1972 Geschichtsquelle: Difference between revisions
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Kap. II |
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===Kapitel II — ''Die Schriften Konered und Beden''=== | ===Kapitel II — ''Die Schriften Konered und Beden''=== | ||
[31] Die Ausdeutung dieser beiden Schriften hat ihre Schwierigkeiten. So ist in den Schriften von Konered nicht angegeben, welche der von ihm berichteten Ereignisse seiner Zeit angehören, und welche in eine frühere Zeit fallen, also von ihm einer älteren Vorlage entnommen sind. | |||
Von den Schriften von Beden ist ein großer Teil verloren gegangen. und es bleibt hierdurch ungewiß, ob er auch als Verfasser der im dritten Kapitel noch zu behandelnden Geschichte des Königs Askar anzusehen ist. Trotz diesen Schwierigkeiten ist es aber doch möglich, auch hier Klarheit zu schaffen. | |||
====''Die Schrift ron Konered''==== | |||
„Meine Ahnen haben nacheinander dieses Buch geschrieben. Ich will das vor allem tun weil in meinem Land keine Burg mehr ist, an der wie ehedem die Ereignisse aufgeschrieben werden. Mein Name ist Konered (Konrad). Meines Vaters Name war Frethorik, meine Mutter war Wiljow. Nach dem Tode meines Vaters bin ich zu seinem Nachfolger gewählt worden, und als ich fünfzig Jahre zählte, wählte man mich zum obertsen Grevetmann. | |||
Mein Vater hat beschrieben, wie die Linda-Orte und die Liudgaarden (niederl. gaarde = Garten) zerstört worden sind. Lindahem ist noch weg und die Linda-Orte zum Teil, Die nördlichen Liudgaarden sind von der salzigen See verschlungen. Das brausende Meer frißt an dem Ringdeich der Burg. Wie es mein Vater berichtet hat, sind die ihrer Habe beraubten Menschen hingegangen und haben Häuschen innerhalb des Ringdeiches der Burg gebaut. Deshalb ist der Rundteil (''ronddel'') jetzt Liudwerd geheißen. Die Seeleute sagen Liuwert, aber das ist eine falsche Aussprache”. | |||
Konered beschreibt dann weiter, wie in seiner Jugend alles Land außerhalb des Deiches sumpfig war, die Fryas aber Gräben gegraben und Deiche aufgeworfen und hierdurch wieder eine gute „Hemrik",<ref>Diese „Hemriken”, die für vier Jahre unter die einzelnen Hufen zur Nutzung verteilt wurden, kannte man in Friesland noch am Ende des 18. Jahrhunderts. Vergl. de Jong. S. 204.</ref> d.i. eine gemeinsame anbaufähige Feldmark bekommen haben. Es werden [32] Pfähle eingerammt, um einen Hafen anzulegen und den Ringdeich zu schützen, und die kleinen Häuser werden ausgebaut und vergrößert. | |||
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Es ist deutlich, daß die nun folgenden Ausführungen (S. 144-147 des Originals) die Fortsetzung der Geschichte der Geertmänner (S. 119-131 des Originals) sind, die erst im VIII. Kapitel zu behandeln ist. Um den Leser nicht zu verwirren, wird dieser Teil der Schrift, der die Überschrift „Nun will ich über Friso schreiben” trägt, hier fortgelassen; der Leser findet ihn am Ende des achten Kapitels. | |||
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In welcher Zeit Konered selbst gelebt hat, sieht man aus seinem Vorwort. Er sah in seiner Jugend in seiner nächsten Umgebung in der Nachbarschaft von Liudwerd, dem späteren Leeuwarden (fries. Ljouwerd) die Folgen der verheerenden Überschwemmung von 450 n.d.Ztr. Er erwähnt die dadurch entstandene Middelzee und war im rei- | |||
feren Alter Zeuge des Wiederaufbaues. | |||
Es scheint deshalb richtig, die Entstehung seiner Schrift, in deren folgendem Teil er die Geschichte seiner eigenen Zeit behandelt, auf ungefähr 470 n. anzusetzen. | |||
Es wirkt aber verwirrend, daß in dieser Fortsetzung wiederum ein Friso genannt wird, was beim oberflächlichen Lesen den Eindruck erwecken kann, daß beide Teile in der gleichen Zeit spielen und zusammengehören. - Ein so berühmter Name wie Friso wird aber in Friesland oft vorgekommen sein. | |||
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„Nun muß ich mit meine Geschichte zurückkehren. | |||
Nach der großen Flut, worüber mein Vater geschrieben hat, waren viele Jüten (''jutter'') und Letten (''lêtne'') mit der Ebbe aus der Balda- oder Böse-See geführt worden. Beim Kattegat (''kathisgat'') trieben sie mit ihren Boten mit dem Eis der denemarker Küste zu und sind da sitzen geblieben. Da waren nirgends Menschen in Sicht, darum haben sie das Land in Besitz genommen. Nach ihrem Namen haben sie das Land Jütland geheißen. | |||
Später kamen viele Denemarker zurück von der hohen See, aber diese ließen sich südlicher nieder, und als die Seeleute, die nicht umgekommen waren, zurückkehrten, ging der eine mit dem anderen auf See oder auf die Inseln. Infolge dieses Schicksals durften die Jüten das Land, auf das Wralda sie geführt hatte, behalten. Die seeländischen Schiffsleute, die nicht nur vom Fischfang allein leben wollten und eine große [33] Gegnerschaft gegen die Golen hatten, begannen dann mit der Plünderung phönizischer Schiffe. | |||
In der südwestlichen Ecke Schonlands liegt Lindasburg, zugenannt Lindasnase, von unserem Apol gegründet, so wie es in diesem Buch geschrieben steht. Alle Küstenbewohner und Umländer (''ommelandar'') waren dort echte Fryas geblieben, aber durch die Lust zum Rachekampf gegen die Golen und Kältana-Anhänger machten sie mit den Seeländern gemeinsame Sache, doch diese Zusammenarbeit hat nicht standgehalten, weil die Seeländer viele üble Sitten und Gebräuche von den Magyaren übernommen hatten, Fryas Volk zum Spott. Daraufhin ging ein jeder für sich selbst auf Raub, doch wo es sich traf standen sie einander treulich bei”. | |||
Es wird weiter erzählt, wie die Seeländer zuletzt Mangel an guten Schiffen bekamen, weil ihre Wälder fortgeschwemmt und ihre Schiffsbauer umgekommen waren. Sie sandten deshalb drei Schiffe nach Friesland, die aber infolge der Zerstückelung der Küste die Fliemündung verfehlten und bei der Burg des Konered (''ljudwerd'') landeten. Der mitgefahrene Kaufmann will von ihm gegen geraubte Ware Schiffe erwerben. Da Konered selbst keine Schiffe hat, läßt er ihn weiter zu Friso reisen, „denn zu Staveren und das Alderga entlang wurden die besten Kriegsschiffe gebaut. Sie waren aus hartem Eichenholz in das keine Fäulnis hineinkommt". | |||
Zu gleicher Zeit waren auch einige Jüten bei Friso erschienen, die sich über den Kinderraub der Seeländer beklagten, die Knaben mußten ihnen als Ruderer dienen und die Mädchen sollten ihnen Kinder gebären. | |||
Die Jüten klagten, sie könnten das den Seeländern nicht verwehren, weil sie keine guten Waffen hätten. Friso bedingt sich dann einen Hafen in ihrem Lande aus und verspricht dessen Eingang durch Anlage einer Burg zu schützen. Dann erscheinen die Seeländer an seinem Hof und bringen ihr Gesuch bezüglich des Ankaufs von Kriegsschiffen bei ihm vor. Mit diplomatischem Geschick sagt er ihnen die jährliche Lieferung von 50 voll ausgerüsteten Kriegsschiffen zu, aber unter der Bedingung, daß sie künftig die Jüten und alle Fryaskinder in Ruhe lassen. Ja, er sagt noch mehr zu, er wolle alle unsere Seekämpen auffordern, mit ihnen auf Beutefahrt zu gehen. | |||
Als die Seeländer nach Abschluß dieses für alle Beteiligten recht befriedigenden Abkommens abgereist waren, ließ er vierzig alte Schiffe mit Waffen, Holz, hartgebrannten Ziegeln, mit Zimmerleuten, [34] Maurern und Schmieden beladen, um damit Burgen zu bauen. Seinen Sohn Witto sandte er als Aufsicht mit. „Was da geschehen ist, ist mir nicht berichtet worden, aber so viel ist mir deutlich geworden, daß beiderseits des Hafeneinganges eine Trutzburg errichtet worden und mit Volk belegt worden ist, das Friso aus dem Sachsenland herholte. Witto hat Siuchthirte befreit und zur Frau genommen. Wilhelm, so hieß ihr Vater — er was der oberste Alderman der Jüten, das ist oberster Grevetmann oder Graf — ist kurz hiernach gestorben und Witto ist an seiner Stelle gewählt worden”. | |||
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Auch hier hat deutlich ein Abschreiber die Spuren seiner späteren Tätigkeit zu Anfang dieser Geschichte hinterlassen. | |||
Es kann keine Rede davon sein, daß die Jüten, wie hier behauptet wird, sich erst um 470 n.d.Ztr. in der nach ihnen benannten Halbinsel niedergelassen haben. Diese Angabe steht auch im Widerspruch zu den Geschichten von Wodin und Tünis, wo die Jüten als ein alt eingesessenes Volk hingestellt werden (vergl. Kap. VI). Die Letten, die zu jeder Zeit ein reines Landvolk gewesen sind, können nicht im 5. Jhdt. über See bis nach Jütland vorgedrungen sein, und die Erwähnung von phönizischen Schiffen ist ein arger Anachronismus, durch die der Abschreiber seine mangelhafte Geschichtskenntnis bekundet. | |||
Anderseits aber ist hervorzuheben, daß der weitere Inhalt dieser Erzählung sehr gut mit den bekannten historischen Tatsachen übereinstimmt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß an den bekannten Raubzügen der Angeln und Sachsen, die seit dem Ende des 3. Jahrh. die Küsten der Nordsee und des Ärmelkanals heimsuchten, auch Dänen und Friesen teilgenommen haben, und bekanntlich haben Jüten sich an der germanischen Kolonisation Britanniens beteiligt. Ein Vordringen der Dänen von Südschweden aus über die Inseln bis in den südlichen Teil Jütlands ist in dieser Zeit, dem 5. Jhdt. durchaus wahrscheinlich und es ist nicht unmöglich, daß die Sitten dieses Volkes tatsächlich infolge der vorangegangenen finnisch-magyarischen Fremdherrschaft bis zu einem gewissen Grade verdorben waren. Die Folgen der großen Flut vom Jahe 450 werden auch hier wieder erwähnt, sodaß es möglich ist, diese Schrift mit Sicherheit ungefähr zu datieren. Wenden wir uns jetzt aber ihrer Fortsetzung zu. | |||
====''Was Friso ferner tat''==== | |||
„Von seiner ersten Frau hatte er noch zwei Schwäger, die recht wacker [35] | |||
