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1972 Geschichtsquelle: Difference between revisions

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Inhaltsverzeichnis
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=== Beilage I — Inhaltsverzeichnis des altfriesischen Originals ===
=== Beilage I — Inhaltsverzeichnis des altfriesischen Originals ===
[139-142]
[S.139-142] Die Seitenangaben beziehen sich auf das altfriesische Original. Die ''zwischen Klammern'' angeführten Angaben kommen darin ''nicht'' vor; sie sind zur Ergänzung hier zugefügt.
 
Die historischen Erzählungen sind mit einem + bezeichnet und deren historische Jahreszahlen angegeben.
 
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|S.1-87|| ||''Das Buch der Anhänger Adelas'' (Thet bok thera Adela folstar). Verfaßt um 442 uns. Ztr.
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|1-5||+||(Bericht über Adelas Auftreten in einer Volksversammlung 441 n.)
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|6||+||Dies ist unsere früheste Geschichte. (Zeigt Spuren einer Bearbeitung am Ende des 18. Jahrhunderts.)
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|11|| ||Fryas Text (Text = Gesetz).
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|14|| ||Dieses hat Fästa gesagt.
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|15|| ||Dies sind die Gesetze, die zu den Burgen gehören.
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|19|| ||Allgemeine Gesetze.
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|21|| ||Hier folgen die Gesetze, die daraus zusammengesetzt sind.
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|23|| ||Hier sind die Rechte der Mutter und der Könige.
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|25|| ||Hier sind die Rechte aller Fryas, um sicher zu sein.
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|26|| ||Aus den Schriften Minos.
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|27|| ||Gesetze für die Steuerleute (Steuermann — ''stjurar'' — ist der Ehrenname für die Hochseefahrer).
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|29|| ||(I) Nützliche Sachen aus den von Mino hinterlassenen Schriften.
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|33|| ||(II) Aus Minos Schriften.
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|39||+||(III) Aus Minos Schriften. (Etwa 620 vor der Ztr.)
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|40|| ||Hierunter sind drei Grundsätze: danach sind diese Satzungen gemacht. (Zeigt Spuren einer Bearbeitung am Ende des 18. Jahrhunderts).
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|42|| ||Diese Bestimmungen sind für zornige Menschen gemacht.
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|43|| ||Diese sind die Bestimmungen für „Horninge” (Verbrecher, die sich durch ihre Missetaten aus der Gemeinschaft der Fryas ausschließen).
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|45|| ||Was hierunter steht ist an den Wänden der Waraburg geschrieben (betrifft die Erfindung der Schrift und der Ziffern).
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|47||+||Dies steht auf allen Burgen geschrieben (Beschreibung von Atland). (Vor 1193 vor der Zrt.)
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|49||+||Wie die arge Zeit kam. (Der Untergang von Atland.) (1193 v.d. Ztr.)
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|50|| ||Dieses steht auf der Waraburg bei Aldegamude geschrieben.
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|50||+||So ist die Geschichte. (Erzählung über Wodin) (1092 v.?).
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|56||+||Dies alles steht nicht nur auf der Waraburg, sondern auch auf der Burg Stavia, die hinter dem Hafen von Stavre liegt. (Die Geschichte von Tünis und Inka) (1000 v.).
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|60||+||Was daraus geworden ist. (Der Verkauf von Misselja) (Nach 1000 v.).
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|61||+||Jetzt wollen wir schreiben über den Krieg der Burgmägde Kälta und Minerva und wie wir dadurch alle unsere südlichen Länder und Britannien an die Golen verloren haben (630 v.).
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|65||+||Hierzu kommt die Geschichte von Jon (630 v.).
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|68||+||Jetzt wollen wir schreiben, wie es Jon ergangen ist. Das steht in Texland geschrieben (620 v.).
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|72||+||Dieses ist über die Geertmänner (ungefähr 600 bis 550 v.).
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|75||+||Im Jahre 1005 nachdem Atland versunken ist, ist dieses auf der Ostwand von Fryasburg geschrieben. (Die Geschichte von Ulysses und ein Bericht über Kekrops) (1188? und um 600 v.).
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|79||+||Dieses steht auf all unseren Burgen (Tod der Volksmutter Frana) (409 bis 411 u. Zr.)
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|85||+||Wie es dem Magy weiter ergangen ist (nach 411 u. Zer.)
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|87-113|| +||''Die Schriften von Adelbrost und Apollonia.'' (Tha skrifta fon Adelbrost änd Apollonia.) (Verfaßt ab 445 n. Bericht über den Landtag in Groningen, den Tod von Adelbrost und die Errichtung der Lindasburg) (412-444 n.).
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|91||+||Dies sind die hinterlassenen Schriften van Bruno, der Schreiber auf dieser Burg gewesen ist. (Die vereitelte Wahl Tüntjas zur Volksmutter) (443 n.).
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|93||+||Die zweite Schrift (Tod der Adela) (444 n.).
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|95||+||Das Lob der Burgfrau (Von Bruno verfaßt) (445 n.?).
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|98|| ||Älteste Lehre.
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|100|| ||Der zweite Teil der ältesten Lehre.
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|103|| ||Dieses steht auf Schreibfilz geschrieben. Sprache und Antworten anderen Mägden zum Vorbild.
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|106||+||Jetzt will ich selber schreiben zuerst von meiner Burg und dann von dem, was ich habe sehen dürfen. (Sie beschreibt hier ihre Reise den Rhein entlang zum Lande der Marsaten) (445 n). (Auch die Seiten 114, 115 und 116, der größte Teil von 117 und die letzten Zeilen von 118 sind von Apollonia).
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|113||+||''Die Schriften von Frethorik und Wiljo.'' (Tha skrifta fon Frêthorik ánd Wiljo) (verfaßt um 303 vor).
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|117||+||(Die Wahl von Gosa Makonta als Volksmutter) (305 v.).
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|119||+||Jetzt will ich schreiben, wie die Geertmänner und viele Anhänger von Helenia zurückkamen (303 v.).
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|130||+||Diese Schrift ist mir über Nordland oder Schonland gegeben (teils 1193 v. andernteils 450 n.).
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|131|| ||Heil! (Eine Charakteristik der Griechen und Jonier).
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|133|| ||(Wiljo stellt sich vor nach dem Tode Frethoriks, etwa 270 v.).
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|134|| ||Allen echten Fryas heil! (Eine von Haß gegen Priester und Fürsten erfüllte Betrachtung über das Schicksal der slawischen Völker. Ende des 18. Jahrhunderts).
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|136|| ||(Erzählung über die Geburt von Jesus oder Buddha in Kaschmir, datiert auf (2193 — 1600 =) 593 v. und endend mit einer „Prophezeihung”. Unterzeichnet: Dela, zugenannt Hellenia. Ende des 18. Jahrhunderts).
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|141||+||So lautete Franas letztwillige Verfügung (411 n.).
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|142|| ||Dieses hat Gosa hinterlassen (Eine „Prophezeihung” Ende des 18. Jahrhunderts).
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|143|| ||''Die Schrift von Konered.'' (Thet skrift fon Konered.) (verfaßt um 260 v.d.Ztr.).
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|143||+||(Die ersten eineinhalb Seiten dieser Schrift sind von Apollonia und dürften kurz nach 450 uns. Ztr. verfaßt sein, etwa 455 n.).
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|144||+||Jetzt will ich über Friso schreiben (Die ersten zwei Seiten handeln über den Geertmann Friso, die weiteren über einen anderen späteren Friso (teils etwa 300 v. teils etwa 460 n.).
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|150||+||Was Friso ferner tat (460 n.).
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|154||+||Jetzt will ich schreiben über seinen Sohn Adel (etwa 470 n.).
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|158|| ||Hier ist diese Schrift mit Gosas Rat (Unecht, ende des 18. Jahrhunderts).
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|161|| ||Hier ist nun mein Rat (Unecht, ende des 18. Jahrhunderts).
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|163|| ||(Ein von dem Geertmann Ljudgert hinterlassener Brief mit einer Beschreibung des Pandschabs, um 300 v.).
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|168||+||''Die Schrift von Beden.'' (Thet skrift fon Beden.) (Er nennt sich einen Neffen von Konered, an dessen Stelle er zum Asega gewählt wurde und sagt, König Adel III. habe diese Wahl bekräftigt. Dann bricht seine Schrift ab, da die Seiten 169 bis 189 der Handschrift fehlen) (Etwa 475 n.).
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|189|| ||''Brief von Rika der ehemaligen Magd, vorgelesen zu Staveren beim Julfest.'' (Dieser Brief endet mit einer „Prophezeihung” Ende des 18. Jahrhunderts. Die Seiten 193 und 194 fehlen.)
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|195||+||''Die Geschichte von König Askar.'' (Sie hat weder Anfang noch Ende, während ihr Verfasser unbekannt bleibt) (Etwa 470 bis 485 n.).
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=== Beilage II — Die altfriesische Zeitrechnung ===
=== Beilage II — Die altfriesische Zeitrechnung ===

Revision as of 12:28, 28 July 2026

Frans J. Los — Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle. Oostburg z.j. [1972]. 144 bl. 22 cm. Met 1 krt 1 ill.

Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle

von Frans J. Los


Verlag W.J. Pieters, Oostburg (Nd.)
Alleinvertrieb für Deutschland
Peter Wegener, D53 Bonn 1, Postfach 97

Vorwort

[9] Entgegen den vielen Büchern, die sich mit Untersuchungen über die Echtheit der Ura Linda Handschriften, den mutmaßlichen Fälscher und einen möglichen Sinn und Zweck einer Fälschung beschäftigten, geht es dem Verfasser alleine um die Geschichtsgrundlage der Schriften, die hier überprüft werden soll, wobei er keineswegs den Versuch des Nachweises einer „Echtheit” der vorliegenden Handschriften unternehmen will.

Die gegensätzliche Einstellung vieler Autoren zu den Handschriften ist, bei dem auf den ersten Blick wirren und chaotischen Inhalt der Berichte, die sich in das bisherige Geschichtsbild kaum eingliedern ließen, erklärlich, wird doch hier ein Bild vorchristlicher Vergangenheit der Seegermanen gezeichnet, das für die Zeit des vorigen oder den Beginn unseres Jahrhunderts völlig unglaubwürdig war und daher heftigen Widerstand erregen mußte.

Inzwischen hat sich jedoch für den ernsthaften Forscher das Bild europäischer Vorgeschichte tiefgreifend geändert.

Für die alten Stierkulte des Orients fanden sich die Grundlagen in den franko-kantabrischen Grottenmalereien, die zum großen Teil dem Mond-Stierkult dienten. Diese eiszeitliche an der atlantischen Küste Iberiens und an den Nebenflüssen der Garonne gelegene Kunst erbrachte den Beweis einer frühen hohen Kultur atlantischer Nordeuropäier vor mehr als 15.000 Jahren.

Auch die Deutung und Zeitstellung der Dolmen- und GroßsteingräberKulte, sowie die Funde der bandkeramischen bäuerlichen Wohn- und Siedlungskulturen, haben ein grundlegend neues Bild der west- und nordeuropäischen Vorgeschichte erschlossen.

So erscheint auch die Frühzeit der Seegermanen in einem ganz anderen Licht, als sie zu Beginn unseres Jahrhunderts erkannt werden konnte. Der Verfasser hat sich in zahlreichen Schriften und Büchern mit vorgeschichtlichen Kulturen und Völkerbewegungen Europas, Asiens und Afrikas befaßt, die in den Niederlanden, in England, Amerika und letztlich auch in Deutschland veröffentlicht sind. So reizte es ihn auch, diese Ura Linda Handschriften auf ihren vorgeschichtlichen Kern zu untersuchen und hierüber zu berichten.

[10] Immer wieder ergaben sich hierbei Parallelen zu den frühgeschichtlichen Ereignissen, von denen Jürgen Spanuth in seinem Buch „Atlantis” über die aus den Nordgebieten herkommenden Völker berichtet. Dank schuldet er Herrn Paul Fischer aus Düsseldorf, der ihm oft mit Rat und kritischen Bemerkungen anläßlich der Maschinenschrift und der Glättung des deutschen Textes zur Verfügung gestanden hat.

Dank bringt er auch seiner Frau entgegen, die ihm bei der Korrektur der Druckproben getreulich geholfen hat und ebenfalls seinem niederländischen Verleger Herrn W.J. Pieters, Oostburg, und dem Personal seiner Druckerei für die Sorgfalt, die sie auf die Ausstattung dieses Buches vewendet haben.

Möge dieses Buch zu weiterer Beschäftigung mit den so inhaltsreichen Ura Linda Handschriften anregen.

Oostburg, Juni 1972. / Frans J. LOS.

Einleitung

[11] Vor etwa 100 Jahren, im Juni 1871, erschien in Leeuwarden, der Hauptstadt der niederländischen Provinz Friesland, die erste Veröffentlichung über eine angeblich uralte friesische Handschrift, die die Gelehrten sowohl in den Niederlanden wie auch in Deutschland in heftige und langandauernde Diskussionen versetzte. Es handelte sich um ein Gutachten, das Dr. J.G. Ottema, Konrektor des dortigen Gymnasiums, als Vorstandsmitglied der „Friesischen Gesellschaft” (Friesch Genootschap) über diese Handschrift erstattet hatte. Die Vorgeschichte hierzu sei hier ganz kurz wiedergegeben.

Die Handschrift war im Besitz von Cornelis over de Linden (1811-74), Werkmeister auf der Reichsmarinewerft in Den Helder, der sie 1848 von seiner Tante, Aafje Meylhof-Over de Linden in Enkhuizen, als ein altes Familienerbstück bekommen hatte. Over de Linden konnte die Handschriften nicht entziffern, da sie in einem sehr alten Friesisch und mit Buchstaben einer völlig unbekannten Schrift geschrieben waren. Da er in ihr die Bestätigung der von ihm vermuteten alten Herkunft seiner Familie zu finden hoffte, suchte er jemand, der ihm die Handschriften übersetzen könnte. Er bekam Kontakt mit dem Archivar-Bibliothekar der Provinz Friesland Dr. Eelco Verwijs (1830-80), der sich für die Handschriften interessierte und ihm versprach, für eine Übersetzung sorgen zu wollen.

Dr. Verwijs machte im Vorstand der Friesischen Gesellschaft den Vorschlag, dem Sprachgelehrten Johan Winkler Auftrag zu einer Übersetzung der Schriften zu geben, er machte Winkler jedoch bei seiner Beauftragung auf seinen Zweifel an der Echtheit der Schriften aufmerksam. Verdächtig schien ihm nicht nur das Papier, das nicht sehr alt zu sein schien, sondern auch die seltene und unbekannte Schrift sowie die arabischen Ziffern der Seitenangaben. Auch den Inhalt nannte er „toll und unzusammenhängend”.

Nach dieser Mahnung zur Vorsicht ist es nicht verwunderlich, daß Winkler in seinem Bericht, den er Nov. 1870 der Gesellschaft erstattete, zu folgender Stellungnahme bezüglich der Echtheit der Handschriften kam:

Sie kämen ihm sehr verdächtig vor, er könne aber nicht erklären, wann, von wem und zu welchem Zweck sie angefertigt sein könnten. [12] „Der Inhalt ist sehr befremdend, teils mythologisch, teils geschichtlich, die Sprache ist zum Teil altfriesisch, es kommen aber auch Ausdrücke darin vor, die sehr jungen Datums zu sein scheinen, Nach seiner Ansicht würde eine Übersetzung die hierzu verwendete Mühe nicht lohnen”.[1]

Dr. Ottema erbat sich dann die Erlaubnis, die von Winkler benutzte Abschrift mitzunehmen und sie näher untersuchen zu dürfen. Er übersetzte in den folgenden Monaten die aufeinanderlolgenden Teile des Originals, die Over de Linden ihm nach und nach zuschickte, ins Niederländische, und im nächsten Jahr — 1872 — erschien seine vollständige Übersetzung unter dem Titel:

„Thet Oera linda Bok” (Das Ura Linda Buch) „Nach einer Handschrift aus dem dreizehnten Jahrhundert”. Dieser Titel war von ihm gewählt worden, weil die sieben hervorragendsten Autoren der Handschrift zu dem Geschlecht der Ura Linda gehörten, von dem Over de Linden abzustammen meinte.

Es ist hier hervorzuheben, daß Zweifel an der Echtheit der Handschrift bereits vor dem Erscheinen dieser Übersetzung von mehreren Gelehrten ausgesprochen worden waren. Zweifellos spielten Rücksichten weltanschaulicher Art bei der voreiligen Beurteilung wie auch bei der nun sofort mit voller Heftigkeit einsetzenden gelehrten Kontroverse eine gewisse Rolle.

Man warf Ottema und seinen Parteigängern „friesischen Chauvinismus” vor, durch den sie sich hätten beeinflussen lassen. Dagegen suchte Ottema seine Stellungnahme mit historischen Hinweisen zu begründen, ohne jedoch seine Gegner, die an eine Fälschung dachten, überzeugen zu können.

