Z Wirth
Teil II. Fortsetzung von Oera Lindas
Z. Unbekannter Verfasser: Zeitalter Askar
- Kriegsvorbereitung
- Blutströme
- Reintjas Traum
- Askar und die Dänen
- Das tödliche Bauchweh
- Gespaltenes Volk
Wirth 1933
[/119]
- (Hier ist eine neue, wahrscheinlich größere Lücke in der Handschrift, welche den Anfang der nun folgenden Schrift, vermutlich von einem Enkel des Beeden, enthält.)
... darum will ich erst über den schwarzen Adel schreiben. Schwarzer Adel war der vierte König nach Friso. In seiner Jugend hat er zu Texland gelernt, nachdem hat er zu Staveren gelernt, und fürder ist er über alle Staaten gefahren. Als er vierundzwanzig Jahre war, hat sein Vater erwirkt, daß er zum Asega-Heischer gekoren wurde. Da er einmal Heischer war, heischte er immer zum Vorteile der Armen. »Die Reichen«, sagte er, »verüben genug unrechte Dinge mittels ihres Geldes: darum geziemt es uns, dafür zu sorgen, daß die Armen sich nach uns (um Hilfe) umsehen.« Durch diese und andere Redensarten ward er der Freund der Armen und der Schrecken der Reichen. Also arg ist es gekommen, daß sein Vater sich nach ihm richtete. Als sein Vater gestorben war, hat er dessen Sitz erstiegen: da wollte er gleicherweise sein Amt beibehalten, wie es bei den Königen des Ostens üblich ist. Die Reichen wollten es nicht dulden; aber nun lief alles Volk zuhauf und die Reichen waren froh, daß sie mit heiler Haut von der Acht wegkamen. Seitdem hörte man nimmermehr über gleiches Recht reden. Er verurteilte die Reichen und schmeichelte den Armen, mit deren Hilfe er alle Sachen heischte, die seine Zuständigkeit betrafen.
König Askar (Heischer), wie er immer geheißen ward, war reichlich [120] sieben Erdfuß lang, und so groß wie seine Gestalt war, waren auch seine Kräfte. Er hatte einen klaren Verstand, so daß er alles erfaßte, worüber gesprochen wurde: doch in seinem Tun konnte man keine Weisheit spüren. Zu einem schönen Antlitz hatte er eine glatte Zunge: aber noch schwärzer als sein Haar ist seine Seele befunden worden. Als er ein Jahr König war, nötigte er alle Knaben seines Staates, jährlich zu dem Gefechtsspiel zu kommen und dort einen Scheinkrieg zu veranstalten. Erst hatte er damit Schwierigkeiten, aber zuletzt ward es üblich, daß alt und jung aus allen Orten herbeikamen, um zu bitten, ob sie mitmachen dürften. Als er es so weit gebracht hatte, ließ er Kriegsschulen gründen. Die Reichen kamen und beklagten sich, daß ihre Kinder nicht mehr lesen oder schreiben lernten. Askar achtete dessen nicht, aber als kurz danach wieder Scheinkrieg gehalten wurde, stellte er sich auf den Upstal[1] und rief laut: »Die Reichen sind zu mir gekommen, um sich zu beklagen, daß ihre Knaben nicht genügend lesen und schreiben lernen. Ich habe darauf nichts gesagt. Doch ich will hier meine Meinung sagen und die gemeine Acht es bedingen lassen.« Als nun jedermann neugierig zu ihm aufsah, sagte er fürder: »Nach meinem Begriffe soll man heute das Lesen und Schreiben den Maiden und den alten ‘Leuchten’ überlassen. Ich will kein Übles reden über unsere Vorfahren, ich will allein sagen: zu den Zeiten, deren sich manche so hoch rühmen, haben die Burgmaiden Zwiespalt über unsere Lande gebracht, und die Mütter, für und nach, konnten den Zwiespalt nicht wieder zum Lande hinaustreiben. Noch ärger, derweilen sie schwatzten und redeten über nutzlose Sitten, sind die Golen gekommen und haben all unsere schönen Südlande geraubt. Heutzutage sind sie mit unseren entarteten Brüdern und ihren Söldnern schon über die Schelde gekommen. Es verbleibt uns also zu wählen zwischen dem Tragen des Joches oder des Schwertes. Wollen wir frei verbleiben, so