waren. Hetto, d.i. „der Heiße", den jüngeren, schickte er als Sendboten nach Kattaburg, das tief in den Sachsenmarken liegt. Er hatte von Friso außer seinem Reitpferd sieben Rosse mitbekommen, alle beladen mit köstlichen, durch die Seekämpen geraubten Gütern. Bei jedem Pferd waren zwei junge Seekämpfer und zwei junge Reiter, alle in reichen Kleidern und mit Geld in ihren Beuteln. Wie er Hetto nach Kattaburg sandte, so schickte er Bruno, das ist Braune’, den anderen Schwager nach ''Mannagarda-Ort''. Mannagarda-Ort ist in diesem Buche Mannagarda-Forda geschrieben, aber das ist falsch”. Es wird dann weiter erzählt, wie die Sendboten Geschenke an Fürsten und Fürstinnen austeilen, offenbar um deren Gunst zu gewinnen, während ihre Knappen durch ihre Freigiebigkeit mit Gewürzkuchen und Bier den Neid der sächsischen Jungmannen erwecken. Es fiel ihm dann nicht schwer, viele zur Teilnahme an den Beutezügen zu bewegen. Zur Festigung der friesisch-sächsischen Freundschaft heirateten die beiden Schwäger Frisos Töchter der ansehnlichsten sächsischen Fürsten. Später kamen ganze Scharen sächsischer Jungmannen und Jungmädel zum Fliesee herunter. | |||
Die Burgmägde und die älteren Mägde, die noch von der früheren Größe wußten, „zeigten sich dieser Politik abhold, aber die jüngeren Mägde waren dem Friso ergeben. Sie sagten überall, wir haben fortan keine Mutter mehr weil wir selbständig geworden sind. Heute geziemt uns ein König, damit wir das Land wieder gewinnen, das die Mütter durch ihre Unsorgsamkeit verloren haben”. Falls wieder ein König gewählt werden sollte, so erachteten sie „Friso hierzu von Wralda erkoren, denn er hat ihn wundersam hierhergeleitet. Friso kennt die Ränke der Golen, deren Sprache er spricht, er kann also gegen ihre Listen auf der Hut sein”. | |||
„Die älteren Mägde, obgleich wenige an Zahl, zapften ihre Reden aus einem anderen Faß. Friso, so verbreiteten sie überall, macht es wie die Spinnen, nachts spinnt er seine Netze nach allen Seiten und tagsüber überrascht er dann seine arglosen Freunde. Friso sagt, er möge keine Priester noch fremde Fürsten, ich aber sage, er mag niemanden außer sich selbst. Darum auch will er nicht zulassen, daß die Burg Stavia wieder aufgebaut wird, darum auch will er keine Mutter mehr haben. Heute ist Friso euer Ratgeber, aber morgen will er euer König werden, damit er über euch alle richten kann. | |||
Innerhalb des Volkes entstanden nun zwei Parteien. Die Alten und die Armen wollten wieder eine Mutter haben, aber das junge Volk, das [36] voller Kampfeslust war, wollte einen Vater oder König haben. Die ersteren nannten sich „Muttersöhne” und die anderen nannten sich selbst „Vatersöhne”. Aber die Muttersöhne fanden keine Beachtung, denn weil viele Schiffe gebaut wurden, gab es viel Arbeit und Brot für Schiffsbauer, Schmiede, Segelmacher, Seiler und für alle anderen Handwerksleute. Auch brachten die Seeleute viel Beute an Schmucksachen mit, an denen die Frauen, die Jungfrauen und die Mägde ihre Freude hatten. | |||
Als Friso an die vierzig Jahre in Staveren gewirkt hatte, starb er. Durch seine Bemühungen hatte er viele Staaten wieder zueinander gebracht, aber ob wir dadurch besser wurden, wage ich nicht zu bestätigen. Von allen Grafen, die vor ihm waren, war niemand so berühmt gewesen wie Friso, aber wie ich schon sagte, die jungen Mägde sprachen sein Lob, während die alten Mägde alles taten, um ihn zu tadeln und bei allen Leuten verhaßt zu machen. Zwar konnten die alten Mägde ihn hierdurch nicht in seinen Bemühungen stören, aber sie haben mit ihrem Geschrei doch soviel ausgerichtet, daß er starb, ohne daß er König geworden war”. | |||
* * * | |||
Wie ein Vergleich mit dem im achten Kapitel zu behandelnden älteren Friso lehrt, gibt es zwischen den beiden Gestalten gewisse Übereinstimmungen, die Verdacht erregen könnten. Beide heiraten zum zweiten Male, beide kannten „die Ränke der Golen” — was besagen will, daß sie Auslandserfahrung hatten — und beide waren bestrebt, ihre Macht zu vergrößern, wobei beiden die Stellung einer Volksmutter im Wege stand, die sie am liebsten ganz beseitigen möchten. Es lag dabei in der Natur der Sache, daß tatkräftige und zielbewußte Männer in hohem Führungsamt in einen gewissen Gegensatz zu einer Volksmutter geraten mußten. Ferner ist anzunehmen, daß die Kenntnis ausländischer Verhältnisse auch damals einem Politiker eine gewisse Überlegenheit verschaffte. So bleibt nur die zweite Heirat der beiden Frisos als zufällige Ubereinstimmung, die nicht berechtigt, deshalb an der Verschiedenheit zweier Personen zu zweifeln. | |||
Eine Gleichstellung scheint uns für die beiden Personen nur da vorzuliegen, wo die jüngeren Mägde meinen, Friso sei von Wralda zum König vorherbestimmt, da er (Wralda) „ihn so wundersam hierhergeleitet habe”, Diese Hinzufügung scheint auf den Geertmann Friso Bezug zu haben und dürfte der Feder eines Abschreibers entstammen, der die beiden Frisos miteinander identifizierte. Die Geschichte des [37] zweiten Friso, die hieroben wiedergegeben wurde, spielt deutlich in dem Zeitraum zwischen der großen Flut 450 n. und dem Auftreten des Königs Askar (470?). Sie schildert den ersten noch unentschlossenen Versuch, in Friesland eine Königsmacht zu begründen. | |||
Merkwürdig ist in dieser Geschiche die Angabe, daß schon Friso — wie später König Askar — sich weigerte, die Burg Stavia bei Staveren wieder aufbauen zu lassen. Mit Mannagarda-Ort — fälschlich auch Mannagarda-Forda geschrieben — ist vielleicht das spätere Münster gemeint, das 804 unter dem Namen Mimigardevord<ref>Vergl. Meyers Konv. Lexikon, Art. Münster. Auf Karte 23 von Droysens Hist. Handatlas wird dieser Name aber Mimigerneford geschrieben.</ref> dem für die Sachsen von Karl dem Franken ernannten Bischof Liudger als Wohnsitz angewiesen wurde. Dagegen ist es unmöglich die Lage von Kattaburg,<ref>Oder sollte die kleine Ortschaft Kattenburg in Wagrien, Kreis Oldenburg mit Kattaburg identisch sein? Ich wage es nicht, in dieser Frage eine Meinung zu äußern.</ref> das tief in den Sachsenmarken lag, zu bestimmen. Verfolgen wir aber jetzt die Schrift von Konered weiter. | |||
====''Jetzt will ich schreiben über seinen Sohn Adel''==== | |||
„Friso, der unsere Geschichte aus dem Buch der Adelingen kennen gelernt hatte, hat alles getan, um ihre Freundschaft zu gewinnen. Seinen ersten Sohn, den er hier bei seiner Frau Swethirte gewann, hat er sogleich Adel genannt. Und obgleich er mit aller Macht danach strebte, keine Burgen wiederherzustellen noch aufzubauen, so sandte er doch Adel nach der Burg auf Texland, damit er durch und durch mit allem, was zu unseren Gesetzen, Sprache und Sitten gehört, bekannt würde. Als Adel zwanzig Jahre zählte, ließ Friso ihn in seine eigene Schule kommen, und als er ausgelernt hatte, ließ er ihn durch alle Staaten reisen. Adel war ein liebenswürdiger junger Mann und auf seinen Fahrten hat er sich viele Freunde gewonnen. Deshalb nannte das Volk ihn Atha-rik (Freundereich), was ihm später sehr gut zu statten gekommen ist. Denn als sein Vater gestorben war, blieb er an seiner Stelle, ohne daß von der Wahl eines anderen Grafen gesprochen wurde. | |||
Während Adel in Texland in der Lehre war, befand sich auf der dortigen Burg eine sehr liebenswürdige Maid. Sie kam aus den Sachsenmarken her aus dem Staat, der Suobaland genannt wurde. Darum wurde sie in Texland Suobene genannt, obgleich ihr Name Ifkja war. Adel hatte sie liebgewonnen, und sie liebte Adel, aber sein Vater befahl ihm, noch zu warten, aber sobald sein Vater gestorben und er seinen Platz eingenommen hatte, sandte er sofort Boten zu ihrem Vater Bertholde, ob er seine Tochter zum Weibe haben dürfte. Bertholde war ein Fürst von unverdorbenen Sitten. Er hatte Ifkja in der Hoffnung nach Texland geschickt, daß sie einmal in seinem Lande zur [38] Burgmagd gewählt werde. Allein er hatte ihrer beider Begehren kennengelernt, darum ging er hin und gab ihnen seinen Segen. Ifkja war eine tüchtige Friesin (''fryas''). Soweit ich sie kennengelernt habe, hat sie immer gewirkt und gestrebt, damit die Fryaskinder wieder unter ein Gesetz und in einen Bund kommen würden. | |||
Um die Menschen zu gewinnen war sie mit ihrem Gemahl von ihrem Vater aus durch alle Sachsenmarken und weiter nach Geertmannja gereist. Geertmannja hatten die Geertmänner ihren Staat geheißen, den sie durch Gosas Zutun bekommen hatten. Von dort gingen sie nach den Denemarken. Von den Denemarken gingen sie zu Schiff nach Texland. Von Texland gingen sie nach Westflieland und so dem Meer entlang nach Walhallagara. Von Walhallagara reisten sie längs des Süderrheins (Waal), bis sie mit großer Gefahr oberhalb des Rheins zu den Marsaten kamen, worüber unsere Apollonia geschrieben hat. | |||
Als sie hier einige Zeit geblieben waren, gingen sie wieder abwärts. Als sie eine Zeitlang bergab gefahren waren, bis sie in die Gegend der alten Burg Aken (Aachen?) kamen, sind unversehens vier Knechte ermordet und nackt ausgeplündert worden. Sie waren ein wenig zurückgeblieben. Mein Bruder, der überall dabei gewesen war, hatte ihnen dies oft verboten, sie hatten aber nicht gehorcht. Die Mörder waren Twiskländer gewesen, die heutzutage dreist über den Rhein kommen, um zu morden und zu plündern. Die Twiskländer sind verbannte und fortgelaufene Fryaskinder, die ihre Frauen von den Tartaren geraubt haben. Die Tartaren sind ein braunes Findasvolk, so genannt, weil sie alle Völker zum Kampf herausfordern (''to strida uttarta'' niederl. „tot de strijd uittarten”). Sie sind alle Reiter und Räuber. Dadurch sind die Twiskländer genauso räuberisch geworden. | |||
Die Twiskländer, die diese Ubeltat begangen hatten, nannten sich selber Freien oder Franken. Es gab unter ihnen, so sagt mein Bruder, rote, braune und weiße. Die roten oder braunen beizten ihre Haare mit Kalkwasser weiß, da aber ihr Gesicht braun blieb, wurden sie dadurch umso häßlicher. | |||
Ebenso wie Apollonia sahen sie sich nachher Lydasburg und das Alderga an. Darauf zogen sie über Staveren bei ihren Leuten umher. Sie waren so liebenswürdig gewesen, daß die Menschen sie überall dabehalten wollten. | |||