Zwei Männer wurden als mögliche Fälscher genannt: Cornelis over de Linden und Dr. Eelco Verwijs. Gegen Over de Linden verstärkte sich der Verdacht, als er 1874 starb, und man in seiner ziemlich umfangreichen Bibliothek, die öffentlich versteigert wurde, Bücher vorfand, die er möglicherweise zur Erlernung der friesischen Sprache gebraucht haben konnte und die ihm zu einer Fälschung behilflich hätten sein können. Aus seiner 1949 von E. Molenaar veröffentlichten Korrespondenz[2] mit Verwijs und Otterna geht aber deutlich hervor, daß Over de Linden, der Autodidakt mit weitreichenden Interessen war, sich zeitlebens alle erdenkliche Mühe gegeben hat, einen Übersetzer für die Handschriften zu finden, weil er sie selber nicht lesen konnte!

[13] Der Amsterdamer Privatdozent Dr. M. de Jong veröffentlichte 1927 ein weitläufiges Buch von 400 Seiten,[3] in dem er zu beweisen versucht, daß Dr. Verwijs, der 1880 verstorben war, der Fälscher gewesen sei. Dr. de Jong zufolge soll Verwijs eine fabelhafte Arbeitskraft und eine nicht minder grosze Phantasie besessen haben. Neben seiner umfangreichen Amtstätigkeit — auszer Archivar der Provinzial-Bibliothek, war er auch noch Schulinspektor — soll er Zeit gefunden haben, eine altfriesische Sprache, älter als die der bis dahin bekannten Dokumente, und eine besondere, einzig dastehende Letternschrift zu erfinden, und dann sich eine verworrene und deshalb altertümlich aussehende Urgeschichte der Friesen zu erdichten. Eine wahrhaft übermenschliche Leistung!

Und weshalb sollte Dr. Verwijs sich diese ungeheuere Mühe gegeben haben? Dr. de Jong meint: „um die friesomanen Gelehrten Leute einer fast unüberbietbaren Naivität, die an der Echtheit der von ihm angefertigten Handschrift glauben würden, zum besten zu haben”.

Hatte Verwijs nicht schon einmal in einem von ihm herausgegebenen Band mittel-niederländischer Gedichte ein von ihm selbst gemachtes Gedicht eingeschoben und sich darüber belustigt, daß die sachverständigen Gelehrten dies nicht bemerkt hatten? — Einer solch boshaften Natur konnte man auch eine gröszere Fälschung zumuten. Eine eigentlich überflüssige Bestätigung seiner These sieht De Jong in der Aussage eines jungen Mannes, der mit dem schon todkranken Verwijs zusammen im Sanatorium lag. Als dieser ihn fragte, wer wohl der Fälscher der Ura Linda Handschriften gewesen sei, soll Verwijs statt einer Antwort geheimnisvoll gelächelt haben! Sind da noch weitere Beweise vonnöten?

Gegen diese unwissenschaftliche Argumentation und die oberflächliche rationalistische Betrachtungsweise wandte sich Prof. Herman Wirth und gab 1933 seine freilich stark verkürzte deutsche Übersetzung der Ura Linda Handschriften heraus. Er sah die holländische gebildete Welt beherrscht von der Psychose des „ex oriente lux” und des „salus ex Judaeis”, des „Heils aus den Juden” an und warf den niederländischen, insbesondere aber den holländischen Gelehrten, „völlige Instinktlosigkeit in geistig-seelischen Dingen des Volkstums und des Blutes[4] vor. Er glaubte an die „Quellenechtheit” der Handschriften, worin er die Bestätigung seiner eigenen Ansicht über die Verehrung eines höchsten Wesens oder Allgeistes im prähistorischen Westeuropa [14] zu finden meinte. Inwiefern er hiermit Recht hatte, wird im Verlauf dieser Studie noch zu untersuchen sein.

Der Wissenschaftler darf die Nüchternheit, die eine unerläszliche Eigenschaft für seine Arbeit darstellt, nicht so weit treiben, daß er diese auf die anderen Menschen projiziert, die in einem anderen Zeitalter einer weniger nüchterner Gedankenwelt lebten. Das vergaszen die vielen niederländischen und deutschen Gelehrten, die die Ura Linda Handschriften ablehnten, ohne sie ernsthaft auf ihren Inhalt untersucht oder sie nur ganz gelesen zu haben.

* * *

Persönlich hatte ich selbst mich mit der Handschrift, die ich nur vom Hören sagen als ein sehr fragwürdiges Dokument kannte, noch nie befaszt, bis mir anfang dieses Jahres ein Freund den 1951 erschienenen zweiten Druck des von Herrn J.F. Overwijn 1941 herausgegebenen friesischen Originaltextes nebst seiner niederländischen Übersetzung zukommen liesz.[5] Ich fand den Inhalt befremdend aber zugleich fesselnd, die Übersetzung aber, die ich anhand des Originals hinreichend kontrollieren konnte, ungenau und höchst willkürlich, den beigefügten Kommentar verwirrend und phantastisch. So war ich froh. daß mir enige Wochen später die jetzt (1971) erschienene 2. Auflage der schon genannten Übersetzung von Dr. Ottema zugeschickt wurde. Ich entschlosz mich, diese zur Grundlage der Untersuchung, die ich vornehmen wollte, zu machen.

Schon bei der ersten oberflächlichen Lektüre war mir aufgefallen, daß hier weder von einem Buch noch von einer Chronik gesprochen werden konnte; beide Bezeichnungen scheinen mir unrichtig und irreführend. Es handelt sich ganz offensichtlich um eine Sammlung alter Schriften verschiedenartigen Inhalts, die, falls sie echt sind, von mehreren Autoren und zu verschiedenen weit auseinanderliegenden Zeiten verlaszt worden sind. Ich kam deshalb zu der Erkenntnis, daß alle Pauschalurteile über echt oder unecht hier fehl am Platz sind, und dasz jedes Stück der Sammlung einzeln und für sich auf seine Authentizität zu überprüfen notwendig sei.

Da ich mich auf die (pseudo-)historischen Berichte der Sammlung beschränken wollte, war es notwendig, diese eindeutig aus dem Ganzen herauszunehmen und vom übrigen Inhalt zu scheiden. Auszer den Gesetzen, Reiseberichten und Mythen waren meiner Ansicht nach auch die religionsbezogenen Betrachtungen, die bis jetzt immer im Mittelpunkt [15] der oft sehr heftigen Erörterungen gestanden hatten, unberücksichtigt zu lassen, denn auf dem Gebiet der Religionswissenschaften bin ich nicht zuständig.

Es ergab sich allerdings im Laufe meines Studiums der Schriften, daß eine völlige Außerachtlassung der Religionsphilosophie der Schriften nicht durchführbar war, da diese mit den anderen Inhalten zu sehr verwoben ist.

Da ich des Friesischen unkundig bin, habe ich mich auch einer Beurteilung der in den Schriften gefundenen altfriesischen Sprache enthalten und habe mir ebensowenig ein Urteil in der schwierigen Frage nach dem Ursprung der benutzten Letternschrift anmaßen wollen. Diese Probleme mögen Spezialisten vorbehalten bleiben.

Um nun die genannten Ausscheidungen vornehmen zu können, habe ich aus dem Buche von Overwijn das darin enthaltene Inhaltsverzeichnis des Originals, zusammen mit seiner Seitenangabe,[6] übernommen. Der Leser findet es in der Beilage. Die historischen Teile habe ich hierin mit einem Sternchen vermerkt und dann versucht, den in diesen Berichten erzählten Ereignissen die richtigen Datierungen zu geben, die ich zwischen Klammern beigefügt habe.

Durch die richtige Verbindung verschiedener historischer Berichte, die meistens durch andere Stücke voneinander getrennt waren, erhielt ich unter Fortlassung von allem Persönlichen und Nebensächlichen mehrere fortlaufende und zusammenhängende Erzählungen, die sich mit nur wenigen Ausnahmen in den Rahmen der bekannten Zeitgeschichte einpassen lassen. Die nachfolgenden Kapitel zeigen die bemerkenswerten Ergebnisse dieser Methode.

Aus dem in dieser Weise zergliederten Inhaltsverzeichnis wird dem Leser deutlich werden, wie schwer es ist, sich in diesem Wirrwarr zurecht zufinden. Es kann deshalb kein Wunder nehmen, daß Dr. Verwijs den Inhalt „toll und unzusammenhängend” nannte, obwohl er anderseits zauderte, die Handschriften ohne weiteres als eine Fälschung zu bezeichnen. Es kam hinzu, daß die Kenntnis der Vorgeschichte damals noch verhältnismäßig gering war und ein ganz anderes Bild ergab, als es die Prähistoriker heute zu entwerfen vermögen. Unser viertes Kapitel über die Kultur und Seefahrt der Atlanter möge dazu dienen, dem Leser anhand des heutigen Standes der Vorgeschichtskenntnisse, den Hintergrund zu den Ura Linda Geschichten zu schildern. Sie werden dadurch weniger phantastisch und unglaubwürdig erscheinen.

[16] Die Sammlung enthält zwei Widmungen, die ich als ganz besonders bemerkenswert erachte. — Die erste lautet:

Okke mein Sohn

Diese Bücher sollst Du mit Leib und Seele bewahren. Sie enthalten die Geschichte unseres ganzen Volkes und auch die unserer Vorfahren. Voriges Jahr habe ich sie aus der Flut gerettet, zugleich mit dir und deiner Mutter. Sie waren aber naß geworden, dadurch fingen sie an zu verfaulen. Um sie nicht zu verlieren, habe ich sie auf overländischem Papier abgeschrieben. Falls du sie erbst, muß du sie auch abschreiben, deine Kinder desgleichen, damit sie nicht verloren gehen. Geschrieben zu Ljuwert (Leeuwarden). nachdem Atland versunken ist das dreitausend vierhundertneunundvierzigste Jahr, das ist nach Christenrechnung das zwölfhundert sechsundfünfzigste Jahr.

Hiddo. zugenannt Ura Linda. Wache.

Tatsächlich war das 13. Jahrhundert u.Ztr. in Friesland und Groningen eine Zeit gewaltiger Uberschwemmungen, in der aus dem damaligen Flevosee die spätere Zuidersee mit ihrem breiten Zugang zur Nordsee entstand.

P. Schotel nennt in seiner „Historischen Übersicht”[7] für die Jahre 1164, 1196, 1219, 1222, 1246, 1248, 1249, 1262, 1267, 1287 und 1288 Fluten von oft gewaltigem Ausmaß. Allerdings fehlt hier gerade das Jahr 1255, aber auch in diesem Jahr ist eine Überschwemmung mehr örtlichen Charakters sehr wohl möglich. Deshalb braucht hier keine Fälschung vermutet zu werden.


Die letzte Widmung hat folgenden Wortlaut:

Liebe Erben, um unserer lieben Voreltern willen und um unserer lieben Freiheit willen, tausendmal bitte ich euch, ach Lieben, laßt die Augen eines Mönches doch niemals über diese Schriften schweifen. Sie sprechen süße Worte, aber sie rütteln unbemerkt an allem was unser Friesisch betrifft.

Um reiche Pfründen zu gewinnen, halten sie es mit den fremden Königen; diese wissen, daß wir ihre größten Feinde sind, da wir es wagen zu ihren Leuten von Freiheit, Recht und Fürstenpflicht zu sprechen. Darum lassen sie alles zerstören, was von unseren Vorfahren kommt und was von unseren alten Sitten noch übrig ist. Ach Lieben, ich bin [17] bei ihnen am Hof gewesen. Sollte Wralda es zulassen und wir uns nicht stark machen, so werden sie uns alle vertilgen.

Geschrieben zu Ljudwerd (Leeuwarden) achthundert und drei Jahre nach Christenbegriff.

Liko, zugenannt Ovira Linda.

Auch hier muß man die Zeitumstände bedenken, um diesen Auftrag völlig zu verstehen. Im Jahre 803 u.Ztr. war die gewalttätige Bekehrung und die Unterwerfung West-und Mittelfrieslands bis zum Laubach (niederl. Lauwers) unter die fränkische Königsherrschaft erst kurz zuvor beendet. Der Historiker Felix Dahn schreibt hierüber: „In den beiden nächsten Jahren 733/34 bekämpfte Karl Martell die Friesen. Das Land ward dabei bis zur Vernichtung verwüstet, die „Heiligtümer ihres Götzendienstes” zerschlagen und mit Feuer zerstört. Der ganze Friesenstammn war von den wieder fränkisch gewordenen Westfriesland aus unablässig, sowohl in seinem alten Götterglauben und auch in seiner stolzen, heißgeliebten Freiheit bedroht worden durch die christlichen Priester und die fränkischen Grafen, die stets Hand in Hand gingen”.[8]

Im Jahre 734 fiel Herzog Bobo (oder Boppo) „der Vorkämpfer der Freiheit und der alten Götter” in der Schlacht an der Boornsee oder Middelzee, wo er von Karl Martell geschlagen wurde, was die Unterwerfung und zwangsweise „Bekehrung” Mittelfrieslands einleitete. Auf wie hartnäckigen Widerstand die Christianisierung hier stieß, zeigte die Ermordung des Bonifatius, der sich an der Zerstörung heidnischer Heiligtümer und der Fällung heiliger Eichen eifrig beteiligte. bis er 754 in der Nähe von Dokkum von erzürnten Friesen erschlagen wurde. Noch im Jahre 784 vertrieben die Friesen den christlichen Missionar Liudger, schlossen sich den Sachsen unter Widukind an und konnten von Karl dem Franken — von der Kirche „der Große” genannt — erst nach Jahren endgültig unterworfen werden.

Mit dem Obenstehenden ist genug gesagt um anzudeuten, wie diese zweite Widmung verständlich wird, wenn man sie im Rahmen der damaligen Zeitgeschichte betrachtet. Nach allem, was den Friesen von seiten des fränkischen Staates und der mit ihm verbündeten Römischen Kirche widerfahren war, hatten diese gewiß allen Grund, Priester und Mönche zu fürchten und zu hassen. So gibt es hier keinerlei Veranlassung an eine Fälschung zu denken. (Die Bedeutung des Namens, Wralda wird später zu erörtern sein.)

[18] Für unsere weitgehende Entfremdung von der eigenen Volksart und Geschichte ist es bezeichnend, daß das Todesjahr des Bonifatius — 754 — bis vor kurzem in den Niederlanden von allen Schülern der Volksschule gekannt werden mußte, während die Jahreszahl der Schlacht and der Boornsee — 734 — selbst den Lehrern unbekannt war.

Kapitel I — Die Schriften Adelas und Apollonias

[19] Die Sammlung der sogen. Ura Linda Handschriften besteht aus zwei Hauptteilen, die nach den in ihnen gegebenen Datierungen in ihren Entstehungszeiten um 250 Jahre auseinander liegen.

Der Ausgangspunkt der hier zugrundeliegenden Zeitrechnung ist dabei der „Untergang von Atland” — d.i. Atlantis —, der auf 2193 v.d.Ztr. angegeben wird.

Man darf deshalb vermuten, daß die Sammlung unvollständig ist und große Teile durch irgendwelche Ursachen verloren gegangen sind.

Das altfriesische Original der Handschriften wird jetzt unter Verschluß in der Provinzial-Bibliothek zu Leeuwarden aufbewahrt.

Die erste Hälfte ist größtenteils das Werk einer Frau, die hier Adela genannt wird, und soll 558 v.d.Ztw. verfaßt worden sein. Ihre Niederschrift wurde von ihrem Sohn Adelbrost und ihrer Tochter Apollonia fortgesetzt. — Die zweite Hälfte soll um das Jahr 300 v. von Frethorik und Anderen, von denen der Letzte unbekannt geblieben ist, niedergeschrieben sein.

Wenn man nun aus der ersten Hälfte, außer den hier gegebenen Gesetzen und den mythischen Stellen, auch die älteren Berichte, die auf Adelas Befehl von Inschriften auf Türmen oder aus anderen Schriften gesammelt und abgeschrieben worden sind und ausdrücklich als solche bezeichnet werden, beiseite läßt, dan bekommt man eine fortlaufende und zusammenhängende Erzählung, die an innerer Logik nichts zu wünschen übrigläßt. Das logische Ende dieser Erzählung ist dann am Anfang der zweiten Hälfte zu finden, wo eine Anzahl Seiten (114, 115, 116, der größte Teil von 117 und die letzten Zeilen von 118 anfangend mit „als unsere Länder wieder gangbar wurden”), zu Unrecht dem Frethorik zugeschrieben werden, da sie noch zur Niederschrift der Apollonia gehören. Offenbar sind die Blätter der Handschriften hier durcheinander geraten. Das erscheint deshalb möglich, weil man vor dem 14. Jahrhundert die Blätter einer Handschrift nicht paginierte.

