agricola” 18 und „Annalen” XV. 29.
  37. Titel des Buches von Oskar Paret: „Das neue Bild der Vorgeschichte”, Aug. Schröder Verlag, Stuttgart 1946.
  38. Glyn Daniel: „The Megalith Builders of Western Europe”, Harmondsworth-Middlesex 1963.
  39. G. Daniel, s.o., S.60-61 und S.70.
  40. G. Daniel, s.o., S.74-80.
  41. Carl Schuchardt: „Alteuropa”, Berlin und Leipzig 1935, S.63-120.
  42. Montelius hatte schon 1894 auf die Übereinstimmung beider Typen hingewiesen, sie aber aus Ägypten hergeleitet. Vergl. Schuchardt S.73 und Bibby: „Faustkeil und Bronzeschwert”, S.198 ff.
  43. Schuchardt s.o. S.121. Auf die Übereinstimmung der Namen Carnac (Bretagne) und Karnak (Ägypten) weist Herman Gauch in seinem Buch „Die Entstehung unserer Sprache und Schrift”, Heusenstamm 1970, S.11. Auch für ihn liegt der Anfangspunkt dieser Kultur im Westen.
  44. Christopher und Jacquetta Hawkes: „Prehistoric Britain”, Harmondworth-Middlesex 1949, S.62.
  45. Geolfrey Bibby: „Faustkeil und Bronzeschwert”, S.206.
  46. G. Daniel s.o. S.144-145.
  47. G. Daniel s.o. S.25, 133 und 134.
  48. Hawkes s.o. S.170.
  49. Dr. Walter Scheidt: „Die Rassen der jüngeren Steinzeit in Europa”, München 1924, S.80 ff.
  50. Eine Einteilung in dolicho-, meso- und brachykephale Schädel wird in dieser Liste, die sich auf S.85 findet, leider nicht gegeben.
  51. Ich habe diese meine Ansicht bezügl. der Herkunft der Iberer aus dem Kaukasusgebiet, wo es in Altertum auch Iberi gab, in meinem Aufsatz „The Rise and Fall of the Roman Empire” in Mankind Quarterly, Vol. IX Nr. 1 July-Sept. 1968, näher begründet.
  52. Gayre of Gayre: „Some Ethnological Notes on the Algarve of Portugal”, in Mankind Quarterly, Vol XI Nr. 3 S.134.
  53. G. Sergi: „The Mediterranean Race, A Study of the Origin of the European People”, London 1901, S.45-84.
  54. Eine Tochter des Pharao Cheops, die spätere Königin Hetep-Heres II, ist ebenfalls als Blondine abgebildet, s. Coon: „The Races of Europe”, New-York 1939, S.98.
  55. Dem französischen Forscher S. Gsell zufolge ist noch überall in Nord-Afrika ein blondes Element zu finden; es soll in der Kabylei ein Drittel, im Riff sogar die Hälfte der Bevölkerung bilden. s. S. Gsell: „Histoire ancienne de l’Afrique du nord”, Paris 1921, Tome I, S.284 ff.
  56. Coon s.o. S.99.
  57. Fischer Weltgeschichte II, Altorientalische Reiche I, S.36 (1969).
  58. Fritz Paudler: „Die hellfarbigen Rassen und ihre Sprachstämme, Kulturen und Urheimaten”, Heidelberg 1924, S.55-56.
  59. Paudler s.o. S.183. Ich möchte hier von einer alarodischen statt einer semitischen Bevölkerung sprechen.
  60. S. sein Aufsatz „The Ethnology of the Maltese Islands”, in Mankind Quarterly Vol. X 3, S.132 und S.122 ff.
  61. W.F. Albright: „The Archeology of Palestine”, Harmondsworth-Middlesex 1949, S.64.
  62. The Hawkes s.o. S.62 und 64 und Daniel S.140.
  63. Geoffrey Bibby s.o. S.209.
  64. Constance Irwin: „Kolumbus kam 2000 Jahre zu spät”, München 1968, S.16-20 und 163.
  65. Paudler s.o. S.48-54 und Gayre of Gayre S.126.
  66. Laurence Talbot: „Les Paladins du monde occidental”, Cercle français du livre des arts, 28 rue du Bac Paris 1965.
  67. Genau die Haarfarbe, die Paudler der dalischen Rasse zuschreibt.
  68. Die Umwechselung der beiden Teile der Sammlung muß damals bereits geschehen sein, denn 2193 v. ist das Anfangsjahr dieser altfriesischen Zeitrechnung. Vergl. Beilage Il.