geziemt unseren Knaben, das Lesen und Schreiben für jetzt unterbleiben zu lassen und anstatt daß sie auf der Aue zum Spiele sich tummeln, sollen sie mit dem Schwert und dem Speere spielen. Sind wir in allen Teilen geübt und die Knaben rüstig genug, um Helm und Schild zu tragen und Waffen zu handhaben, dann werde ich mich mit eurer Hilfe auf die Feinde werfen. [121] Die Golen mögen dann die Niederlage ihrer Helfer und Söldner auf unsere Felder schreiben mit dem Blute, das aus ihren Wunden trieft. Haben wir den Feind einmal vor uns hergetrieben, so müssen wir damit fortfahren, bis daß es keine Golen, noch Slawen, noch Tartaren mehr von Fryas Erde zu vertreiben gibt[2].«
»Das ist recht«, riefen die meisten, und die Reichen wagten nicht, ihren Mund zu öffnen. Diese Ansprache hatte er gewiß vorher ersonnen und abschreiben lassen, denn am Abend desselben Tages waren die Abschriften davon bereits in zwanzig Händen, und diese alle waren gleichlautend. Nachdem befahl er den Schiffsleuten, sie sollten doppelte Vorsteven machen, an denen man einen stählernen Kranbogen befestigen könnte. Der dies unterließ, fiel in Buße; konnte jemand schwören, daß er keine Mittel hatte, so mußten die Reichen seines Gaues es bezahlen. Nun wird man sehen, worauf all dies Bahei hinausgelaufen ist.
An dem Nordende Britannias, das voll hoher Berge ist, da sitzt ein schottisches Volk, mehrenteils Fryas-Blut, einesteils aber den Keltana-Folgern entsprossen, andernteils den Briten und Geächteten, die allmählich im Laufe der Zeit aus den Zinnlanden hierher geflohen waren. Die aus den Zinnlanden herkamen, haben allesamt fremdrassige Weiber und ausheimisches Dirnengesindel. Sie alle sind unter der Gewalt der Golen, ihre Waffen sind hölzerne Bogen und Stangen mit Spitzen von Hirschhorn oder Flinsstein. Ihre Häuser sind von Schollen und Stroh, und manche wohnen in Berghöhlen. Schafe, die sie geraubt haben, sind ihre [122] einzige Habe. Aber von den Nachfahren der Keltana-Folger haben manche noch eiserne Waffen, die sie von ihren Ahnen geerbt haben.
Um nun recht verstanden zu werden, muß ich meine Erzählung von dem schottischen Volke ruhen lassen und etwas von den nahen Krekalanden[3] schreiben. Die nahen Krekalande haben vorher uns allein gehört, aber seit undenklichen Zeiten haben sich dort auch Nachkommen von Lyda und Finda niedergelassen; von diesen letzten kam ein ganzer Haufe aus Troje. Troje also hat eine Stadt geheißen, die ein Volk der fernen Krekalande eingenommen und zerstört hat. Als die Trojaner in den nahen Krekalanden sich eingenistet hatten, haben sie mit Zeit und Fleiße eine starke Stätte mit Wallen und Burgen gebaut, Roma, das ist Raum[4], geheißen. Als das getan war, hat das Volk durch List und Gewalt sich in den Besitz des ganzen Landes gesetzt. Das Volk, das an der Südseite der Mittelsee haust, ist mehrenteils von Fhonysja[5] hergekommen. Die Fhonysjar sind ein Bastardvolk: sie sind von Fryas Blut und von Lydas Blut. Das Volk von Lyda ist dort als Sklave, aber durch die Unzucht der Weiber haben die schwarzen Menschen all das andere Volk verbastert und braun gefärbt. Dies Volk und das von Roma kämpfen fortwährend um die Herrschaft der Mittelsee. Weiter leben die von Roma in Feindschaft mit den Fhonysjar. Und ihre Priester, die des Erdreiches allein walten wollen, können die Golen nicht sehen. Zuerst haben sie den Fhonysjar Misselja[6] weggenommen; darnach alle Länder, die südwärts, west- und nordwärts liegen, auch den Südteil Britanniens[7], und alleweg haben sie die phönizischen Priester, das heißt die Golen, verjagt. Daher sind Tausende von Golen nach Nord-Britannien gezogen.