Aus dem Inhalt der ersten Hälfte der Sammlung, die wir hier nicht ausführlich wiederholen wollen, können wir nur das Wesentliche schildern:

[20] Es ist hier die Rede vom Lande der Fryas, der Kinder der von der Erde (Irtha) geborenen Frya, das sich nicht nur über das Gebiet der Ingwäonen von der Schelde bis Jütland, sondern auch über die Dänischen Inseln und über das südliche Schweden, Schonland, erstreckte. Das Land wurde von auf drei Jahre gewählten Königen und gewählten Beambten regiert, stand aber unter der Oberaufsicht einer auf Lebenszeit gewählten „Volksmutter”, die auf ihrer Burg Texel (tex-land) wohnte. (Die benutzte altfriesische Schrift, aus den Teilen des Jols — des Sonnenrades — gebildet, kennt keine großen Buchstaben und als Satzzeichen nur Punkte.) In dieser Burg auf Texel, wie auch auf anderen Burgen, befand sich ein Turm und in diesem eine „ewig brennende Lampe” (foddik). — Das Land der Fryas wurde von aus dem Osten kommenden Finnen (finna) und Magyaren (magyara) angegriffen, deren Oberhaupt als der Magy bezeichnet wird. — Während Prof. Wirth Magyara mit Priester übersetzt, denkt Overwijn an Magier oder Schamanen.[9] Beide Bezeichnungen sind aber, wie aus dem Zusammenhang hervorgeht, bestimmt unrichtig. — Zunächst eroberte der Magy den östlichen Teil Schonlands, aber „über die Berge und über die See wagte er nicht zu kommen”.

Etwas später, angeblich 591 v., benutzte er einen strengen Frost, der den Sund zufrieren ließ, zur Unterwerfung der „Denemarken”.

Zwei Jahre darauf unternahm er, während einer stürmischen Nacht in leichten Booten mit dänischer Besatzung, einen Überfall auf die Burg von Texel. Die Volksmutter Frana geriet schwerverwundet in Gefangenschaft und wurde, als sie sich nicht unterwerfen wollte, über Bord geworfen und ertrank. In einem darauf folgenden Seegefecht bei Medemblik (medeas blik) wurde ein Teil der Flotte des Magy in Brand geschossen, während dieser selbst den Tod fand. (Ein humanistischer Abschreiber will den Namen dieser westfriesischen Stadt von Medea ableiten, doch heißt Medemblik in frühmitelalterlichen Quellen Medemolaca bezw. Medemelaca).

Sieben Monate später findet in Groningen (grenega) eine Volksversammlung statt, auf der Adela als Volksmutter gewählt wird. Diese schlägt die Wahl aus, weil sie Apol, den „Grietmann” Ostflielands heiraten will. Die Folge hiervon ist, daß keine Volksmutter gewählt wird, und da man obendrein dem König (kening) Ljudgert, der zu Dokkum residiert, mißtraut, weil er im Verdacht steht, seine Macht ausbreiten zu wollen, breiten sich Zügellosigkeit und Anarchie aus. Der Magy benutzt diese Schwächung der zentralen Gewalt, um seine Macht [21] bis zur Weser auszubreiten, während die Golen — die Gallier — das im Süden der Schelde gelegene Land in Besitz nehmen.

Unter diesen bedrohlichen Umständen wird dreißig Jahre nach der Ermordung Franas, also 550 v., wieder eine Volksversammlung abgehalten. Adela erhält das Wort und sagt, der Magy habe nur durch Arglist und unter Ausnutzung der Habsucht der Herzöge und des Adels gesiegt und nicht durch Waffengewalt. Die Bevölkerung der verloren gegangenen Gaue sei bereits so sehr entartet, vermischt und entsittlicht, daß es nicht ratsam sei, diese zurückerobern zu wollen. Der Magy mache sich des Kinderraubes schuldig und versuche, die Herzöge und den Adel durch das Versprechen, ihre Würde erblich zu machen, zu gewinnen. Um der umsichgreifenden Unordnung entgegenzutreten, müsse vor allem eine neue Volksmutter gewählt werden. Hierfür schlägt sie Tüntja, die Burgfrau von Medemblik, vor.

In den Schriften des Brunno wird weiter berichtet, wie es einer anderen Burgfrau gelingt, die Wahl Tüntjas zu verhindern, die aber nicht ihre eigene Wahl durchsetzen kann. Hierüber erbittert, flieht diese zum Magy, der sie zur Mutter einsetzt. Ihr Sitz ist auf der Godaburg in Schonland (Gotenburg?). Sie rät dem Magy, Adela ermorden zu lassen, und es gelingt einem magyarischen Reitertrupp, entlang den Pfaden des Lindawaldes, unbemerkt bis in die Nähe von Staveren vorzustoßen, und nach Ablauf eines Maifestes wird Adelas Haus überfallen und diese, in den Schriften so stark hervortretende, merkwürdige Frau von einem vergifteten Pfeil tödlich getroffen. Adelbrost, ihr Sohn, erachtet die Lage als hoffnungslos, und zwei Monate später wird seine Leiche verstümmelt auf dem Hof seines Vaters aufgefunden.

Sein jüngerer Bruder Apol[10] baut an der Westküste Schonlands die Lindasburg (bei Kap Lindesnäs?) und bekämpft von hier aus jahrelang den Magy. Auch der gegründete Adelsbund kann die immer bedrohlicher werdende Lage nicht ändern, da viele Burgherren verräterische Beziehungen zum Magy unterhalten. — Mord und Zwietracht greifen weiter um sich, und „drei Jahre später war der Magy Herr ohne Kampf”.


Den Erzählungen nach werden bald hiernach durch eine gewaltige Überschwemmung alle Burgen des Landes, alleine mit der Ausnahme der Fryasburg auf Texel, zerstört. Alle Wälder werden mitsamt ihrem Untergrund weggeschwemmt. Als das Wasser sich nach einem furchtbaren Winter verzieht, läßt es in Ostflieland 30, in Westflieland 50 salzige Seen und Tümpel zurück. Apollonia. Tochter Adelas, findet bei [22] ihrer Rückkehr im folgenden Wonnemonat ihre Burg Ljudgaarde zerstört, die benachbarten Wälder sind verschwunden, das nördlich angrenzende Land ist in der See versunken.

In einer dem Frethorik zugeschriebenen Schrift aus der zweiten Hälfte der Handschriften ist dann (S.143) vom Wiederaufbau des verwüsteten Landes die Rede. Innerhalb des Ringwalles der zerstörten Burg baut man Häuser und errichtet ein Dorf Ljudwerd, während das Land außerhalb des Ringwalles dem Meer überlassen bleibt. An geeigneten Stellen werden Gräben gezogen und Deiche gebaut. Deutlich wird hier mit Ljudwerd das heutige Leeuwarden gemeint, das im frühen Mittelalter am Ufer der Bordine, oder Middelzee, gelegen war, ein Meeresarm, der später wieder zugeschwemmt ist, dessen Entstehung aber hier erzählt wird.[11] Im Friesischen heißt Leeuwarden noch immer Ljouwerd, was bereits aus 1149 belegt ist. (Vgl. die Karte am Ende des Buches.)

* * *

Fragt man sich nun, in welchen Abschnitt der bekannten Geschichte diese hier kurz geschilderte Erzählung eingefügt werden könnte, so ist von vornherein deutlich, daß hier das 6. Jahrhundert v.d.Ztw. nicht infrage kommen kann. Die geschilderten Ereignisse finden in unserem bisherigen Geschichtsbild für diese Zeit keinen Anhalt, und das Wirken von Finnen und Magyaren scheint uns hierfür undenkbar. Dagegen entspricht der finnisch/magyarische Vorstoß der 1000 Jahre späteren Zeit des Hunneneinfalls. Es muß eine Verwechselung der beiden Hälften der Schriften stattgefunden haben, was sehr gut dadurch möglich ist, daß die Handschriften weder geheftet, noch die Blätter numeriert waren. Die Numerierung eines Manuskriptes soll erst im 12., die Paginierung im 14. Jht üblich geworden sein.[12] Nachdem die Verwechselung geschehen war, hat man die nicht mehr übereinstimmende Datierung der beiden Hälften dadurch wieder in Einklang gebracht, daß man das Anfangsjahr der genannten Zeitrechnung um 1000 Jahre zurückverlegte. Es ergibt sich dann, daß der Untergang von Atlantis ursprünglich auf 1193 v.d.Ztr. angegeben war.

Auch Dr. Ottema hatte schon an der Richtigkeit der Jahreszahl gezweifelt, was aus seiner Korrespondenz mit Cornelis Over de Linden hervorgeht.[13]

Diese Zeitangabe stimmt dann merkwürdigerweise mit der Auffassung Spanuths überein. Auch liegt nach den Handschriften Atlantis im gleichen Gebiet, wie bei diesem Autor: vor der Westküste Schleswig-Holsteins.

[23] Die kleine Verwechselung, nach der der Schluß der Schrift Adelas Fretorik zugeschrieben wurde, ist vermutlich eine Folge der Verwechselung der beiden Hälften gewesen. Um dessen Urheberschaft annehmbar zu machen, ließ man ihn auf S.114 angeblich Jugenderinnerungen erzählen, und um einen besseren Zusammenhang zu bekommen, mußten er und seine Frau Wiljo bei ihrer Rückkehr aus den „Sachsenmarken” die Entdeckung machen, daß sie beide Nachkommen Adelas waren. Wie sehr die Handschriften durcheinander gerieten wird auch aus der Tatsache deutlich, daß in der jetzigen 2. Hälfte die Seiten 193 und 194 fehlen, während die letzte Schrift des unbekannten Autors, die ursprünglich zur jetzigen 1. Hälfte gehörte und in der Zeit des Frankenkönigs Chlodwig spielt, am Ende stehen geblieben ist und plötzlich abbricht.

Folgende Gründe sprechen noch für die Richtigkeit meiner Annahme, daß die in den Schriften Adelas und ihrer Kinder erzählten Ereignisse in den Zeitabschnitt von 400 bis 451 nach d.Ztr. gehören:

  1. Es wird hier geschildert, wie aus dem Bundesstaat der Ingwäonen, der in der Handschrift „fryaland” genannt wird, durch den Gebietsverlust der östlichen Teile das frühmittelalterliche Friesland entstand von der Schelde (bezw. dem Sincfal, dem heutigen Zwin) bis zur Weser. Da in den Handschriften von „unseren Staaten” geschrieben wird, können wir Fryaland als einen solchen auffassen. Dieser Bundesstaat kann aber nicht vor der römischen Zeit zustandegekommen sein.
  2. Das geschilderte Friesland grenzt im Osten an die „Sachsenmarken”, den sächsischen Stämmehund, der sich erst um 250 n. gebildet hat. Zur Römerzeit waren die Sachsen nur ein kleines Volk in Holstein.
  3. Eine gewaltige Überschwemung im sechsten Jahrhundert v. ist sehr unwahrscheinlich. Das Küstengebiet der Nordsee lag damals beträchtlich höher als in späterer Zeit. Das geht auch daraus hervor, daß man erst im 3. Jhdt v. mit der Anlage von Terpen und Wurten begann.
  4. Friesland war in der römischen Zeit noch stark bewaldet. Die große Überschwemmung hatte also damals noch nicht stattgefunden. Sie ist um 450 nach zu datieren.
  5. Die Handschriften nennen in Friesland mehrere Burgen und größere Ortschaften — vielleicht Städte —, wie Groningen, Medemblik, Staveren (stavora oder stavre), Leiden (lydasburg) und vielleicht Enkhuizen (aldega-muda). Sollten diese schon lange vor der Zeitwende [24] bestanden haben, dann wäre es unerklärlich, daß die römischen Autoren nichts davon wußten.

Aus allen diesen Gründen kann als feststehend angenommen werden, daß die Schrift Adelas erst 442 nach der Ztw. und ihre Fortsetzung durch Apollonia um 445 n. verfaßt worden ist. Auch die vielumstrittene Reise Apollonias den Rhein hinauf, auf der sie die Pfahldorfbewohner in der Schweiz, die Marsaten, besuchte, wird um dieses Jahr anzusetzen sein. Diese Reise wurde von Dr. Ottema als schlagender Beweis für die Echtheit der Handschriften angeführt, da die Überreste der Pfahldörfer erst 1859 entdeckt worden waren und ihre frühere Existenz einem Fälscher aus der ersten Hälfte des 19. Jhts. nicht hätte bekannt sein können.

Professor Oskar Paret, der aus schwerwiegenden Gründen, vornehmlich technischer Art, die ehemalige Existenz von Pfahldörfern im Alpenvorland bestreitet, hat aber die längs der Seeufer gefundenen Pfahlwälder als Überreste ebenerdiger Wohnhäuser erklärt.[14] Wenn er recht hat, was — wie ich glaube — der Fall ist, dann würde die Erwähnung der nicht existierenden Pfahldörfer eher für eine Fälschung sprechen und das Hauptargument Ottemas in sein Gegenteil umkehren. Es ist deshalb notwendig, diese Stelle näher zu untersuchen.

Apollonia berichtet wörtlich (S.107)

Uber den Rhein, zwischen den Bergen habe ich die Marsaten (mârsâta) gesehen. Die Marsaten sind Menschen, die auf den Seen (uppa mâra) wohnen. Ihre Häuser sind auf Pfählen gebaut (up pälum buwad). Das ist wegen des wilden Getiers und der bösen Menschen. Es gibt daselbst Wölfe und Bären, und sie sind die Nachbarn oder Angrenzer der Nahen Südländer (kreka lander), der Kelten und verwilderter Deutscher (twiskar = Deutsche oder Germanen), alle begierig nach Raub und Beute. Die Marsaten ernähren sich durch Jagd und Fischerei.

Die Häute werden von den Frauen gereinigt und mit Birkenrinde bearbeitet. Die kleinen Häute sind weich wie Frauenfilz. Die Burgfrau von Neu Fryasburg (Freiburg i/Breisgau?) sagte uns, daß sie gute und einfache Menschen sind, aber wenn ich sie das nicht vorher hätte sagen hören, würde ich gemeint haben, sie seien keine Fryas (hier = Germanen), sondern Wilde, so wüst sahen sie aus. Ihre Felle und Kräuter werden von den Anwohnern des Rheins verhandelt und von den Schiffern ins Ausland gebracht.

Längs der anderen (linken) Seite des Rheines war es geradeso bis Leiden (Lydasburch). Dort gab es einen großen Graben, auf dem auch [25] Menschen wohnten, die Häuser auf Pfählen hatten. Aber das war kein Fryasvolk. Es waren schwarze und braune Menschen, die als Ruderer gedient hatten, um den Außenfahrern nach Hause zu helfen. Sie mußten dort bleiben, bis die Flotte wieder ausfuhr.

Unter Krekaländern werden in den Handschriften die Länder des Mittelmeeres verstanden, zunächst Griechenland, dann aber auch Italien und die anderen romanischen Länder. Hier ist mit diesem Namen wohl die romanisierte Bevölkerung der Schweiz gemeint. — Die Bezeichnung Fryas wird im engeren Sinne für die Ingwäonen im weiteren Sinne für Germanen im allgemeinen gebraucht. Es scheint sogar möglich, daß mit diesem Namen bisweilen die nordische Rasse gemeint ist.

Es ist bemerkenswert, daß dieser Reisebericht nirgends gegen die bekannten historischen Tatsachen verstößt. Um 450 waren die Alemannen, die im Jahre 260 die wichtige Stadt Aventicum zerstört hatten, bestimmt bereits in der Schweiz ansässig. Während im Westen der Schweiz noch Reste der romanisierten Bevölkerung wohnten, war der östliche Teil dieses Landes so wenig latinisiert, daß in Graubünden bis ins 5. Jahrh. keltisch gesprochen wurde. Schließlich sei daran erinnert, daß die Friesen in der fränkischen Zeit längs des Rheines einen lebhaften Handel bis in die Schweiz hinein betrieben, die ihnen also bekannt war. — Tacitus nennt (hist. 4,56) Marsaci im Zusammenhang mit dem Aufstand des Claudius Civilis in den Niederlanden. Wo diese Gruppe — ein Volksstam sind sie wohl nicht gewesen — wohnte, ist unsicher: man hat sie zwischen der Zuidersee und Leiden vermutet. Die Umgebung von Leiden war im frühen Mittelalter besonders sumpfig, und es gibt hier noch heute einen Seitenarm des Rheins, der Mare heißt.

Es bleibt die Frage, ob im 5. Jahrh. n.d.Ztr. an bestimmten Stellen der Schweiz und der Niederlande Wohnsiedlungen auf Pfählen auf dem Wasser bestanden haben. An die bekannten von Paret und anderen untersuchten „Pfahlbaudörfer”, die zu dieser Zeit schon längst überschwemmt waren, ist hierbei sicherlich nicht zu denken. Diese Bevölkerung trieb Ackerbau und Viehzucht und hinterließ ein reiches Kulturinventar, während die von Apollonia in der Schweiz besuchten Pfahldorfbewohner von Jagd und Fischfang lebten, also noch auf einer niedrigeren Kulturstufe standen, die im Boden Kaum Spuren hinterlassen haben dürfte. Die Schilderungen Apollonias scheinen darauf zu deuten, daß diese Siedlungsgruppe fremder, östlicher Herkunft war. Der Bericht Herodots (V. 16), der Pfahldörfer seiner Zeit in den Seen Mazedoniens beschreibt, deren Bewohner ebenfalls von Fischfang [26] lebten, muß hier erwähnt werden. — Ein Teil der Bevölkerung von Amsterdam wohnt heute noch, in oft recht kümmerlicher Weise, auf Wohnschiffen. — Bei den Zigeunern, die aus dem Osten kommen, ist bis heute das Wohnen in festen Häusern nicht beliebt, und zu Anfang dieses Jahrhunderts zogen sie noch immer lediglich in Wohnwagen umher. Ausnahmen sind also immer möglich.

