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DE033.22 Minerva

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F. Schriften Minnos

2. Minerva

33.22

Wirth 1933

[62] Aus Minnos Schriften

Als Nyhellenia, die mit ihrem eigenen Namen Min-erva hieß, sich richtig niedergelassen hatte und die Krekaländer sie beinah ebenso liebten als unser eigenes Volk, kamen da einige Fürsten und Priester auf ihre Burg und fragten Min-erva, wo ihr Erbe läge. Hellenia antwortete: »Mein Erbe[1] trage ich in meinem Busen. Was ich geerbt habe, ist Liebe zur Weisheit, Gerechtigkeit und Freiheit. Habe ich die verloren, so bin ich dem geringsten eurer Sklaven gleich. Nun gebe ich Rat ohne Entgelt, aber dann würde ich ihn verkaufen.« Die Herren gingen fort und riefen lachend: »Eure gehorsamen Diener, weise Hellenia.« Doch damit verfehlten sie ihr Ziel: denn das Volk, das sie lieb hatte und ihr folgte, nahm diesen Namen als einen Ehrennamen auf. Als sie sahen, daß ihr Schuß gefehlt hatte, da gingen sie hin, verleumdeten sie und sagten, daß sie das Volk behext hätte. Aber unser Volk und die guten Krekaländer zeugten alleweg, daß dies Laster wäre.

Einst kamen sie und fragten: »Wenn du keine Hexe bist, was tust du dann mit den Eiern, die du immer bei dir hast?« Minerva antwortete: »Diese Eier sind das Sinnbild der Ratgebungen Fryas, worin unsere Zukunft und die des ganzen Menschengeschlechts verhohlen liegt. Die Zeit muß sie ausbrüten, und wir müssen wachen, daß denen kein Leid widerfährt.« Die Priester erwiderten: »Gut gesagt. Aber wozu dient der Hund an deiner rechten Hand?« Hellenia antwortete: »Hat der Hirte keinen Schäferhund, um seine Herde zusammenzuhalten? Was der Hund ist im Dienst des Schafhirten, bin ich in Fryas Dienst. Ich muß [63] über Fryas herde wachen.« »Das deucht uns gut«, sagten die Priester, »aber sag uns, was ist die Bedeutung der Nachteule, die immer über deinem Haupte ist? Ist das lichtscheue Tier etwa das Zeichen deines Hellsehens?« »Nein«, antwortete Hellenia, »es hilft mir erinnern, daß da ein Schlag Menschen auf der Erde umhergeht, daß wie sie in Tempeln und Höhlen haust, dort im Dunkeln wühlt, doch nicht wie sie, um uns von Mäusen und anderen Plagen zu erlösen, doch um Ränke zu ersinnen, andere Menschen ihres Wissens zu berauben, damit sie sie besser fassen mögen, um sie zu Sklaven zu machen und ihr Blut auszusaugen, so wie es die Vampire tun.«

Einst kamen sie mit einer Bande Volks. Pest war über das Land gekommen. Sie sagten: »Wir alle sind im Begriffe, den Göttern zu opfern, damit sie die Pest abwehren mögen. Willst du denn nicht mithelfen, ihren Grimm zu stillen, oder hast du selber mit deinen Künsten die Pest über das Land gebracht? « »Nein«, sagte Minerva, »aber ich kenne keine Götter, die Arges tun: darum kann ich sie nicht bitten, ob sie besser werden wollen. Ich kenne nur einen Guten, das ist Wraldas Geist. Aber dadurch, daß er gut ist, tut er kein Übeles.« »Woher kommt dann das Übel?« fragten die Priester. »Alles Übel kommt von euch und von der Dummheit der Menschen, die sich von euch fangen lassen.« »Wenn deine Gottheit dann so besonders gut ist, warum wehrt sie dann dem Übel nicht?« fragten die Priester. Hellenia antwortete: »Frya hat uns auf den Weg gebracht, und der Kroder, das ist die Zeit, der muß das Übrige tun. Für alle Mißwende ist Rat und Hilfe zu finden. Doch Wralda will, daß wir diese selber suchen sollen, auf daß wir stark werden und weise. Wollen wir nicht, dann läßt er unsere Trollheit austrollen[2], auf daß wir erfahren sollen, was nach weisen Taten und was nach törichten Taten folget.«

