1934 Vorgeschichtsforscher
Vorgeschichtsforscher sprechen sich aus gegen Wirth und die U-L-C.[1]

Bolko (Freiherr) von Richthofen (1899-1983) war Leiter der Vereinigung deutscher Vorgeschichtsforscher. Sein Vater Ernst (1858–1933) war ein Neffe von Karl (Freiherr) von Richthofen (1811-1888), Rechtshistoriker und Verfasser des altfriesischen Wörterbuchs (1840).
Köhn-Behrens, Charlotte — “Wer kennt Germanien? Deutsche Vorzeit wird lebendig; Irrlehre der Germanenkunde” (Gespräch mit Prof.Dr. von Richthofen über U-L) — Illustrierter Beobachter, Folge 13, Samstag 31-3-1934, S. 480-482 [PDF 542-544] — Unterstreichung hinzugefügt.
Wer kennt Germanien?
Charlotte Köhn-Behrens:
Deutsche Vorzeit wird lebendig — Irrlehre der Germanenkunde
Wir haben in Germaniens Geschichte den Gang der Jahrtausende mit durchlebt. Von der Steinzeit angefangen bis zu den Fahrten kühner Wikinger ist das Schicksal unserer Ahnen in bunten Bildern vor uns abgerollt. Deutsche Vorzeit wurde in Wahrheit lebendig, und wir müssen an dieser Stelle betonen, daß wir alles was wir wissen, unseren Gelehrten und Forschern verdanken. Sie sind nicht müde geworden, Erkenntnis an Erkenntnis zu setzen, das Herz der Erde zu durchgraben und die Geschichte deutschen Werdens nachzuprüfen. Einer gibt und gab das Erbe seiner Forschung dem anderen in die Hand, und so baute sich langsam Stein um Stein der Bau deutschen Geschichtswissens. Wir wollen nicht den Dank an die deutschen Vorgeschichtler vergessen. Sie haben, wie unsere anderen Gelehrten, Deutschland einen großen Namen gegeben, es bleibt das Land der Gelehrten, der Dichter und Denker. Aber diesen Ehrenplatz unter allen Völkern haben wir uns nur erworben, weil jeder von ihnen wohlweislich in den streng gezogenen Grenzen blieb. Dichtung ist schön, aber Wissenschaft ist eben keine Dichtung. Sie muß streng und ehern unter den Gesetzen der tatsächlichen und beweisbaren Forschung arbeiten, um unserem Vaterland auch jenseits der Grenzen den Ruhm der Wissenschaft zu erhalten. Es ist deshalb die Pflicht eines jeden deutschen Gelehrten, einen Kampf gegen die Phantasie zu führen, wenn sie im Gewande der Wissenschaft auftritt, um Irrlehre im Volk zu verbreiten und die Weltgeltung unserer Gelehrten zu mindern.
Aus diesem Grunde nimmt der Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Königsberg und Führer der Berufsvereinigung deutscher Vorgeschichtsforscher Pg. Professor Dr. Freiherr von Richthofen zu dem großen und wichtigen Thema “Irrlehre der Germanenkunde” heute abschließend das Wort. Er antwortet auf meine Frage
“Wie stehen Sie zu dem Streit um die Ura-Linda-Chronik?”
mit der ganzen sprühenden und kampfgewohnten Art seines Wesens:
“Der Streit um die Ura-Linda-Chronik ist nach meinem Dafürhalten für alle wirklichen Kenner der germanischen Altertümer längst erledigt. Zunächst einmal steht fest, daß es sich trotz aller anderen Stellungnahme um eine ausgesprochene Fälschung handelt. Die Ura-Linda-Chronik enthält gänzlich verkehrte Angaben über die seelische und geistige Haltung der vorgeschichtlichen Germanen und die älteste Völker- und Kulturgeschichte Deutschlands. Die Germanen der Ura-Linda-Chronik sind nicht die jugendstarken, kampfgewohnten Männer der großen Vergangenheit, die wir kennen, sondern weichliche Menschen, die sich von Frauen beherrschen ließen. Das entspricht nicht der Wirklichkeit. Außerdem ist die Ura-Linda-Chronik ausgesprochen deutschfeindlich, wie bereits im ‚Völkischen Beobachter’ durb Th. Steche nachgewiesen wurde.