* * *

Wie paßt nun aber die von den beiden Frauen erzählte Geschichte zu den damaligen Ereignissen in Europa?

Kurz nachdem die Hunnen um das Jahr 375 den Don überschritten hatten, eroberten sie das mächtige Reich der Ostrogoten, dessen König Ermanarik sich den Tod gab.[15] Außer germanischen, slawischen und baltischen Völkern waren auch finnische Völkerschaften dieser weiträumigen Reich untertänig geworden. Der gotische Geschichtsschreiber Jornandes nennt in dieser Beziehung die Meren und Wessen in der Gegend des späteren Moskau und die Mordwinen, Tscheremissen und Permjaken im Stromgebiet der Wolga und Kama. Zusammen mit den türkischen Bulgaren, die an der mittleren Wolga wohnten, waren all diese Völker den Hunnen tributpflichtig geworden, und da auch das finno-ugrische Reitervolk der Moger oder Magyaren, das unter einer türkischen Oberschicht stehend, damals das Gebiet zwischen der Wolga und dem Ural bewohnte, den Hunnen benachbart war, ist es wahrscheinlich, daß auch sie in den hunnischen Machtbereich einbezogen waren.

Die Hauptmacht der Hunnen, die zu dieser Zeit anscheinend keine einheitliche Führung hatten, wandte sich ab 395 gegen das oströmische Reich. In gleicher Stoßrichtung kämpfte auch Attila, der im Jahre 445 die Oberherrschaft im Reiche der Hunnen errungen hatte. — Es müssen aber auch im Norden damals furchtbare Angriffe der aus Osten kommenden Völker stattgefunden haben, denn nicht ohne Grund werden die Burgunden, Vandalen und Sueben ihre ostdeutschen Sitze verlassen haben und dann 405 in Italien und 406 in Gallien eingefallen sein. — Die Hunnen werden den Angriff auf Norddeutschland anscheinend den finnischen Horden überlassen haben, und offensichtlich hat hierbei der türkische Magyarenfürst, „der Magy”, die Führung gehabt.

Vermutlich überrannten zur gleichen Zeit die Suomi Finnland, nach welchem Land später die ganze Gruppe dieser finno-ugrischen Völker benannt wurde, und eroberten von dort aus den südlichen Teil [27] Schwedens, der im Ura-Linda-Bok Schonland genannt wird, das als erstes Land vom Magy erobert wurde. Dessen weiterer Angriff auf Dänemark 409 ist ebensogut möglich, wie der erzählte zwei Jahre später erfolgte Überfall auf die Burg von Texel. Wahrscheinlich hat diese hunnische Invasion in ihre Wohngebiete auch die Übersiedlung ganzer Gruppen von Angeln, Sachsen und Jüten nach Britannien veranlaßt, was schon früher vermutet worden ist.

Attila selbst ist in diesem Winkel seines Reiches wohl nie erschienen, obwohl er auf einem seiner Kriegszüge die Ostsee erreicht haben soll. Die zahlreichen römischen Münzen aus der Zeit von 400 bis 450, die man auf Bornholm, Öland und Gothland ausgegraben hat, machen es wahrscheinlich, daß diese Inseln in seinen Machtbereich geraten waren. Der griechische Historiker Priskos, der als Mitglied einer oströmischen Gesandtschaft 449 Attilas ungarische Residenz besuchte, vernahm dort, daß dieser auch über die „Inseln im Ozean” herrschte, womit nur die dänischen und friesischen Inseln gemeint sein können. Erst kurz vor seinem Einfall in Gallien, der mit der Schlacht auf den Catalaunischen Gefilden 451 endete, unterwarf Attila die rechtsrheinischen Franken und Alemannen und breitete hierdurch seine Herrschaft bis an den Rhein aus. — Es ist wahrscheinlich, daß zur gleichen Zeit der Magy Friesland für kurze Zeit unterwarf.

Auch die Art der Regierung Attilas ist hier in Betracht zu ziehen. Er herrschte durch List und Gewalt, war aber freigiebig gegenüber seinen Untergebenen und seinen Gefolgsleuten. Genauso wird uns der Magy geschildert, der, wie sein Oberherr, seine Macht auf die Mitwirkung der Fürsten und des Adels der unterworfenen Völker aufzubauen versuchte.

Auch wenn Adela dem Magy vorwirft, durch Begünstigung der Rassenmischung und der hiermit verbundenen Demoralisierung den Widerstand des Fryavolkes endgültig brechen zu wollen, so entspricht dies völlig den Hertschaftsmethoden Attilas.

Immer wieder hat jede imperialistische Macht versucht, auf diese Weise völkischen Widerstand zu brechen.

Die Hunnen waren, wie die Finnen, sehr abergläubig und ihre Heere wurden immer von Schamanen begleitet, die den Feind durch Hervorrufen von Visionen zu erschrecken versuchten.[16] Im Ura-Linda-Bok heißen diese Zauberer Priester (prestera), und es wird auch hier vom Aberglauben der Finnen gesprochen.

Die Finnen und die Magyaren (Ungarn) sind auch die ersten Völker, [28] die sich in den von den germanischen Völkern geräumten ostdeutschen Gebieten angesiedelt haben. Ihrem Einfluß ist es wohl zuzuschreiben, daß in Norddeutschland sowie auch in Dänemark und den niederländischen Provinzen Groningen und Friesland, inmitten einer überwiegend nordischen Bevölkerung und abnehmend nach dem Westen, Menschen zu finden sind, die den ostbaltischen oder einen dunkel-mongolischen Rassetypus mehr oder weniger deutlich zeigen. — Slawischem Eindfluß ist diese Beimischung nicht zuzuschreiben, da die Slawen, solange sie noch in ihrer Urheimat beisammenwohnten, zur nordischen Rasse gehörten. Erst in einer späteren Zeit wurde das Gebiet östlich von Elbe und Saale sprachlich slawisiert, aber in all den genannten Gebieten hat die finno-ugrische Invasion in der heutigen Bevölkerung seine Spuren hinterlassen. Auch hier findet das Heute in der Vergangenheit seine Erklärung.

Zum Schluß sei hier noch auf Folgendes hingewiesen. Ebenso wie die Mägdeburg von Apollonia, die sie eingehend beschreibt, waren auch die späteren Burgen der Normannen rund und von einem niedrigen Erdwall umgeben.[17] Der Hauptort der heutigen Insel Texel heißt Den Burg und die einzigartige und jedenfalls sehr alte Burg der Stadt Leiden ist rund, obwohl mit einer Ringmauer versehen.

Merkwürdig ist es ferner, daß bei Ausgrabungen in den Wurten (Terpen) der friesischen Marschen beiderseits der heutigen Staatengrenze Spuren einer gewaltigen Überschwemmung gefunden wurden. Man spricht von der zweiten marinen Transgression, die im 5. Jahrhundert nach der Ztw. stattgefunden haben soll. Dr. W. Haarnagel, der in den fünfziger Jahren die Feddersen Wierde in der Landschaft Wursten (rechts der Wesermündung) untersuchte, fand dort die Reste von sieben Dörfern, die alle in der genannten Zeit verlassen worden waren. Ihr Untergang spiegelt die Entvölkerung der ganzen Küstenzone östlich der Weser wider, die menschenleer blieb, bis um das Jahr 700 Wursten aufs neue — diesmal von Friesen — kolonisiert wurde. In Ostfriesland stellte Dr. W. Reinhardt eine Unterbrechung der Besiedlung während dieses Zeitabschnitts fest.

Die Ergebnisse der Ausgrabungen, die man in den Terpen von niederländisch Friesland vorgenommen hat, stimmen mit diesen deutschen Befunden überein. In der großen Wurte von Ezinge (Provinz Groningen) stellte Prof. Van Giffen in den späteren Schichten das Verschwinden der großen friesischen Bauernhöfe fest. An deren Stelle erschienen kleine Hütten von sächsischen Ansiedlern, während die einheimische [29] Keramik von Töpfen mit angelsächsischer Dekoration abgelöst wurde. Der Anthropologe J. Huizinga fand eine Diskontinuität im kraniologischen Material, die er aus einer Invasion erklärte. Ein anderer Untersucher, Mr. H. Halbertsma, wies darauf hin, daß viele Wurten im Verlauf des 4. (?) Jahrhunderts verlassen wurden und dachte in dieser Beziehung an die möglichen Folgen der oben genannten zweiten marinen Transgression. In Übereinstimmung damit meinte Dr. M. Gysseling, daß die friesischen Ortsnamen, die in ihrer ersten Silbe einen Personennamen enthalten und mit einem Suffix, wie — ingja oder — heim enden, aus den „Dunklen Zeiten” stammen; in dieser Periode soll Friesland beinahe all seine heutigen Ortsnamen erhalten haben.

Obwohl nun etliche Gelehrte als Ursache dieser Entvölkerung und des sie begleitenden kulturellen Niederganges eine — nicht zu beweisende — angelsächsische Invasion angenommen haben, durch die die küstennahen Distrikte Frieslands systematisch zerstört sein sollten, faßt A. Russchen, dessen englisch geschriebenem Werk[18] die hier oben genannten Einzelheiten entnommen sind, sein Urteil wie folgt zusammen (Kursiv von mir):

In Anbetracht der Beiträge von Dr. Huizinga, Mr. Halbertsma und Dr. Gysseling bin ich anderseits geneigt, an etwas heftigeres (something more vehement) als gerade an einen Wechsel in kulturellen Einflüssen zu denken”. Und weiter „in diesem Stadium ist es vielleicht möglich, sich auf die Formel einer Kombinaton verschiedener Faktoren, klimatologische sowohl wie menschliche zu einigen, die Friesland bis in seine Grundlagen erschütterte.

Die Angaben über eine gewaltige Überschwemmmung, die um 450 u.Ztr. ganz Friesland zerstörte, die in der Schrift Apollonias enthalten sind, werden also von der Archäologie vollauf bestätigt.

Noch in einer anderen Hinsicht aber haben Bodenfunde die in den Handschriften enthaltenen Berichte als richtig erwiesen.

In der oben bereits genannten Feddersen Wierde entdeckte Dr. Haarnagel die Spuren einer mannigfaltigen handwerklichen Tätigkeit und eines lebhaften Handelsverkehrs, vornehmlich mit dem römischen Reich. Emden und das nahegelegene Groothusen sieht er aber als richtige Handelsniederlassungen an, die in ihrer Anlage Prototypen des späteren Dorestad darstellen. In Mittelfriesland nennt Halbertsma als solche Handelsplätze Harlingen, Leeuwarden, Dokkum, Tzum und eine Reihe anderer Ortschaften. Auch das sich in den Handschriften entrollende Bild von den sozial-ökonomischen Verhältnissen im [30] damaligen Friesland, das sicherlich nicht rein agrarisch war, sondern durch Handel und Schiffahrt blühte, wird also durch die Bodenfunde bekräftigt.

Ich schließe noch eine kurze Zeit-Übersicht an:

  • 375 Eindringen der Hunnen in Osteuropa. Untergang des ostrogotischen Reiches.
  • 375/400 Finno-ugrische Völker erobern Finnland und Südschweden (Schonland). Sie besetzen Ostdeutschland.
  • 409 Der Magyarenfürst (Magy) erobert Dänemark.
  • 411 Ermordung der Volksmutter Frana. Der Magy wird in einem Seegefecht bei Medemblik geschlagen.
  • 411/441 Zunehmende Bedrohung Frieslands durch Magyaren und Finnen. Diese unterwerfen das Land östlich der Weser.
  • 412 Volksversammlung zu Groningen. Zunehmende Anarchie.
  • 441 Adelas Auftreten in einer Volksversammlung. Die Wahl einer neuen Volksmutter wird vereitelt.
  • 444 Ermordung Adelas durch magyarische Reiter. Ermordung Adelbrosts. Apol baut in Schonland die Lindasburg.
  • 445 Reise Apollonias längs des Rheines. Sie besucht die Pfahldorfbewohner (Marsaten) in der Schweiz. Ermordung ihres Vaters. Der Magy wird Herr ohne Kampf. Attila wird Großkhan.
  • 450/451 Eine große Überschwemmung zerstört in Friesland alle Burgen außer der auf Texel. Die Wälder sind zerstört. Entstehung der Bordine oder Middelzee. Gründung von Leeuwarden. Ende der magyarischen Unterjochung. Ende der Hunnenherrschaft in Mitteleuropa.

Kapitel II — Die Schriften Konered und Beden

[31] Die Ausdeutung dieser beiden Schriften hat ihre Schwierigkeiten. So ist in den Schriften von Konered nicht angegeben, welche der von ihm berichteten Ereignisse seiner Zeit angehören, und welche in eine frühere Zeit fallen, also von ihm einer älteren Vorlage entnommen sind.

Von den Schriften von Beden ist ein großer Teil verloren gegangen. und es bleibt hierdurch ungewiß, ob er auch als Verfasser der im dritten Kapitel noch zu behandelnden Geschichte des Königs Askar anzusehen ist. Trotz diesen Schwierigkeiten ist es aber doch möglich, auch hier Klarheit zu schaffen.

Die Schrift ron Konered

„Meine Ahnen haben nacheinander dieses Buch geschrieben. Ich will das vor allem tun weil in meinem Land keine Burg mehr ist, an der wie ehedem die Ereignisse aufgeschrieben werden. Mein Name ist Konered (Konrad). Meines Vaters Name war Frethorik, meine Mutter war Wiljow. Nach dem Tode meines Vaters bin ich zu seinem Nachfolger gewählt worden, und als ich fünfzig Jahre zählte, wählte man mich zum obertsen Grevetmann.

Mein Vater hat beschrieben, wie die Linda-Orte und die Liudgaarden (niederl. gaarde = Garten) zerstört worden sind. Lindahem ist noch weg und die Linda-Orte zum Teil, Die nördlichen Liudgaarden sind von der salzigen See verschlungen. Das brausende Meer frißt an dem Ringdeich der Burg. Wie es mein Vater berichtet hat, sind die ihrer Habe beraubten Menschen hingegangen und haben Häuschen innerhalb des Ringdeiches der Burg gebaut. Deshalb ist der Rundteil (ronddel) jetzt Liudwerd geheißen. Die Seeleute sagen Liuwert, aber das ist eine falsche Aussprache”.

Konered beschreibt dann weiter, wie in seiner Jugend alles Land außerhalb des Deiches sumpfig war, die Fryas aber Gräben gegraben und Deiche aufgeworfen und hierdurch wieder eine gute „Hemrik",[19] d.i. eine gemeinsame anbaufähige Feldmark bekommen haben. Es werden [32] Pfähle eingerammt, um einen Hafen anzulegen und den Ringdeich zu schützen, und die kleinen Häuser werden ausgebaut und vergrößert.


Es ist deutlich, daß die nun folgenden Ausführungen (S. 144-147 des Originals) die Fortsetzung der Geschichte der Geertmänner (S. 119-131 des Originals) sind, die erst im VIII. Kapitel zu behandeln ist. Um den Leser nicht zu verwirren, wird dieser Teil der Schrift, der die Überschrift „Nun will ich über Friso schreiben” trägt, hier fortgelassen; der Leser findet ihn am Ende des achten Kapitels.


In welcher Zeit Konered selbst gelebt hat, sieht man aus seinem Vorwort. Er sah in seiner Jugend in seiner nächsten Umgebung in der Nachbarschaft von Liudwerd, dem späteren Leeuwarden (fries. Ljouwerd) die Folgen der verheerenden Überschwemmung von 450 n.d.Ztr. Er erwähnt die dadurch entstandene Middelzee und war im reiferen Alter Zeuge des Wiederaufbaues.

Es scheint deshalb richtig, die Entstehung seiner Schrift, in deren folgendem Teil er die Geschichte seiner eigenen Zeit behandelt, auf ungefähr 470 n. anzusetzen.

Es wirkt aber verwirrend, daß in dieser Fortsetzung wiederum ein Friso genannt wird, was beim oberflächlichen Lesen den Eindruck erwecken kann, daß beide Teile in der gleichen Zeit spielen und zusammengehören. - Ein so berühmter Name wie Friso wird aber in Friesland oft vorgekommen sein.


„Nun muß ich mit meine Geschichte zurückkehren.

Nach der großen Flut, worüber mein Vater geschrieben hat, waren viele Jüten (jutter) und Letten (lêtne) mit der Ebbe aus der Balda- oder Böse-See geführt worden. Beim Kattegat (kathisgat) trieben sie mit ihren Boten mit dem Eis der denemarker Küste zu und sind da sitzen geblieben. Da waren nirgends Menschen in Sicht, darum haben sie das Land in Besitz genommen. Nach ihrem Namen haben sie das Land Jütland geheißen.

Später kamen viele Denemarker zurück von der hohen See, aber diese ließen sich südlicher nieder, und als die Seeleute, die nicht umgekommen waren, zurückkehrten, ging der eine mit dem anderen auf See oder auf die Inseln. Infolge dieses Schicksals durften die Jüten das Land, auf das Wralda sie geführt hatte, behalten. Die seeländischen Schiffsleute, die nicht nur vom Fischfang allein leben wollten und eine große [33] Gegnerschaft gegen die Golen hatten, begannen dann mit der Plünderung phönizischer Schiffe.

