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1972 Geschichtsquelle

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Frans J. Los — Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle. Oostburg z.j. [1972]. 144 bl. 22 cm. Met 1 krt 1 ill.

Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle

von Frans J. Los


Verlag W.J. Pieters, Oostburg (Nd.)
Alleinvertrieb für Deutschland
Peter Wegener, D53 Bonn 1, Postfach 97

Vorwort

Einleitung

Kapitel I — Die Schriften Adelas und Apollonias

Kapitel II — Die Schriften Konered und Beden

Kapitel III — König Askar

[41] Bei dieser letzten Schrift der Ura Linda Sammlung fehlen der Anfang und das Ende. Sie fängt mitten in einem Satz an und endet ebenso mitten in einem Satz, sodaß ihr Autor unbekannt bleibt. In dem hier Folgenden wird unter wortgetreuer Wiedergabe der wichtigsten Stellen ihr Inhalt kurz zusammengefaßt.

„Deshalb will ich erst über den Schwarzen Adel schreiben. Schwarzer Adel war der vierte König nach Friso”. Als er vierundzwanzig Jahre alt war, sorgte sein Vater dafür, daß er zum Asega Askar[1] — offenbar einer Art Staatsanwalt — gewählt wurde. „Als er einmal Askar war, klagte er immer zum Vorteil der Armen”. So wurde er zum Freund der Armen und zum Schrecken der Reichen.

„Als sein Vater gestorben war, hat er dessen Sitz bestiegen, er wollte sein Amt dann ebensogut behalten, wie die Fürsten des Ostens es zu tun pflegten. Die Reichen wollten das nicht dulden, aber jetzt versammelte das andere Volk sich hautenweise, und die Reichen waren froh, mit heiler Haut aus der Versammlung zu kommen. Von da ab hörte man niemals mehr von Rechtsgleichheit sprechen”.

„König Askar, wie er immer genannt wurde, war beinahe sieben Fuß groB und so groß wie seine Gestalt waren auch seine Kräfte. Er hatte einen hellen Verstand, sodaß er alles, was gesprochen wurde, verstand, doch konnte man in seinen Handlungen keine Weisheit verspüren. Bei einem schönen Antlitz besaB er eine glatte Zunge, aber noch schwärzer als sein Haar, hat man seine Seele befunden”.

Im zweiten Jahr seiner Regierung führte er für alle Knaben militärische Ubungen ein. Er sagte, sie brauchten nicht mehr lesen und schreiben zu lernen. Auf einer Volksversammlung begründete er diese kulturfeindliche Haltung mit dem Hinweis auf die gefährliche Lage im Sûden, wie die Golen „zusammen mit anderen entarteten Brüdern und deren Soldaten schon über die Schelde gekommen” und unsere schönen Südlande geraubt haben. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als entweder ein Joch oder ein Schwert zu tragen. „Haben wir den Feind erst einmal vor uns hergetrieben, so müssen wir weitergehen, bis es keinen Golen noch Slawen noch Tartaren mehr auf [42] Fryas Erde gibt. (alhwenne ther nen gola ner slavona nach tartara mâra fon fryas erv to vrdryvane send)”.

Da die Reichen ihren Mund nicht zu öffnen wagten, fand die Anrede Askars „allgemeinen Beifall”. Auch hatte er sie gewiß vorher aufschreiben lassen, denn schon am Abend waren gleichlautende Abschriften in wohl zwanzig Händen.

Askar befiehlt dann den Schiffsbauern, die Kriegsschiffe mit doppelten Vorsteven, auf denen „Kranbogen” — vermutlich eine Art von drehbaren Katapulten — befestigt werden konnten, zu versehen. Dann greift er in einen Krieg ein, der im Norden Britanniens zwischen den in diesem Bergland herrschenden Golen und den sich gegen diese auflehenden Kelten (kältana folgâr)[2] ausgebrochen ist. Die Golen werden hier als phönizische Priester geschildert, die von den Römern allmählich aus ihren früheren Herrschaftsgebieten in Gallien und Britannien vertrieben worden waren und deren damaliges Oberhaupt seinen Sitz auf der steinernen Burg Kerenäk (auserkorene Ecke)[3] in Schottland eingerichtet hatte. Die keltischen Mägde wollten diese Burg, die in früheren Zeiten ihrer Ehrenmutter Kälta zubehört hatte, zurückhaben. Eine Ausweitung über die Geschichte Roms und der Mittelmeerländer lasse ich hier weg, da sie die Erzählung unnötig unterbrechen würde. Sie stellt wahrscheinlich eine humanistische Hinzufügung dar. Wichtig ist aber hier die Bemerkung, daß die friesischen Seeleute öfters nach Schottland fuhren, wo sie Wolle gegen aufgearbeitete Häute und Leinwand eintauschten. Auch Askar war oft dort gewesen. Er hatte heimlich mit den Mägden und einigen Fürsten Freundschaft geschlossen und ihnen versprochen, die Golen aus Kerenäk zu vertreiben.