Drei Monate später sandte Adel Boten zu allen Freunden, die er gewonnen hatte, sie sollten im Wonnemond weise Männer zu ihm senden, ......” | |||
[39] In der obigen Erzählung, die so plötzlich endet, gibt es zweifellos wieder Elemente, die nicht hier hineingehören. — Zunächst ist hier die Angabe, daß Friso die Geschichte der Fryas aus dem Buch der Adelingen kennengelernt habe. Dies erweckt den Eindruck, daß er ein Fremder war. Wie man annehmen darf, hat ein Abschreiber hier, wie auch bei der Mitteilung, daß Friso eine eigene Schule hatte, an den Geertmann Friso gedacht und diesen mit seinem späteren Namensgenossen gleichgesetzt. | |||
Dieser Abschreiber aber hatte die Geschichte der Geertmänner nur oberflächlich gelesen, was daraus hervorgeht, daß er angibt, diese weitgereisten Leute hätten durch Gosa einen eigenen Staat bekommen. Gosa hatte im Gegenteil gerade diese Einwanderer über weit auseinanderliegende Wohnsitze zu verteilen geraten, damit sie nicht zu mächtig werden sollten. | |||
Und es wird (vergl. Kap. VII) deutlich gesagt, dieser Rat der Volksmutter sei befolgt worden. Vom Bestehen einer Landschaft „Geertmannja” irgendwo im damaligen Norddeutschland kann also keine Rede sein. So ist die Vermutung begründet, daß es sich hier um einen späteren Zusatz handelt, der dem Leser nahe bringen soll, den Namen Germanien mit den Geertmännern in Verbindung zu bringen. | |||
Stark verdorben durch spätere Zusätze und Namensänderungen scheint auch der letzte Teil dieser Erzählung zu sein. Ohne Zweifel kann ein gewisser Teil der dem Rhein benachbarten germanischen Völker durch die erlittene Hunnenherrschaft bis zu einem gewissen Grade demoralisiert worden sein. Es bestand aber sicherlich kein Grund, das damals noch unverdorbene Volk der Franken, von denen lediglich die rechts-rheinisch wohnenden eine zeitlang unter Hunnenherrschaft standen, in seiner Gesamtheit als „Verbannte und fortgelaufene Fryaskinder” und ebenso räuberisch wie die „Tartaren” anzusehen. Dies sind gewisse Vorurteile, die auch in der Geschichte König Askars zu Worte kommen (vergl. Kap. III). | |||
Ob der Autor mit roten, braunen und weißen Franken an die Haarfarbe denkt, die künstlich mit Kalkwasser heller gemacht wurde, oder an eine Art der Tätowierung, ist nicht zu entscheiden. — Die Bezeichnung der Hunnen als Tartaren entstammt aber zweifellos der Feder von Hiddo Ura Linda, der 1256 die Handschriften, die naß geworden waren, abschrieb. Diese Annahme ist im Kapitel III näher zu begründen. | |||
Nach Abstreifung all dieser späteren Änderungen und Zufügungen [40] bleibt aber eine Geschichte, die sich sehr wohl zwischen dem Bericht über den zweiten Friso und dem über König Askar einfügen läßt. — Auch Adel strebt, wie sein Vater, nach der Königswürde. Er wirbt hierfür aber in anderer Weise und wirkt mehr durch Überredung als durch Verteilung von auf Raub erworbenen Geschenken. — Im Gegensatz zu Askar, der die Gunst des niederen Volkes suchte, stützen beide sich auf den Adel. Wie später Askar, trachtet bereits Adel danach die Staatseinheit aller ingwäonischen Stämme unter Führung der Friesen wieder herzustellen. Zu diesem Zweck unternimmt er mit seiner gleichgesinnten Gemahlin Jfkja die weite Reise durch die Sachsenmarken. Nur der von beiden unternommene Ausflug zum weit abgelegenen Lande der Marsaten bleibt in diesem Bericht ein unsicheres Element fragwürdiger Urheberschaft. Die Tatsache aber, daß der als Geburtsland der Ifkja genannte Gau Suobene unter dem latinisierten Namen Suavia<ref>Dieser Gau lag links der unteren Saale, nördlich der Bode und grenzte im Süden an den Gau Frisonovel, was auf die Anwesenheit von Friesen in dieser Gegend hinweisen dürfte. Vergl. Droysens Hist. Handatlas, Karte 23 „Deutschland um das Jahr 1000”.</ref> noch aus dem 11. Jhdt. bekannt ist, zeugt von der Echtheit dieser Erzählung. | |||
====''Die Schrift von Beden''==== | |||
„Mein Name ist Beden, Hachganas Sohn. Mein Onkel Konered ist nie verheiratet gewesen und kinderlos gestorben. Mich hat man an seiner Stelle gewählt. Adel, ''der dritte König dieses Namens'', hat diese Wahl gutgeheißen. | |||
Hierbei setzte er voraus, daß ich ihn als meinen Oberherrn anerkennen würde. Außer dem Hof meines Onkels hat er mir ein Grundstück gegeben, das an meinem Hofraum grenzte, unter der Bedingung daß ich hierauf Menschen setzen würde, die seine Leute niemals würden......” Während an der vorigen Erzählung nur zwei Seiten fehlen, was Dr. Ottema dadurch erklärt, daß Hiddo Ura Linda beim Abschreiben ein Blatt zuviel umgeschlagen habe, sind hier in der Handschrift zwanzig oder mehr Seiten verloren gegangen. Nach der Vermutung Ottemas, hatte Beden darin die Geschichte dieses Königs Adel III — bei den Chronisten Ubbo geheißen — beschrieben. Immerhin wird es hier deutlich, daß Frisos Sohn Adel auf dem Landtag, mit dessen Einberufung seine Geschichte so plötzlich endet, zum König gewählt worden ist. Dies stimmt zu der Angabe, daß Askar, der sogen. Schwarze Adel, der vierte König nach Friso war (vergl. den Anfang von Kap. III). Da die friesischen Wahlkönige dem Gesetz zufolge<ref>Vergl. Ottema: „Thet Ura Linda Bok”, Leeuwarden 1876, S. 35.</ref> nur drei Jahre in ihrem Amt verbleiben durften, und ihre Wiederwahl erst nach sieben Jahren gestattet war, ist es möglich, die Regierungszeit dieser drei Könige in einen kurzen Zeitraum — etwa 460 bis 470 (?) — anzusetzen. | |||
===Kapitel III — ''König Askar''=== | ===Kapitel III — ''König Askar''=== | ||
[41] Bei dieser letzten Schrift der Ura Linda Sammlung fehlen der Anfang und das Ende. Sie fängt mitten in einem Satz an und endet ebenso mitten in einem Satz, sodaß ihr Autor unbekannt bleibt. In dem hier Folgenden wird unter wortgetreuer Wiedergabe der wichtigsten Stellen ihr Inhalt kurz zusammengefaßt. | [41] Bei dieser letzten Schrift der Ura Linda Sammlung fehlen der Anfang und das Ende. Sie fängt mitten in einem Satz an und endet ebenso mitten in einem Satz, sodaß ihr Autor unbekannt bleibt. In dem hier Folgenden wird unter wortgetreuer Wiedergabe der wichtigsten Stellen ihr Inhalt kurz zusammengefaßt. | ||
Revision as of 08:46, 26 July 2026
Frans J. Los — Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle. Oostburg z.j. [1972]. 144 bl. 22 cm. Met 1 krt 1 ill.
Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle
von Frans J. Los
- Verlag W.J. Pieters, Oostburg (Nd.)
- Alleinvertrieb für Deutschland
- Peter Wegener, D53 Bonn 1, Postfach 97
Vorwort
Einleitung
Kapitel I — Die Schriften Adelas und Apollonias
Kapitel II — Die Schriften Konered und Beden
[31] Die Ausdeutung dieser beiden Schriften hat ihre Schwierigkeiten. So ist in den Schriften von Konered nicht angegeben, welche der von ihm berichteten Ereignisse seiner Zeit angehören, und welche in eine frühere Zeit fallen, also von ihm einer älteren Vorlage entnommen sind.
Von den Schriften von Beden ist ein großer Teil verloren gegangen. und es bleibt hierdurch ungewiß, ob er auch als Verfasser der im dritten Kapitel noch zu behandelnden Geschichte des Königs Askar anzusehen ist. Trotz diesen Schwierigkeiten ist es aber doch möglich, auch hier Klarheit zu schaffen.
Die Schrift ron Konered
„Meine Ahnen haben nacheinander dieses Buch geschrieben. Ich will das vor allem tun weil in meinem Land keine Burg mehr ist, an der wie ehedem die Ereignisse aufgeschrieben werden. Mein Name ist Konered (Konrad). Meines Vaters Name war Frethorik, meine Mutter war Wiljow. Nach dem Tode meines Vaters bin ich zu seinem Nachfolger gewählt worden, und als ich fünfzig Jahre zählte, wählte man mich zum obertsen Grevetmann.
Mein Vater hat beschrieben, wie die Linda-Orte und die Liudgaarden (niederl. gaarde = Garten) zerstört worden sind. Lindahem ist noch weg und die Linda-Orte zum Teil, Die nördlichen Liudgaarden sind von der salzigen See verschlungen. Das brausende Meer frißt an dem Ringdeich der Burg. Wie es mein Vater berichtet hat, sind die ihrer Habe beraubten Menschen hingegangen und haben Häuschen innerhalb des Ringdeiches der Burg gebaut. Deshalb ist der Rundteil (ronddel) jetzt Liudwerd geheißen. Die Seeleute sagen Liuwert, aber das ist eine falsche Aussprache”.
Konered beschreibt dann weiter, wie in seiner Jugend alles Land außerhalb des Deiches sumpfig war, die Fryas aber Gräben gegraben und Deiche aufgeworfen und hierdurch wieder eine gute „Hemrik",[1] d.i. eine gemeinsame anbaufähige Feldmark bekommen haben. Es werden [32] Pfähle eingerammt, um einen Hafen anzulegen und den Ringdeich zu schützen, und die kleinen Häuser werden ausgebaut und vergrößert.
Es ist deutlich, daß die nun folgenden Ausführungen (S. 144-147 des Originals) die Fortsetzung der Geschichte der Geertmänner (S. 119-131 des Originals) sind, die erst im VIII. Kapitel zu behandeln ist. Um den Leser nicht zu verwirren, wird dieser Teil der Schrift, der die Überschrift „Nun will ich über Friso schreiben” trägt, hier fortgelassen; der Leser findet ihn am Ende des achten Kapitels.
In welcher Zeit Konered selbst gelebt hat, sieht man aus seinem Vorwort. Er sah in seiner Jugend in seiner nächsten Umgebung in der Nachbarschaft von Liudwerd, dem späteren Leeuwarden (fries. Ljouwerd) die Folgen der verheerenden Überschwemmung von 450 n.d.Ztr. Er erwähnt die dadurch entstandene Middelzee und war im rei- feren Alter Zeuge des Wiederaufbaues.
Es scheint deshalb richtig, die Entstehung seiner Schrift, in deren folgendem Teil er die Geschichte seiner eigenen Zeit behandelt, auf ungefähr 470 n. anzusetzen.
Es wirkt aber verwirrend, daß in dieser Fortsetzung wiederum ein Friso genannt wird, was beim oberflächlichen Lesen den Eindruck erwecken kann, daß beide Teile in der gleichen Zeit spielen und zusammengehören. - Ein so berühmter Name wie Friso wird aber in Friesland oft vorgekommen sein.
„Nun muß ich mit meine Geschichte zurückkehren.