In der südwestlichen Ecke Schonlands liegt Lindasburg, zugenannt Lindasnase, von unserem Apol gegründet, so wie es in diesem Buch geschrieben steht. Alle Küstenbewohner und Umländer (ommelandar) waren dort echte Fryas geblieben, aber durch die Lust zum Rachekampf gegen die Golen und Kältana-Anhänger machten sie mit den Seeländern gemeinsame Sache, doch diese Zusammenarbeit hat nicht standgehalten, weil die Seeländer viele üble Sitten und Gebräuche von den Magyaren übernommen hatten, Fryas Volk zum Spott. Daraufhin ging ein jeder für sich selbst auf Raub, doch wo es sich traf standen sie einander treulich bei”.

Es wird weiter erzählt, wie die Seeländer zuletzt Mangel an guten Schiffen bekamen, weil ihre Wälder fortgeschwemmt und ihre Schiffsbauer umgekommen waren. Sie sandten deshalb drei Schiffe nach Friesland, die aber infolge der Zerstückelung der Küste die Fliemündung verfehlten und bei der Burg des Konered (ljudwerd) landeten. Der mitgefahrene Kaufmann will von ihm gegen geraubte Ware Schiffe erwerben. Da Konered selbst keine Schiffe hat, läßt er ihn weiter zu Friso reisen, „denn zu Staveren und das Alderga entlang wurden die besten Kriegsschiffe gebaut. Sie waren aus hartem Eichenholz in das keine Fäulnis hineinkommt".

Zu gleicher Zeit waren auch einige Jüten bei Friso erschienen, die sich über den Kinderraub der Seeländer beklagten, die Knaben mußten ihnen als Ruderer dienen und die Mädchen sollten ihnen Kinder gebären.

Die Jüten klagten, sie könnten das den Seeländern nicht verwehren, weil sie keine guten Waffen hätten. Friso bedingt sich dann einen Hafen in ihrem Lande aus und verspricht dessen Eingang durch Anlage einer Burg zu schützen. Dann erscheinen die Seeländer an seinem Hof und bringen ihr Gesuch bezüglich des Ankaufs von Kriegsschiffen bei ihm vor. Mit diplomatischem Geschick sagt er ihnen die jährliche Lieferung von 50 voll ausgerüsteten Kriegsschiffen zu, aber unter der Bedingung, daß sie künftig die Jüten und alle Fryaskinder in Ruhe lassen. Ja, er sagt noch mehr zu, er wolle alle unsere Seekämpen auffordern, mit ihnen auf Beutefahrt zu gehen.

Als die Seeländer nach Abschluß dieses für alle Beteiligten recht befriedigenden Abkommens abgereist waren, ließ er vierzig alte Schiffe mit Waffen, Holz, hartgebrannten Ziegeln, mit Zimmerleuten, [34] Maurern und Schmieden beladen, um damit Burgen zu bauen. Seinen Sohn Witto sandte er als Aufsicht mit. „Was da geschehen ist, ist mir nicht berichtet worden, aber so viel ist mir deutlich geworden, daß beiderseits des Hafeneinganges eine Trutzburg errichtet worden und mit Volk belegt worden ist, das Friso aus dem Sachsenland herholte. Witto hat Siuchthirte befreit und zur Frau genommen. Wilhelm, so hieß ihr Vater — er was der oberste Alderman der Jüten, das ist oberster Grevetmann oder Graf — ist kurz hiernach gestorben und Witto ist an seiner Stelle gewählt worden”.

* * *

Auch hier hat deutlich ein Abschreiber die Spuren seiner späteren Tätigkeit zu Anfang dieser Geschichte hinterlassen.

Es kann keine Rede davon sein, daß die Jüten, wie hier behauptet wird, sich erst um 470 n.d.Ztr. in der nach ihnen benannten Halbinsel niedergelassen haben. Diese Angabe steht auch im Widerspruch zu den Geschichten von Wodin und Tünis, wo die Jüten als ein alt eingesessenes Volk hingestellt werden (vergl. Kap. VI). Die Letten, die zu jeder Zeit ein reines Landvolk gewesen sind, können nicht im 5. Jhdt. über See bis nach Jütland vorgedrungen sein, und die Erwähnung von phönizischen Schiffen ist ein arger Anachronismus, durch die der Abschreiber seine mangelhafte Geschichtskenntnis bekundet.

Anderseits aber ist hervorzuheben, daß der weitere Inhalt dieser Erzählung sehr gut mit den bekannten historischen Tatsachen übereinstimmt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß an den bekannten Raubzügen der Angeln und Sachsen, die seit dem Ende des 3. Jahrh. die Küsten der Nordsee und des Ärmelkanals heimsuchten, auch Dänen und Friesen teilgenommen haben, und bekanntlich haben Jüten sich an der germanischen Kolonisation Britanniens beteiligt. Ein Vordringen der Dänen von Südschweden aus über die Inseln bis in den südlichen Teil Jütlands ist in dieser Zeit, dem 5. Jhdt. durchaus wahrscheinlich und es ist nicht unmöglich, daß die Sitten dieses Volkes tatsächlich infolge der vorangegangenen finnisch-magyarischen Fremdherrschaft bis zu einem gewissen Grade verdorben waren. Die Folgen der großen Flut vom Jahe 450 werden auch hier wieder erwähnt, sodaß es möglich ist, diese Schrift mit Sicherheit ungefähr zu datieren. Wenden wir uns jetzt aber ihrer Fortsetzung zu.

Was Friso ferner tat

„Von seiner ersten Frau hatte er noch zwei Schwäger, die recht wacker [35] waren. Hetto, d.i. „der Heiße", den jüngeren, schickte er als Sendboten nach Kattaburg, das tief in den Sachsenmarken liegt. Er hatte von Friso außer seinem Reitpferd sieben Rosse mitbekommen, alle beladen mit köstlichen, durch die Seekämpen geraubten Gütern. Bei jedem Pferd waren zwei junge Seekämpfer und zwei junge Reiter, alle in reichen Kleidern und mit Geld in ihren Beuteln. Wie er Hetto nach Kattaburg sandte, so schickte er Bruno, das ist Braune’, den anderen Schwager nach Mannagarda-Ort. Mannagarda-Ort ist in diesem Buche Mannagarda-Forda geschrieben, aber das ist falsch”. Es wird dann weiter erzählt, wie die Sendboten Geschenke an Fürsten und Fürstinnen austeilen, offenbar um deren Gunst zu gewinnen, während ihre Knappen durch ihre Freigiebigkeit mit Gewürzkuchen und Bier den Neid der sächsischen Jungmannen erwecken. Es fiel ihm dann nicht schwer, viele zur Teilnahme an den Beutezügen zu bewegen. Zur Festigung der friesisch-sächsischen Freundschaft heirateten die beiden Schwäger Frisos Töchter der ansehnlichsten sächsischen Fürsten. Später kamen ganze Scharen sächsischer Jungmannen und Jungmädel zum Fliesee herunter.

Die Burgmägde und die älteren Mägde, die noch von der früheren Größe wußten, „zeigten sich dieser Politik abhold, aber die jüngeren Mägde waren dem Friso ergeben. Sie sagten überall, wir haben fortan keine Mutter mehr weil wir selbständig geworden sind. Heute geziemt uns ein König, damit wir das Land wieder gewinnen, das die Mütter durch ihre Unsorgsamkeit verloren haben”. Falls wieder ein König gewählt werden sollte, so erachteten sie „Friso hierzu von Wralda erkoren, denn er hat ihn wundersam hierhergeleitet. Friso kennt die Ränke der Golen, deren Sprache er spricht, er kann also gegen ihre Listen auf der Hut sein”.

„Die älteren Mägde, obgleich wenige an Zahl, zapften ihre Reden aus einem anderen Faß. Friso, so verbreiteten sie überall, macht es wie die Spinnen, nachts spinnt er seine Netze nach allen Seiten und tagsüber überrascht er dann seine arglosen Freunde. Friso sagt, er möge keine Priester noch fremde Fürsten, ich aber sage, er mag niemanden außer sich selbst. Darum auch will er nicht zulassen, daß die Burg Stavia wieder aufgebaut wird, darum auch will er keine Mutter mehr haben. Heute ist Friso euer Ratgeber, aber morgen will er euer König werden, damit er über euch alle richten kann.

Innerhalb des Volkes entstanden nun zwei Parteien. Die Alten und die Armen wollten wieder eine Mutter haben, aber das junge Volk, das [36] voller Kampfeslust war, wollte einen Vater oder König haben. Die ersteren nannten sich „Muttersöhne” und die anderen nannten sich selbst „Vatersöhne”. Aber die Muttersöhne fanden keine Beachtung, denn weil viele Schiffe gebaut wurden, gab es viel Arbeit und Brot für Schiffsbauer, Schmiede, Segelmacher, Seiler und für alle anderen Handwerksleute. Auch brachten die Seeleute viel Beute an Schmucksachen mit, an denen die Frauen, die Jungfrauen und die Mägde ihre Freude hatten.

Als Friso an die vierzig Jahre in Staveren gewirkt hatte, starb er. Durch seine Bemühungen hatte er viele Staaten wieder zueinander gebracht, aber ob wir dadurch besser wurden, wage ich nicht zu bestätigen. Von allen Grafen, die vor ihm waren, war niemand so berühmt gewesen wie Friso, aber wie ich schon sagte, die jungen Mägde sprachen sein Lob, während die alten Mägde alles taten, um ihn zu tadeln und bei allen Leuten verhaßt zu machen. Zwar konnten die alten Mägde ihn hierdurch nicht in seinen Bemühungen stören, aber sie haben mit ihrem Geschrei doch soviel ausgerichtet, daß er starb, ohne daß er König geworden war”.

* * *

Wie ein Vergleich mit dem im achten Kapitel zu behandelnden älteren Friso lehrt, gibt es zwischen den beiden Gestalten gewisse Übereinstimmungen, die Verdacht erregen könnten. Beide heiraten zum zweiten Male, beide kannten „die Ränke der Golen” — was besagen will, daß sie Auslandserfahrung hatten — und beide waren bestrebt, ihre Macht zu vergrößern, wobei beiden die Stellung einer Volksmutter im Wege stand, die sie am liebsten ganz beseitigen möchten. Es lag dabei in der Natur der Sache, daß tatkräftige und zielbewußte Männer in hohem Führungsamt in einen gewissen Gegensatz zu einer Volksmutter geraten mußten. Ferner ist anzunehmen, daß die Kenntnis ausländischer Verhältnisse auch damals einem Politiker eine gewisse Überlegenheit verschaffte. So bleibt nur die zweite Heirat der beiden Frisos als zufällige Ubereinstimmung, die nicht berechtigt, deshalb an der Verschiedenheit zweier Personen zu zweifeln.

Eine Gleichstellung scheint uns für die beiden Personen nur da vorzuliegen, wo die jüngeren Mägde meinen, Friso sei von Wralda zum König vorherbestimmt, da er (Wralda) „ihn so wundersam hierhergeleitet habe”, Diese Hinzufügung scheint auf den Geertmann Friso Bezug zu haben und dürfte der Feder eines Abschreibers entstammen, der die beiden Frisos miteinander identifizierte. Die Geschichte des [37] zweiten Friso, die hieroben wiedergegeben wurde, spielt deutlich in dem Zeitraum zwischen der großen Flut 450 n. und dem Auftreten des Königs Askar (470?). Sie schildert den ersten noch unentschlossenen Versuch, in Friesland eine Königsmacht zu begründen.

Merkwürdig ist in dieser Geschiche die Angabe, daß schon Friso — wie später König Askar — sich weigerte, die Burg Stavia bei Staveren wieder aufbauen zu lassen. Mit Mannagarda-Ort — fälschlich auch Mannagarda-Forda geschrieben — ist vielleicht das spätere Münster gemeint, das 804 unter dem Namen Mimigardevord[20] dem für die Sachsen von Karl dem Franken ernannten Bischof Liudger als Wohnsitz angewiesen wurde. Dagegen ist es unmöglich die Lage von Kattaburg,[21] das tief in den Sachsenmarken lag, zu bestimmen. Verfolgen wir aber jetzt die Schrift von Konered weiter.

Jetzt will ich schreiben über seinen Sohn Adel

„Friso, der unsere Geschichte aus dem Buch der Adelingen kennen gelernt hatte, hat alles getan, um ihre Freundschaft zu gewinnen. Seinen ersten Sohn, den er hier bei seiner Frau Swethirte gewann, hat er sogleich Adel genannt. Und obgleich er mit aller Macht danach strebte, keine Burgen wiederherzustellen noch aufzubauen, so sandte er doch Adel nach der Burg auf Texland, damit er durch und durch mit allem, was zu unseren Gesetzen, Sprache und Sitten gehört, bekannt würde. Als Adel zwanzig Jahre zählte, ließ Friso ihn in seine eigene Schule kommen, und als er ausgelernt hatte, ließ er ihn durch alle Staaten reisen. Adel war ein liebenswürdiger junger Mann und auf seinen Fahrten hat er sich viele Freunde gewonnen. Deshalb nannte das Volk ihn Atha-rik (Freundereich), was ihm später sehr gut zu statten gekommen ist. Denn als sein Vater gestorben war, blieb er an seiner Stelle, ohne daß von der Wahl eines anderen Grafen gesprochen wurde.

Während Adel in Texland in der Lehre war, befand sich auf der dortigen Burg eine sehr liebenswürdige Maid. Sie kam aus den Sachsenmarken her aus dem Staat, der Suobaland genannt wurde. Darum wurde sie in Texland Suobene genannt, obgleich ihr Name Ifkja war. Adel hatte sie liebgewonnen, und sie liebte Adel, aber sein Vater befahl ihm, noch zu warten, aber sobald sein Vater gestorben und er seinen Platz eingenommen hatte, sandte er sofort Boten zu ihrem Vater Bertholde, ob er seine Tochter zum Weibe haben dürfte. Bertholde war ein Fürst von unverdorbenen Sitten. Er hatte Ifkja in der Hoffnung nach Texland geschickt, daß sie einmal in seinem Lande zur [38] Burgmagd gewählt werde. Allein er hatte ihrer beider Begehren kennengelernt, darum ging er hin und gab ihnen seinen Segen. Ifkja war eine tüchtige Friesin (fryas). Soweit ich sie kennengelernt habe, hat sie immer gewirkt und gestrebt, damit die Fryaskinder wieder unter ein Gesetz und in einen Bund kommen würden.

Um die Menschen zu gewinnen war sie mit ihrem Gemahl von ihrem Vater aus durch alle Sachsenmarken und weiter nach Geertmannja gereist. Geertmannja hatten die Geertmänner ihren Staat geheißen, den sie durch Gosas Zutun bekommen hatten. Von dort gingen sie nach den Denemarken. Von den Denemarken gingen sie zu Schiff nach Texland. Von Texland gingen sie nach Westflieland und so dem Meer entlang nach Walhallagara. Von Walhallagara reisten sie längs des Süderrheins (Waal), bis sie mit großer Gefahr oberhalb des Rheins zu den Marsaten kamen, worüber unsere Apollonia geschrieben hat.

Als sie hier einige Zeit geblieben waren, gingen sie wieder abwärts. Als sie eine Zeitlang bergab gefahren waren, bis sie in die Gegend der alten Burg Aken (Aachen?) kamen, sind unversehens vier Knechte ermordet und nackt ausgeplündert worden. Sie waren ein wenig zurückgeblieben. Mein Bruder, der überall dabei gewesen war, hatte ihnen dies oft verboten, sie hatten aber nicht gehorcht. Die Mörder waren Twiskländer gewesen, die heutzutage dreist über den Rhein kommen, um zu morden und zu plündern. Die Twiskländer sind verbannte und fortgelaufene Fryaskinder, die ihre Frauen von den Tartaren geraubt haben. Die Tartaren sind ein braunes Findasvolk, so genannt, weil sie alle Völker zum Kampf herausfordern (to strida uttarta niederl. „tot de strijd uittarten”). Sie sind alle Reiter und Räuber. Dadurch sind die Twiskländer genauso räuberisch geworden.

Die Twiskländer, die diese Ubeltat begangen hatten, nannten sich selber Freien oder Franken. Es gab unter ihnen, so sagt mein Bruder, rote, braune und weiße. Die roten oder braunen beizten ihre Haare mit Kalkwasser weiß, da aber ihr Gesicht braun blieb, wurden sie dadurch umso häßlicher.

Ebenso wie Apollonia sahen sie sich nachher Lydasburg und das Alderga an. Darauf zogen sie über Staveren bei ihren Leuten umher. Sie waren so liebenswürdig gewesen, daß die Menschen sie überall dabehalten wollten.

Drei Monate später sandte Adel Boten zu allen Freunden, die er gewonnen hatte, sie sollten im Wonnemond weise Männer zu ihm senden, ......”