Vor kurzem saß da der Oberste der Golen auf der Burg, die geheißen wird Kerenak, das ist Horn[8], von wannen er den anderen Golen seine Befehle gab. Auch war all ihr Gold dort zusammengebracht. »Keren herne« oder »Kerenak« ist eine steinerne Burg, die der Kelta gehörte. Darum wollten die Maiden der Nachfahren [123] der Keltana-Folger die Burg wiederhaben. Also war durch die Feindschaft der Maiden und der Golen Fehde und Zwist über das Bergland gekommen mit Mord und Brand. Unsere Seeleute kamen dort des öfteren, um Wolle zu holen, die sie eintauschten gegen bereitete Häute und Leinen. Askar war öfters mitgewesen; im stillen hatte er mit den Maiden und einigen der Fürsten Freundschaft geschlossen und sich verpflichtet, die Golen aus Kerenak zu verjagen. Als er danach wiederkam, gab er den Fürsten und reckenhaften Männern eiserne Helme und stählerne Bogen. Krieg war mitgekommen, und kurz danach flossen Ströme von Blut an den Abhängen der Berge hernieder. Als Askar meinte, daß das Glück ihm zulachte, ging er mit vierzig Schiffen hin und nahm Kerenak und den Obersten der Golen mit all seinem Golde hinweg. Das Volk, mit dem er wider die Söldner der Golen gekämpft hatte, hatte er aus den Sachsenmarken mit Versprechen großen Heeresraubes und großer Beute gelockt. Darum wurde den Golen nichts gelassen.
Nachdem nahm er zwei Inseln als Unterschlupf für seine Schiffe, von wannen er später auszog, um alle phönizischen Schiffe und Städte zu berauben, die er befahren konnte. Als er zurückkam, brachte er fast sechshundert der rüstigsten Knaben des schottischen Bergvolkes mit. Er sagte, daß sie ihm als Geisel gegeben waren, damit er dessen sicher sein könnte, daß ihre Eltern ihm treu verblieben. Aber das war Lug. Er hielt sie als eine Leibwache an seinem Hofe, wo sie täglich unterwiesen wurden im Reiten und Handhaben von allerhand Waffen.
Sobald die Dänemärker, die sich selber hoch über allen anderen trutzlich Seekämpen hießen, von den ruhmreichen Taten Askars gehört hatten, wurden sie darob neidisch, dermaßen, daß sie die See und seine Lande mit Krieg überziehen wollten. Sieh hier, wie er den Krieg vermeiden konnte.
Zwischen den Trümmern der zerstörten Burg Stavia hauste noch eine kluge Burgmaid mit ihren Maiden. Ihr Name war Reintja, und es ging ein großer Ruf von ihrer Weisheit aus. Diese Maid bot Askar ihre Hilfe an unter Bedingung, daß Askar die Burg Stavia wieder aufbauen ließ. Als er sich dazu verpflichtet hatte, ging Reintja mit den drei Maiden nach Hals; sie reiste zur Nachtzeit und am Tage redete sie auf allen Märkten und allen [124] Dorfauen. Wralda, sagte sie, hätte ihr durch Donner zurufen lassen, daß alles Fryas-Volk Freunde werden sollte, wie es Schwestern und Brüdern geziemet: sonst würde Findas Volk kommen und sie allesamt vertilgen. Nach dem Donner wären Fryas sieben Wachmaiden ihr in ihrem Traume erschienen, sieben Nächte nacheinander. Sie hätten gesagt: »Über Fryas Land dräut Unheil mit Joch und Ketten. Darum müssen alle Völker, die aus Fryas Blut entsprossen sind, ihre Zunamen[9] wegwerfen und sich selber nur Fryas Kinder oder Volk heißen. Fürder müssen alle aufstehen und Findas Volk von Fryas Erbe vertreiben. Wollen sie das nicht tun, so werden die fremden Herren ihre Kinder mißbrauchen und geißeln lassen, bis das Blut sickert in eure Gräber. Dann werden die Schatten eurer Vorfahren kommen, euch zu wecken und euch zu tadeln ob eurer Feigheit und Sorglosigkeit.«
Das dumme Volk, das durch Betreiben der Magjaren schon vieler Torheit gewohnt war, glaubte alles, was sie sagte, und die Mütter preßten ihre Kinder an ihre Brust. Als Reintje den König von Hals und alle anderen Menschen zur Eintracht überredet hatte, sandte sie Boten an Askar und zog selber die Baldasee[10] entlang. Von dort ging sie zu den Hlith-hawar (Litauern). Die Litauer sind Ausgewanderte und Geächtete aus unserem eigenen Volke, das in den Twisklanden sitzt und umherzieht. Weiter ging sie hinter den Sachsenmarken, quer durch die anderen Twisklande hindurch, und verkündete allewege dasselbe.