In diesem Augenblick nimmt Prof. Richthofen ein Zeitungsblatt auf und reicht mir die blau angestrichene Notiz herüber. Da steht wörtlich von einem Verteidiger der Ura-Linda-Chronik zu lesen: ‘Darum darf dieser Reaktion das Ahnenerbe und die akademische Jugend nicht ausgeliefert werden, und darum erhebe ich vor allen Dingen Einspruch, daß die Gegnerschaft sich des nationalsozialistischen Namens zu bedienen versucht. Sie ist unsere alte, schleichende Gefahr, der geistig-seelische Tod! Sie ist es, die den Gegnern unseres Blutes die Waffen lieferte, um unsere Erneuerung aus der Erbmasse zu verhindern. Sie hat das deutsche Volk bisher um die Bewußtwerdung dieser seiner Erbmasse gebracht.’ Soweit diese Zeitungsnotiz. Wir nationalsozialistischen deutschen Wissenschaftler aber, die wir gegen die Ura-Linda-Chronik stehen, erwarten dringend, daß sich niemand mehr gestattet, seine persönlichen Ansichten ohne weiteres als nationalsozialistische Geistesrichtung zu bezeichnen.”
“Wollen Sie mir nicht ein paar Beispiele aus der Ura-Linda-Chronik nennen, die nach Ihren Forschungen durchaus zu widerlegen sind?”
“Die Ura-Linda-Chronik versetzt alle möglichen Völker nach Ostdeutschland, die in der Frühzeit weder dauernd noch vorübergehend hier gesiedelt haben, beispielsweise Slawen, Finnen usw.”
“Wer hat denn eigentlich hier im Osten in der vorgeschichtlichen Zeit gesessen?”
In der Zeit, für die wir bereits den Namen geschichtlicher Völker nennen dürfen, sind vor allem die Germanen zu erwähnen. In einem Teil Ostdeutschlands haben ferner in der Bronze- und frühen Eisenzeit (etwa 1300 bis 400 v.Chr.) Stämme gesessen, die aller Wahrscheinlichkeit nach illyrisch waren. Nur wenige Jahrhunderte saßen vorübergehend in dem südlichen Teil von Schlesien vom 4. Jahrhundert v.Chr. an Kelten. Slawen kamen erst nach Ende der Völkerwanderungszeit in die vorher ostgermanischen Lande. Die irrigen Angaben der Ura-Linda-Chronik decken sich dagegen teilweise mit den Fehlbehauptungen einiger deutschfeindlicher Forscher, deren Ansichten wir lange bekämpfen mußten. So solle nach der Ura-Linda-Chronik eine hethitisch-skythische Oberschicht zeitweilig in Ostdeutschland geherrscht haben. Diese Völkergruppe sei aus Mittel- und Südrußland bis an die Ostsee gelangt, gedrängt durch wilde asiatische Reiterhorden, und bräche 2012 v.Chr. in Schonen und in Dänemarken ein. In diesem Zusammenhange wird einer kleinen hethitischen Bronzedarstellung eines Gottes von Schermen (Kreis Wemel) größte Bedeutung beigemessen. Dieser Fund ist in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. zu setzen. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem fraglichen kleinen Bronzerundbild um einen ganz vereinzelten, durch den Handel eingeführten Gegenstand.
“Wie wollen Sie das beweisen, Herr Professor?”
Auch Schnell vor sich gehende Völkerwanderungen lassen sich durch zahlreichere Funde des ganzen Wandergebietes nachweisen. Wir haben in der vorchristlichen Eisenzeit einen skythischen Einfall in Ostdeutschland. So sind dort skythische Funde gemacht worden, zu denen die berühmten goldenen Grabbeigaben von Dettersfelde, Kreis Guben, (um 600 v.Chr.) gehören. Man hat auch skythische Pfeilspitzen in früh-eisenzeitlichen Burgwällen geborgen. Aber das ist an und für sich nur wenig. Hätten Skythen und Hethiter tatsächlich als Herrenschicht Jahrhunderte im Lande geherrscht, so müßten das viel umfangreichere und ganz andere Funde erweisen. Im Übrigen gibt es aus der Zeit 2000 v.Chr. überhaupt noch keine skythischen Funde. Für die Verteidiger der Ura-Linda-Chronik ist es aber immer dasselbe: Erst versucht man selbst den Beweis durch Funde und fordert dann von den Vorgeschichtlern die Bestätigung; bringen sie dann jedoch den Gegenbeweis, so heißt es ganz einfach: durch Funde läßt sich hier nichts entscheiden. In diesem Stil sind alle solche Irrlehren.