[39] In der obigen Erzählung, die so plötzlich endet, gibt es zweifellos wieder Elemente, die nicht hier hineingehören. — Zunächst ist hier die Angabe, daß Friso die Geschichte der Fryas aus dem Buch der Adelingen kennengelernt habe. Dies erweckt den Eindruck, daß er ein Fremder war. Wie man annehmen darf, hat ein Abschreiber hier, wie auch bei der Mitteilung, daß Friso eine eigene Schule hatte, an den Geertmann Friso gedacht und diesen mit seinem späteren Namensgenossen gleichgesetzt.

Dieser Abschreiber aber hatte die Geschichte der Geertmänner nur oberflächlich gelesen, was daraus hervorgeht, daß er angibt, diese weitgereisten Leute hätten durch Gosa einen eigenen Staat bekommen. Gosa hatte im Gegenteil gerade diese Einwanderer über weit auseinanderliegende Wohnsitze zu verteilen geraten, damit sie nicht zu mächtig werden sollten.

Und es wird (vergl. Kap. VII) deutlich gesagt, dieser Rat der Volksmutter sei befolgt worden. Vom Bestehen einer Landschaft „Geertmannja” irgendwo im damaligen Norddeutschland kann also keine Rede sein. So ist die Vermutung begründet, daß es sich hier um einen späteren Zusatz handelt, der dem Leser nahe bringen soll, den Namen Germanien mit den Geertmännern in Verbindung zu bringen.

Stark verdorben durch spätere Zusätze und Namensänderungen scheint auch der letzte Teil dieser Erzählung zu sein. Ohne Zweifel kann ein gewisser Teil der dem Rhein benachbarten germanischen Völker durch die erlittene Hunnenherrschaft bis zu einem gewissen Grade demoralisiert worden sein. Es bestand aber sicherlich kein Grund, das damals noch unverdorbene Volk der Franken, von denen lediglich die rechts-rheinisch wohnenden eine zeitlang unter Hunnenherrschaft standen, in seiner Gesamtheit als „Verbannte und fortgelaufene Fryaskinder” und ebenso räuberisch wie die „Tartaren” anzusehen. Dies sind gewisse Vorurteile, die auch in der Geschichte König Askars zu Worte kommen (vergl. Kap. III).

Ob der Autor mit roten, braunen und weißen Franken an die Haarfarbe denkt, die künstlich mit Kalkwasser heller gemacht wurde, oder an eine Art der Tätowierung, ist nicht zu entscheiden. — Die Bezeichnung der Hunnen als Tartaren entstammt aber zweifellos der Feder von Hiddo Ura Linda, der 1256 die Handschriften, die naß geworden waren, abschrieb. Diese Annahme ist im Kapitel III näher zu begründen.

Nach Abstreifung all dieser späteren Änderungen und Zufügungen [40] bleibt aber eine Geschichte, die sich sehr wohl zwischen dem Bericht über den zweiten Friso und dem über König Askar einfügen läßt. — Auch Adel strebt, wie sein Vater, nach der Königswürde. Er wirbt hierfür aber in anderer Weise und wirkt mehr durch Überredung als durch Verteilung von auf Raub erworbenen Geschenken. — Im Gegensatz zu Askar, der die Gunst des niederen Volkes suchte, stützen beide sich auf den Adel. Wie später Askar, trachtet bereits Adel danach die Staatseinheit aller ingwäonischen Stämme unter Führung der Friesen wieder herzustellen. Zu diesem Zweck unternimmt er mit seiner gleichgesinnten Gemahlin Jfkja die weite Reise durch die Sachsenmarken. Nur der von beiden unternommene Ausflug zum weit abgelegenen Lande der Marsaten bleibt in diesem Bericht ein unsicheres Element fragwürdiger Urheberschaft. Die Tatsache aber, daß der als Geburtsland der Ifkja genannte Gau Suobene unter dem latinisierten Namen Suavia[22] noch aus dem 11. Jhdt. bekannt ist, zeugt von der Echtheit dieser Erzählung.

Die Schrift von Beden

„Mein Name ist Beden, Hachganas Sohn. Mein Onkel Konered ist nie verheiratet gewesen und kinderlos gestorben. Mich hat man an seiner Stelle gewählt. Adel, der dritte König dieses Namens, hat diese Wahl gutgeheißen.

Hierbei setzte er voraus, daß ich ihn als meinen Oberherrn anerkennen würde. Außer dem Hof meines Onkels hat er mir ein Grundstück gegeben, das an meinem Hofraum grenzte, unter der Bedingung daß ich hierauf Menschen setzen würde, die seine Leute niemals würden......” Während an der vorigen Erzählung nur zwei Seiten fehlen, was Dr. Ottema dadurch erklärt, daß Hiddo Ura Linda beim Abschreiben ein Blatt zuviel umgeschlagen habe, sind hier in der Handschrift zwanzig oder mehr Seiten verloren gegangen. Nach der Vermutung Ottemas, hatte Beden darin die Geschichte dieses Königs Adel III — bei den Chronisten Ubbo geheißen — beschrieben. Immerhin wird es hier deutlich, daß Frisos Sohn Adel auf dem Landtag, mit dessen Einberufung seine Geschichte so plötzlich endet, zum König gewählt worden ist. Dies stimmt zu der Angabe, daß Askar, der sogen. Schwarze Adel, der vierte König nach Friso war (vergl. den Anfang von Kap. III). Da die friesischen Wahlkönige dem Gesetz zufolge[23] nur drei Jahre in ihrem Amt verbleiben durften, und ihre Wiederwahl erst nach sieben Jahren gestattet war, ist es möglich, die Regierungszeit dieser drei Könige in einen kurzen Zeitraum — etwa 460 bis 470 (?) — anzusetzen.

Kapitel III — König Askar

[41] Bei dieser letzten Schrift der Ura Linda Sammlung fehlen der Anfang und das Ende. Sie fängt mitten in einem Satz an und endet ebenso mitten in einem Satz, sodaß ihr Autor unbekannt bleibt. In dem hier Folgenden wird unter wortgetreuer Wiedergabe der wichtigsten Stellen ihr Inhalt kurz zusammengefaßt.

„Deshalb will ich erst über den Schwarzen Adel schreiben. Schwarzer Adel war der vierte König nach Friso”. Als er vierundzwanzig Jahre alt war, sorgte sein Vater dafür, daß er zum Asega Askar[24] — offenbar einer Art Staatsanwalt — gewählt wurde. „Als er einmal Askar war, klagte er immer zum Vorteil der Armen”. So wurde er zum Freund der Armen und zum Schrecken der Reichen.

„Als sein Vater gestorben war, hat er dessen Sitz bestiegen, er wollte sein Amt dann ebensogut behalten, wie die Fürsten des Ostens es zu tun pflegten. Die Reichen wollten das nicht dulden, aber jetzt versammelte das andere Volk sich hautenweise, und die Reichen waren froh, mit heiler Haut aus der Versammlung zu kommen. Von da ab hörte man niemals mehr von Rechtsgleichheit sprechen”.

„König Askar, wie er immer genannt wurde, war beinahe sieben Fuß groB und so groß wie seine Gestalt waren auch seine Kräfte. Er hatte einen hellen Verstand, sodaß er alles, was gesprochen wurde, verstand, doch konnte man in seinen Handlungen keine Weisheit verspüren. Bei einem schönen Antlitz besaB er eine glatte Zunge, aber noch schwärzer als sein Haar, hat man seine Seele befunden”.

Im zweiten Jahr seiner Regierung führte er für alle Knaben militärische Ubungen ein. Er sagte, sie brauchten nicht mehr lesen und schreiben zu lernen. Auf einer Volksversammlung begründete er diese kulturfeindliche Haltung mit dem Hinweis auf die gefährliche Lage im Sûden, wie die Golen „zusammen mit anderen entarteten Brüdern und deren Soldaten schon über die Schelde gekommen” und unsere schönen Südlande geraubt haben. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als entweder ein Joch oder ein Schwert zu tragen. „Haben wir den Feind erst einmal vor uns hergetrieben, so müssen wir weitergehen, bis es keinen Golen noch Slawen noch Tartaren mehr auf [42] Fryas Erde gibt. (alhwenne ther nen gola ner slavona nach tartara mâra fon fryas erv to vrdryvane send)”.

Da die Reichen ihren Mund nicht zu öffnen wagten, fand die Anrede Askars „allgemeinen Beifall”. Auch hatte er sie gewiß vorher aufschreiben lassen, denn schon am Abend waren gleichlautende Abschriften in wohl zwanzig Händen.

Askar befiehlt dann den Schiffsbauern, die Kriegsschiffe mit doppelten Vorsteven, auf denen „Kranbogen” — vermutlich eine Art von drehbaren Katapulten — befestigt werden konnten, zu versehen. Dann greift er in einen Krieg ein, der im Norden Britanniens zwischen den in diesem Bergland herrschenden Golen und den sich gegen diese auflehenden Kelten (kältana folgâr)[25] ausgebrochen ist. Die Golen werden hier als phönizische Priester geschildert, die von den Römern allmählich aus ihren früheren Herrschaftsgebieten in Gallien und Britannien vertrieben worden waren und deren damaliges Oberhaupt seinen Sitz auf der steinernen Burg Kerenäk (auserkorene Ecke)[26] in Schottland eingerichtet hatte. Die keltischen Mägde wollten diese Burg, die in früheren Zeiten ihrer Ehrenmutter Kälta zubehört hatte, zurückhaben. Eine Ausweitung über die Geschichte Roms und der Mittelmeerländer lasse ich hier weg, da sie die Erzählung unnötig unterbrechen würde. Sie stellt wahrscheinlich eine humanistische Hinzufügung dar. Wichtig ist aber hier die Bemerkung, daß die friesischen Seeleute öfters nach Schottland fuhren, wo sie Wolle gegen aufgearbeitete Häute und Leinwand eintauschten. Auch Askar war oft dort gewesen. Er hatte heimlich mit den Mägden und einigen Fürsten Freundschaft geschlossen und ihnen versprochen, die Golen aus Kerenäk zu vertreiben.

Askar rüstet seine Männer mit eisernen Helmen und stählernen Bogen aus, fährt mit vierzig Schiffen nach Schottland und erobert mit Hilfe von in den Sachsenmarken geworbenen Truppen Kerenäk. Der oberste der Golen gerät hierbei mit seinem Goldschatz in seine Gewalt, und die Söldner bekommen ihren Anteil an der reichen Beute. Kurz hiernach besetzt er zwei Inseln, auf denen er Stützpunkre für seine Flotte errichtet, um von hier aus „phönizische” Schiffe und Städte zu überfallen. Begleitet von sechshundert der größten Burschen des schottischen Berglandes kehrt er heim nach Friesland. Aus ihnen bildet er eine Leibwache.

Die Denemarker (tha denemarkar), die sich mit Stolz Seekämpfer (sekämpar) nannten, wurden auf seine Erfolge so eifersüchtig, daß sie ihn bekämpfen wollten. — Die Burgmagd Reintja, die mit einigen [43] Mäg- den in den Ruinen der zerstörten Burg Stavia wohnt, bietet Askar ihre Hilfe an und stellt hierzu die Bedingung, daß der König den Wiederaufbau der Burg besorgen solle. Als Askar diese Bedingung annimmt, fährt Reintja mit drei Mägden nach Holstein (hals) und ruft überall das Volk zur Eintracht auf. Sie beruft sich hierbei auf eine ihr von Wralda zuteilgewordene Offenbarung. Es drohe Gefahr, so sagt sie, und „deshalb sollten alle Völker von Fryas Blut ihre Zunamen wegwerfen und sich allein Fryas Kinder” nennen, um zusammen Findas Volk von Fryas Boden zu vertreiben, anstatt Sklaven zu werden.

„Das dumme Volk, durch das Wirken der Magyaren schon an so viel Torheit gewohnt, glaubte alles, was sie sagte, und die Mütter drückten ihre Kinder an die Brust”.

Nachdem sie den König von Hals „und alle anderen Menschen” zur Eintracht bekehrt hat, fährt Reintja entlang der baltischen See zu den Litauern, bei denen sie aber offenbar weniger Erfolg hat. Von diesen wird nebenbei bemerkt, sie hätten ihre Frauen größtenteils von den „Tartaren”,[27] die zu Findas Geschlecht gehören, geraubt. — Reintjas Reise geht dann weiter durch Deutschland (twisklanda), und sie kehrt nach zwei Jahren den Rhein entlang zurück. Bemerkenswerterweise gibt sie sich hierbei den Deutschen (tha twisklanda[r]) gegenüber als Volksmutter aus und fordert das Volk auf, über den Rhein zu ziehen und die Anhänger der Golen aus Fryas Südlanden zu verjagen. „Täten sie das, dann würde ihr König Askar über die Schelde gehen und dort das Land erobern”.

* * *

„Bei den Deutschen haben sich viele tschudische[28] Gebräuche (félo tjoda plêga) von den Tartaren und Magyaren eingeschlichen, aber es sind auch viele unserer Sitten erhalten geblieben”, so fährt der Text fort: „Demzufolge haben sie auch noch Burgmägde, die die Kinder unterrichten und älteren Leuten Rat erteilen. Anfangs waren sie Reintja feindlich gesinnt, aber zuletzt folgten en dienten sie ihr, und sie wurde von ihnen gepriesen”.

Sobald Askar von den Boten Reintjas vernam, wie die Jüten (juttar) gesinnt waren, schickte er eine Gesandschaft zum König von Holstein mit dem Auftrag, für ihn um die Hand seiner Tochter Fretogunste zu werben. Als diese nach Verlauf eines Jahres in Staveren ankam, befand sich unter ihrem Gefolge ein ugrischer Priester (magy), „denn die Jüten waren seit langem verdorben”. Nachdem die Hochzeit gehalten war, baute man in Staveren eine Kirche (scherke) mit [44] fratzenhaften tschudischen Götzenbildern (tjoda drochtenlykanda byldon). Auch wurde behauptet, Askar beuge sich mit Fretogunste bei Nacht hiervor. Die Burg Stavia aber wurde nicht wieder aufgebaut.

Reintja beschwert sich hierüber bei Prontlik, der Volksmutter auf Texland, und diese läßt das Gerücht verbreiten, Askar habe sich dem Götzendienst hingegeben.

Askar verhält sich so, als ob er nichts hiervon bemerke, aber plötzlich erscheint eine Flotte aus Holstein, deren Besatzung die Mägde aus der Burg vertreibt und diese selbst in Brand setzt. Prontlik und Reintja, so schreibt der Verfasser, kamen zu mir und suchten Zuflucht, die sie dann auf unserer mitten im Krylwald, östlich von Ljudwerd (Leeuwarden) gelegenen Fluchtburg fanden. Sie nutzten dann den von Askar geförderten Gespensterglauben aus, um alle Neugierigen aus der Umgebung fernzuhalten. Askar ließ inzwischen seine „Zauberer” (magjara) umherziehen, „und außer in meinem Staate und in Groningen wehrte man ihnen nirgends”. Die Raubzüge, die Askar inzwischen zusammen mit Jüten und Denemarkern unternahm, hatten zur Folge, daß die jungen Männer nicht mehr auf dem Lande arbeiten oder ein Gewerbe lernen wollten, sodaß die Einfuhr von Sklaven notwendig wurde. „Das aber war ganz gegen Wraldas Wille und gegen Fryas Rat, deshalb konnte die Strafe nicht ausbleiben”. Man erbeutete eine reichbeladene aus dem Mittelmeer („Phönikien”) kommende Flotte, auf der aber eine Krankheit ausgebrochen war. Auf dem Flie wurde die Beute verteilt, zugleich aber auch die Strafe, denn überall, wohin Sklaven oder Güter kamen, kam auch das Bauchweh mit. Die Krankheit verbreitete sich über die Sachsenmarken, Jütland und Schonland und bis nach Britannien, und viele Tausende starben.

„Als die Pest auf immer gewichen war, kamen die freigewordenen Deutschen zum Rhein, aber Askar wollte mit den Fürsten dieses verdorbenen Volkes” nicht gleichgestellt werden. Er wollte nicht dulden, da diese sich Fryas Kinder nennen würden, wie Reintja ihnen angeboten hatte, aber dabei vergaß er, dak er selbst schwarze Haare hatte. Unter den Deutschen gab es zwei Völker, die sich nicht Deutsche nannten. Das eine Volk kam von fern im Südosten. Sie nannten sich Alamannen (allemanna). Das andere volk das mehr in der Nähe zog, nannte sich Franken (franka). Die Völker, die hieran grenzten, nannten sich Thioth-his Söhne (thjoth his suna), d.i. Volkssöhne. Sie waren freie Menschen geblieben, da sie niemals einen erblichen König oder Fürsten anerkennen wollten.

[45] „Askar hatte schon von Reintja erfahren, daß die deutschen Fürsten fast immer miteinander in Feindschaft und Fehde lebten. Jetzt schlug er ihnen vor, einen Herzog (hêrtoga) aus seinem Volke zu wählen. Auch sagte er, seine Fürsten seien imstande, mit den Golen zu sprechen. Das, so sagte er, sei auch die Meinung der Volksmutter. Die deutschen Fürsten kamen dann zusammen und wählten nach einundzwanzig Tagen Askars Neffen Alrik zum Herzog. Askar gab ihm 200 Schotten und 100 Sachsen als Leibwache mit. Die Fürsten aber mußten 21 ihrer Söhne als Geiseln nach Staveren schicken”.