  69. Namentlich von den Letten ist es undenkbar, daß sie als besonderes Volk bereits im 12. Jahrhundert v. bestanden hätten, geschweige denn, daß ihr Name in Westeuropa bekannt gewesen wäre. Bei den stjurar ist zu bemerken, daß dieser Name in den Handschriften durchweg Steurer oder Seeleute bedeutet, hier aber vielleicht für das (von Plinius genannte) Volk der Sturii gebraucht wird, das in römischer Zeit, nebst den Marsacii, das niederländische Deltagebiet bewohnte.
  70. Vergl. Jürgen Spanuth: „Atlantis”, Tübingen 1965, S.405 — geringer Abweichungen halber ist im Text der Wortlaut des Kritiasdialoges genannt worden.
  71. Vergl. 1.Kön.IV:26, wo von 40.000 Pferden für seine Wagen und von 12.000 Reitern die Rede ist, 2.Cron.I:14, wo Salomon ebenfalls 12.000 Reiter und 1400 Wagen besitzt. Wenn die Zahlen für die Wagenpferde nicht übereinstimmen, immerhin werden für die 1.400 Wagen. 2800 Pferde erforderlich gewesen sein. Das bedeutet eine ansehnliche Streitmacht.
  72. Vergl. Wirth: „Die Ura Linda Chronik”, Leipzig 1933, S.158, T.16.
  73. Spanuth, S.637 und 509.
  74. Dieser Bericht war 560 v. von dem athenischen Weisen Solon nach dem Bericht des ägyptischen Oberpriesters Sonchis seinem Freunde Dropides übertragen. Dropides überließ ihn seinem Enkel Kritias, einem Schüler Platons, nach welchem der Bericht seinen Namen bekam.
  75. Spanuth verweist hier auf Oskar Paret, der eine Periode von 800 Jahren feststellt, die in Europa eine Trockenzeit bringt, welche jedesmal mächtige Völkerwanderungen verursacht habe (2000 v., 1200 v., 400 v. und 400 nach, die große „Völkerwanderung”). Diese Ansicht wird also tatsächlich durch die zeitliche Aufeinanderfolge dieser Wanderungen bestätigt. Vergl. Oskar Paret s.0., S.124. (V. Weltgeschichte und Klima).
  76. In Westermanns groRer Atlas zur Weltgeschichte, Braunschweig 1965. S.3 finden wir neben den dunklen Tehennu die blonden Libyer, „Temhu” seit 2400 aufgeführt. Sergi (o.c. S.45 und 76) spricht von dunklen Tamahu und blonden Tekennu und Lebu, d.i. Libyern.
  77. Oder die Elbe, wie Spanuth in einem Interview mit einer französischen Zeitschrift sich selbst berichtigt. Vergl. La Nouvelle Ecole Nr. 14 Jan./Febr. 1971, S.79-80. Weser, Elbe und Eider und der seitdem verschwundene Hever hatten in der damals noch verlandeten südlichen Nordsee eine gemeinsame Mündung südlich von Helgoland.
  78. Die Dori oder Dorier kamen dem Timagenes, einem Autor aus der Zeit des Kaisers Agustus zufolge, aus der Gegend zwischen Elbe und Weser. Man ist versucht, in den Denen, Sachsar und Pheres (griechisch Pheresioi), Dänen, Sachsen und Friesen zu vermuten. Die Ähnlichkeit der Namen ist jedenfalls bemerkenswert. Alle werden als nordischer Typ geschildert.
  79. Vergl. Theodor Birt: „Die Germanen”, München 1917, S.76.
  80. Der riesige Wenersee — über 11 mal so groß wie der Bodensee — ist nur 86 m, der Mälarsee 52 m, dagegen der Vettersee 126 m tief. Vergl. H. Harms: „Länderkunde von Europa”, Leipzig 1927, S.419.
  81. Vergl. J.F. Overwyn: „Thät Ura Linda Bok”, Dordrecht 1951, S.75.
  82. Gert. Kahl-Furthmann: „Wann lebte Homer?”, Anton Hain, Meisenheim a.Gl., S.177.
  83. Hinzu kommt, daß der Bericht schlecht zu der in der Odyssee geschilderten Folge der Ereignisse paBt, während von dem Namen der Kalypso eine unsinnige etymologische „Erklärung” — in der bei den Humanisten gebräuchlichen Art — gegeben wird. Hier wirkt die Einpassung Spanuths, der die Phäaken mit den Atlantern gleichsetzt und Odysseus bei Helgoland an Land spülen läßt, überzeugender.
  84. Dieses altfriesische Wort für Krieg, das im Niederländischen (oorlog) sowie im Dänischen (orlog) fortlebt, scheint ingwäonischen Ursprungs zu sein.