Askar rüstet seine Männer mit eisernen Helmen und stählernen Bogen aus, fährt mit vierzig Schiffen nach Schottland und erobert mit Hilfe von in den Sachsenmarken geworbenen Truppen Kerenäk. Der oberste der Golen gerät hierbei mit seinem Goldschatz in seine Gewalt, und die Söldner bekommen ihren Anteil an der reichen Beute. Kurz hiernach besetzt er zwei Inseln, auf denen er Stützpunkre für seine Flotte errichtet, um von hier aus „phönizische” Schiffe und Städte zu überfallen. Begleitet von sechshundert der größten Burschen des schottischen Berglandes kehrt er heim nach Friesland. Aus ihnen bildet er eine Leibwache.

Die Denemarker (tha denemarkar), die sich mit Stolz Seekämpfer (sekämpar) nannten, wurden auf seine Erfolge so eifersüchtig, daß sie ihn bekämpfen wollten. — Die Burgmagd Reintja, die mit einigen [43] Mäg- den in den Ruinen der zerstörten Burg Stavia wohnt, bietet Askar ihre Hilfe an und stellt hierzu die Bedingung, daß der König den Wiederaufbau der Burg besorgen solle. Als Askar diese Bedingung annimmt, fährt Reintja mit drei Mägden nach Holstein (hals) und ruft überall das Volk zur Eintracht auf. Sie beruft sich hierbei auf eine ihr von Wralda zuteilgewordene Offenbarung. Es drohe Gefahr, so sagt sie, und „deshalb sollten alle Völker von Fryas Blut ihre Zunamen wegwerfen und sich allein Fryas Kinder” nennen, um zusammen Findas Volk von Fryas Boden zu vertreiben, anstatt Sklaven zu werden.

„Das dumme Volk, durch das Wirken der Magyaren schon an so viel Torheit gewohnt, glaubte alles, was sie sagte, und die Mütter drückten ihre Kinder an die Brust”.

Nachdem sie den König von Hals „und alle anderen Menschen” zur Eintracht bekehrt hat, fährt Reintja entlang der baltischen See zu den Litauern, bei denen sie aber offenbar weniger Erfolg hat. Von diesen wird nebenbei bemerkt, sie hätten ihre Frauen größtenteils von den „Tartaren”,[4] die zu Findas Geschlecht gehören, geraubt. — Reintjas Reise geht dann weiter durch Deutschland (twisklanda), und sie kehrt nach zwei Jahren den Rhein entlang zurück. Bemerkenswerterweise gibt sie sich hierbei den Deutschen (tha twisklanda[r]) gegenüber als Volksmutter aus und fordert das Volk auf, über den Rhein zu ziehen und die Anhänger der Golen aus Fryas Südlanden zu verjagen. „Täten sie das, dann würde ihr König Askar über die Schelde gehen und dort das Land erobern”.

* * *

„Bei den Deutschen haben sich viele tschudische[5] Gebräuche (félo tjoda plêga) von den Tartaren und Magyaren eingeschlichen, aber es sind auch viele unserer Sitten erhalten geblieben”, so fährt der Text fort: „Demzufolge haben sie auch noch Burgmägde, die die Kinder unterrichten und älteren Leuten Rat erteilen. Anfangs waren sie Reintja feindlich gesinnt, aber zuletzt folgten en dienten sie ihr, und sie wurde von ihnen gepriesen”.

