Hugo A.E.H. Dingler: Difference between revisions
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Quelle: [https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/6c772499-1010-46f3-a7de-74e34b4bc865/ NS 21/343] Seiten 202-204 und 280-284 (handschriftlich 198-200 und 286-289). | Quelle: [https://invenio.bundesarchiv.de/invenio/direktlink/6c772499-1010-46f3-a7de-74e34b4bc865/ NS 21/343] Seiten 202-204 und 280-284 (handschriftlich 198-200 und 286-289). | ||
== | == Paläographische Beobachtungen der Ura-Linda-Chronik == | ||
[280] Stellungnahme von Professor Hugo Dingler, München am 11.10.36. | [280] Stellungnahme von Professor Hugo Dingler, München am 11.10.36. | ||
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(...)<ref>Die Fortsetzung der handschriftlichen Fassung bezieht sich nicht auf die Ura Linda.</ref> | (...)<ref>Die Fortsetzung der handschriftlichen Fassung bezieht sich nicht auf die Ura Linda.</ref> | ||
==Fragen | == Fragen bezüglich der Ura-Linda-Chronik == | ||
[202] | 1. [202] Prof. Wirth hat s.zt. eine Probe des Papiers des Originals in Deutschland prüfen lassen in bezug auf die Papierart. Es würde sich chemisch auch feststellen lassen, ob das Fapier geräuchert (Wirth) oder gefärbt (Hübner) wurde. | ||
2. Nach Wirths Darstellung hat sich Cornelius <u>nicht</u> bemüht, die Chr. bekannt zu machen, war vielmehr sehr zögernd und unwillig dazu. Nach Hübner (Broschüre “H.W. u. die U-l-Chr.” Brl.u.Lpz. 1934 p. 31) hat sich Cornelius um das Bekanntwerden <u>bemüht</u>. | 2. Nach Wirths Darstellung hat sich Cornelius <u>nicht</u> bemüht, die Chr. bekannt zu machen, war vielmehr sehr zögernd und unwillig dazu. Nach Hübner (Broschüre “H.W. u. die U-l-Chr.” Brl.u.Lpz. 1934 p. 31) hat sich Cornelius um das Bekanntwerden <u>bemüht</u>. | ||
Wenn nach Hübner die Chr. als polit. Tendenzschrift gedacht war, dann hätte der angenommene Verf. Cornelius den Wunsch haben <u>müssen</u>, sie mözlichst publik zu machen. Wenn er <u>wirklich</u> zurückhaltend war, spricht dies gegen die Hübnersche Auffassung. | :Wenn nach Hübner die Chr. als polit. Tendenzschrift gedacht war, dann hätte der angenommene Verf. Cornelius den Wunsch haben <u>müssen</u>, sie mözlichst publik zu machen. Wenn er <u>wirklich</u> zurückhaltend war, spricht dies gegen die Hübnersche Auffassung. | ||
Dieser Punkt konnte vielleicht aus den Akten noch besser geklärt werden. | :Dieser Punkt konnte vielleicht aus den Akten noch besser geklärt werden. | ||
5. Ist die Correspondenz von Ottena mit Cornelius noch vorhanden? | 5. Ist die Correspondenz von Ottena mit Cornelius noch vorhanden? | ||
Wirth sagt, dass die eigenhändige Facsimileabschrift einiger Seiten durch Cornelius für Ottena noch vorhanden sei und dass aus dieser graphologisch hervorgehe, dass Cornelius die Chr. nicht geschrieben haben könne. | :Wirth sagt, dass die eigenhändige Facsimileabschrift einiger Seiten durch Cornelius für Ottena noch vorhanden sei und dass aus dieser graphologisch hervorgehe, dass Cornelius die Chr. nicht geschrieben haben könne. | ||
Kann man nicht eine Photosraphie der Abschrift beschaffen? | :Kann man nicht eine Photosraphie der Abschrift beschaffen? | ||
4. Ist die Correspondenz von Cornelius und Ottema mit Eiko Verwy's [m.s. Eelco Verwijs] noch vorhanden? | 4. Ist die Correspondenz von Cornelius und Ottema mit Eiko Verwy's [m.s. Eelco Verwijs] noch vorhanden? | ||
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5. Nach Wirth besass Cornelius ausser der Chr. noch eine Chronik in 2° über die Geschichte der Friesen: die “Chronik van Worp van Thabor”. | 5. Nach Wirth besass Cornelius ausser der Chr. noch eine Chronik in 2° über die Geschichte der Friesen: die “Chronik van Worp van Thabor”. | ||