  85. Von diesem Namen wird wieder eine unsinnige etymologische „Erklärung” gegeben: das Volk wurde Finnen genannt, da es ... auf ihren Festen so fein zuging! Trotzdem wird gesagt, daß sie immer traurig waren. Wie reimt sich das zusammen?
  86. Ein Grund für dieses Verbot wird nicht angegeben. Vielleicht wurde Tünis die Landung der vielen Finnen wegen verboten, die ihm als Ruderer dienten.
  87. Bis vor kurzem — wie dem Leser bekannt sein dürfte — eine Insel vor der Ostküste Nordhollands. Ameland ist jetzt eine Watteninsel.
  88. Im Sinne Paudlers. Vergl. Paudler, S.57 und 126 f.
  89. In meiner Jugend wurde in Holland oft scherzhaft von Neptunus als von „neef Teunis” (Neffe Tünis) gesprochen, ein Beweis, wie sehr dieses Wortspiel auf der Hand liegt.
  90. Vergl. Constance Irwin s.o., S.210. Die Möglichkeit früherer interkontinentaler Berührungen werden in diesem höchst interessanten Buch erschöpfend behandelt.
  91. Vergl. sein Interview mit „La Nouvelle Ecole” auf S.68 der nr.14 (Janvier-Février 1971) dieser Zeitschrift.
  92. Vergl. Ch. Autran: „Les Phéniciens”, Paris 1920.
  93. Wahrscheinlich Middelburg; das jetzt an der Nordseeküste gelegene Domburg kommt hier aber auch in Betracht. Der Name der Burg ist wohl von dem Namen der Insel abgeleitet worden.
  94. Wohl zeigen diese Münzen Abbildungen von einem Eber, einem Stier oder einem laufenden Roß. Die Annahme, auch der Hahn gehöre zu den altgallischen Wappentieren, mag seine Erklärung in dem lateinischen Wort gallus finden, das zugleich Hahn und Gallier bedeutet. Vergl. Meyers Konv. Lex. 4 Aufl., „Gallischer Hahn”.
  95. Vergl. Van den Bergh, s.o. S.225.
  96. Vielleicht sind auch die Lilienblätter, aus denen angeblich Schreibfilz gemacht wurde, eine spätere Zutat, da Wasserlilien die heutige friesische Flagge zieren.
  97. Vergl. Hans Krahe: „Sprachverwandtschaft im alten Europa”, Heidelberg 1951, S.23.
  98. Vergl. Chr. und Jacquetta Hawkes, o.c. S.110.
  99. C.J. Caesar: „De bello gallico”, S.6, 13, 14 und 16.
  100. Ottema: o.c. S.59.
  101. Die Länge dieses Maßes zu ermitteln ist mir nicht gelungen. Overwijn behauptet das eine Mal, sie sei 1600 m, einandermal sie sei 200 m gewesen, ohne Gründe für diese Behauptung zu nennen. Vergl. Overwijn, o.c. S.135 und 71.
  102. Vergl. Ottema, o.c. S.65. Dieser Autor weist darauf hin, daß der Name Athènai im Griechischen keine Bedeutung hat, sich aber wohl aus dem Friesischen ableiten läßt.
  103. Vergl. u.a. II Könige 16, 3.
  104. Felix Dahn, o.c. Bd. II, S.465-466.
  105. Prof. Hans Krahe: „Sprache und Vorzeit”, Heidelberg 1954, S.145.
  106. In Fischers Weltgeschichte z.B. wird die Herkunft der Ionier nicht erörtert. Auch in dem gründlichen und ausführlichen Werk des französischen Prähistorikers G. Glotz ist über deren Herkunft nichts zu finden, Vergl. S.43-50 seines „La Civilisation Egéenne”, Paris 1937. Im Brockhaus Konv. Lex. 14. Auflage 1893 wird unter dem Titel „Griechenland” zwar behauptet, die Ionier seien von Norden aus eingewandert, doch wird bezeichnenderweise hinzugefügt: „doch bleiben ihre Wanderwege und ältesten Sitze dunkel”.
  107. Dieser Kulturperiode waren in Thessalien ab vielleicht 2500 die bereits verhältnismäßig hochstehenden Sesklo- und Dimini-Kulturen — vermutlich beide indogermanischen Ursprungs — vorangegangen. In Abweichung von der im Text wiedergegebenen Auffassung läßt Prof. Hans F.K. Günther in seiner „Lebensgeschichte des hellenischen Volkes” (Pähl 1965, S.49) die Ionier als erste Hellenen in Griechenland einwandern. Man sieht wie unsicher dies alles ist.