So gibt es z.B. eine 30 Jahre alte Holzschnitzerei von der Südseeinsel Yap. Auf dieser haben die Eingeborenen, wie sie selbst berichten, ein Haus dargestellt, davor laufen ein paar Hunde, ein Boot liegt am Strande. Sie zeichnen den Strand selbst und einen Seestern davor. Ein Hauptvertreter der Irrlehre der Germanenkunde läßt nun einfach bei seiner Abbildung die Linie, die den Strand bedeutet, fort und rüdt den Seestern an das Boot heran. Dann schneidet er aus dem ganzen Zusammenhang das Boot mit dem Seestern heraus und vergleicht die Schnitzerei mit der Darstellung südschwedischer germanischer Felszeichnungen, die in der Zeit um 100 v.Chr. entstanden sind. Dort hat man auch ein Boot und eine Sonnenscheibe als germanisch-kultische Darstellung in die Felsen geritzt. Da das nun rein äußerlich an die ganz junge, erst 30 Jahre alte Schnitzerei des Seesternes und Bootes aus Yap erinnert, soll mit einigen weiteren Fehlschlüssen der gleichen Art erwiesen sein, daß das Boot mit dem Seestern von der Südseeinsel Yap die Wanderung der nordisch-atlantischen Urreligion und ihrer Sinnbilder anzeigt. Solche Beispiele kennzeichnen die falsche Arbeitsweise auf Schritt und Tritt und bringen natürlich nur Schaden, besonders auch bei unseren Freunden im Ausland. Prof. Therkel Mathiasson, Kopenhagen, äußerte sich bei mir sehr scharf über die Benutzung seiner Schriften über die sogenannte Thulekultur. Prof. Mathiasson ist ein hervorragender Kenner auf diesem Sondergebiet. Er schreibt u.a.:
‘Ich finde die fraglichen Theorien ganz phantastisch. Das ist gar nicht Wissenschaft!’”
“Was ist Thulekultur?”
“Die Thulekultur hat mit Germanien und der nordischen Rasse gar nichts zu tun. Sie ist die Hinterlassenschaft einer Jäger- und Fischerkultur aus dem arktischen Nordamerika. Nach den sorgfältigen Untersuchungen der dänischen Ausgräber und Sachbearbeiter stammen die Funde etwa aus der Wikingerzeit. In Schriften über die angeblichen arktisch-atlantischen Ursymbole versetzt man sie in Eiszeit, also nur um etwa mindestens 12000 Jahre zu früh!
Anhänger solcher Lehren sagen mir oft: das sind ja alles nur Einzelheiten, man muß die große Linie sehen! Wenn sich aber solche große Linie nur aus Irrtümern zusammensetzt, kann man darüber doch nicht mehr ernsthaft streiten. Ich möchte Ihnen abschlieißend für diesen Wirrwarr ein ganz einfaches geschichtliches Bild geben. Denken Sie: Was würde wohl heute ein halbwegs geschulter Leser sagen, wenn man ihm eine Darstellung des 30-jährigen Krieges vorsetzte, in der man ganz ernsthaft berichtet, daß in diesen Kämpfen die römischen Legionäre des Augustus teilgenommen hätten und daß die großen Tanks dabei von ausschlaggebender Bedeutung gewesen wären? Lachen Sie bitte nicht, denn die Art und Weise, in der man die Eiszeit (12000 v.Chr.), die Thulekultur (etwa 800 bis 1000 n.Chr.), die germanischen Felsbilder der Bronzezeit (1500 bis 1000 v.Chr.) und jene Schnitzerei aus dem Anfang unseres Jahrhunderts zusammenbringt und durcheinanderwirbelt, ist durch nichts besser begründet, als es solch eine Erzählung wäre.”
“Gibt es noch andere Gruppen von Altertumsfreunden, die ebenfalls derartige Lehren der Germanenkunde verbreiten?”