Sobald Askar von den Boten Reintjas vernam, wie die Jüten (juttar) gesinnt waren, schickte er eine Gesandschaft zum König von Holstein mit dem Auftrag, für ihn um die Hand seiner Tochter Fretogunste zu werben. Als diese nach Verlauf eines Jahres in Staveren ankam, befand sich unter ihrem Gefolge ein ugrischer Priester (magy), „denn die Jüten waren seit langem verdorben”. Nachdem die Hochzeit gehalten war, baute man in Staveren eine Kirche (scherke) mit [44] fratzenhaften tschudischen Götzenbildern (tjoda drochtenlykanda byldon). Auch wurde behauptet, Askar beuge sich mit Fretogunste bei Nacht hiervor. Die Burg Stavia aber wurde nicht wieder aufgebaut.

Reintja beschwert sich hierüber bei Prontlik, der Volksmutter auf Texland, und diese läßt das Gerücht verbreiten, Askar habe sich dem Götzendienst hingegeben.

Askar verhält sich so, als ob er nichts hiervon bemerke, aber plötzlich erscheint eine Flotte aus Holstein, deren Besatzung die Mägde aus der Burg vertreibt und diese selbst in Brand setzt. Prontlik und Reintja, so schreibt der Verfasser, kamen zu mir und suchten Zuflucht, die sie dann auf unserer mitten im Krylwald, östlich von Ljudwerd (Leeuwarden) gelegenen Fluchtburg fanden. Sie nutzten dann den von Askar geförderten Gespensterglauben aus, um alle Neugierigen aus der Umgebung fernzuhalten. Askar ließ inzwischen seine „Zauberer” (magjara) umherziehen, „und außer in meinem Staate und in Groningen wehrte man ihnen nirgends”. Die Raubzüge, die Askar inzwischen zusammen mit Jüten und Denemarkern unternahm, hatten zur Folge, daß die jungen Männer nicht mehr auf dem Lande arbeiten oder ein Gewerbe lernen wollten, sodaß die Einfuhr von Sklaven notwendig wurde. „Das aber war ganz gegen Wraldas Wille und gegen Fryas Rat, deshalb konnte die Strafe nicht ausbleiben”. Man erbeutete eine reichbeladene aus dem Mittelmeer („Phönikien”) kommende Flotte, auf der aber eine Krankheit ausgebrochen war. Auf dem Flie wurde die Beute verteilt, zugleich aber auch die Strafe, denn überall, wohin Sklaven oder Güter kamen, kam auch das Bauchweh mit. Die Krankheit verbreitete sich über die Sachsenmarken, Jütland und Schonland und bis nach Britannien, und viele Tausende starben.

„Als die Pest auf immer gewichen war, kamen die freigewordenen Deutschen zum Rhein, aber Askar wollte mit den Fürsten dieses verdorbenen Volkes” nicht gleichgestellt werden. Er wollte nicht dulden, da diese sich Fryas Kinder nennen würden, wie Reintja ihnen angeboten hatte, aber dabei vergaß er, dak er selbst schwarze Haare hatte. Unter den Deutschen gab es zwei Völker, die sich nicht Deutsche nannten. Das eine Volk kam von fern im Südosten. Sie nannten sich Alamannen (allemanna). Das andere volk das mehr in der Nähe zog, nannte sich Franken (franka). Die Völker, die hieran grenzten, nannten sich Thioth-his Söhne (thjoth his suna), d.i. Volkssöhne. Sie waren freie Menschen geblieben, da sie niemals einen erblichen König oder Fürsten anerkennen wollten.

[45] „Askar hatte schon von Reintja erfahren, daß die deutschen Fürsten fast immer miteinander in Feindschaft und Fehde lebten. Jetzt schlug er ihnen vor, einen Herzog (hêrtoga) aus seinem Volke zu wählen. Auch sagte er, seine Fürsten seien imstande, mit den Golen zu sprechen. Das, so sagte er, sei auch die Meinung der Volksmutter. Die deutschen Fürsten kamen dann zusammen und wählten nach einundzwanzig Tagen Askars Neffen Alrik zum Herzog. Askar gab ihm 200 Schotten und 100 Sachsen als Leibwache mit. Die Fürsten aber mußten 21 ihrer Söhne als Geiseln nach Staveren schicken”.