Nachdem zwei Jahre herum waren, kam sie den Rhein entlang heimwärts. Bei den Twiskländern hatte sie sich selber als Mutter ausgegeben und gesagt, daß sie als freie und franke Leute wiederkommen dürften; aber dann sollten sie über den Rhein gehen und die Golen-Folger aus Fryas Südlanden verjagen. So sie dies täten, würde ihr König Askar über die Schelde ziehen und dort das Land abgewinnen. Bei den Twiskländern haben sich viele übele Sitten von den Tartaren und Magjaren[11] eingeschlichen, [125] aber auch viel sind unseren Sitten treu geblieben. Dadurch haben sie noch Maiden, die die Kinder lehren und den alten Rat erteilen. Im Anfang waren sie Reintja feindlich gesonnen, aber zuletzt folgten und dienten sie ihr, und sie wurde alleweg von ihnen gepriesen, wo es nützlich und nötig war.
Sobald Askar von den Boten Reintjas vernommen hatte, wie die Jutten gesonnen waren, sandte er zur Stund Boten von sich an den König von Hals. Das Schiff, mit dem die Boten gingen, war vollgeladen mit Frauenschmuck; dabei war ein goldener Schild, auf dem Askars Gestalt kunstvoll abgebildet war. Diese Boten sollten fragen, ob Askar des Königs Tochter Frethogunsta zu seinem Weibe haben durfte. Frethogunsta kam ein Jahr später nach Staveren: in ihrem Gefolge war auch ein Magy (Magier), denn die Jutten waren schon längst verdorben. Kurz nachdem Askar mit Frethogunsta getraut war, ward in Staveren ein Tempel gebaut; in der »Kirche« wurden üble ungestaltete Bildwerke aufgestellt, mit golddurchwirkten Kleidern. Auch wird behauptet, daß Askar zur Nacht und Unzeit mit Frethogunsta sich davor niederbeugte. Aber so viel ist gewiß: die Burg Stavia ward nicht wieder aufgebaut.
Reintje war schon zurückgekommen und ging erbost zur Mutter auf Texland, sich zu beklagen. Prontlik ging hin und sandte allewege Boten, die verkündeten: Askar ist der Abgötterei ergeben. Askar tat, als bemerkte er nichts. Aber unerwartet kam eine Flotte aus Hals. Nachts wurden die Maiden aus der Burg vertrieben, und morgens konnte man von der Burg allein einen glühenden Haufen sehen. Prontlik und Reintja kamen zu mir, um einen Unterschlupf. Als ich später darüber nachdachte, schien es mir, daß dies Übles für meinen Staat bedeuten könnte. Darum haben wir zusammen eine List ersonnen, die uns allen frommen sollte. Sieh hier, wie wir es begonnen haben.
Inmitten des Krylwaldes, östlich von Ljudwerd, liegt unsere Flucht- oder Wehrburg, der man sich allein durch Irrwege nähern kann. Auf diese Burg hatte ich seit längerer Zeit junge Wächter gelegt, die alle einen Widerwillen gegen Askar hatten und alle anderen Menschen fernhielten. Nun war es bei uns so weit gekommen, daß viele Weiber und auch Männer schon schwatzten von Spuk, weißen Weibern und Kobolden, wie die Dänemärker. Askar [126] hatte alle diese Torheiten zu seinem Nutzen ausgebeutet, und das wollten wir auch zu unserem Nutzen tun. In einer dunklen Nacht brachte ich die Maiden zur Burg, und darauf gingen sie und spukten mit ihren Jungfrauen über die Irrwege, in weißen Gewändern gehüllt, so daß sich später kein Mensch mehr zu kommen getraute. Als Askar meinte, daß er freie Hand hatte, ließ er die Magjaren (Magier) unter allerhand Namen durch seine Staaten fahren, und außer Greninga (Groningen) und meinem Staat wurde ihnen nirgends gewehrt.