„Bis dahin war alles gut gegangen, aber als man über den Rhein fahren wollte, mochte der König der Franken sich nicht Alriks Befehlen unterstellen. Dadurch geriet alles in Unordnung. Askar, der meinte, alles ging gut, landete mit seinen Schiften am anderen Ufer der Schelde, aber dort war man schon von seiner Ankunft unterrichtet und auf der Hut. Sie mußten ebenso schnell flüchten, wie sie gekommen waren, und Askar selbst geriet in Gefangenschaft. Die Golen wußten nicht, wen sie gefangen hatten, und so wurde er später gegen einen vornehmen Golen ausgetauscht, den sein Volk gefangen hatte.

Inzwischen liefen die Magyaren noch frecher in den Ländern unserer Nachbarn umher. Bei Egmond[29] (egmuda), wo die Burg Forana gestanden hat, ließen sie eine Kirche (cherka)[30] bauen, größer und reicher als die, welche Askar in Staveren hatte bauen lassen. Nachher sagten sie, Askar habe den Krieg gegen die Golen verloren, weil das Volk nicht glauben wolle, Wotan könne ihnen helfen, und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten. Ferner gingen sie hin und entführten junge Kinder, die sie bei sich behielten und in de Geheimlehren ihrer abscheulichen Kulte eindführten. Gab es Menschen, die......”

* * *

Abrupt endet hier diese auf den ersten Blick etwas wunderliche Geschichte, deren inneren Zusammenhang man aber bei einer näheren Betrachtung nicht bestreiten kann. Fragt man sich, in welchen Zeitabschnitt die hier geschilderten Ereignisse zu datieren sind, dann kann die Antwort nur lauten: Sie gehört in die Anfangsjahre des Merowingerreiches, als dies noch schwach und auf einen Teil Flanderns in der Umgebung von Doornik (Tournai), der Residenz der Könige Merowech (Merovius) und Childerich, beschränkt war. Hierauf deuten sowohl die Erwähnung von Alamannen und Franken, als auch der unterstellte Fortbestand einer römisch-gallischen Macht — in der Handschrift als Golen angedeutet — im heutigen Frankreich.

[46] Zu beachten sind hier ferner die vielen Punkte, in denen diese Geschichte an die im vorigen Kapitel behandelten Erzählungen Adelas und ihrer Nachfolger anknüpft, deren Fortsetzung sie darstellt.

Adela berichter den Verfall des alten Ingwäonenbundes durch die Eroberungen des Magy. Hier ist dieser Bund nicht mehr vorhanden. Denemarken und Holstein sind völlig selbständig, und das Gebiet der Friesen beschränkt sich auf das Land zwischen Weser und Schelde. — Adela zufolge wurde dem Volkskönig Ljudgert mißtraut, weil er im Verdacht stand, seine Macht ausbauen zu wollen. — Hier tritt ein König auf, dem es tatsächlich gelingt, in Erbfolge König zu werden und der anscheinend danach trachtet den früheren Ingwäonenbund zu erneuern.

Adela spricht vom Verlust des Landes südlich der Schelde an die Golen. — Askar versucht, diese Gebiete zurückzuerobern. Apollonia findet bei ihrer Rückkehr alle Burgen durch Uberschwemmung verwüstet mit Ausnahme der Burg auf Texel. Hier liegt tatsächlich die Burg Stavia in Trümmern, während die Burg Texel auf Anstiften Askars von den Holsteinern eingeäschert wird. Und während Frethorik von fratzenhaften ugrischen Götzenbildern berichtet, die man nach Ablauf der großen Uberschwemmung von 450 n. im wieder trockengewordenen Land gefunden habe (S.114 ff. des Originals), ist hier wiederum van Götzendienern und von im Lande umherziehenden Schamanen die Rede.

Ferner ist es wichtig hier zu bemerken, daß Reintja, als sie die frühere Einheit der ingwäonischen Völker wiederherstellen will, nicht nur überall die Menschen zur Eintracht ermahnt, sondern sie auch zu überreden versucht „Ihre Zunamen wegzuwerfen und sich allein Fryas Kinder zu nennen!”. Hier haben wir es mit einem Versuch zu tun, eine Benennung politisch wirksam zu machen, die damals wahrscheinlich die ganze germanische Völkergruppe oder sogar die gesamten nordischen Völker umfaßte. — Hierauf kommen wir noch am Anfang von Kapitel VI zurück. Als Volksname ist diese Bezeichnung aber wohl nie in Gebrauch gekommen und vermutlich ist sie bald verschwunden.

Mit Absicht sind aus obenstehender Zusammenfassung die meist unsinnigen Namenserklärungen weggelassen worden. Sie stammen zweifellos von humanistischen — zum Teil auch von mittelalterlichen — Abschreibern, die den Text bereichern, oder auch, wie man annehmen darf, ihn durch Anwendung zeitgemäßerer Ausdrücke und Einfügung von Namen, die ihren Zeitgenossen geläufig, aber früheren Generationen unbekannt gewesen waren, modernisieren wollten. So sind die [47] Namen Tartaren und Tschuden zweifellos der Feder Hiddo ura Lindas entflossen.

Tataren war ursprünglich der Name eines mongolischen Volksstammes in der Nähe des Baikalsees, der aber später von arabischen und persischen Schriftstellern für die Mongolen allgemein angewandt wurde.[31]

Da sich unter den Horden Dschingis-Khans und seiner Nachfolger, die Ost-und Mittel-Europa Anfang des 13. Jahrhunderts überrannten, viele Türken befanden, ging dieser Name allmählig auf die in Rußland und Sibirien ansässigen Türkvölker über, und bekanntlich spricht man im erstgenannten Land noch immer von der „Tatarenherrschaft”. Einem Wortspiel des französischen Königs Ludwig IX., des Heiligen — 1226 bis 1270 —, der diesen Namen von Tartaros ableiten wollte, ist die Umbildung von Tataren in Tartaren zuzuschreben. Damit wollte er dieses Volk als der Unterwelt entstiegen bezeichnen.[32]

Es war für Hiddo, der in einer Zeit lebte, in der man auch in Westeuropa vor den Horden Batus, des Enkels von Temudschin, die sogar auf der Walstatt bei Liegnitz 1241 siegreich gewesen waren, zitterte, als er 1256 der Handschrift abschrieb, verlockend, diesen damals gefürchteten Namen in seiner Abschrift zu verwenden. — Freilich dürften die Tataren auch den Humanisten des 16. Jahrhunderts bekannt gewesen sein, aber dann nur als ein weitab wohnendes und ziemlich unbekanntes Volk im westlichen Asien. Dieses Volk mit der alten Geschichte Frieslands in Verbindung zu bringen, wird ihnen wohl nie in den Sinn gekommen sein.

Mit den Tschuden hat es eine ähnliche Bewandtnis. Mit diesem Namen bezeichnet man bekanntlich in Rußland die finno-ugrischen Völker des Nordens in ihrer Gesamtheit. Im 13. Jahrhundert ist dieser Name höchstwahrscheinlich in Westeuropa bekannt gewesen, da rege Handelsbeziehungen mit Nowgorod bestanden; dagegen bestehen keinerlei Gründe dafür, daß den Humanisten des 16. Jahrhunderts diese Bezeichnung bekannt war.

Es ist auch sehr fraglich, ob der Name der Litauer bereits im 5. Jahrhundert in Westeuropa bekannt war; in der Zeit Hiddos kannte man ihn ohne Zweifel. Ferner weckt auch der Name Twiskland, der in den Handschriften wiederholt für Deutschland gebraucht wird, Bedenken. Dr. Willy Krogmann, der die ganze Sammlung als eine Fälschung aus dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts betrachtet, schreibt darüber:[33] „In dieser Zeit nämlich wurde der in der [48] Sammlung gebrauchte, falsch erschlossene Name Twiskland für Deutschland verwendet”.

Die Namen „deutsch” und „Deutschland” waren im 5. Jahrh. ohne Zweifel unbekannt. Felix Dahn schreibt hierzu:[34] „Der Name deutsch ist erst um die Wende des 9. und 10. Jahrhs. entstanden. Er ward vorerst von der Sprache gebraucht; Thiod heißt Volk, „theotisce” heit volksmäßig im Gegensatz zu der Gelehrtensprache, dem Latein. Da nun die mehr und mehr romanisierten Neustrier, die späteren Franzosen, mehr und mehr das Vulgär-Latein der gallischen Provinzialen annahmen, die Austrasier aber, die Ostleute, d.h. alle Stämme auf dem rechten Rheinufer und die Lothringer und Alamannen auf dem linken, die germanische Volkssprache beibehielten, nannte man sie die volksmäßig sprechenden „theotisce loquentes”, dann die Theotiscos, Deutischen, die Deutschen”.

Wenig hiervon verschieden ist die Auffassung von Prof. Ed. Heyck, der in seinem Werk über die Deutsche Geschichte schreibt: „Aus den Jahren 786 und 788 liegen in lateinischen Texten die ersten literarischen Spuren vor, daß man den Ausdruck theodisca lingua anwendet: „deutsche” Sprache.

Damit verband sich freilich nur die Absicht, das volksmäßige Idiom, in diesem Falle der Franken, vom Latein zu unterscheiden. Theodisk bedeutet wörtlich: völkisch. Es wurde aber der Ausgangspunkt, daß man nach einer Reihe von Jahrhunderten, im zwölften, mit nationaler Absicht von Deutschen und von Deutschland zu sprechen begann”.[35]

Einen Unterschied zwischen deutschen und nichtdeutschen Stämmen konnte man also im 5. Jahrhundert nicht machen, da man den Begriff „deutsch” damals noch nicht kannte. Es bestanden nur die großen germanischen Völkerschaften der Franken, Alamannen, Friesen, Sachsen u.a., die mehr oder weniger verwandte Dialekte sprachen. — Wenn die Handschrift von „freigewordenen Deutschen” spricht, ist vermutlich an die Befreiung von der Hunnenherrschaft zu denken. Weiterhin werden aber unter „freien Menschen” Stämme verstanden, bei denen sich keine erbliche Königswürde hatte entwickeln können. — Vom friesischen Standpunkt aus gesehen ist es natürlich richtig, wenn die Handschrift die Alamannen aus dem (fernen) Südosten kommen läßt, da dieses Volk schon um das Jahr 250, nach Durchbrechung des Limes, das Neckargebiet besetzt hatte und sich von da aus während der Völkerwanderungszeit über die Lande des Oberrheins ausbreitete. Unrichtig ist es aber, wenn die Handschrift das Bauernvolk der Franken [49] umherziehen läßt, als wäre es eine Art Nomaden. Zudem macht sie Thiod (thioth) zum Personennamen.

All diese Fehler und Unklarheiten sind zweifellos späteren Abschreibern, die die Handschrift in die Sprache ihrer eigenen Zeit übersetzen und sie dadurch verdeutlichen, aber auch in ihrem eigenen Sinne „berichtigen” wollten, zuzuschreiben. Dabei ist es unmöglich zu ermitteln, welche Ausdrücke ursprünglich in den Handschriften standen. Zweifellos besaßen die Abschreiber oft auch ein mangelhaftes geschichtliches Wissen. Verrät schon die von uns fortgelassene Übersicht der Alten Geschichte eine nur sehr oberflächliche historische Kenntnis, so ist die phönizische Flotte, die hier Askar erbeutet haben soll, ein grober Anachronismus.

Hervorzuheben ist noch: Askars Angriff auf die Golen, d.i. Rest-Gallien, soll mißgelungen sein, „weil das Volk nicht glauben wollte, Wotan könne ihnen helfen und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten”. Dies ist die einzige Stelle in der ganzen Sammlung, wo der Name Wotan genannt wird, abgesehen von einer Stelle, wo versucht wird, diesen Götternamen aus dem eines nach seinem Tode vergötterten Helden abzuleiten. Letztere Stelle kommt im übernächsten Kapitel zur Sprache.

Mann kommt zu dem Eindruck, ein späterer Bearbeiter habe den Namen Wotans — und vielleicht auch die Namen anderer Götter — überall in der Sammlung ausgemerzt, um den germanischen Götterglauben durch den „Wralda-Glauben” zu ersetzen. Er mag dabei diese eine Stelle übersehen haben, wodurch uns der Beweis erhalten geblieben ist, daß Wotan bis ins 5. Jahrhundert von den Friesen verehrt wurde.

Ob die in Friesland und anderen westgermanischen Ländern zurückgebliebenen finnischen (tschudischen) Schamanen wirklich Götzenbilder zur Anbetung aufgestellt haben, ist unsicher. Wohl ist zu vermuten, daß die düstere Magie dieser ekstatischen Zauberpriester, in dieser Schrift Magyaren genannt, nicht ganz ohne Auswirkung auf die einheimische Bevölkerung geblieben ist.

* * *

Wenden wir uns nun der Frage zu, ob und wie weit in dem von späteten Zutaten gereinigten Text ein Wahrheitskern enthalten bleibt, so können wir sagen, daß der Inhalt der ganzen Erzählung nirgends gegen bekannte historische Tatsachen verstößt: anderseits ist aber von der damaligen Geschichte Nordwest-Europas sehr wenig mit Sicherheit bekannt.

[50] Die Notwendigkeit einer Stärkung der Königsmacht in Friesland war bereits in der Hunnenzeit offensichtlich geworden. Der Adel, der sich einer Änderung der bestehenden Verhältnisse widersetzte, war infolge seiner inneren Zerwürfnisse nicht mehr imstande, eine starke und zielsichere Leitung zu geben. Das zeitweise Fehlen einer Volksmutter vergrößerte die Anarchie, und so verlor das Land auf kurze Zeit seine heiß geliebte Freiheit. So ist es nicht verwunderlich, daß nach Zerfall der Fremdherrschaft es einem tatkräftigen und rücksichtslosen Mann wie Askar, der sich auf die Masse des Volkes stützte, gelang, Ordnung zu schaffen, und das Wahlkönigtum in eine erbliche Monarchie umzuwandeln.

Die Einmischung König Askars in den schottischen Bürgerkrieg kann uns ebensowenig befremden, wie auch die folgenden Raubzüge. Britannien war den Friesen zweifellos wohl bekannt, an seiner Eroberung und Kolonisation durch die Angeln und Sachsen waren sie mitbeteiligt gewesen, und sächsische Seeräuber hatten schon in einer früheren Zeit die Küsten des Ärmelkanals und der Nordsee beunruhigt. — Ganz neu ist hier aber die Erwähnung der Druiden unter dem Namen Golen (=Gallier), die hier als eine aus Phönizien herkömmliche Priesterschaft beschrieben werden.

Lassen wir das schwierige Problem ihrer Herkunft und Verbreitung vorerst beiseite, dann können wir den Handschriften entnehmen, daß diese Priesterhierarchie nach der Eroberung de Insel Anglesea (Mona) durch den römischen Feldhern Agricola[36] im Jahre 77 nach d. Ztw. ihren Hauptsitz in das unzugängliche schottische Bergland verlegt hatte. Dort machte König Askar ihrer Herrschaft ein Ende.

In der Folgezeit scheint Askar, nachdem er durch Anwerbung einer schottischen Leibwache seine Stellung abgesichert hatte, danach gestrebt zu haben, durch Erwerbung der Freundschaft der Jüten, Dänen und Sachsen den alten Ingwäonenbund zu erneuern. Als Endziel mag ihm hierbei die Vertreibung der noch in Deutschland verbliebenen Finnen und Magyaren vor Augen gestanden haben. Aber noch während der Rundreise Reintjas ändert er seine Absicht und wendet sich gegen den Süden.

Auf welches Jahr ist nun aber der mislungene Angriff auf die Golen, worunter hier wohl die unter der Herrschaft des Syagrius (477-486) verbliebenen Gallo-Romanen zu verstehen sind, anzusetzen?

Im Jahre 486 bereitete der Frankenkönig Chlodwig (481-511) durch seinen Sieg bei Soissons der Herrschaft des Syagrius ein Ende. [51] Da Askar bei seinem misglückten Vorstoß über die Schelde von den Golen gefangengenommen und nachher von ihnen ausgetauscht wurde, muß dieses Ereignis bereits früher stattgefunden haben, denn Macht und Reich der Golen waren durch die Schlacht bei Soissons völlig vernichtet. Es bleibt die kurze Zeit der Herrschaft des Syagrius vor 486, als Chlodwig, der Frankenkönig, 481 erst 15 jährig, als ein unbedeutender Gaukönig in Doornik (Tournai) den Thron seiner salischen Vorfahren bestieg. — In diesen Jahren ist das Zustandekommen eines Bündnisses germanischer Gaufürsten der Franken, Sachsen und vielleicht auch der Alamannen unter Führung Askars und seines Neffen Alrik durchaus denkbar.

Wenn erzählt wird, das Unternehmen sei durch die Weigerung des Königs der Franken, beim Ubergang über den Rhein sich dem Oberfehl Alriks zu unterstellen, mißlungen, so ist hier vermutlich an einen der fränkischen Gaukönige zu denken, und zweifellos werden die Franken dieses ruhmlos verlaufene Unternehmen später nach Möglichkeit verdunkelt haben.

Es bleibt dann noch die Frage, welche Gebiete im Süden der Schelde Askar von den Golen zurückerobern wollte.