“Jawohl, die gibt es. Aber sie sind nicht so gefährlich wie die Verteidiger der Ura-Linda-Chronik und sicher Volksgenossen, die ebenso ehrlich für die Vorzeit begeistert sind wie wir selbst, aber sie vertauschen leider zu oft Dichtung und Wahrheit.”
Beim Abschied sagt Prof. Freiherr v. Richthofen: “Wenn ich hier wohl oder übel die Irrwege einiger Freunde der Vorzeitkunde angreifen muß, so geschieht das selbstverständlich nicht, um einzelne Volksgenossen persönlich zu bekämpfen, sondern ausschließlich der guten Sache wegen. Für unsere Kulturarbeit im Dritten Reich darf nur das Beste gut genug sein, und wir müssen auch dem Ausland gegenüber dafür Sorge tragen, daß man nur mit Achtung und Anerkennung auf die deutschen Leistungen sieht.
Das muß auch für die deutsche Forschung der Gegenwart und Zukunft Geltung haben, und ich darf wohl in diesem Zusammenhange sagen, daß wir alle stolz und glücklich sind, alle kulturpolitischen Dinge jetzt in den festen Händen Alfred Rosenbergs zu wissen. Wenn man auch jenseits der Grenzen uns mit Vorsicht und Zurückhaltung betrachtet — wir werden alles daransetzen, um den Namen Deutschlands auch in dieser Beziehung zu einem großen und unantastbaren Gut werden zu lassen.”
9-5-1934 Von Richthofen, Buttler, Krause, Wegner — Beurteilung Wirth und U-L-C [NS 19/552] Scans 7-29 (ungerade Zahlen)
Motivationsschreiben Richthofen
[3] Der Leiter der Vereinigung deutscher Vorgeschichtsforscher.
Königsberg/Pr., den 9.5.34. / Theaterplatz 5B.
Tagebuch-Nr.: 570/34
Angesichts der Bedeutung des Falles Hermann Wirth für den Nationalsozialismus und im Hinblick auf Wirth’s Vortrag im Nationalklub gestatte ich mir, Ihnen als Nationalsozialist einige Ihnen vielleicht noch unbekannte und meines Dafürhaltens entscheidende Unterlagen über die Beurteilung von Herrn Professor Wirth zu überreichen.
Mit Heil Hitler! / Ergebenst (w.g. Bolko Freiherr von Richthofen)
Fachbeitrag Buttler 1
[4] Die Ura Linda Chronik.
Zu Beginn des archäologischen Teils seiner Neuausgabe der Ura Linda Chronik fordert Hermann Wirth die Wissenschaft zur Mitarbeit an seinem Werk auf und bittet um Stellungnahme zur Frage der Echtheit des Dokuments.
Im Folgenden soll deshalb die Chronik und Wirtks Beweis für die Echtheit vom Standpunkt der Vorgeschichte einer kritischen Sichtung unterzogen werden. Es liegt im Wesen der Wirthschen Arbeitsmethode begründet, daß eine wissenschaftliche Kritik, besonders in einem kurzen zeitungsaufsatz, sehr schwer, ja teilweise unmöglich ist. Wirth wird von dem Göttinger Germanisten Wolff sehr treffend charakterisiert: “Ohne jede Hemmung sprudeln und überstürzen sich seine Einfälle, legen unaufhörlich allen Einzelheiten, die ihm begegnen, ohne nähere Untersuchung eine Deutung unter, die aus einer vorher gegebenen Überzeugung folgt. Das Wesen der wissenschaftlichen Beweisführung mit dem vorsichtigen Abwägen des Für und Wider scheint ihm fremd.” (Hermann Wirth und die deutsche Wissenschaft (Verlag Lehmann-München). Herausg. von Fr. Wiegers.) Dieses Urteil, das sich auf Wirths erstes Werk, den Aufgang der Menschheit, bezieht, gilt nun voll und ganz auch für den archäologischen Teil seiner Ura Linda Chronik, mit dem er ihre Echtheit beweisen will.