Nachdem Askar also mit den Jutten und den anderen Dänemärkern verbündet war, zogen sie zusammen auf Raub aus: das hat aber keine guten Früchte gezeitigt. Sie brachten allerhand fremdländische Schätze mit nach Hause. Aber gerade dadurch wollte das junge Volk kein Handwerk mehr lernen noch auf den Feldern arbeiten, so daß er zuletzt wohl Sklaven nehmen mußte. Aber dies war ganz wider Wraldas Willen und wider Fryas Rat: darum konnte die Strafe nicht ausbleiben.
Sieh, wie die Strafe gekommen ist.
Einmal hatten sie zusammen eine ganze Flotte gewonnen: diese kam aus der Mittelsee (dem Mittelmeer). Die Flotte war geladen mit Purpurkleidern und anderen Kostbarkeiten, die alle aus Phonisja (Phönizien) kamen. Das schwache Volk der Flotte ward südlich der Sejene[12] an Wall gesetzt, aber das kräftige Volk wurde behalten. Das sollte ihnen als Sklaven dienen. Die Schönsten wurden zurückbehalten, um am Lande zu bleiben, und die Häßlichen und Schwarzen wurden an Bord behalten, um auf den Bänken zu rudern. In dem Fly, ward die Habe geteilt, aber sonder ihr Wissen ward auch die Strafe geteilt. Von den Menschen, die auf den ausländischen Schiffen eingestellt wurden, starben sechs an Bauchweh. Man dachte, daß das Essen und Trinken vergiftet war; darum ward alles über Bord geworfen. Aber das Bauchweh blieb, und allewege, wo Sklaven oder Güter hinkamen, kam auch das Bauchweh herein. Die Sachsmänner brachten es über ihre Marken; mit den Jutten fuhr es nach Schonland und die Küsten der Baldasee entlang; mit Askars Seeleuten fuhr es nach Britannien. Wir und die von Grenega ließen keine Güter noch Menschen über unsere Grenzpfähle kommen, und darum blieben [127] wir des Bauchwehes ledig. Wie viele Menschen es dahingerafft hat, kann ich nicht schreiben. Aber Prontlik, die es später von den anderen Maiden erfuhr, hat mir gemeldet, daß Askar tausendmal mehr freie Menschen aus seinen Staaten hinausgeschafft hat, als er schmutzige Sklaven hereingebracht hatte.
Als die Pest endgültig gewichen war, da kamen die frei gewordenen Twiskländer an den Rhein. Aber Askar wollte mit den Fürsten dieses schmutzigen und verbasterten Volkes nicht auf einer Stufe stehen. Er wollte nicht gewähren, daß sie sich Fryas Kinder nannten, wie Reintja es angeboten hatte, aber er vergaß dabei, daß er selber schwarze Haare hatte.
Unter den Twiskländern waren zwei Völker, die sich selber nicht Twiskländer hießen. Das eine Volk kam ganz weit aus dem Südosten her: sie hießen sich Allemanna. Das andere Volk, das mehr in unserer Nähe umherzog, nannte sich Franka, nicht weil sie frei waren, sondern Frank also hatte der erste König geheißen, der sich selber mit Hilfe der verdorbenen Maiden zum erblichen König über sein Volk gemacht hatte. Die Völker, die an sie grenzten, nannten sich Thjoths Söhne[13], das ist Volkssöhne; sie waren freie Menschen geblieben, dieweil sie nimmer einen König, noch Häuptling, noch Herrn anerkennen wollten außer denjenigen, die durch gemeinen Willen auf der gemeinen Acht gekoren wurden.