„Bis dahin war alles gut gegangen, aber als man über den Rhein fahren wollte, mochte der König der Franken sich nicht Alriks Befehlen unterstellen. Dadurch geriet alles in Unordnung. Askar, der meinte, alles ging gut, landete mit seinen Schiften am anderen Ufer der Schelde, aber dort war man schon von seiner Ankunft unterrichtet und auf der Hut. Sie mußten ebenso schnell flüchten, wie sie gekommen waren, und Askar selbst geriet in Gefangenschaft. Die Golen wußten nicht, wen sie gefangen hatten, und so wurde er später gegen einen vornehmen Golen ausgetauscht, den sein Volk gefangen hatte.

Inzwischen liefen die Magyaren noch frecher in den Ländern unserer Nachbarn umher. Bei Egmond[6] (egmuda), wo die Burg Forana gestanden hat, ließen sie eine Kirche (cherka)[7] bauen, größer und reicher als die, welche Askar in Staveren hatte bauen lassen. Nachher sagten sie, Askar habe den Krieg gegen die Golen verloren, weil das Volk nicht glauben wolle, Wotan könne ihnen helfen, und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten. Ferner gingen sie hin und entführten junge Kinder, die sie bei sich behielten und in de Geheimlehren ihrer abscheulichen Kulte eindführten. Gab es Menschen, die......”

* * *

Abrupt endet hier diese auf den ersten Blick etwas wunderliche Geschichte, deren inneren Zusammenhang man aber bei einer näheren Betrachtung nicht bestreiten kann. Fragt man sich, in welchen Zeitabschnitt die hier geschilderten Ereignisse zu datieren sind, dann kann die Antwort nur lauten: Sie gehört in die Anfangsjahre des Merowingerreiches, als dies noch schwach und auf einen Teil Flanderns in der Umgebung von Doornik (Tournai), der Residenz der Könige Merowech (Merovius) und Childerich, beschränkt war. Hierauf deuten sowohl die Erwähnung von Alamannen und Franken, als auch der unterstellte Fortbestand einer römisch-gallischen Macht — in der Handschrift als Golen angedeutet — im heutigen Frankreich.

[46] Zu beachten sind hier ferner die vielen Punkte, in denen diese Geschichte an die im vorigen Kapitel behandelten Erzählungen Adelas und ihrer Nachfolger anknüpft, deren Fortsetzung sie darstellt.

Adela berichter den Verfall des alten Ingwäonenbundes durch die Eroberungen des Magy. Hier ist dieser Bund nicht mehr vorhanden. Denemarken und Holstein sind völlig selbständig, und das Gebiet der Friesen beschränkt sich auf das Land zwischen Weser und Schelde. — Adela zufolge wurde dem Volkskönig Ljudgert mißtraut, weil er im Verdacht stand, seine Macht ausbauen zu wollen. — Hier tritt ein König auf, dem es tatsächlich gelingt, in Erbfolge König zu werden und der anscheinend danach trachtet den früheren Ingwäonenbund zu erneuern.

Adela spricht vom Verlust des Landes südlich der Schelde an die Golen. — Askar versucht, diese Gebiete zurückzuerobern. Apollonia findet bei ihrer Rückkehr alle Burgen durch Uberschwemmung verwüstet mit Ausnahme der Burg auf Texel. Hier liegt tatsächlich die Burg Stavia in Trümmern, während die Burg Texel auf Anstiften Askars von den Holsteinern eingeäschert wird. Und während Frethorik von fratzenhaften ugrischen Götzenbildern berichtet, die man nach Ablauf der großen Uberschwemmung von 450 n. im wieder trockengewordenen Land gefunden habe (S.114 ff. des Originals), ist hier wiederum van Götzendienern und von im Lande umherziehenden Schamanen die Rede.

Ferner ist es wichtig hier zu bemerken, daß Reintja, als sie die frühere Einheit der ingwäonischen Völker wiederherstellen will, nicht nur überall die Menschen zur Eintracht ermahnt, sondern sie auch zu überreden versucht „Ihre Zunamen wegzuwerfen und sich allein Fryas Kinder zu nennen!”. Hier haben wir es mit einem Versuch zu tun, eine Benennung politisch wirksam zu machen, die damals wahrscheinlich die ganze germanische Völkergruppe oder sogar die gesamten nordischen Völker umfaßte. — Hierauf kommen wir noch am Anfang von Kapitel VI zurück. Als Volksname ist diese Bezeichnung aber wohl nie in Gebrauch gekommen und vermutlich ist sie bald verschwunden.