Nach der großen Flut, worüber mein Vater geschrieben hat, waren viele Jüten (jutter) und Letten (lêtne) mit der Ebbe aus der Balda- oder Böse-See geführt worden. Beim Kattegat (kathisgat) trieben sie mit ihren Boten mit dem Eis der denemarker Küste zu und sind da sitzen geblieben. Da waren nirgends Menschen in Sicht, darum haben sie das Land in Besitz genommen. Nach ihrem Namen haben sie das Land Jütland geheißen.
Später kamen viele Denemarker zurück von der hohen See, aber diese ließen sich südlicher nieder, und als die Seeleute, die nicht umgekommen waren, zurückkehrten, ging der eine mit dem anderen auf See oder auf die Inseln. Infolge dieses Schicksals durften die Jüten das Land, auf das Wralda sie geführt hatte, behalten. Die seeländischen Schiffsleute, die nicht nur vom Fischfang allein leben wollten und eine große [33] Gegnerschaft gegen die Golen hatten, begannen dann mit der Plünderung phönizischer Schiffe.
In der südwestlichen Ecke Schonlands liegt Lindasburg, zugenannt Lindasnase, von unserem Apol gegründet, so wie es in diesem Buch geschrieben steht. Alle Küstenbewohner und Umländer (ommelandar) waren dort echte Fryas geblieben, aber durch die Lust zum Rachekampf gegen die Golen und Kältana-Anhänger machten sie mit den Seeländern gemeinsame Sache, doch diese Zusammenarbeit hat nicht standgehalten, weil die Seeländer viele üble Sitten und Gebräuche von den Magyaren übernommen hatten, Fryas Volk zum Spott. Daraufhin ging ein jeder für sich selbst auf Raub, doch wo es sich traf standen sie einander treulich bei”.
Es wird weiter erzählt, wie die Seeländer zuletzt Mangel an guten Schiffen bekamen, weil ihre Wälder fortgeschwemmt und ihre Schiffsbauer umgekommen waren. Sie sandten deshalb drei Schiffe nach Friesland, die aber infolge der Zerstückelung der Küste die Fliemündung verfehlten und bei der Burg des Konered (ljudwerd) landeten. Der mitgefahrene Kaufmann will von ihm gegen geraubte Ware Schiffe erwerben. Da Konered selbst keine Schiffe hat, läßt er ihn weiter zu Friso reisen, „denn zu Staveren und das Alderga entlang wurden die besten Kriegsschiffe gebaut. Sie waren aus hartem Eichenholz in das keine Fäulnis hineinkommt".
Zu gleicher Zeit waren auch einige Jüten bei Friso erschienen, die sich über den Kinderraub der Seeländer beklagten, die Knaben mußten ihnen als Ruderer dienen und die Mädchen sollten ihnen Kinder gebären.
Die Jüten klagten, sie könnten das den Seeländern nicht verwehren, weil sie keine guten Waffen hätten. Friso bedingt sich dann einen Hafen in ihrem Lande aus und verspricht dessen Eingang durch Anlage einer Burg zu schützen. Dann erscheinen die Seeländer an seinem Hof und bringen ihr Gesuch bezüglich des Ankaufs von Kriegsschiffen bei ihm vor. Mit diplomatischem Geschick sagt er ihnen die jährliche Lieferung von 50 voll ausgerüsteten Kriegsschiffen zu, aber unter der Bedingung, daß sie künftig die Jüten und alle Fryaskinder in Ruhe lassen. Ja, er sagt noch mehr zu, er wolle alle unsere Seekämpen auffordern, mit ihnen auf Beutefahrt zu gehen.
Als die Seeländer nach Abschluß dieses für alle Beteiligten recht befriedigenden Abkommens abgereist waren, ließ er vierzig alte Schiffe mit Waffen, Holz, hartgebrannten Ziegeln, mit Zimmerleuten, [34] Maurern und Schmieden beladen, um damit Burgen zu bauen. Seinen Sohn Witto sandte er als Aufsicht mit. „Was da geschehen ist, ist mir nicht berichtet worden, aber so viel ist mir deutlich geworden, daß beiderseits des Hafeneinganges eine Trutzburg errichtet worden und mit Volk belegt worden ist, das Friso aus dem Sachsenland herholte. Witto hat Siuchthirte befreit und zur Frau genommen. Wilhelm, so hieß ihr Vater — er was der oberste Alderman der Jüten, das ist oberster Grevetmann oder Graf — ist kurz hiernach gestorben und Witto ist an seiner Stelle gewählt worden”.
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Auch hier hat deutlich ein Abschreiber die Spuren seiner späteren Tätigkeit zu Anfang dieser Geschichte hinterlassen.
Es kann keine Rede davon sein, daß die Jüten, wie hier behauptet wird, sich erst um 470 n.d.Ztr. in der nach ihnen benannten Halbinsel niedergelassen haben. Diese Angabe steht auch im Widerspruch zu den Geschichten von Wodin und Tünis, wo die Jüten als ein alt eingesessenes Volk hingestellt werden (vergl. Kap. VI). Die Letten, die zu jeder Zeit ein reines Landvolk gewesen sind, können nicht im 5. Jhdt. über See bis nach Jütland vorgedrungen sein, und die Erwähnung von phönizischen Schiffen ist ein arger Anachronismus, durch die der Abschreiber seine mangelhafte Geschichtskenntnis bekundet.
Anderseits aber ist hervorzuheben, daß der weitere Inhalt dieser Erzählung sehr gut mit den bekannten historischen Tatsachen übereinstimmt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß an den bekannten Raubzügen der Angeln und Sachsen, die seit dem Ende des 3. Jahrh. die Küsten der Nordsee und des Ärmelkanals heimsuchten, auch Dänen und Friesen teilgenommen haben, und bekanntlich haben Jüten sich an der germanischen Kolonisation Britanniens beteiligt. Ein Vordringen der Dänen von Südschweden aus über die Inseln bis in den südlichen Teil Jütlands ist in dieser Zeit, dem 5. Jhdt. durchaus wahrscheinlich und es ist nicht unmöglich, daß die Sitten dieses Volkes tatsächlich infolge der vorangegangenen finnisch-magyarischen Fremdherrschaft bis zu einem gewissen Grade verdorben waren. Die Folgen der großen Flut vom Jahe 450 werden auch hier wieder erwähnt, sodaß es möglich ist, diese Schrift mit Sicherheit ungefähr zu datieren. Wenden wir uns jetzt aber ihrer Fortsetzung zu.
Was Friso ferner tat
„Von seiner ersten Frau hatte er noch zwei Schwäger, die recht wacker [35] waren. Hetto, d.i. „der Heiße", den jüngeren, schickte er als Sendboten nach Kattaburg, das tief in den Sachsenmarken liegt. Er hatte von Friso außer seinem Reitpferd sieben Rosse mitbekommen, alle beladen mit köstlichen, durch die Seekämpen geraubten Gütern. Bei jedem Pferd waren zwei junge Seekämpfer und zwei junge Reiter, alle in reichen Kleidern und mit Geld in ihren Beuteln. Wie er Hetto nach Kattaburg sandte, so schickte er Bruno, das ist Braune’, den anderen Schwager nach Mannagarda-Ort. Mannagarda-Ort ist in diesem Buche Mannagarda-Forda geschrieben, aber das ist falsch”. Es wird dann weiter erzählt, wie die Sendboten Geschenke an Fürsten und Fürstinnen austeilen, offenbar um deren Gunst zu gewinnen, während ihre Knappen durch ihre Freigiebigkeit mit Gewürzkuchen und Bier den Neid der sächsischen Jungmannen erwecken. Es fiel ihm dann nicht schwer, viele zur Teilnahme an den Beutezügen zu bewegen. Zur Festigung der friesisch-sächsischen Freundschaft heirateten die beiden Schwäger Frisos Töchter der ansehnlichsten sächsischen Fürsten. Später kamen ganze Scharen sächsischer Jungmannen und Jungmädel zum Fliesee herunter.
Die Burgmägde und die älteren Mägde, die noch von der früheren Größe wußten, „zeigten sich dieser Politik abhold, aber die jüngeren Mägde waren dem Friso ergeben. Sie sagten überall, wir haben fortan keine Mutter mehr weil wir selbständig geworden sind. Heute geziemt uns ein König, damit wir das Land wieder gewinnen, das die Mütter durch ihre Unsorgsamkeit verloren haben”. Falls wieder ein König gewählt werden sollte, so erachteten sie „Friso hierzu von Wralda erkoren, denn er hat ihn wundersam hierhergeleitet. Friso kennt die Ränke der Golen, deren Sprache er spricht, er kann also gegen ihre Listen auf der Hut sein”.
„Die älteren Mägde, obgleich wenige an Zahl, zapften ihre Reden aus einem anderen Faß. Friso, so verbreiteten sie überall, macht es wie die Spinnen, nachts spinnt er seine Netze nach allen Seiten und tagsüber überrascht er dann seine arglosen Freunde. Friso sagt, er möge keine Priester noch fremde Fürsten, ich aber sage, er mag niemanden außer sich selbst. Darum auch will er nicht zulassen, daß die Burg Stavia wieder aufgebaut wird, darum auch will er keine Mutter mehr haben. Heute ist Friso euer Ratgeber, aber morgen will er euer König werden, damit er über euch alle richten kann.
Innerhalb des Volkes entstanden nun zwei Parteien. Die Alten und die Armen wollten wieder eine Mutter haben, aber das junge Volk, das [36] voller Kampfeslust war, wollte einen Vater oder König haben. Die ersteren nannten sich „Muttersöhne” und die anderen nannten sich selbst „Vatersöhne”. Aber die Muttersöhne fanden keine Beachtung, denn weil viele Schiffe gebaut wurden, gab es viel Arbeit und Brot für Schiffsbauer, Schmiede, Segelmacher, Seiler und für alle anderen Handwerksleute. Auch brachten die Seeleute viel Beute an Schmucksachen mit, an denen die Frauen, die Jungfrauen und die Mägde ihre Freude hatten.
Als Friso an die vierzig Jahre in Staveren gewirkt hatte, starb er. Durch seine Bemühungen hatte er viele Staaten wieder zueinander gebracht, aber ob wir dadurch besser wurden, wage ich nicht zu bestätigen. Von allen Grafen, die vor ihm waren, war niemand so berühmt gewesen wie Friso, aber wie ich schon sagte, die jungen Mägde sprachen sein Lob, während die alten Mägde alles taten, um ihn zu tadeln und bei allen Leuten verhaßt zu machen. Zwar konnten die alten Mägde ihn hierdurch nicht in seinen Bemühungen stören, aber sie haben mit ihrem Geschrei doch soviel ausgerichtet, daß er starb, ohne daß er König geworden war”.
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Wie ein Vergleich mit dem im achten Kapitel zu behandelnden älteren Friso lehrt, gibt es zwischen den beiden Gestalten gewisse Übereinstimmungen, die Verdacht erregen könnten. Beide heiraten zum zweiten Male, beide kannten „die Ränke der Golen” — was besagen will, daß sie Auslandserfahrung hatten — und beide waren bestrebt, ihre Macht zu vergrößern, wobei beiden die Stellung einer Volksmutter im Wege stand, die sie am liebsten ganz beseitigen möchten. Es lag dabei in der Natur der Sache, daß tatkräftige und zielbewußte Männer in hohem Führungsamt in einen gewissen Gegensatz zu einer Volksmutter geraten mußten. Ferner ist anzunehmen, daß die Kenntnis ausländischer Verhältnisse auch damals einem Politiker eine gewisse Überlegenheit verschaffte. So bleibt nur die zweite Heirat der beiden Frisos als zufällige Ubereinstimmung, die nicht berechtigt, deshalb an der Verschiedenheit zweier Personen zu zweifeln.
