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DE093.18 Giftpfeil

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R. Apollania

2. Schriften Brunnos

Giftpfeil tötet Adela

93.18

Wirth 1933

[/83] Die andere Schrift

Fünfzehn Monate nach der letzten Acht war Freundschafts- oder Winnemonat. Ein jeder gab sich der lustigen Freudigkeit hin, und niemand hatte andere Sorge, als sein Vergnügen zu mehren. Doch Wralda wollte uns zeigen, daß Wachsamkeit nicht vernachlässigt werden darf. Inmitten des Festefeierns kam der Nebel und hüllte unsere Orte in dichte Dunkelheit ein. Das Vergnügen floh dahin, aber die Wachsamkeit wollte nicht zurückkehren. Die Strandwächter waren von ihren Notfeuern weggelaufen, und auf den Zugangspfaden war niemand zu sehen. Als der Nebel hinwegzog, drang die Sonne durch die Wolkenspalten auf die Erde. Ein jeder kam zurück, um zu jauchzen und zu johlen: das junge Volk zog singend mit dem Maienbaum umher, und dieser erfüllte die Luft mit seinem lieblichen Geruch.

Aber dieweilen sich ein jeder in Vergnügen badete, war Verrat gelandet mit Rossen und Reutern. Gleich allen Bösen, wurde ihnen von der Finsternis geholfen, und sie waren hereingeschlüpft durch die Pfade des Lindenwaldes. Vor Adelas Türe zogen zwölf [84] Mädchen mit zwölf Lämmern und zwölf Knaben mit zwölf Kälbern[1]; ein junger Saxmann beritt einen wilden Bullen, den er selber gefangen und gezähmt hatte. Mit allerhand Blumen waren sie geziert, und die leinenen Obergewänder der Mädchen waren umbordet mit Gold aus dem Rhein[2].

Als Adela von ihrem Hause auf den Weg kam, fiel ein Blumenregen auf ihr Haupt nieder; alles jauchzte laut, und die Tuthörner der Knaben gellten über alles hinaus. Arme Adela, armes Volk, wie kurz sollte die Freude hier weilen. Als die lange Schar den Blicken entschwunden war, kam eine Horde Magjaren-Reuter schnurgerade auf Adelas Hiem losgerannt. Ihr Vater und ihr Gatte saßen auf der Stufenbank. Die Türe stand offen, und drinnen stand Adelbrost, ihr Sohn. Als er sah, in welcher Gefahr seine Eltern waren, griff er seinen Bogen von der Wand und schoß nach dem vordersten der Räuber. Dieser wankte und taumelte nieder ins Gras. Dem zweiten und dem dritten war ein gleiches Los beschert. Inzwischen hatten seine Eltern ihre Waffen ergriffen und zogen unbesorgt ihnen entgegen. Sie wären bald von den Räubern gefangen worden, aber da kam Adela. Auf der Burg hatte sie gelernt, alle Waffen zu führen; sieben Erdfüße war sie lang, und ihr Schwert gleich lang[3]. Dreimal schwang sie es, und als es niederkam war ein Reuter grasfällig.

Gefolgsleute kamen um die Ecke des Feldweges heran. Die Räuber wurden gefällt oder gefangen. Doch zu spät. Ein Pfeil hatte ihren Busen getroffen. Verräterischer Magy. In Gift war seine Spitze getaucht, und darob ist sie gestorben.

Fußnoten

  1. hoklinga = einjährige Kälber.
  2. Das tohneka genannte Obergewand möchte Ottema nicht von dem lateinischen tunica ableiten, sondern als Zusammenstellung von to = »zu« und hnekka = »Nacken, Hals« betrachten, also »ein bis zum Hals reichendes Gewand«.
  3. Mittelalterliche Herkunft dürfte die Bezeichnung der »Reuter« als »Ritter«, sowie das Zweihänderschwert der Adela und die sagenhaft anmutenden Maße ihrer Gestalt sein.

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