Mit Absicht sind aus obenstehender Zusammenfassung die meist unsinnigen Namenserklärungen weggelassen worden. Sie stammen zweifellos von humanistischen — zum Teil auch von mittelalterlichen — Abschreibern, die den Text bereichern, oder auch, wie man annehmen darf, ihn durch Anwendung zeitgemäßerer Ausdrücke und Einfügung von Namen, die ihren Zeitgenossen geläufig, aber früheren Generationen unbekannt gewesen waren, modernisieren wollten. So sind die [47] Namen Tartaren und Tschuden zweifellos der Feder Hiddo ura Lindas entflossen.

Tataren war ursprünglich der Name eines mongolischen Volksstammes in der Nähe des Baikalsees, der aber später von arabischen und persischen Schriftstellern für die Mongolen allgemein angewandt wurde.[8]

Da sich unter den Horden Dschingis-Khans und seiner Nachfolger, die Ost-und Mittel-Europa Anfang des 13. Jahrhunderts überrannten, viele Türken befanden, ging dieser Name allmählig auf die in Rußland und Sibirien ansässigen Türkvölker über, und bekanntlich spricht man im erstgenannten Land noch immer von der „Tatarenherrschaft”. Einem Wortspiel des französischen Königs Ludwig IX., des Heiligen — 1226 bis 1270 —, der diesen Namen von Tartaros ableiten wollte, ist die Umbildung von Tataren in Tartaren zuzuschreben. Damit wollte er dieses Volk als der Unterwelt entstiegen bezeichnen.[9]

Es war für Hiddo, der in einer Zeit lebte, in der man auch in Westeuropa vor den Horden Batus, des Enkels von Temudschin, die sogar auf der Walstatt bei Liegnitz 1241 siegreich gewesen waren, zitterte, als er 1256 der Handschrift abschrieb, verlockend, diesen damals gefürchteten Namen in seiner Abschrift zu verwenden. — Freilich dürften die Tataren auch den Humanisten des 16. Jahrhunderts bekannt gewesen sein, aber dann nur als ein weitab wohnendes und ziemlich unbekanntes Volk im westlichen Asien. Dieses Volk mit der alten Geschichte Frieslands in Verbindung zu bringen, wird ihnen wohl nie in den Sinn gekommen sein.

Mit den Tschuden hat es eine ähnliche Bewandtnis. Mit diesem Namen bezeichnet man bekanntlich in Rußland die finno-ugrischen Völker des Nordens in ihrer Gesamtheit. Im 13. Jahrhundert ist dieser Name höchstwahrscheinlich in Westeuropa bekannt gewesen, da rege Handelsbeziehungen mit Nowgorod bestanden; dagegen bestehen keinerlei Gründe dafür, daß den Humanisten des 16. Jahrhunderts diese Bezeichnung bekannt war.

Es ist auch sehr fraglich, ob der Name der Litauer bereits im 5. Jahrhundert in Westeuropa bekannt war; in der Zeit Hiddos kannte man ihn ohne Zweifel. Ferner weckt auch der Name Twiskland, der in den Handschriften wiederholt für Deutschland gebraucht wird, Bedenken. Dr. Willy Krogmann, der die ganze Sammlung als eine Fälschung aus dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts betrachtet, schreibt darüber:[10] „In dieser Zeit nämlich wurde der in der [48] Sammlung gebrauchte, falsch erschlossene Name Twiskland für Deutschland verwendet”.

Die Namen „deutsch” und „Deutschland” waren im 5. Jahrh. ohne Zweifel unbekannt. Felix Dahn schreibt hierzu:[11] „Der Name deutsch ist erst um die Wende des 9. und 10. Jahrhs. entstanden. Er ward vorerst von der Sprache gebraucht; Thiod heißt Volk, „theotisce” heit volksmäßig im Gegensatz zu der Gelehrtensprache, dem Latein. Da nun die mehr und mehr romanisierten Neustrier, die späteren Franzosen, mehr und mehr das Vulgär-Latein der gallischen Provinzialen annahmen, die Austrasier aber, die Ostleute, d.h. alle Stämme auf dem rechten Rheinufer und die Lothringer und Alamannen auf dem linken, die germanische Volkssprache beibehielten, nannte man sie die volksmäßig sprechenden „theotisce loquentes”, dann die Theotiscos, Deutischen, die Deutschen”.