Eine Gleichstellung scheint uns für die beiden Personen nur da vorzuliegen, wo die jüngeren Mägde meinen, Friso sei von Wralda zum König vorherbestimmt, da er (Wralda) „ihn so wundersam hierhergeleitet habe”, Diese Hinzufügung scheint auf den Geertmann Friso Bezug zu haben und dürfte der Feder eines Abschreibers entstammen, der die beiden Frisos miteinander identifizierte. Die Geschichte des [37] zweiten Friso, die hieroben wiedergegeben wurde, spielt deutlich in dem Zeitraum zwischen der großen Flut 450 n. und dem Auftreten des Königs Askar (470?). Sie schildert den ersten noch unentschlossenen Versuch, in Friesland eine Königsmacht zu begründen.
Merkwürdig ist in dieser Geschiche die Angabe, daß schon Friso — wie später König Askar — sich weigerte, die Burg Stavia bei Staveren wieder aufbauen zu lassen. Mit Mannagarda-Ort — fälschlich auch Mannagarda-Forda geschrieben — ist vielleicht das spätere Münster gemeint, das 804 unter dem Namen Mimigardevord[2] dem für die Sachsen von Karl dem Franken ernannten Bischof Liudger als Wohnsitz angewiesen wurde. Dagegen ist es unmöglich die Lage von Kattaburg,[3] das tief in den Sachsenmarken lag, zu bestimmen. Verfolgen wir aber jetzt die Schrift von Konered weiter.
Jetzt will ich schreiben über seinen Sohn Adel
„Friso, der unsere Geschichte aus dem Buch der Adelingen kennen gelernt hatte, hat alles getan, um ihre Freundschaft zu gewinnen. Seinen ersten Sohn, den er hier bei seiner Frau Swethirte gewann, hat er sogleich Adel genannt. Und obgleich er mit aller Macht danach strebte, keine Burgen wiederherzustellen noch aufzubauen, so sandte er doch Adel nach der Burg auf Texland, damit er durch und durch mit allem, was zu unseren Gesetzen, Sprache und Sitten gehört, bekannt würde. Als Adel zwanzig Jahre zählte, ließ Friso ihn in seine eigene Schule kommen, und als er ausgelernt hatte, ließ er ihn durch alle Staaten reisen. Adel war ein liebenswürdiger junger Mann und auf seinen Fahrten hat er sich viele Freunde gewonnen. Deshalb nannte das Volk ihn Atha-rik (Freundereich), was ihm später sehr gut zu statten gekommen ist. Denn als sein Vater gestorben war, blieb er an seiner Stelle, ohne daß von der Wahl eines anderen Grafen gesprochen wurde.
Während Adel in Texland in der Lehre war, befand sich auf der dortigen Burg eine sehr liebenswürdige Maid. Sie kam aus den Sachsenmarken her aus dem Staat, der Suobaland genannt wurde. Darum wurde sie in Texland Suobene genannt, obgleich ihr Name Ifkja war. Adel hatte sie liebgewonnen, und sie liebte Adel, aber sein Vater befahl ihm, noch zu warten, aber sobald sein Vater gestorben und er seinen Platz eingenommen hatte, sandte er sofort Boten zu ihrem Vater Bertholde, ob er seine Tochter zum Weibe haben dürfte. Bertholde war ein Fürst von unverdorbenen Sitten. Er hatte Ifkja in der Hoffnung nach Texland geschickt, daß sie einmal in seinem Lande zur [38] Burgmagd gewählt werde. Allein er hatte ihrer beider Begehren kennengelernt, darum ging er hin und gab ihnen seinen Segen. Ifkja war eine tüchtige Friesin (fryas). Soweit ich sie kennengelernt habe, hat sie immer gewirkt und gestrebt, damit die Fryaskinder wieder unter ein Gesetz und in einen Bund kommen würden.
Um die Menschen zu gewinnen war sie mit ihrem Gemahl von ihrem Vater aus durch alle Sachsenmarken und weiter nach Geertmannja gereist. Geertmannja hatten die Geertmänner ihren Staat geheißen, den sie durch Gosas Zutun bekommen hatten. Von dort gingen sie nach den Denemarken. Von den Denemarken gingen sie zu Schiff nach Texland. Von Texland gingen sie nach Westflieland und so dem Meer entlang nach Walhallagara. Von Walhallagara reisten sie längs des Süderrheins (Waal), bis sie mit großer Gefahr oberhalb des Rheins zu den Marsaten kamen, worüber unsere Apollonia geschrieben hat.
Als sie hier einige Zeit geblieben waren, gingen sie wieder abwärts. Als sie eine Zeitlang bergab gefahren waren, bis sie in die Gegend der alten Burg Aken (Aachen?) kamen, sind unversehens vier Knechte ermordet und nackt ausgeplündert worden. Sie waren ein wenig zurückgeblieben. Mein Bruder, der überall dabei gewesen war, hatte ihnen dies oft verboten, sie hatten aber nicht gehorcht. Die Mörder waren Twiskländer gewesen, die heutzutage dreist über den Rhein kommen, um zu morden und zu plündern. Die Twiskländer sind verbannte und fortgelaufene Fryaskinder, die ihre Frauen von den Tartaren geraubt haben. Die Tartaren sind ein braunes Findasvolk, so genannt, weil sie alle Völker zum Kampf herausfordern (to strida uttarta niederl. „tot de strijd uittarten”). Sie sind alle Reiter und Räuber. Dadurch sind die Twiskländer genauso räuberisch geworden.
Die Twiskländer, die diese Ubeltat begangen hatten, nannten sich selber Freien oder Franken. Es gab unter ihnen, so sagt mein Bruder, rote, braune und weiße. Die roten oder braunen beizten ihre Haare mit Kalkwasser weiß, da aber ihr Gesicht braun blieb, wurden sie dadurch umso häßlicher.
Ebenso wie Apollonia sahen sie sich nachher Lydasburg und das Alderga an. Darauf zogen sie über Staveren bei ihren Leuten umher. Sie waren so liebenswürdig gewesen, daß die Menschen sie überall dabehalten wollten.
Drei Monate später sandte Adel Boten zu allen Freunden, die er gewonnen hatte, sie sollten im Wonnemond weise Männer zu ihm senden, ......”
[39] In der obigen Erzählung, die so plötzlich endet, gibt es zweifellos wieder Elemente, die nicht hier hineingehören. — Zunächst ist hier die Angabe, daß Friso die Geschichte der Fryas aus dem Buch der Adelingen kennengelernt habe. Dies erweckt den Eindruck, daß er ein Fremder war. Wie man annehmen darf, hat ein Abschreiber hier, wie auch bei der Mitteilung, daß Friso eine eigene Schule hatte, an den Geertmann Friso gedacht und diesen mit seinem späteren Namensgenossen gleichgesetzt.
Dieser Abschreiber aber hatte die Geschichte der Geertmänner nur oberflächlich gelesen, was daraus hervorgeht, daß er angibt, diese weitgereisten Leute hätten durch Gosa einen eigenen Staat bekommen. Gosa hatte im Gegenteil gerade diese Einwanderer über weit auseinanderliegende Wohnsitze zu verteilen geraten, damit sie nicht zu mächtig werden sollten.
Und es wird (vergl. Kap. VII) deutlich gesagt, dieser Rat der Volksmutter sei befolgt worden. Vom Bestehen einer Landschaft „Geertmannja” irgendwo im damaligen Norddeutschland kann also keine Rede sein. So ist die Vermutung begründet, daß es sich hier um einen späteren Zusatz handelt, der dem Leser nahe bringen soll, den Namen Germanien mit den Geertmännern in Verbindung zu bringen.
Stark verdorben durch spätere Zusätze und Namensänderungen scheint auch der letzte Teil dieser Erzählung zu sein. Ohne Zweifel kann ein gewisser Teil der dem Rhein benachbarten germanischen Völker durch die erlittene Hunnenherrschaft bis zu einem gewissen Grade demoralisiert worden sein. Es bestand aber sicherlich kein Grund, das damals noch unverdorbene Volk der Franken, von denen lediglich die rechts-rheinisch wohnenden eine zeitlang unter Hunnenherrschaft standen, in seiner Gesamtheit als „Verbannte und fortgelaufene Fryaskinder” und ebenso räuberisch wie die „Tartaren” anzusehen. Dies sind gewisse Vorurteile, die auch in der Geschichte König Askars zu Worte kommen (vergl. Kap. III).
Ob der Autor mit roten, braunen und weißen Franken an die Haarfarbe denkt, die künstlich mit Kalkwasser heller gemacht wurde, oder an eine Art der Tätowierung, ist nicht zu entscheiden. — Die Bezeichnung der Hunnen als Tartaren entstammt aber zweifellos der Feder von Hiddo Ura Linda, der 1256 die Handschriften, die naß geworden waren, abschrieb. Diese Annahme ist im Kapitel III näher zu begründen.
Nach Abstreifung all dieser späteren Änderungen und Zufügungen [40] bleibt aber eine Geschichte, die sich sehr wohl zwischen dem Bericht über den zweiten Friso und dem über König Askar einfügen läßt. — Auch Adel strebt, wie sein Vater, nach der Königswürde. Er wirbt hierfür aber in anderer Weise und wirkt mehr durch Überredung als durch Verteilung von auf Raub erworbenen Geschenken. — Im Gegensatz zu Askar, der die Gunst des niederen Volkes suchte, stützen beide sich auf den Adel. Wie später Askar, trachtet bereits Adel danach die Staatseinheit aller ingwäonischen Stämme unter Führung der Friesen wieder herzustellen. Zu diesem Zweck unternimmt er mit seiner gleichgesinnten Gemahlin Jfkja die weite Reise durch die Sachsenmarken. Nur der von beiden unternommene Ausflug zum weit abgelegenen Lande der Marsaten bleibt in diesem Bericht ein unsicheres Element fragwürdiger Urheberschaft. Die Tatsache aber, daß der als Geburtsland der Ifkja genannte Gau Suobene unter dem latinisierten Namen Suavia[4] noch aus dem 11. Jhdt. bekannt ist, zeugt von der Echtheit dieser Erzählung.
Die Schrift von Beden
„Mein Name ist Beden, Hachganas Sohn. Mein Onkel Konered ist nie verheiratet gewesen und kinderlos gestorben. Mich hat man an seiner Stelle gewählt. Adel, der dritte König dieses Namens, hat diese Wahl gutgeheißen.
Hierbei setzte er voraus, daß ich ihn als meinen Oberherrn anerkennen würde. Außer dem Hof meines Onkels hat er mir ein Grundstück gegeben, das an meinem Hofraum grenzte, unter der Bedingung daß ich hierauf Menschen setzen würde, die seine Leute niemals würden......” Während an der vorigen Erzählung nur zwei Seiten fehlen, was Dr. Ottema dadurch erklärt, daß Hiddo Ura Linda beim Abschreiben ein Blatt zuviel umgeschlagen habe, sind hier in der Handschrift zwanzig oder mehr Seiten verloren gegangen. Nach der Vermutung Ottemas, hatte Beden darin die Geschichte dieses Königs Adel III — bei den Chronisten Ubbo geheißen — beschrieben. Immerhin wird es hier deutlich, daß Frisos Sohn Adel auf dem Landtag, mit dessen Einberufung seine Geschichte so plötzlich endet, zum König gewählt worden ist. Dies stimmt zu der Angabe, daß Askar, der sogen. Schwarze Adel, der vierte König nach Friso war (vergl. den Anfang von Kap. III). Da die friesischen Wahlkönige dem Gesetz zufolge[5] nur drei Jahre in ihrem Amt verbleiben durften, und ihre Wiederwahl erst nach sieben Jahren gestattet war, ist es möglich, die Regierungszeit dieser drei Könige in einen kurzen Zeitraum — etwa 460 bis 470 (?) — anzusetzen.