a) Enthält diese letztere Anregungen für einen event. Fälscher der U-L.-Chr.? | :a) Enthält diese letztere Anregungen für einen event. Fälscher der U-L.-Chr.? | ||
b) Enthält diese insbesondere dieselbe Art der Seitenbezifferung wie die U-L-Chr.? | :b) Enthält diese insbesondere dieselbe Art der Seitenbezifferung wie die U-L-Chr.? | ||
6. Gibt es vor 1850 irgendwo ähnliche Buchstabenerklärungen aus geometrischen Figuren, wie sie in der Chr. aus den Sechseck durchgeführt ist? (etsa Steinmetzzeichnungen). | 6. Gibt es vor 1850 irgendwo ähnliche Buchstabenerklärungen aus geometrischen Figuren, wie sie in der Chr. aus den Sechseck durchgeführt ist? (etsa Steinmetzzeichnungen). | ||
[204] | 7. [204] Gibt es eine altfriesische Bibelübersetzung, gibt es eine neufriesische? Könnte philologisch gezeigt werden, dass diese benutzt wurden bei der Abfassung der Chr.? (Siehe die Anführung bibel-ähnlicher Stellen bei Hübner). | ||
8. Nach der Hübnerschen Hypothese müssten sämtliche Verwandte des Cornelius, die Zeugnis gaben, nichts von einer Fälschung gewusst haben, oder alle unter einer Decke gesteckt haben. | 8. Nach der Hübnerschen Hypothese müssten sämtliche Verwandte des Cornelius, die Zeugnis gaben, nichts von einer Fälschung gewusst haben, oder alle unter einer Decke gesteckt haben. | ||
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9. Hübner weist (p.8) darauf hin, dass in einem holl. Kalender von 1850 die Sintflut auf 2193 v.Chr. angesetzt ist. Das ist genau das gleiche Jahr, für das die Chr. den Untergang Atlands ansetzt. Man müsste die alttestamentlichen Chronologien vergleichen, die seit langem aufgestellt wurden. Ich bin damit beschäftigt. | 9. Hübner weist (p.8) darauf hin, dass in einem holl. Kalender von 1850 die Sintflut auf 2193 v.Chr. angesetzt ist. Das ist genau das gleiche Jahr, für das die Chr. den Untergang Atlands ansetzt. Man müsste die alttestamentlichen Chronologien vergleichen, die seit langem aufgestellt wurden. Ich bin damit beschäftigt. | ||
Nach Joh, Kappler (ca. 1600) war die Sintflut 1696 nach Erschaffung der Welt. Nach der heutigen jüdischen Chronologie (15. IX. 1928 n.Chr. = 1. Tischri 5689) käme man für die Angabe der U-L-Chr. auf das Jahr 5777 statt 5689 (für 1928) für die Erschaffung der Welt. Das ist nur 88 Jahre Unterschied. | :Nach Joh, Kappler (ca. 1600) war die Sintflut 1696 nach Erschaffung der Welt. Nach der heutigen jüdischen Chronologie (15. IX. 1928 n.Chr. = 1. Tischri 5689) käme man für die Angabe der U-L-Chr. auf das Jahr 5777 statt 5689 (für 1928) für die Erschaffung der Welt. Das ist nur 88 Jahre Unterschied. | ||
Es müsste also verfolgt werden, wann die Verlegung der Sintflut auf 2193 v.Chr. zuerst auftritt. | :Es müsste also verfolgt werden, wann die Verlegung der Sintflut auf 2193 v.Chr. zuerst auftritt. | ||
10. Wo hat Cornelius “sonst noch gefälscht” (nach der Behauptung von Hübner (8.c.p. 32)? | 10. Wo hat Cornelius “sonst noch gefälscht” (nach der Behauptung von Hübner (8.c.p. 32)? | ||
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Hugo Albert Emil Hermann Dingler (München, 1881-1954) war ein deutscher Philosoph und Wissenschaftstheoretiker.
Er formulierte (siehe unten)
- Plan für eine textkritische Untersuchung der Ura-Linda-Chronik (Okt. 1936)
- Fragen bezgl. der Ura-Linda-Chronik (April 1937)
Darin erklärte er unter anderem, dass die Seitennummerierung des Manuskripts vermutlich im 16., vielleicht auch erst im frühen 17. Jahrhundert hinzugefügt wurde.
Quelle: NS 21/343 Seiten 202-204 und 280-284 (handschriftlich 198-200 und 286-289).
Paläographische Beobachtungen der Ura-Linda-Chronik
[280] Stellungnahme von Professor Hugo Dingler, München am 11.10.36.