Wenig hiervon verschieden ist die Auffassung von Prof. Ed. Heyck, der in seinem Werk über die Deutsche Geschichte schreibt: „Aus den Jahren 786 und 788 liegen in lateinischen Texten die ersten literarischen Spuren vor, daß man den Ausdruck theodisca lingua anwendet: „deutsche” Sprache.

Damit verband sich freilich nur die Absicht, das volksmäßige Idiom, in diesem Falle der Franken, vom Latein zu unterscheiden. Theodisk bedeutet wörtlich: völkisch. Es wurde aber der Ausgangspunkt, daß man nach einer Reihe von Jahrhunderten, im zwölften, mit nationaler Absicht von Deutschen und von Deutschland zu sprechen begann”.[12]

Einen Unterschied zwischen deutschen und nichtdeutschen Stämmen konnte man also im 5. Jahrhundert nicht machen, da man den Begriff „deutsch” damals noch nicht kannte. Es bestanden nur die großen germanischen Völkerschaften der Franken, Alamannen, Friesen, Sachsen u.a., die mehr oder weniger verwandte Dialekte sprachen. — Wenn die Handschrift von „freigewordenen Deutschen” spricht, ist vermutlich an die Befreiung von der Hunnenherrschaft zu denken. Weiterhin werden aber unter „freien Menschen” Stämme verstanden, bei denen sich keine erbliche Königswürde hatte entwickeln können. — Vom friesischen Standpunkt aus gesehen ist es natürlich richtig, wenn die Handschrift die Alamannen aus dem (fernen) Südosten kommen läßt, da dieses Volk schon um das Jahr 250, nach Durchbrechung des Limes, das Neckargebiet besetzt hatte und sich von da aus während der Völkerwanderungszeit über die Lande des Oberrheins ausbreitete. Unrichtig ist es aber, wenn die Handschrift das Bauernvolk der Franken [49] umherziehen läßt, als wäre es eine Art Nomaden. Zudem macht sie Thiod (thioth) zum Personennamen.

All diese Fehler und Unklarheiten sind zweifellos späteren Abschreibern, die die Handschrift in die Sprache ihrer eigenen Zeit übersetzen und sie dadurch verdeutlichen, aber auch in ihrem eigenen Sinne „berichtigen” wollten, zuzuschreiben. Dabei ist es unmöglich zu ermitteln, welche Ausdrücke ursprünglich in den Handschriften standen. Zweifellos besaßen die Abschreiber oft auch ein mangelhaftes geschichtliches Wissen. Verrät schon die von uns fortgelassene Übersicht der Alten Geschichte eine nur sehr oberflächliche historische Kenntnis, so ist die phönizische Flotte, die hier Askar erbeutet haben soll, ein grober Anachronismus.

Hervorzuheben ist noch: Askars Angriff auf die Golen, d.i. Rest-Gallien, soll mißgelungen sein, „weil das Volk nicht glauben wollte, Wotan könne ihnen helfen und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten”. Dies ist die einzige Stelle in der ganzen Sammlung, wo der Name Wotan genannt wird, abgesehen von einer Stelle, wo versucht wird, diesen Götternamen aus dem eines nach seinem Tode vergötterten Helden abzuleiten. Letztere Stelle kommt im übernächsten Kapitel zur Sprache.

Mann kommt zu dem Eindruck, ein späterer Bearbeiter habe den Namen Wotans — und vielleicht auch die Namen anderer Götter — überall in der Sammlung ausgemerzt, um den germanischen Götterglauben durch den „Wralda-Glauben” zu ersetzen. Er mag dabei diese eine Stelle übersehen haben, wodurch uns der Beweis erhalten geblieben ist, daß Wotan bis ins 5. Jahrhundert von den Friesen verehrt wurde.