Kapitel III — König Askar
[41] Bei dieser letzten Schrift der Ura Linda Sammlung fehlen der Anfang und das Ende. Sie fängt mitten in einem Satz an und endet ebenso mitten in einem Satz, sodaß ihr Autor unbekannt bleibt. In dem hier Folgenden wird unter wortgetreuer Wiedergabe der wichtigsten Stellen ihr Inhalt kurz zusammengefaßt.
„Deshalb will ich erst über den Schwarzen Adel schreiben. Schwarzer Adel war der vierte König nach Friso”. Als er vierundzwanzig Jahre alt war, sorgte sein Vater dafür, daß er zum Asega Askar[6] — offenbar einer Art Staatsanwalt — gewählt wurde. „Als er einmal Askar war, klagte er immer zum Vorteil der Armen”. So wurde er zum Freund der Armen und zum Schrecken der Reichen.
„Als sein Vater gestorben war, hat er dessen Sitz bestiegen, er wollte sein Amt dann ebensogut behalten, wie die Fürsten des Ostens es zu tun pflegten. Die Reichen wollten das nicht dulden, aber jetzt versammelte das andere Volk sich hautenweise, und die Reichen waren froh, mit heiler Haut aus der Versammlung zu kommen. Von da ab hörte man niemals mehr von Rechtsgleichheit sprechen”.
„König Askar, wie er immer genannt wurde, war beinahe sieben Fuß groB und so groß wie seine Gestalt waren auch seine Kräfte. Er hatte einen hellen Verstand, sodaß er alles, was gesprochen wurde, verstand, doch konnte man in seinen Handlungen keine Weisheit verspüren. Bei einem schönen Antlitz besaB er eine glatte Zunge, aber noch schwärzer als sein Haar, hat man seine Seele befunden”.
Im zweiten Jahr seiner Regierung führte er für alle Knaben militärische Ubungen ein. Er sagte, sie brauchten nicht mehr lesen und schreiben zu lernen. Auf einer Volksversammlung begründete er diese kulturfeindliche Haltung mit dem Hinweis auf die gefährliche Lage im Sûden, wie die Golen „zusammen mit anderen entarteten Brüdern und deren Soldaten schon über die Schelde gekommen” und unsere schönen Südlande geraubt haben. Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als entweder ein Joch oder ein Schwert zu tragen. „Haben wir den Feind erst einmal vor uns hergetrieben, so müssen wir weitergehen, bis es keinen Golen noch Slawen noch Tartaren mehr auf [42] Fryas Erde gibt. (alhwenne ther nen gola ner slavona nach tartara mâra fon fryas erv to vrdryvane send)”.
Da die Reichen ihren Mund nicht zu öffnen wagten, fand die Anrede Askars „allgemeinen Beifall”. Auch hatte er sie gewiß vorher aufschreiben lassen, denn schon am Abend waren gleichlautende Abschriften in wohl zwanzig Händen.
Askar befiehlt dann den Schiffsbauern, die Kriegsschiffe mit doppelten Vorsteven, auf denen „Kranbogen” — vermutlich eine Art von drehbaren Katapulten — befestigt werden konnten, zu versehen. Dann greift er in einen Krieg ein, der im Norden Britanniens zwischen den in diesem Bergland herrschenden Golen und den sich gegen diese auflehenden Kelten (kältana folgâr)[7] ausgebrochen ist. Die Golen werden hier als phönizische Priester geschildert, die von den Römern allmählich aus ihren früheren Herrschaftsgebieten in Gallien und Britannien vertrieben worden waren und deren damaliges Oberhaupt seinen Sitz auf der steinernen Burg Kerenäk (auserkorene Ecke)[8] in Schottland eingerichtet hatte. Die keltischen Mägde wollten diese Burg, die in früheren Zeiten ihrer Ehrenmutter Kälta zubehört hatte, zurückhaben. Eine Ausweitung über die Geschichte Roms und der Mittelmeerländer lasse ich hier weg, da sie die Erzählung unnötig unterbrechen würde. Sie stellt wahrscheinlich eine humanistische Hinzufügung dar. Wichtig ist aber hier die Bemerkung, daß die friesischen Seeleute öfters nach Schottland fuhren, wo sie Wolle gegen aufgearbeitete Häute und Leinwand eintauschten. Auch Askar war oft dort gewesen. Er hatte heimlich mit den Mägden und einigen Fürsten Freundschaft geschlossen und ihnen versprochen, die Golen aus Kerenäk zu vertreiben.
Askar rüstet seine Männer mit eisernen Helmen und stählernen Bogen aus, fährt mit vierzig Schiffen nach Schottland und erobert mit Hilfe von in den Sachsenmarken geworbenen Truppen Kerenäk. Der oberste der Golen gerät hierbei mit seinem Goldschatz in seine Gewalt, und die Söldner bekommen ihren Anteil an der reichen Beute. Kurz hiernach besetzt er zwei Inseln, auf denen er Stützpunkre für seine Flotte errichtet, um von hier aus „phönizische” Schiffe und Städte zu überfallen. Begleitet von sechshundert der größten Burschen des schottischen Berglandes kehrt er heim nach Friesland. Aus ihnen bildet er eine Leibwache.
Die Denemarker (tha denemarkar), die sich mit Stolz Seekämpfer (sekämpar) nannten, wurden auf seine Erfolge so eifersüchtig, daß sie ihn bekämpfen wollten. — Die Burgmagd Reintja, die mit einigen [43] Mäg- den in den Ruinen der zerstörten Burg Stavia wohnt, bietet Askar ihre Hilfe an und stellt hierzu die Bedingung, daß der König den Wiederaufbau der Burg besorgen solle. Als Askar diese Bedingung annimmt, fährt Reintja mit drei Mägden nach Holstein (hals) und ruft überall das Volk zur Eintracht auf. Sie beruft sich hierbei auf eine ihr von Wralda zuteilgewordene Offenbarung. Es drohe Gefahr, so sagt sie, und „deshalb sollten alle Völker von Fryas Blut ihre Zunamen wegwerfen und sich allein Fryas Kinder” nennen, um zusammen Findas Volk von Fryas Boden zu vertreiben, anstatt Sklaven zu werden.
„Das dumme Volk, durch das Wirken der Magyaren schon an so viel Torheit gewohnt, glaubte alles, was sie sagte, und die Mütter drückten ihre Kinder an die Brust”.
Nachdem sie den König von Hals „und alle anderen Menschen” zur Eintracht bekehrt hat, fährt Reintja entlang der baltischen See zu den Litauern, bei denen sie aber offenbar weniger Erfolg hat. Von diesen wird nebenbei bemerkt, sie hätten ihre Frauen größtenteils von den „Tartaren”,[9] die zu Findas Geschlecht gehören, geraubt. — Reintjas Reise geht dann weiter durch Deutschland (twisklanda), und sie kehrt nach zwei Jahren den Rhein entlang zurück. Bemerkenswerterweise gibt sie sich hierbei den Deutschen (tha twisklanda[r]) gegenüber als Volksmutter aus und fordert das Volk auf, über den Rhein zu ziehen und die Anhänger der Golen aus Fryas Südlanden zu verjagen. „Täten sie das, dann würde ihr König Askar über die Schelde gehen und dort das Land erobern”.
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„Bei den Deutschen haben sich viele tschudische[10] Gebräuche (félo tjoda plêga) von den Tartaren und Magyaren eingeschlichen, aber es sind auch viele unserer Sitten erhalten geblieben”, so fährt der Text fort: „Demzufolge haben sie auch noch Burgmägde, die die Kinder unterrichten und älteren Leuten Rat erteilen. Anfangs waren sie Reintja feindlich gesinnt, aber zuletzt folgten en dienten sie ihr, und sie wurde von ihnen gepriesen”.
Sobald Askar von den Boten Reintjas vernam, wie die Jüten (juttar) gesinnt waren, schickte er eine Gesandschaft zum König von Holstein mit dem Auftrag, für ihn um die Hand seiner Tochter Fretogunste zu werben. Als diese nach Verlauf eines Jahres in Staveren ankam, befand sich unter ihrem Gefolge ein ugrischer Priester (magy), „denn die Jüten waren seit langem verdorben”. Nachdem die Hochzeit gehalten war, baute man in Staveren eine Kirche (scherke) mit [44] fratzenhaften tschudischen Götzenbildern (tjoda drochtenlykanda byldon). Auch wurde behauptet, Askar beuge sich mit Fretogunste bei Nacht hiervor. Die Burg Stavia aber wurde nicht wieder aufgebaut.
Reintja beschwert sich hierüber bei Prontlik, der Volksmutter auf Texland, und diese läßt das Gerücht verbreiten, Askar habe sich dem Götzendienst hingegeben.
Askar verhält sich so, als ob er nichts hiervon bemerke, aber plötzlich erscheint eine Flotte aus Holstein, deren Besatzung die Mägde aus der Burg vertreibt und diese selbst in Brand setzt. Prontlik und Reintja, so schreibt der Verfasser, kamen zu mir und suchten Zuflucht, die sie dann auf unserer mitten im Krylwald, östlich von Ljudwerd (Leeuwarden) gelegenen Fluchtburg fanden. Sie nutzten dann den von Askar geförderten Gespensterglauben aus, um alle Neugierigen aus der Umgebung fernzuhalten. Askar ließ inzwischen seine „Zauberer” (magjara) umherziehen, „und außer in meinem Staate und in Groningen wehrte man ihnen nirgends”. Die Raubzüge, die Askar inzwischen zusammen mit Jüten und Denemarkern unternahm, hatten zur Folge, daß die jungen Männer nicht mehr auf dem Lande arbeiten oder ein Gewerbe lernen wollten, sodaß die Einfuhr von Sklaven notwendig wurde. „Das aber war ganz gegen Wraldas Wille und gegen Fryas Rat, deshalb konnte die Strafe nicht ausbleiben”. Man erbeutete eine reichbeladene aus dem Mittelmeer („Phönikien”) kommende Flotte, auf der aber eine Krankheit ausgebrochen war. Auf dem Flie wurde die Beute verteilt, zugleich aber auch die Strafe, denn überall, wohin Sklaven oder Güter kamen, kam auch das Bauchweh mit. Die Krankheit verbreitete sich über die Sachsenmarken, Jütland und Schonland und bis nach Britannien, und viele Tausende starben.
„Als die Pest auf immer gewichen war, kamen die freigewordenen Deutschen zum Rhein, aber Askar wollte mit den Fürsten dieses verdorbenen Volkes” nicht gleichgestellt werden. Er wollte nicht dulden, da diese sich Fryas Kinder nennen würden, wie Reintja ihnen angeboten hatte, aber dabei vergaß er, dak er selbst schwarze Haare hatte. Unter den Deutschen gab es zwei Völker, die sich nicht Deutsche nannten. Das eine Volk kam von fern im Südosten. Sie nannten sich Alamannen (allemanna). Das andere volk das mehr in der Nähe zog, nannte sich Franken (franka). Die Völker, die hieran grenzten, nannten sich Thioth-his Söhne (thjoth his suna), d.i. Volkssöhne. Sie waren freie Menschen geblieben, da sie niemals einen erblichen König oder Fürsten anerkennen wollten.