  108. Vergl. Spanuth, S.15 und nicht ganz gleichlautend Timaios 25.
  109. Vergl. „Les Premières Civilisations” v. L. Halphen u. Th. Sagnac, Paris 1938, S.373.
  110. Prof. Hans Krahe: „Sprache und Vorzeit”, S.160.
  111. Vergl. A.H. Sayce: „The Races of the Old Testament”, Oxford 1891, S.46-47.
  112. Brockhaus Lexikon, Art. Jon.
  113. G. Kahlo in der Zeitschrift „Ziva Antika (Antiquité Vivante), Skopje 1970, Artikel „Einige ungelöste antike Fragen”, S.173.
  114. In ihrem Panionion genannten Heiligtum verehrten sie den Poseidon, den Gott der Atlanter!
  115. Zwar wird im kleinen Pauly Lexikon der Antike, 8. Lieferung behauptet, daß der Name dieses Meeres, da er mit einem kurzen o geschrieben wurde, nichts mit den Ioniern zu tun habe. In Anbetracht der Tatsache, daß der Name des Jon sowohl kurz wie lang gesprochen wurde, wirkt diese Behauptung aber nicht überzeugend.
  116. Herodot benützt hier zweifellos den in seiner Zeit für die griechischen Kolonisten an der Westküste Kleinasiens üblichen Namen, was nicht zu bedeuten braucht daß der Name der Jonier schon z.Zt. Psammetich I. [existierte].
  117. Vergl. Constance Irwin, o.c. S.88 ff.
  118. Vergl. Hesekiel 26.
  119. Vergl. E. Molenaar: „Het geheimzinnige handschrift”, usw, Bussum 1949, S.59.
  120. Wahrscheinlich war diese Landschaft nach ihnen benannt.
  121. Vergl. Sir Mortimer Wheeler: „Rome beyond the Imperial Frontiers”, London 1955, S.141-158.
  122. Von diesem Befehl Alexanders konnten wir in Strabos „Erdbeschreibung” — Übersetzung von Dr. A. Forbinger, Stuttgart 1858 — nichts finden, obwohl es auf S.696 heißt, Alexander habe nach Aussage des Nearchus eine Flotte zur Fahrt nach Ägypten ausgerüstet.
  123. Vergl. M. Cary and E.H. Warmington: „The Ancient Explorers”, Harmondsworth-Middlesex 1963, S.86.
  124. Diese Flotte soll Cary und Warmington zufolge (S.80) mit 5000 Köpfen bemannt gewesen sein. Constance Irwin nennt (S.190) eine Anzahl von 800 Schiffen, von denen einige so groß waren, daß sie 500-600 Mann aufnehmen konnten.
  125. Vergl. Molenaar, S.59 und Strabo, S.712 und 713.
  126. Vergl. Droysens „Historischer Handatlas”, Karte 9, wo das erstgenannte Minnagara an dem bezeichneten Platz angegeben ist, wie auch auf der Karte 31b von Putzkers Hist. Schulatlas.
  127. Vergl. Mortimer Wheeler, S.145-146.
  128. Vergl. Wirth: „Die Ura Linda Chronik”, S.145, Koeler & Amelang. Leipzig 1933.
  129. Die Überserzung Ottemas, der das friesische fon mit „von” übersetzt, ist hier wohl richtiger, als die von Prof. Wirth, der mit „vor” übersetzt.
  130. Als das Jahr des Unterganges von Atland muß hier 2193 v. genommen werden, da die Umwechselung der beiden Teile der Sammlung und die daraus folgende Umdatierung damals schon längst geschehen waren.
  131. In einem an mich gerichteten Schreiben.
  132. Versuche, Spuren einer höheren Religionsauffassung bei Primitieven aufzufinden, sind auch in neuerer Zeit unternommen worden, wie z.B. von dem Pater P.W. Schmidt, der die Verehrung eines höheren Wesens bei sibirischen Jägerstämmen festgestellt haben will. Vergl. die Ausführungen hierüber bei Prof. Wirth: „Über den Ursinn des Menschseins”, S.11 ff.
  133. Die Marsacii werden von Tacitus (Hist. 4, 56), die Sturii von Plinius (Hist. nat. IV, 29) erwähnt. Dahn zufolge war der Name der Friesen von Anfang an ein Gruppenname, wie der der Sachsen. Vergl. Vergl. Dahn, o.c. Bd. I., S.105.
  134. Vergl. „Spiegel Historiael”, 6. Jaargang 1971, No. 9.
  135. Vergl. Hans Wöllenweber in Düsseldorfer Nachr. v. 16-8-1971 im Feuilleton.