Ob die in Friesland und anderen westgermanischen Ländern zurückgebliebenen finnischen (tschudischen) Schamanen wirklich Götzenbilder zur Anbetung aufgestellt haben, ist unsicher. Wohl ist zu vermuten, daß die düstere Magie dieser ekstatischen Zauberpriester, in dieser Schrift Magyaren genannt, nicht ganz ohne Auswirkung auf die einheimische Bevölkerung geblieben ist.

* * *

Wenden wir uns nun der Frage zu, ob und wie weit in dem von späteten Zutaten gereinigten Text ein Wahrheitskern enthalten bleibt, so können wir sagen, daß der Inhalt der ganzen Erzählung nirgends gegen bekannte historische Tatsachen verstößt: anderseits ist aber von der damaligen Geschichte Nordwest-Europas sehr wenig mit Sicherheit bekannt.

[50] Die Notwendigkeit einer Stärkung der Königsmacht in Friesland war bereits in der Hunnenzeit offensichtlich geworden. Der Adel, der sich einer Änderung der bestehenden Verhältnisse widersetzte, war infolge seiner inneren Zerwürfnisse nicht mehr imstande, eine starke und zielsichere Leitung zu geben. Das zeitweise Fehlen einer Volksmutter vergrößerte die Anarchie, und so verlor das Land auf kurze Zeit seine heiß geliebte Freiheit. So ist es nicht verwunderlich, daß nach Zerfall der Fremdherrschaft es einem tatkräftigen und rücksichtslosen Mann wie Askar, der sich auf die Masse des Volkes stützte, gelang, Ordnung zu schaffen, und das Wahlkönigtum in eine erbliche Monarchie umzuwandeln.

Die Einmischung König Askars in den schottischen Bürgerkrieg kann uns ebensowenig befremden, wie auch die folgenden Raubzüge. Britannien war den Friesen zweifellos wohl bekannt, an seiner Eroberung und Kolonisation durch die Angeln und Sachsen waren sie mitbeteiligt gewesen, und sächsische Seeräuber hatten schon in einer früheren Zeit die Küsten des Ärmelkanals und der Nordsee beunruhigt. — Ganz neu ist hier aber die Erwähnung der Druiden unter dem Namen Golen (=Gallier), die hier als eine aus Phönizien herkömmliche Priesterschaft beschrieben werden.

Lassen wir das schwierige Problem ihrer Herkunft und Verbreitung vorerst beiseite, dann können wir den Handschriften entnehmen, daß diese Priesterhierarchie nach der Eroberung de Insel Anglesea (Mona) durch den römischen Feldhern Agricola[13] im Jahre 77 nach d. Ztw. ihren Hauptsitz in das unzugängliche schottische Bergland verlegt hatte. Dort machte König Askar ihrer Herrschaft ein Ende.

In der Folgezeit scheint Askar, nachdem er durch Anwerbung einer schottischen Leibwache seine Stellung abgesichert hatte, danach gestrebt zu haben, durch Erwerbung der Freundschaft der Jüten, Dänen und Sachsen den alten Ingwäonenbund zu erneuern. Als Endziel mag ihm hierbei die Vertreibung der noch in Deutschland verbliebenen Finnen und Magyaren vor Augen gestanden haben. Aber noch während der Rundreise Reintjas ändert er seine Absicht und wendet sich gegen den Süden.

Auf welches Jahr ist nun aber der mislungene Angriff auf die Golen, worunter hier wohl die unter der Herrschaft des Syagrius (477-486) verbliebenen Gallo-Romanen zu verstehen sind, anzusetzen?

Im Jahre 486 bereitete der Frankenkönig Chlodwig (481-511) durch seinen Sieg bei Soissons der Herrschaft des Syagrius ein Ende. [51] Da Askar bei seinem misglückten Vorstoß über die Schelde von den Golen gefangengenommen und nachher von ihnen ausgetauscht wurde, muß dieses Ereignis bereits früher stattgefunden haben, denn Macht und Reich der Golen waren durch die Schlacht bei Soissons völlig vernichtet. Es bleibt die kurze Zeit der Herrschaft des Syagrius vor 486, als Chlodwig, der Frankenkönig, 481 erst 15 jährig, als ein unbedeutender Gaukönig in Doornik (Tournai) den Thron seiner salischen Vorfahren bestieg. — In diesen Jahren ist das Zustandekommen eines Bündnisses germanischer Gaufürsten der Franken, Sachsen und vielleicht auch der Alamannen unter Führung Askars und seines Neffen Alrik durchaus denkbar.