[45] „Askar hatte schon von Reintja erfahren, daß die deutschen Fürsten fast immer miteinander in Feindschaft und Fehde lebten. Jetzt schlug er ihnen vor, einen Herzog (hêrtoga) aus seinem Volke zu wählen. Auch sagte er, seine Fürsten seien imstande, mit den Golen zu sprechen. Das, so sagte er, sei auch die Meinung der Volksmutter. Die deutschen Fürsten kamen dann zusammen und wählten nach einundzwanzig Tagen Askars Neffen Alrik zum Herzog. Askar gab ihm 200 Schotten und 100 Sachsen als Leibwache mit. Die Fürsten aber mußten 21 ihrer Söhne als Geiseln nach Staveren schicken”.
„Bis dahin war alles gut gegangen, aber als man über den Rhein fahren wollte, mochte der König der Franken sich nicht Alriks Befehlen unterstellen. Dadurch geriet alles in Unordnung. Askar, der meinte, alles ging gut, landete mit seinen Schiften am anderen Ufer der Schelde, aber dort war man schon von seiner Ankunft unterrichtet und auf der Hut. Sie mußten ebenso schnell flüchten, wie sie gekommen waren, und Askar selbst geriet in Gefangenschaft. Die Golen wußten nicht, wen sie gefangen hatten, und so wurde er später gegen einen vornehmen Golen ausgetauscht, den sein Volk gefangen hatte.
Inzwischen liefen die Magyaren noch frecher in den Ländern unserer Nachbarn umher. Bei Egmond[11] (egmuda), wo die Burg Forana gestanden hat, ließen sie eine Kirche (cherka)[12] bauen, größer und reicher als die, welche Askar in Staveren hatte bauen lassen. Nachher sagten sie, Askar habe den Krieg gegen die Golen verloren, weil das Volk nicht glauben wolle, Wotan könne ihnen helfen, und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten. Ferner gingen sie hin und entführten junge Kinder, die sie bei sich behielten und in de Geheimlehren ihrer abscheulichen Kulte eindführten. Gab es Menschen, die......”
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Abrupt endet hier diese auf den ersten Blick etwas wunderliche Geschichte, deren inneren Zusammenhang man aber bei einer näheren Betrachtung nicht bestreiten kann. Fragt man sich, in welchen Zeitabschnitt die hier geschilderten Ereignisse zu datieren sind, dann kann die Antwort nur lauten: Sie gehört in die Anfangsjahre des Merowingerreiches, als dies noch schwach und auf einen Teil Flanderns in der Umgebung von Doornik (Tournai), der Residenz der Könige Merowech (Merovius) und Childerich, beschränkt war. Hierauf deuten sowohl die Erwähnung von Alamannen und Franken, als auch der unterstellte Fortbestand einer römisch-gallischen Macht — in der Handschrift als Golen angedeutet — im heutigen Frankreich.
[46] Zu beachten sind hier ferner die vielen Punkte, in denen diese Geschichte an die im vorigen Kapitel behandelten Erzählungen Adelas und ihrer Nachfolger anknüpft, deren Fortsetzung sie darstellt.
Adela berichter den Verfall des alten Ingwäonenbundes durch die Eroberungen des Magy. Hier ist dieser Bund nicht mehr vorhanden. Denemarken und Holstein sind völlig selbständig, und das Gebiet der Friesen beschränkt sich auf das Land zwischen Weser und Schelde. — Adela zufolge wurde dem Volkskönig Ljudgert mißtraut, weil er im Verdacht stand, seine Macht ausbauen zu wollen. — Hier tritt ein König auf, dem es tatsächlich gelingt, in Erbfolge König zu werden und der anscheinend danach trachtet den früheren Ingwäonenbund zu erneuern.
Adela spricht vom Verlust des Landes südlich der Schelde an die Golen. — Askar versucht, diese Gebiete zurückzuerobern. Apollonia findet bei ihrer Rückkehr alle Burgen durch Uberschwemmung verwüstet mit Ausnahme der Burg auf Texel. Hier liegt tatsächlich die Burg Stavia in Trümmern, während die Burg Texel auf Anstiften Askars von den Holsteinern eingeäschert wird. Und während Frethorik von fratzenhaften ugrischen Götzenbildern berichtet, die man nach Ablauf der großen Uberschwemmung von 450 n. im wieder trockengewordenen Land gefunden habe (S.114 ff. des Originals), ist hier wiederum van Götzendienern und von im Lande umherziehenden Schamanen die Rede.
Ferner ist es wichtig hier zu bemerken, daß Reintja, als sie die frühere Einheit der ingwäonischen Völker wiederherstellen will, nicht nur überall die Menschen zur Eintracht ermahnt, sondern sie auch zu überreden versucht „Ihre Zunamen wegzuwerfen und sich allein Fryas Kinder zu nennen!”. Hier haben wir es mit einem Versuch zu tun, eine Benennung politisch wirksam zu machen, die damals wahrscheinlich die ganze germanische Völkergruppe oder sogar die gesamten nordischen Völker umfaßte. — Hierauf kommen wir noch am Anfang von Kapitel VI zurück. Als Volksname ist diese Bezeichnung aber wohl nie in Gebrauch gekommen und vermutlich ist sie bald verschwunden.
Mit Absicht sind aus obenstehender Zusammenfassung die meist unsinnigen Namenserklärungen weggelassen worden. Sie stammen zweifellos von humanistischen — zum Teil auch von mittelalterlichen — Abschreibern, die den Text bereichern, oder auch, wie man annehmen darf, ihn durch Anwendung zeitgemäßerer Ausdrücke und Einfügung von Namen, die ihren Zeitgenossen geläufig, aber früheren Generationen unbekannt gewesen waren, modernisieren wollten. So sind die [47] Namen Tartaren und Tschuden zweifellos der Feder Hiddo ura Lindas entflossen.
Tataren war ursprünglich der Name eines mongolischen Volksstammes in der Nähe des Baikalsees, der aber später von arabischen und persischen Schriftstellern für die Mongolen allgemein angewandt wurde.[13]
Da sich unter den Horden Dschingis-Khans und seiner Nachfolger, die Ost-und Mittel-Europa Anfang des 13. Jahrhunderts überrannten, viele Türken befanden, ging dieser Name allmählig auf die in Rußland und Sibirien ansässigen Türkvölker über, und bekanntlich spricht man im erstgenannten Land noch immer von der „Tatarenherrschaft”. Einem Wortspiel des französischen Königs Ludwig IX., des Heiligen — 1226 bis 1270 —, der diesen Namen von Tartaros ableiten wollte, ist die Umbildung von Tataren in Tartaren zuzuschreben. Damit wollte er dieses Volk als der Unterwelt entstiegen bezeichnen.[14]
Es war für Hiddo, der in einer Zeit lebte, in der man auch in Westeuropa vor den Horden Batus, des Enkels von Temudschin, die sogar auf der Walstatt bei Liegnitz 1241 siegreich gewesen waren, zitterte, als er 1256 der Handschrift abschrieb, verlockend, diesen damals gefürchteten Namen in seiner Abschrift zu verwenden. — Freilich dürften die Tataren auch den Humanisten des 16. Jahrhunderts bekannt gewesen sein, aber dann nur als ein weitab wohnendes und ziemlich unbekanntes Volk im westlichen Asien. Dieses Volk mit der alten Geschichte Frieslands in Verbindung zu bringen, wird ihnen wohl nie in den Sinn gekommen sein.
Mit den Tschuden hat es eine ähnliche Bewandtnis. Mit diesem Namen bezeichnet man bekanntlich in Rußland die finno-ugrischen Völker des Nordens in ihrer Gesamtheit. Im 13. Jahrhundert ist dieser Name höchstwahrscheinlich in Westeuropa bekannt gewesen, da rege Handelsbeziehungen mit Nowgorod bestanden; dagegen bestehen keinerlei Gründe dafür, daß den Humanisten des 16. Jahrhunderts diese Bezeichnung bekannt war.
Es ist auch sehr fraglich, ob der Name der Litauer bereits im 5. Jahrhundert in Westeuropa bekannt war; in der Zeit Hiddos kannte man ihn ohne Zweifel. Ferner weckt auch der Name Twiskland, der in den Handschriften wiederholt für Deutschland gebraucht wird, Bedenken. Dr. Willy Krogmann, der die ganze Sammlung als eine Fälschung aus dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts betrachtet, schreibt darüber:[15] „In dieser Zeit nämlich wurde der in der [48] Sammlung gebrauchte, falsch erschlossene Name Twiskland für Deutschland verwendet”.
Die Namen „deutsch” und „Deutschland” waren im 5. Jahrh. ohne Zweifel unbekannt. Felix Dahn schreibt hierzu:[16] „Der Name deutsch ist erst um die Wende des 9. und 10. Jahrhs. entstanden. Er ward vorerst von der Sprache gebraucht; Thiod heißt Volk, „theotisce” heit volksmäßig im Gegensatz zu der Gelehrtensprache, dem Latein. Da nun die mehr und mehr romanisierten Neustrier, die späteren Franzosen, mehr und mehr das Vulgär-Latein der gallischen Provinzialen annahmen, die Austrasier aber, die Ostleute, d.h. alle Stämme auf dem rechten Rheinufer und die Lothringer und Alamannen auf dem linken, die germanische Volkssprache beibehielten, nannte man sie die volksmäßig sprechenden „theotisce loquentes”, dann die Theotiscos, Deutischen, die Deutschen”.
Wenig hiervon verschieden ist die Auffassung von Prof. Ed. Heyck, der in seinem Werk über die Deutsche Geschichte schreibt: „Aus den Jahren 786 und 788 liegen in lateinischen Texten die ersten literarischen Spuren vor, daß man den Ausdruck theodisca lingua anwendet: „deutsche” Sprache.
Damit verband sich freilich nur die Absicht, das volksmäßige Idiom, in diesem Falle der Franken, vom Latein zu unterscheiden. Theodisk bedeutet wörtlich: völkisch. Es wurde aber der Ausgangspunkt, daß man nach einer Reihe von Jahrhunderten, im zwölften, mit nationaler Absicht von Deutschen und von Deutschland zu sprechen begann”.[17]
Einen Unterschied zwischen deutschen und nichtdeutschen Stämmen konnte man also im 5. Jahrhundert nicht machen, da man den Begriff „deutsch” damals noch nicht kannte. Es bestanden nur die großen germanischen Völkerschaften der Franken, Alamannen, Friesen, Sachsen u.a., die mehr oder weniger verwandte Dialekte sprachen. — Wenn die Handschrift von „freigewordenen Deutschen” spricht, ist vermutlich an die Befreiung von der Hunnenherrschaft zu denken. Weiterhin werden aber unter „freien Menschen” Stämme verstanden, bei denen sich keine erbliche Königswürde hatte entwickeln können. — Vom friesischen Standpunkt aus gesehen ist es natürlich richtig, wenn die Handschrift die Alamannen aus dem (fernen) Südosten kommen läßt, da dieses Volk schon um das Jahr 250, nach Durchbrechung des Limes, das Neckargebiet besetzt hatte und sich von da aus während der Völkerwanderungszeit über die Lande des Oberrheins ausbreitete. Unrichtig ist es aber, wenn die Handschrift das Bauernvolk der Franken [49] umherziehen läßt, als wäre es eine Art Nomaden. Zudem macht sie Thiod (thioth) zum Personennamen.