Askar hatte schon von Reintja vernommen, daß die Twiskländer Häuptlinge meistens miteinander in Feindschaft und Fehde waren. Nun machte er ihnen den Vorschlag, sie sollten einen Herzog von seinem Volke kiesen, weil er befürchtete, sie könnten miteinander um die Herrschaft streiten. Auch sagte er, daß seine Häuptlinge mit den Golen sprechen konnten. Das, sagte er, wäre auch die Meinung der Mutter. Da kamen die Häuptlinge der Twiskländer zusammen, und nach dreimal sieben Etmelde[14] koren sie Alrik zum Herzog. Alrik war Askars Neffe; er gab ihm zweihundert Schotten und hundert der rüstigsten Sachsmänner mit als Leibwehr. Die Häuptlinge mußten dreimal sieben von ihren Söhnen nach Staveren senden als Bürgschaft ihrer Treue. Soweit war alles nach Wunsch gegangen: aber als man über den Rhein fahren sollte, wollte der König der Franken nicht unter [128] Alriks Befehle stehen. Dadurch ging alles in die Quere. Askar, der vermeinte, daß alles gut ging, landete mit seinen Schiffen an der anderen Seite der Schelde; aber da war man schon lange von seinem Kommen unterrichtet und auf seiner Hut. Sie mußten ebenso schnell fliehen als sie gekommen waren, und Askar wurde selber gefangengenommen. Die Golen wußten nicht, wen sie gefaßt hatten, und also ward er später ausgewechselt gegen einen hohen Golen, den Askars Volk mitgeführt hatte.
Dieweilen dies alles geschah, liefen die Magjaren (Magier) noch dreister als zuvoren über unsere Nachbarlande hin. Bei Egmuda, wo vorher die Burg Forana, gestanden hatte, ließen sie eine »Kirche« bauen, noch größer und reicher als Askar es zu Staveren getan hatte. Nachdem sagten sie, daß Askar den Kampf gegen die Golen verloren hatte, weil das Volk nicht glauben wollte, daß Wodin ihnen helfen könnte, und daß sie ihn darum nicht anbeten wollten. Fürder gingen sie hin und entführten junge Kinder, die sie bei sich behielten und aufbrachten in den Geheimnissen ihrer verdorbenen Lehre. Waren Menschen da, die ...
- (Hier bricht die Handschrift ab.)
Fußnoten
- ↑ Upstal = erhöhter Standort, Sprechstand.
- ↑ Für diese letzte Erweiterung, die Erwähnung der Tataren, dürfte wohl der Schreiber des Codex B, Hidde über die Linden, verantwortlich gemacht werden, bei dem die Schlacht an der Walstatt in Schlesien (9. April 1241) allerhand Erinnerungen wachgerufen haben mag. Die Handschrift führt die Form »Tartara«, ein Wortspiel, das Ludwig dem Heiligen von Frankreich (1226-7o) zugeschrieben wird, der sie mit den bösen Geistern des Tartarus verglichen haben soll. Die an verschiedenen Stellen in der Handschrift erscheinenden Slaven oder Slovenen, die im Wortspiel manchmal zu »Sklaven« gemacht werden, dürften bereits in dem Urkodex A so genannt worden sein. Bei Jordanes heißen sie Sclaveni, im mlat. zur Zeit Karls des Sachsenschlächters Sclavi, ein Sprachgebrauch, der bis zum 16. Jahrhundert bestehen bleibt (vgl. Anm. S. 99).
- ↑ Italien.
- ↑ Humanistenetymologie.
- ↑ Phönizien.
- ↑ Marseille.
- ↑ Wir befinden uns demnach in der Zeit nach Cäsars Zug nach Britannien, 55 ⁄ 54 v. Chr.
- ↑ Über Kerenak vgl. S. 58 und Einleitung Anm. 54, S. 321.
- ↑ Die im Laufe der Zeit angenommenen Sonderstammesnamen.
- ↑ Es ist unsicher, welche See damit gemeint ist. Die Bezeichnung mare balticum (Baltisches Meer) wird zuerst von Adam von Bremen (gest. 1076) nach der von Plinius Balcia oder Baltia genannten Insel gebildet, deren Lage noch nicht bestimmt ist. Wilser vermutet, daß sie identisch mit Bornholm. Für Ostsee wird S. 45 »Astarse« gebraucht.
- ↑ Vgl. Anmerkung S. 48.
- ↑ Sejene = Seine.
- ↑ thjoth entspricht dem altdeutschen theoda = »Volk«, ahd. diot, asächs. thiod, thioda usw., mnl. diet usw.
- ↑ Tag und Nacht = 24 Stunden.
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