Wenn erzählt wird, das Unternehmen sei durch die Weigerung des Königs der Franken, beim Ubergang über den Rhein sich dem Oberfehl Alriks zu unterstellen, mißlungen, so ist hier vermutlich an einen der fränkischen Gaukönige zu denken, und zweifellos werden die Franken dieses ruhmlos verlaufene Unternehmen später nach Möglichkeit verdunkelt haben.

Es bleibt dann noch die Frage, welche Gebiete im Süden der Schelde Askar von den Golen zurückerobern wollte.

Wahrscheinlich ist hierbei an den von Sachsen bewohnten flandrischen Küstenstreifen zu denken, der in früherer Zeit — vor 409 — zum Ingwäonen-Bund gehört haben dürfte. (Verg. das Ende der Schluszbetrachtung).

Wie dem auch sei, an innerer Logik läßt auch die Geschichte König Askars nichts zu wünschen übrig. Daß sie keine Erfindung aus der Zeit der Enzyklopädisten sein kann, erhellt aus ihrem Inhalt. Hätte ein Gelehrter aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts diese Geschichte erfunden, so würde er bestimmt, statt eines Königs der — sich stützend auf das niedere Volk — den Adel erniedrigte und tyrannisierte, einen Monarchen gezeichnet haben, der — im Bündnis mit dem Adel — das Volk unterdrückte und aussog. Denn so war es im damaligen Frankreich, wenigstens nach der Ansicht dieser Autoren. Und ebensowenig hätte ein damaliger Gelehrter in der Geschichte von Adela den Zerfall und das Versagen einer Demokratie — für ihn die einzig richtige und legale Staatsform — gegenüber einer ausländischen und autokratischen Gewaltherrschaft zugeben wollen.

Kapitel IV — Kultur und Seefahrt der Atlanter

Kapitel V — Altlant und sein Untergang

Kapitel VI — Die ältesten Berichte (1193-650 vor d. Ztr.)

Kapitel VII — Die Geschichten von Kälta, Minerva und Jon

Kapitel VIII — Die Geertmänner

Schlußbetrachtung

Anmerkungen und verweisungen

Beilage I

Beilage II

Noten

  1. Asega oder Asinga ist der altfriesische Namen der rechtskundigen Adligen, denen die Leitung der Volksversammlungen oblag und die bei anderen germanischen Volkern den Titel Eward oder Gode hatten. Die Benennung Askar ist — soweit mir bekannt ist — nicht aus anderen Quellen belegt.
  2. Schwierig zu übersetzen. Ottema übersetzt „Kältana Anhänger” (eigentlich: Keltana volgers). Nach dem Text muß es einfach heissen „Kelten”.
  3. Übersetzung von Ottema.
  4. Die wunderlichen im Text gegebenen Ableitungen der Volksnamen sind hier weggelassen. Die „Lithauer” seien — so heißt es — so genannt wegen ihrer Gewohnheit, ihren Feinden ins Gesicht zu hauen!
  5. Ich folge hier der Übersetzung von Prof. Wirth und nicht der von Öttema, der von „üblen Gebräuchen” spricht.
  6. Jetzt ein Dorf an der Nordseeküste westlich von Alkmaar.
  7. Das Wort Kirche (cherka = fries. tsjerk, niederl. kerk, engl. church) wird hier für Tempel gebraucht: es ist also altgermanisch.
  8. Vergl. H. Vámbéry: „Der Ursprung der Magyaren”, Leipzig 1882, S. 436.
  9. Quellen für diese Behauptung in Meyers Konv. Lex. LV. Auflage, Leipzig 1890, Art. Tataren.
  10. Vergl. Krogmann, Dr. Willy: „Ahnenerbe oder Fälschung”, Berlin 1934, S.24.
  11. Vergl. Felix Dahn, o.c. Bd. I, S.40-50.
  12. Prof. Dr. Ed. Heyck: „Deutsche Geschichte”, Bd.1. S.110.
  13. Vergl. Tacitus: „Agricola” 18 und „Annalen” XV. 29.