In der Chronik lesen wir, daß die Germanen schon 2000 vor Chr. (vor Beginn der Bronzezeit) Eisenwaffen gehabt haben, von denen sie in Kreta eine ganze Bootsladung für Land eintauschen. Wenn das stimmte, wäre es doch sehr merkwürdig, daß wir in den prachtvollen Grossteingräber unserer Vorfahren aus jener Zeit immer nur Steinwaffen noch nicht einmal Kupfer oder Bronze gefunden haben. Wir wissen ganz genau, daß das Eisen erst nach 1000 v.Chr. vom südlichen Mitteleuropa aus seinen Siegeslauf antritt. Ebenso ist es um 2000 v.Chr. mit dem Kupfer, das langsam in die Steinzeit des Nordens eindringt. In der Urea Linda-Chronik jedoch steht zu lesen, daß in dieser Zeit Dänemark ein Zentrum des Kupfer-Exports gewesen sei. Das ist abgesehen von den archäologischen Gegenbeweisen schon geologisch eine Unmöglichkeit, da es in Dänemark kein Kupfer gibt. Wirth legt in seiner Beweisführung großen Wert auf die Feststellung, daß in der Chronik angeblich Dinge stehen sollen, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch nicht bekannt waren. Das ist sehr richtig, Herr Wirth, und deshalb hat der Fälscher in diesem Falle auch Pech gehabt, indem er etwas schrieb, was 50 Jahre später als unmöglich erkannt wurde. Herr Wirth aber, der angeblich 7 Wissenschaften vollkommen beherrscht, scheint noch nicht einmal die Grundlage der Vorgeschichte, das Dreiperiodensystem, begriffen zu haben.
Ganz merkwürdig sind die Angaben der Chronik über die seefahrten der Germanen zur Stein- und Bronzezeit bis ins Mittelmeer, wo sie Tyrus und Athen (!) gegründet hätten. Wenn diese Behauptungen stimmten, dann müßte man doch im Süden in reichem Maße nordische Geräte, Waffen, Schmucksachen usw. finden, und umgekehrt müßten die Erzeugnisse des reichen südlichen Kunsthandwerks in den Norden gekommen sein. Weshalb finden wir im Norden keine mykenischen Goldsachen, Geräte, Firnis-Keramik, phönikische Silbergefäße usw.? Die Tatsachen sprechen hier ganz klar gegen Wirth. Die italischen Metallgefäße in der germanischen Bronzezeit, die er als Beweise für den Seeverkehr anführt, sind sämtlich auf dem gewöhnlichen Handelswege zu Land in den Norden gekommen. Es ist der Vorgeschichte sogar gelungen, die alten Handelsstraßen genau nachzuweisen.
Weiter erzählt die Chronik von den “Marsaten”, Menschen, die oberhalb des Rhein zwischen den Bergen auf Pfählen lebten. Angeblich soll das um 600 v.Chr. gewesen sein. Die Vorgeschichte hat uns aber den Beweis erbracht, daß die Pfahlbauten der Voralpenseen schon um die Jahrtausendwende v.Chr. wegen des damals eingetretenen Klimasturzes aufgegeben wurden. Auch das konnte der Fälscher vor 1850 noch nicht wissen, Herr Wirth, wohl aber hatte er allen Anlaß, die Pfahlbauten in seinem Werk zu erwähnen, da sie gerade damals entdeckt und “in Mode gekommen” waren.
[5] Dies alles jedoch sind Kleinigkeiten gegenüber einer Angabe der Chronik, die geeignet ist, in höchstem Maße schädigend für das Deutschtum zu wirken. Es ist die Behauptung, daß vom 5.Jh. v.Chr. ab die Germanen von den Kelten im Westen, von Slaven und Finnen im Osten unterworfen worden seien. Hören wir, was dazu einer unserer ostdeutschen Vorgeschichtsforscher, die seit langem wegen dieser Frage in scharfem Meinungskampf mit wissenschaftlichen Chauvinisten unseres östlichen Nachbarvolkes stehen zu sagen hat. “Jeder deutsche Volksgenosse weiß, wie sehr deutschfeindliche Politiker, Wissenschaftlicher und Presseleute bemüht sind, ein fremdes Anrecht auf Ostdeutschland nachzuweisen. Vorurteilsfreien europäischen Wissenschaftlern sind slawische Altertümer aus der Zeit vor dem 7.Jahrhundert nach Chr. nicht bekannt. Die Ura Linda Chronik weiß es besser. Auf Seite 99 erfahren wir, daß bereits vor dem Jahre 305 vor Chr. slawische Völker in heutigen Ostdeutschland und Westpolen sassen und ihre Häfen von friesischen Kaufleuten besucht wurden. Mit anderen Worten: Herr Wirth scheut sich nicht, trotz seiner betont völkischen Einstellung für die Echtheit eines Machwerkes einzutreten, das mit seinem Inhalt den “Ansprüchen unserer Nachbarn auf deutschen Volksboden neue Beweise liefern könnte.” (H. Urbanek in der Preuß. Zeitung 26.1.34.)