Wahrscheinlich ist hierbei an den von Sachsen bewohnten flandrischen Küstenstreifen zu denken, der in früherer Zeit — vor 409 — zum Ingwäonen-Bund gehört haben dürfte. (Verg. das Ende der Schluszbetrachtung).

Wie dem auch sei, an innerer Logik läßt auch die Geschichte König Askars nichts zu wünschen übrig. Daß sie keine Erfindung aus der Zeit der Enzyklopädisten sein kann, erhellt aus ihrem Inhalt. Hätte ein Gelehrter aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts diese Geschichte erfunden, so würde er bestimmt, statt eines Königs der — sich stützend auf das niedere Volk — den Adel erniedrigte und tyrannisierte, einen Monarchen gezeichnet haben, der — im Bündnis mit dem Adel — das Volk unterdrückte und aussog. Denn so war es im damaligen Frankreich, wenigstens nach der Ansicht dieser Autoren. Und ebensowenig hätte ein damaliger Gelehrter in der Geschichte von Adela den Zerfall und das Versagen einer Demokratie — für ihn die einzig richtige und legale Staatsform — gegenüber einer ausländischen und autokratischen Gewaltherrschaft zugeben wollen.

Kapitel IV — Kultur und Seefahrt der Atlanter

[53]

Kapitel V — Altlant und sein Untergang

[63]

Kapitel VI — Die ältesten Berichte (1193-650 vor d. Ztr.)

[73]

Kapitel VII — Die Geschichten von Kälta, Minerva und Jon

[87]

Kapitel VIII — Die Geertmänner

[103]

Schlußbetrachtung

[121-128]

Beilage I — Inhaltsverzeichnis des altfriesischen Originals

[S.139-142] Die Seitenangaben beziehen sich auf das altfriesische Original. Die zwischen Klammern angeführten Angaben kommen darin nicht vor; sie sind zur Ergänzung hier zugefügt.

Die historischen Erzählungen sind mit einem + bezeichnet und deren historische Jahreszahlen angegeben.

S.1-87 Das Buch der Anhänger Adelas (Thet bok thera Adela folstar). Verfaßt um 442 uns. Ztr.
1-5 + (Bericht über Adelas Auftreten in einer Volksversammlung 441 n.)
6 + Dies ist unsere früheste Geschichte. (Zeigt Spuren einer Bearbeitung am Ende des 18. Jahrhunderts.)
11 Fryas Text (Text = Gesetz).
14 Dieses hat Fästa gesagt.
15 Dies sind die Gesetze, die zu den Burgen gehören.
19 Allgemeine Gesetze.
21 Hier folgen die Gesetze, die daraus zusammengesetzt sind.
23 Hier sind die Rechte der Mutter und der Könige.
25 Hier sind die Rechte aller Fryas, um sicher zu sein.
26 Aus den Schriften Minos.
27 Gesetze für die Steuerleute (Steuermann — stjurar — ist der Ehrenname für die Hochseefahrer).
29 (I) Nützliche Sachen aus den von Mino hinterlassenen Schriften.
33 (II) Aus Minos Schriften.
39 + (III) Aus Minos Schriften. (Etwa 620 vor der Ztr.)
40 Hierunter sind drei Grundsätze: danach sind diese Satzungen gemacht. (Zeigt Spuren einer Bearbeitung am Ende des 18. Jahrhunderts).
42 Diese Bestimmungen sind für zornige Menschen gemacht.
43 Diese sind die Bestimmungen für „Horninge” (Verbrecher, die sich durch ihre Missetaten aus der Gemeinschaft der Fryas ausschließen).
45 Was hierunter steht ist an den Wänden der Waraburg geschrieben (betrifft die Erfindung der Schrift und der Ziffern).
47 + Dies steht auf allen Burgen geschrieben (Beschreibung von Atland). (Vor 1193 vor der Zrt.)
49 + Wie die arge Zeit kam. (Der Untergang von Atland.) (1193 v.d. Ztr.)
50 Dieses steht auf der Waraburg bei Aldegamude geschrieben.
50 + So ist die Geschichte. (Erzählung über Wodin) (1092 v.?).
56 + Dies alles steht nicht nur auf der Waraburg, sondern auch auf der Burg Stavia, die hinter dem Hafen von Stavre liegt. (Die Geschichte von Tünis und Inka) (1000 v.).
60 + Was daraus geworden ist. (Der Verkauf von Misselja) (Nach 1000 v.).
61 + Jetzt wollen wir schreiben über den Krieg der Burgmägde Kälta und Minerva und wie wir dadurch alle unsere südlichen Länder und Britannien an die Golen verloren haben (630 v.).
65 + Hierzu kommt die Geschichte von Jon (630 v.).
68 + Jetzt wollen wir schreiben, wie es Jon ergangen ist. Das steht in Texland geschrieben (620 v.).
72 + Dieses ist über die Geertmänner (ungefähr 600 bis 550 v.).
75 + Im Jahre 1005 nachdem Atland versunken ist, ist dieses auf der Ostwand von Fryasburg geschrieben. (Die Geschichte von Ulysses und ein Bericht über Kekrops) (1188? und um 600 v.).
79 + Dieses steht auf all unseren Burgen (Tod der Volksmutter Frana) (409 bis 411 u. Zr.)
85 + Wie es dem Magy weiter ergangen ist (nach 411 u. Zer.)
87-113 + Die Schriften von Adelbrost und Apollonia. (Tha skrifta fon Adelbrost änd Apollonia.) (Verfaßt ab 445 n. Bericht über den Landtag in Groningen, den Tod von Adelbrost und die Errichtung der Lindasburg) (412-444 n.).
91 + Dies sind die hinterlassenen Schriften van Bruno, der Schreiber auf dieser Burg gewesen ist. (Die vereitelte Wahl Tüntjas zur Volksmutter) (443 n.).
93 + Die zweite Schrift (Tod der Adela) (444 n.).
95 + Das Lob der Burgfrau (Von Bruno verfaßt) (445 n.?).
98 Älteste Lehre.
100 Der zweite Teil der ältesten Lehre.
103 Dieses steht auf Schreibfilz geschrieben. Sprache und Antworten anderen Mägden zum Vorbild.
106 + Jetzt will ich selber schreiben zuerst von meiner Burg und dann von dem, was ich habe sehen dürfen. (Sie beschreibt hier ihre Reise den Rhein entlang zum Lande der Marsaten) (445 n). (Auch die Seiten 114, 115 und 116, der größte Teil von 117 und die letzten Zeilen von 118 sind von Apollonia).
113 + Die Schriften von Frethorik und Wiljo. (Tha skrifta fon Frêthorik ánd Wiljo) (verfaßt um 303 vor).
117 + (Die Wahl von Gosa Makonta als Volksmutter) (305 v.).
119 + Jetzt will ich schreiben, wie die Geertmänner und viele Anhänger von Helenia zurückkamen (303 v.).
130 + Diese Schrift ist mir über Nordland oder Schonland gegeben (teils 1193 v. andernteils 450 n.).
131 Heil! (Eine Charakteristik der Griechen und Jonier).
133 (Wiljo stellt sich vor nach dem Tode Frethoriks, etwa 270 v.).
134 Allen echten Fryas heil! (Eine von Haß gegen Priester und Fürsten erfüllte Betrachtung über das Schicksal der slawischen Völker. Ende des 18. Jahrhunderts).
136 (Erzählung über die Geburt von Jesus oder Buddha in Kaschmir, datiert auf (2193 — 1600 =) 593 v. und endend mit einer „Prophezeihung”. Unterzeichnet: Dela, zugenannt Hellenia. Ende des 18. Jahrhunderts).
141 + So lautete Franas letztwillige Verfügung (411 n.).
142 Dieses hat Gosa hinterlassen (Eine „Prophezeihung” Ende des 18. Jahrhunderts).
143 Die Schrift von Konered. (Thet skrift fon Konered.) (verfaßt um 260 v.d.Ztr.).
143 + (Die ersten eineinhalb Seiten dieser Schrift sind von Apollonia und dürften kurz nach 450 uns. Ztr. verfaßt sein, etwa 455 n.).
144 + Jetzt will ich über Friso schreiben (Die ersten zwei Seiten handeln über den Geertmann Friso, die weiteren über einen anderen späteren Friso (teils etwa 300 v. teils etwa 460 n.).
150 + Was Friso ferner tat (460 n.).
154 + Jetzt will ich schreiben über seinen Sohn Adel (etwa 470 n.).
158 Hier ist diese Schrift mit Gosas Rat (Unecht, ende des 18. Jahrhunderts).
161 Hier ist nun mein Rat (Unecht, ende des 18. Jahrhunderts).
163 (Ein von dem Geertmann Ljudgert hinterlassener Brief mit einer Beschreibung des Pandschabs, um 300 v.).
168 + Die Schrift von Beden. (Thet skrift fon Beden.) (Er nennt sich einen Neffen von Konered, an dessen Stelle er zum Asega gewählt wurde und sagt, König Adel III. habe diese Wahl bekräftigt. Dann bricht seine Schrift ab, da die Seiten 169 bis 189 der Handschrift fehlen) (Etwa 475 n.).
189 Brief von Rika der ehemaligen Magd, vorgelesen zu Staveren beim Julfest. (Dieser Brief endet mit einer „Prophezeihung” Ende des 18. Jahrhunderts. Die Seiten 193 und 194 fehlen.)
195 + Die Geschichte von König Askar. (Sie hat weder Anfang noch Ende, während ihr Verfasser unbekannt bleibt) (Etwa 470 bis 485 n.).

Beilage II — Die altfriesische Zeitrechnung

[/142] In Friesland bestand bis ins 19. Jahrhundert eine alte autochthone Zeitrechnung, deren Anfangsjahr offenbar dem Ura Linda Bok entlehnt worden ist. Vergl. De Jong. S.160-163.

In friesischen Almanachen aus der 1 Hälfte des 19. Jhts wurde die christliche Jahreszahl immer in andere Zeitrechnungen umgerechnet. u.a. in Jahre nach der Sintflut. Nun fand Dr. Ottema in einem Almanach von 1850 die Beifügung: „seit der Sintflut 4043”, das ist in unserer Zeitrechnung 4043 — 1850 = 2193 v.d.Ztr. Das ist das im Ura-Linda-Bok genannte Jahr für den Untergang von Atlantis! In älteren sowie auch in neueren Berechnungen, die untereinander nicht mehr als 23 Jahre von einander abweichen, wird aber die Sintflut immer um 150 Jahre früher datiert. — Wollte man annehmen, daß — umgekehrt — ein moderner Fälscher seine Datierung einem Almanach entlehnt hat, so wäre diese Abweichung von 150 Jahren unerklärlich.

Anmerkungen und Verweisungen

[im Original S.129-138]

  1. Zitat aus einem Artikel von A.H. Huussen Jr. im Spiegel Historiael 1971 6. Jgg. N. 9.
  2. Vergl. E. Molenaar: „Het geheimzinnige handschrift van de Familie Over de Linden”, Bussum 1949.
  3. Vergl. M. de Jong: „Het geheim van het Oera Linda Bok”, Bolsward 1927.
  4. Vergl. Herman Wirth: „Die Ura Linda Chronik", Leipzig 1933, S. 139-140.
  5. J.F. Overwijn: „Thät Ura Linda Bok", tweede druk, Dordrecht 1941.
  6. Ottema hat die Seitenangabe des Originals leider fortgelassen.
  7. Vergl. P. Schotel: „Historisch Overzicht van de hooge vloeden en overstromingen tot het jaar 1868”, ’s-Gravenhage 1922, S. 1.
  8. Vgl. Felix Dahn: „Geschichte der deutschen Urzeit”, II, Gotha 1883-88, Bd S. 231 ff. und 307.
  9. Die Übersetzungen Overwijns sind für die Namen oft so willkürlich, daß ich sie anhand des friesischen Originals oft habe ändern müssen. Seine Zeitangaben sind unsicher und sein Kommentaar ist phantastisch und oft geradezu unsinnig.
  10. Wie die altfriesischen Personennamen erinnern auch verschiedene nordniederländische Ortsnamen wie Ter Apel, Appelscha, Apeldoorn und Appeltern anscheinend an Apollo. Es erscheint daher als möglich, daß diese griechische Gottheit auch im ingwäonischen Gebiet verehrt worden ist.
  11. Vergl. P. Brouwer, W. Eeckhoff: „Nasporingen betrekkelyck de geschiedenis der voormalige Middelzee”, Leeuwarden 1934, S.104. Ohne Beweis oder Nachprüfung (Niederl. nasporing) wird in dieser übrigens gründlichen Spezialarbeit angenommen, daß die später so genannte Middelzee schon in römischer Zeit bestand. Nur das spätere Verschwinden dieses Seebusens wird ausführlich erörtert. Auch in dem grundlegenden Werk von L.Ph.C. van den Bergh: „Handboek der Middel-Nederlandsche Geographie”, Leiden 1852, ist über dessen Entstehung nichts zu finden.
  12. Ich stütze mich hier auf Angaben von Dr. M. de Jong, eines Gegners der Echtheit! Vergl. seine „Het geheim van het Oera Linda Boek”, Bolsward 1927, S.359 und Fußnote 1 auf S.360.
  13. Ihre vollständige Korrespondenz ist von Herrn E. Molenaar veröffentlicht worden unter dem Titel „Het Geheimzinnige Handschrift van de familie Over de Linden”, Bussum 1949, daselbst S.51.
  14. Vergl. Dr. Oskar Paret: „Das neue Bild der Vorgeschichte”, Stuttgart 1946, S.13-54.
  15. Ausführlich habe ich das hier folgende in meinem Buch „Oost-Europa in vóór- en vroeghistorische tijd”, Oostburg 1969, erörtert. S.105 ff. Für die Ausbreitung des Hunnenreiches unter Attila vergleiche man Karte 46/47 im bekannten „Historischen Schulatlas” von F.W. Putzger, 79. Auflage.
  16. Auch im Heer der späteren Awaren zogen Schamanen mit in den Kampf. Vergl. Felix Dahn, o.c. Bd. II, S.131.
  17. Abbildungen dieser Vikingerburgen in J. Brondsted: „The Vikings”, London, Reading and Fakenham 1970.
  18. Vergl. A. Russchen: „New Light on Dark-age Frisia”, Drachten 1967, die Seiten 11, 16, 17, 26 bis 29 und 74.
  19. Diese „Hemriken”, die für vier Jahre unter die einzelnen Hufen zur Nutzung verteilt wurden, kannte man in Friesland noch am Ende des 18. Jahrhunderts. Vergl. de Jong. S. 204.
  20. Vergl. Meyers Konv. Lexikon, Art. Münster. Auf Karte 23 von Droysens Hist. Handatlas wird dieser Name aber Mimigerneford geschrieben.
  21. Oder sollte die kleine Ortschaft Kattenburg in Wagrien, Kreis Oldenburg mit Kattaburg identisch sein? Ich wage es nicht, in dieser Frage eine Meinung zu äußern.
  22. Dieser Gau lag links der unteren Saale, nördlich der Bode und grenzte im Süden an den Gau Frisonovel, was auf die Anwesenheit von Friesen in dieser Gegend hinweisen dürfte. Vergl. Droysens Hist. Handatlas, Karte 23 „Deutschland um das Jahr 1000”.
  23. Vergl. Ottema: „Thet Ura Linda Bok”, Leeuwarden 1876, S. 35.
  24. Asega oder Asinga ist der altfriesische Namen der rechtskundigen Adligen, denen die Leitung der Volksversammlungen oblag und die bei anderen germanischen Volkern den Titel Eward oder Gode hatten. Die Benennung Askar ist — soweit mir bekannt ist — nicht aus anderen Quellen belegt.
  25. Schwierig zu übersetzen. Ottema übersetzt „Kältana Anhänger” (eigentlich: Keltana volgers). Nach dem Text muß es einfach heissen „Kelten”.
  26. Übersetzung von Ottema.
  27. Die wunderlichen im Text gegebenen Ableitungen der Volksnamen sind hier weggelassen. Die „Lithauer” seien — so heißt es — so genannt wegen ihrer Gewohnheit, ihren Feinden ins Gesicht zu hauen!
  28. Ich folge hier der Übersetzung von Prof. Wirth und nicht der von Öttema, der von „üblen Gebräuchen” spricht.
  29. Jetzt ein Dorf an der Nordseeküste westlich von Alkmaar.
  30. Das Wort Kirche (cherka = fries. tsjerk, niederl. kerk, engl. church) wird hier für Tempel gebraucht: es ist also altgermanisch.
  31. Vergl. H. Vámbéry: „Der Ursprung der Magyaren”, Leipzig 1882, S. 436.
  32. Quellen für diese Behauptung in Meyers Konv. Lex. LV. Auflage, Leipzig 1890, Art. Tataren.
  33. Vergl. Krogmann, Dr. Willy: „Ahnenerbe oder Fälschung”, Berlin 1934, S.24.
  34. Vergl. Felix Dahn, o.c. Bd. I, S.40-50.
  35. Prof. Dr. Ed. Heyck: „Deutsche Geschichte”, Bd.1. S.110.
  36. Vergl. Tacitus: „Agricola” 18 und „Annalen” XV. 29.