All diese Fehler und Unklarheiten sind zweifellos späteren Abschreibern, die die Handschrift in die Sprache ihrer eigenen Zeit übersetzen und sie dadurch verdeutlichen, aber auch in ihrem eigenen Sinne „berichtigen” wollten, zuzuschreiben. Dabei ist es unmöglich zu ermitteln, welche Ausdrücke ursprünglich in den Handschriften standen. Zweifellos besaßen die Abschreiber oft auch ein mangelhaftes geschichtliches Wissen. Verrät schon die von uns fortgelassene Übersicht der Alten Geschichte eine nur sehr oberflächliche historische Kenntnis, so ist die phönizische Flotte, die hier Askar erbeutet haben soll, ein grober Anachronismus.
Hervorzuheben ist noch: Askars Angriff auf die Golen, d.i. Rest-Gallien, soll mißgelungen sein, „weil das Volk nicht glauben wollte, Wotan könne ihnen helfen und weil sie ihn deshalb nicht anbeten wollten”. Dies ist die einzige Stelle in der ganzen Sammlung, wo der Name Wotan genannt wird, abgesehen von einer Stelle, wo versucht wird, diesen Götternamen aus dem eines nach seinem Tode vergötterten Helden abzuleiten. Letztere Stelle kommt im übernächsten Kapitel zur Sprache.
Mann kommt zu dem Eindruck, ein späterer Bearbeiter habe den Namen Wotans — und vielleicht auch die Namen anderer Götter — überall in der Sammlung ausgemerzt, um den germanischen Götterglauben durch den „Wralda-Glauben” zu ersetzen. Er mag dabei diese eine Stelle übersehen haben, wodurch uns der Beweis erhalten geblieben ist, daß Wotan bis ins 5. Jahrhundert von den Friesen verehrt wurde.
Ob die in Friesland und anderen westgermanischen Ländern zurückgebliebenen finnischen (tschudischen) Schamanen wirklich Götzenbilder zur Anbetung aufgestellt haben, ist unsicher. Wohl ist zu vermuten, daß die düstere Magie dieser ekstatischen Zauberpriester, in dieser Schrift Magyaren genannt, nicht ganz ohne Auswirkung auf die einheimische Bevölkerung geblieben ist.
* * *
Wenden wir uns nun der Frage zu, ob und wie weit in dem von späteten Zutaten gereinigten Text ein Wahrheitskern enthalten bleibt, so können wir sagen, daß der Inhalt der ganzen Erzählung nirgends gegen bekannte historische Tatsachen verstößt: anderseits ist aber von der damaligen Geschichte Nordwest-Europas sehr wenig mit Sicherheit bekannt.
[50] Die Notwendigkeit einer Stärkung der Königsmacht in Friesland war bereits in der Hunnenzeit offensichtlich geworden. Der Adel, der sich einer Änderung der bestehenden Verhältnisse widersetzte, war infolge seiner inneren Zerwürfnisse nicht mehr imstande, eine starke und zielsichere Leitung zu geben. Das zeitweise Fehlen einer Volksmutter vergrößerte die Anarchie, und so verlor das Land auf kurze Zeit seine heiß geliebte Freiheit. So ist es nicht verwunderlich, daß nach Zerfall der Fremdherrschaft es einem tatkräftigen und rücksichtslosen Mann wie Askar, der sich auf die Masse des Volkes stützte, gelang, Ordnung zu schaffen, und das Wahlkönigtum in eine erbliche Monarchie umzuwandeln.
Die Einmischung König Askars in den schottischen Bürgerkrieg kann uns ebensowenig befremden, wie auch die folgenden Raubzüge. Britannien war den Friesen zweifellos wohl bekannt, an seiner Eroberung und Kolonisation durch die Angeln und Sachsen waren sie mitbeteiligt gewesen, und sächsische Seeräuber hatten schon in einer früheren Zeit die Küsten des Ärmelkanals und der Nordsee beunruhigt. — Ganz neu ist hier aber die Erwähnung der Druiden unter dem Namen Golen (=Gallier), die hier als eine aus Phönizien herkömmliche Priesterschaft beschrieben werden.
Lassen wir das schwierige Problem ihrer Herkunft und Verbreitung vorerst beiseite, dann können wir den Handschriften entnehmen, daß diese Priesterhierarchie nach der Eroberung de Insel Anglesea (Mona) durch den römischen Feldhern Agricola[18] im Jahre 77 nach d. Ztw. ihren Hauptsitz in das unzugängliche schottische Bergland verlegt hatte. Dort machte König Askar ihrer Herrschaft ein Ende.
In der Folgezeit scheint Askar, nachdem er durch Anwerbung einer schottischen Leibwache seine Stellung abgesichert hatte, danach gestrebt zu haben, durch Erwerbung der Freundschaft der Jüten, Dänen und Sachsen den alten Ingwäonenbund zu erneuern. Als Endziel mag ihm hierbei die Vertreibung der noch in Deutschland verbliebenen Finnen und Magyaren vor Augen gestanden haben. Aber noch während der Rundreise Reintjas ändert er seine Absicht und wendet sich gegen den Süden.
Auf welches Jahr ist nun aber der mislungene Angriff auf die Golen, worunter hier wohl die unter der Herrschaft des Syagrius (477-486) verbliebenen Gallo-Romanen zu verstehen sind, anzusetzen?
Im Jahre 486 bereitete der Frankenkönig Chlodwig (481-511) durch seinen Sieg bei Soissons der Herrschaft des Syagrius ein Ende. [51] Da Askar bei seinem misglückten Vorstoß über die Schelde von den Golen gefangengenommen und nachher von ihnen ausgetauscht wurde, muß dieses Ereignis bereits früher stattgefunden haben, denn Macht und Reich der Golen waren durch die Schlacht bei Soissons völlig vernichtet. Es bleibt die kurze Zeit der Herrschaft des Syagrius vor 486, als Chlodwig, der Frankenkönig, 481 erst 15 jährig, als ein unbedeutender Gaukönig in Doornik (Tournai) den Thron seiner salischen Vorfahren bestieg. — In diesen Jahren ist das Zustandekommen eines Bündnisses germanischer Gaufürsten der Franken, Sachsen und vielleicht auch der Alamannen unter Führung Askars und seines Neffen Alrik durchaus denkbar.
Wenn erzählt wird, das Unternehmen sei durch die Weigerung des Königs der Franken, beim Ubergang über den Rhein sich dem Oberfehl Alriks zu unterstellen, mißlungen, so ist hier vermutlich an einen der fränkischen Gaukönige zu denken, und zweifellos werden die Franken dieses ruhmlos verlaufene Unternehmen später nach Möglichkeit verdunkelt haben.
Es bleibt dann noch die Frage, welche Gebiete im Süden der Schelde Askar von den Golen zurückerobern wollte.
Wahrscheinlich ist hierbei an den von Sachsen bewohnten flandrischen Küstenstreifen zu denken, der in früherer Zeit — vor 409 — zum Ingwäonen-Bund gehört haben dürfte. (Verg. das Ende der Schluszbetrachtung).
Wie dem auch sei, an innerer Logik läßt auch die Geschichte König Askars nichts zu wünschen übrig. Daß sie keine Erfindung aus der Zeit der Enzyklopädisten sein kann, erhellt aus ihrem Inhalt. Hätte ein Gelehrter aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts diese Geschichte erfunden, so würde er bestimmt, statt eines Königs der — sich stützend auf das niedere Volk — den Adel erniedrigte und tyrannisierte, einen Monarchen gezeichnet haben, der — im Bündnis mit dem Adel — das Volk unterdrückte und aussog. Denn so war es im damaligen Frankreich, wenigstens nach der Ansicht dieser Autoren. Und ebensowenig hätte ein damaliger Gelehrter in der Geschichte von Adela den Zerfall und das Versagen einer Demokratie — für ihn die einzig richtige und legale Staatsform — gegenüber einer ausländischen und autokratischen Gewaltherrschaft zugeben wollen.
Kapitel IV — Kultur und Seefahrt der Atlanter
Kapitel V — Altlant und sein Untergang
Kapitel VI — Die ältesten Berichte (1193-650 vor d. Ztr.)
Kapitel VII — Die Geschichten von Kälta, Minerva und Jon
Kapitel VIII — Die Geertmänner
Schlußbetrachtung
Anmerkungen und verweisungen
Beilage I
Beilage II
Noten
- ↑ Diese „Hemriken”, die für vier Jahre unter die einzelnen Hufen zur Nutzung verteilt wurden, kannte man in Friesland noch am Ende des 18. Jahrhunderts. Vergl. de Jong. S. 204.
- ↑ Vergl. Meyers Konv. Lexikon, Art. Münster. Auf Karte 23 von Droysens Hist. Handatlas wird dieser Name aber Mimigerneford geschrieben.
- ↑ Oder sollte die kleine Ortschaft Kattenburg in Wagrien, Kreis Oldenburg mit Kattaburg identisch sein? Ich wage es nicht, in dieser Frage eine Meinung zu äußern.
- ↑ Dieser Gau lag links der unteren Saale, nördlich der Bode und grenzte im Süden an den Gau Frisonovel, was auf die Anwesenheit von Friesen in dieser Gegend hinweisen dürfte. Vergl. Droysens Hist. Handatlas, Karte 23 „Deutschland um das Jahr 1000”.
- ↑ Vergl. Ottema: „Thet Ura Linda Bok”, Leeuwarden 1876, S. 35.
- ↑ Asega oder Asinga ist der altfriesische Namen der rechtskundigen Adligen, denen die Leitung der Volksversammlungen oblag und die bei anderen germanischen Volkern den Titel Eward oder Gode hatten. Die Benennung Askar ist — soweit mir bekannt ist — nicht aus anderen Quellen belegt.
- ↑ Schwierig zu übersetzen. Ottema übersetzt „Kältana Anhänger” (eigentlich: Keltana volgers). Nach dem Text muß es einfach heissen „Kelten”.
- ↑ Übersetzung von Ottema.
- ↑ Die wunderlichen im Text gegebenen Ableitungen der Volksnamen sind hier weggelassen. Die „Lithauer” seien — so heißt es — so genannt wegen ihrer Gewohnheit, ihren Feinden ins Gesicht zu hauen!
- ↑ Ich folge hier der Übersetzung von Prof. Wirth und nicht der von Öttema, der von „üblen Gebräuchen” spricht.
- ↑ Jetzt ein Dorf an der Nordseeküste westlich von Alkmaar.
- ↑ Das Wort Kirche (cherka = fries. tsjerk, niederl. kerk, engl. church) wird hier für Tempel gebraucht: es ist also altgermanisch.
- ↑ Vergl. H. Vámbéry: „Der Ursprung der Magyaren”, Leipzig 1882, S. 436.
- ↑ Quellen für diese Behauptung in Meyers Konv. Lex. LV. Auflage, Leipzig 1890, Art. Tataren.
- ↑ Vergl. Krogmann, Dr. Willy: „Ahnenerbe oder Fälschung”, Berlin 1934, S.24.
- ↑ Vergl. Felix Dahn, o.c. Bd. I, S.40-50.
- ↑ Prof. Dr. Ed. Heyck: „Deutsche Geschichte”, Bd.1. S.110.
- ↑ Vergl. Tacitus: „Agricola” 18 und „Annalen” XV. 29.