Eine große Rolle spielen in der Chronik die Burgen der Volksmütter, sie werden als gewaltige Türme von 90 Fuß Höhe beschrieben, woran sich an jeder Seite ein Haus von 300 Fuß Länge anschließt “alles von hartgebackenem Stein”. Trotz eifriger Bemühungen hat nun Herr Wirth bei uns zulande keine Reste von derartigen gewaltigen Anlagen finden können. Nur auf der Insel Sardinien gibt es eine vorgeschichtliche Steinburg, eine sogen. Nuraghe, die den Angaben der Chronik ungefähr entspricht. Infolgedessen muß diese natürlich von atlandisch-nordischen Seefahrern gebaut sein; den Beweis dafür tritt Wirth natürlich nicht an, wie das bei ihm üblich ist. Außerdem führt er aus dem Mittelmeer eine bronzezeitliche Hausurne an, die in Delos gefunden wurde und angeblich eine nordische Volksmütterburg darstellen soll. In Wirklichkeit hanlelt es sich um das Modell eines Kornspeichers auf Pfählen, wie er noch heute ganz ähnlich im Mittelmeergebiet gebräuchlich ist. Das Fehlen jeglichen logischen Denkens zeigt Sich in Wirths Behauptung, daß bei diesem Modell genau entsprechend den Angaben der Chronik das Tor im Süden sei. Herr Wirth, seit warn kann man denn bei einem Gefäß bezw. einem beweglichen Modell die Himmelsrichtungen feststellen?
Mit einer blühenden Phantasie sucht Wirth dann auch die zu den Burgen gehörenden heiligen Lampen unter den Denkmälern nachzuweisen. Wo er Tonlampen bezw. Lichthalter findet, die eine langgestreckte Form haben, müssen sie Darstellungen der Mutter-Türme sein, bzw. die zugehörigen heiligen Lampen; ein Schluß der völlig willkürlich ist. Und die darauf eingeritzten und eingestempelten Verzierungen werden somit als heilige Julräder erklärt. Irgend welche runden Ornamente, sogar Kerbschnitt Rosetten(!) genügen für Wirth, um sie als heilige Symbole zu bezeichnen.
Ebenso ist es mit zahlreichen andern Motiven und Zeichen, die er in seinem archäologischen Abschnitt zusammenstellt. Zum Teil handelt es sich dabei um reine Schmuckformen. Selbst wo wir tatsächlich kultische Dinge vor uns haben, beweisen diese nichts für die Echtheit der Chronik. Nichts bleibt von seiner Zeichen- und Symbolmanie verschont; man muß nur die Phantasie und den Mut bewundern, mit dem er ganz ernsthaft diese seine “Forschungen” als felsenfest gesichert hinstellt.
Besonders neckisch ist die Erklärung, die er von einer männlichen Figur auf einem römischen Grabstein gibt, die mit Üübereinandergeschlagenen Beinen dasteht. Durch diese Stellung soll nach Wirth die Odals-Rune ᛟ angedeutet sein. Man könnte versucht sein zu fragen, ob vielleicht bei Hermann Wirth’s Wralda-Kult (so heißt der Gott der Ura-Lindianer) die gläubigen Anhänger mit ihren Beinen Odals-Runen und ähnlichen Zeiche in die Luft haben schlagen müssen!
[6] In den Hamburger Nachrichten vom 11.1.34 hat Wirth nun einen Artikel veröffentlicht, in dem er der Fachwissenschaft völliges Versagen vorwirft. Er spricht von dem geistig-seelischen Unvermögen, seine Forschungen zu verstehen, weil wir aus zwei verschiedenen Geisteshaltungen, aus zwei verschiedenen Zeitaltern heraus sprechen und handeln. Er setzt seine Art zu denken und zu handeln mit dem Nationalsozialismus gleich, die der Wissenschaft mit dem Liberalismus. Er spricht von einem Kampf der alten gegen die junge Generation, der mit dieser Frontstellung verbunden sei.