[{287} Sehr verehrter und lieber Herr Sievers!][1]
Bezüglich der Ura-Linda-Chronik kann ich Ihnen eine erfreuliche Mitteilung machen. Mein lange gehegter Wunsch, einmal eine Photographie des Originals zu sehen, den ich ja auch Ihnen gegenüber mehrfach geäussert hatte, ist sogleich, nachdem Herr Kollege Mausser die durch Ihre hochverdienstliche Bemühung endlich erreichten Photographien erhalten hatte, Wirklichkeit geworden. Sogleich nachdem er sie erhalten hatte, erlaubte er mir, sie einmal genauer anzusehen. Ich hatte immer die Vermutung gehabt, dass sich aus der Handschrift selbst Anzeichen ergeben könnten, die bisher nicht hinreichend gewürdigt worden waren. Ich habe mich nicht getäuscht. Ohne den Text fliessend lesen zu können und ohne die Sprache zu verstehen kann man bereits einige palaeographische Beobachtungen machen, wie ich das sonst von dem Studium alter Handschriften kenne.
Zunächst ist alles mit grosser Gleichmässigkeit geschrieben. Ausserordentlich wenig Korrekturen. Nur ganz selten eine kleine Verschreibung. Das deutet auf Abschrift. Und zwar von einem Schreiber, der nicht der Verfasser selbst ist. Denn ein Verfasser fühlt sich dem Texte gegenüber souverain und kommt bei einer solangen Schrift immer einmal wieder darauf, ein Wort zu ändern und zu verbessern. Das ist, soviel ich sehen konnte, niemals geschehen. Herr Professor Mausser hat dann die Korrekturen einer näheren Untersuchung unterzogen und wird weiter darüber berichten.
Aber mir als ein altem Historiker der Mathematik fiel sogleich ein anderer Umstand noch auf. Die Paginierung der Seiten am oberen Rande ist ganz eigentümlich. Es geht diese in indischen Zahlen, fälschlich sonst als “arabische” bezeichnet, deren Form von der [282] heute üblichen nicht übermässig abweicht, von 1 bis über 200. Aber von 100 ab zeigt sich eine Besonderheit. {287} Hier fährt der Schreiber fort zu nummerieren: 100 ant [m.s. ànd] 1, 100 ant 2, später wird es ihm zu langweilig, immer “ant” zu schreiben, so fährt er fort: 100-3, 100-4, bis 200. Dann wieder 200 ant. 1, .. 200-3, 200-4, .. 200-10, ..
Es war mir klar was das zu bedeuten hatte. Entweder der vorliste Schreiber schon, oder der Letzte beherrschten unsere dezimal Zahlenschreibung nicht genügend, um das dezimale Zahlenschreiben über 100 schon richtig zu machen. Nun sind die indischen Ziffern erst um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert langsam in breiteren Schichten in Aufnahme gekommen. Wir finden im 16. Jhrh. immer wieder hier und da Fehler in der Zahlschreibung, die aus einem nicht völligen Verständnis für das Neue entspringen. Später, mit der Einführung der indischen Ziffern in die Elementarschulen verschwinden diese Fehler völlig. So können wir schliessen, dass diese Paginierung etwa im 16. Jhrh. (in entlegeneren Orten konnte auch Anfang des 17. Jhrh. noch in Frage kommen) benutzt worden sein muss. Wenn nun das heutige Manuskript nicht so alt ist, so muss es entstanden sein durch Abschrift von einem, das aus jener Zeit stammt, wobei der Abschreiber (der durchaus dem Anfang des 19. Jhrh. angehören könnte, wenn das was die Gegner über das Papier sagen, richtig ist) in genauester Nachbildung un Treue diese alte Paginierung übernahm. Dieses Anzeichen der Treue trifft sich dann mit der eingangs erwähnten Bemerkung über die geringe Zahl der Korrekturen und die Art der Schrift usw.
Damit scheint es uns äusserst wahrscheinlich, ja so gut wie sicher zu sein, dass das vorliegende Manuskript eine Abschrift von einem Mskpt. ist, das selbst aus der {288} Zeit des 15./16. Jhrh. stammte. Damit ist aber schon das ganze Gebäude der Gegner zertrümmert, die in dem Buche ein Produkt des 19. Jahrhunderts sehen wollen.
Ob das frühere Manuskript selbst eine “Fälschung” gewesen sei, ist [284] damit ebenfalls recht unwahrscheinlich geworden. Denn aus dieser Zeit ist wenig vom solchen literarischen Fälschungen bekannt, da man damal das antiquarische Interesse noch nicht in der Weise des 19. Jhrh. betrieb. Immerhin konnten Einschiebungen vorgenommen worden sein. Es war die Zeit des Humanismus, und manche Stellen konnten den Eindruck erwecken, aus solcher Umgebung zu stammen.