Da sagte ein Fürst: »Ich würde wähnen, daß es besser wäre, diesen zu wehren. « »Wohl möglich«, antwortete hellenia, »dann würden die Menschen bleiben gleich den zahmen Schafen; du und die Priester würden sie hüten wollen, aber auch scheren und zur Schlachtbank führen. Doch also will es unsere Gottheit nicht. Sie will, daß wir einander helfen, aber sie will auch, daß jedweder frei sei und weise werde. Und das ist auch unser Wille. Und [64] darum kürt unser Volk seine Fürnehmsten, Grafen, Ratgeber und alle Herren und Meister aus den Weisesten der guten Menschen, auf daß allmählich sein Bestes tun solle, um weise und gut zu werden. Indem wir also tun, werden wir einmal wissen und das Volk lehren, daß weise sein und weise tun allein führt zur Seligkeit (Glück).« »Das scheint ein Urteil«, sagten die Priester, »aber wenn du meinst, daß Pest durch unsere Dummheit kommt, würde Nyhellenia dann wohl so gut sein wollen, uns etwas von dem neuen Licht zu verleihen, auf das sie so stolz ist?« »Ja«, sagte Hellenia, »die Raben und andere Vögel fallen auf faules Aas ein, aber die Pest liebt nicht allein faules Aas, sondern auch faulende Sitten und deren Bande. Willst du nun, daß die Pest von euch weichen und nicht wiederkommen soll, so mußt du dich von diesen Banden frei machen, auf daß ihr alle rein werdet von innen und von außen.« »Wir wollen glauben, daß dein Rat gut ist«, sagten die Priester, »aber sage uns, wie sollen wir alle Menschen, die unter unserer Gewalt sind, dazu bringen?« Da stand Hellenia auf von ihrem Sessel und sprach: »Die Spatzen folgen dem Säer, die Völker den guten Fürsten. Darum geziemet es euch, damit zu beginnen, euch selber also rein zu machen, daß ihr eure Blicke nach innen und außen richten möget, ohne Schamrot vor eurem eigenen Gemüt zu werden. Aber anstatt das Volk rein zu machen, habt ihr schmutzige Feste erfunden, auf denen das Volk also lange säuft, daß es zuletzt wie die Barchen in dem Schlamm wühlt, damit ihr euren schmutzigen Gelüsten fröhnen möget.«

Das Volk begann zu johlen und zu spotten. Dadurch wagten sie nicht, den Streit weiterzuspinnen. Nun sollte jeder wähnen, daß sie überall das Volk zu Hauf gerufen hätten, um uns allesamt aus dem Lande auszutreiben. Nein, anstatt sie zu beschuldigen, gingen sie alle weg, auch zu den nahen Krekalanden bis zu den Alpen, um zu künden, daß der oberste Gott geruht hätte, seine weise Tochter Minerva, zugenannt Nyhellenia, unter die Menschen zu senden, über das Meer mit einer Wolke, um den Menschen guten Rat zu geben und damit allmänniglich, der auf sie hören wolle, reich und glücklich und einst Herr über alle Königreiche der Erde werden solle. Ihr Bildwerk stellten sie auf ihre Altäre oder verkauften es den dummen Menschen; sie verkündeten [65] alleweg Ratschläge, welche sie nimmer erteilt hatte, und erzählten Wunder, die sie nimmer getan hatte. Durch List wußten sie sich unserer Gesetze und unserer Satzungen zu bemächtigen, und durch falsche Auslegungen wußten sie alles zu weisen und umzudeuten. Sie stellten auch Maiden unter ihre Hut, die scheinbar unter der Hut von Festa, unserer ersten Mutter waren, um über das heilige Licht zu wachen. Aber das Licht hatten sie selber entzündet, und anstatt die Maiden weise zu machen und nachdem unter das Volk zu senden, um die Siechen zu pflegen und die Kinder zu lehren, machten sie sie dumm und im Lichte dunkel, und sie durften niemals herauskommen. Auch wurden sie als Ratgeberinnen verwendet. Aber dieser Rat war nur zum Schein aus ihrem Munde: denn ihr Mund war nichts anderes als der Rufer, durch den die Priester ihre Begehrnisse kundmachten.

Als Nyhellenia verschieden war, wollten wir eine andere Mutter kiesen. Einige wollten nach Texland, um dort eine zu erbitten. Aber die Priester, die bei dem Volke die Gewalt wieder innehatten, wollten das nicht zugeben und machten uns bei dem Volke als unheilig kund.

Fußnoten

  1. »mina erva«, die Mehrzahl, steht in der Handschrift, also »meine Erben, Erbgüter«. Friesische Humanistenetymologie.
  2. Unsere Torheit ausrasen.

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