Die Forschungen Professor Maussers, der die scharfen Methoden der Linguistik zur Verfügung hat, werden da wohl noch manche neue Gesichtspunkte bringen.
Ich habe mich wegen der genannten Zahlenschreibung noch an einen anderen Historiker gewandt, der sich speziell mit der Geschichte der Zahlen beschäftigt hat; er hat meine Vermutung vor kurzem bestätigt.
Ich für mich selbst bin mir nun ganz sicher, das hier mehr vorliegt als eine Arbeit des 19. Jhrh. Die Mausserschen Forschungen werden sicher noch weitere Argumente dafür liefern.
(...)[2]
Fragen bezüglich der Ura-Linda-Chronik
1. [202] Prof. Wirth hat s.zt. eine Probe des Papiers des Originals in Deutschland prüfen lassen in bezug auf die Papierart. Es würde sich chemisch auch feststellen lassen, ob das Fapier geräuchert (Wirth) oder gefärbt (Hübner) wurde.
2. Nach Wirths Darstellung hat sich Cornelius nicht bemüht, die Chr. bekannt zu machen, war vielmehr sehr zögernd und unwillig dazu. Nach Hübner (Broschüre “H.W. u. die U-l-Chr.” Brl.u.Lpz. 1934 p. 31) hat sich Cornelius um das Bekanntwerden bemüht.
- Wenn nach Hübner die Chr. als polit. Tendenzschrift gedacht war, dann hätte der angenommene Verf. Cornelius den Wunsch haben müssen, sie mözlichst publik zu machen. Wenn er wirklich zurückhaltend war, spricht dies gegen die Hübnersche Auffassung.
- Dieser Punkt konnte vielleicht aus den Akten noch besser geklärt werden.
5. Ist die Correspondenz von Ottena mit Cornelius noch vorhanden?
- Wirth sagt, dass die eigenhändige Facsimileabschrift einiger Seiten durch Cornelius für Ottena noch vorhanden sei und dass aus dieser graphologisch hervorgehe, dass Cornelius die Chr. nicht geschrieben haben könne.
- Kann man nicht eine Photosraphie der Abschrift beschaffen?
4. Ist die Correspondenz von Cornelius und Ottema mit Eiko Verwy's [m.s. Eelco Verwijs] noch vorhanden?
5. Nach Wirth besass Cornelius ausser der Chr. noch eine Chronik in 2° über die Geschichte der Friesen: die “Chronik van Worp van Thabor”.
- a) Enthält diese letztere Anregungen für einen event. Fälscher der U-L.-Chr.?
- b) Enthält diese insbesondere dieselbe Art der Seitenbezifferung wie die U-L-Chr.?
6. Gibt es vor 1850 irgendwo ähnliche Buchstabenerklärungen aus geometrischen Figuren, wie sie in der Chr. aus den Sechseck durchgeführt ist? (etsa Steinmetzzeichnungen).
7. [204] Gibt es eine altfriesische Bibelübersetzung, gibt es eine neufriesische? Könnte philologisch gezeigt werden, dass diese benutzt wurden bei der Abfassung der Chr.? (Siehe die Anführung bibel-ähnlicher Stellen bei Hübner).
8. Nach der Hübnerschen Hypothese müssten sämtliche Verwandte des Cornelius, die Zeugnis gaben, nichts von einer Fälschung gewusst haben, oder alle unter einer Decke gesteckt haben.
9. Hübner weist (p.8) darauf hin, dass in einem holl. Kalender von 1850 die Sintflut auf 2193 v.Chr. angesetzt ist. Das ist genau das gleiche Jahr, für das die Chr. den Untergang Atlands ansetzt. Man müsste die alttestamentlichen Chronologien vergleichen, die seit langem aufgestellt wurden. Ich bin damit beschäftigt.
- Nach Joh, Kappler (ca. 1600) war die Sintflut 1696 nach Erschaffung der Welt. Nach der heutigen jüdischen Chronologie (15. IX. 1928 n.Chr. = 1. Tischri 5689) käme man für die Angabe der U-L-Chr. auf das Jahr 5777 statt 5689 (für 1928) für die Erschaffung der Welt. Das ist nur 88 Jahre Unterschied.
- Es müsste also verfolgt werden, wann die Verlegung der Sintflut auf 2193 v.Chr. zuerst auftritt.
10. Wo hat Cornelius “sonst noch gefälscht” (nach der Behauptung von Hübner (8.c.p. 32)?
München am 4.4.37 gez. Prof.Dr. Hugo Dingler