Diese Feststellungen verdienen allerschärfste Zurückweisung. Denn auf dem Gebiet der beiden zuständigen Wissenschaften, der Vorgeschichte und Germanistik, stehen ihm schon lange alte Nationalsozialisten gegenüber, Vertreter der jungen Generation, die mit Liberalismus nicht das Geringste zu tun haben.
Wenn Wirth der Fachwissenschaft starre Handhaben eines mechanischen Prinzips ohne Erfassen des seelischen Moments vorwirft, so hat er vielleicht recht, wenn man gewisse Vertreter der älteren Hochschulgeneration betrachtet. Wir nationalsozialistischen Wissenschaftler müssen uns jedoch entschieden dagegen verwahren, daß Wirth uns mit jenen in einen Hut wirft und die Fachwissenschaft und ihre Methoden als solche liberal nennt. Die Methoden der Fachwissenschaft sind exakt, sie beruhen auf logischem Denken, klarem und nüchternem Gedankenaufbau und dem Willen zur Selbstkritik. Die Arbeitsweise Wirths jedoch leidet unter dem Unvermögen, logisch zu denken, dem völligen Mangel an Selbstkritik, der allzu willfährigen Phantasie und an einer vorgefaßten Meinung, in die er als starres Schema alles hineinpreßt, was er für seine Theorien braucht. Er behauptet in dem erwähnten Zeitungsartikel, daß er zu seiner Arbeitsweise “durch den Aufbruch einer geistig-seelischen Erbmasse” befähigt und berechtigt sei. Damit stellt sich Wirth auf eine Stufe mit den von ihm in der Ura Linda-Chronik so genannten “Germanistikern” Guido von List u.a.
Wir aber müssen es ablehnen, diese Art von “Forschung” als nationalsozialistisch und als Wissenschaft zu bezeichnen. Nationalsozialistische Wissenschaft unterscheidet sich von liberaler Wissenschaft grundsätzlich dadurch, daß als letzter Maßstab für alle Erkenntnisse der Gedanke an Rasse, Volk und Volkstum zu gelten hat. Das ist der feste Rahmen, in den alles einzuordnen ist. Nationalsozialistische Wissenschaft aber darf nie dazu übergehen, bei ihren Methoden die Logik und den gesunden Menschenverstand auszuschalten und gewissermaßen bei dem Rauschen der heiligen Haine auf die Eingebungen des “Erberinnerns” zu Warten.
Was dabei herauskommt, zeigen die Werke Wirths.
W. Buttler, Köln
Fachbeitrag Krause
[7] Uralinda Chronik und Germanentum.
In dem bekannten Streit um die Uralinda Chronik, die von Hermann Wirth dem deutschen Volk als angebliche Quelle ältester, bis in das 3. vorchristliche Jahrtausend zurückreichende Quelle der germanischen Vorgeschichte dargeboten wurde, hat man bisher das Hauptgewicht für oder gegen die Echtheit meist auf die handschriftliche Überlieferung gelegt. Diese philologischen Untersuchungen, so wichtig sie auch sein mögen, können den Nichtfachmann, können den wissensdurstigen Deutschen, der das Wesen seines Volkstums erfassen will, in der Regel nur wenig erwärmen und werden ihn oft schwer im tiefsten Innern überzeugen. Beweisführungen auf diesem Gebiet gegen die Echtheit der Uralinda Chronik, mögen sie auch noch so sehr geglückt sein, werden bei dem Laien unter Umständen nur das Gefühl aufkommen lassen, daß hier auf Seiten H. Wirths vielleicht ein philologischer Fehler vorläge, der, an sich schon entschuldbar, die geistige Gesamtlage nicht verändere,den letzten Wert der Wirth’schen Lehren über die germanische Vorzeit nicht erschüttere.
Schwerer wiegen schon die Bedenken, die man gegen bestimmte sachliche Angaben dieser vermeintlichen Chronik vorgebracht hat: Wenn nämlich nach dieser Chronik die Verteilung der Völker in vorgeschichtlicher Zeit derart war, daß die Slawen damals westwärts bereits bis nach Mitteldeutschland gelangten und Häfen an der Ostsee besaßen, so stimmt das nicht nur mit den Ergebnissen der Vorgeschichte keineswegs überein, sondern erscheint sogar als durchaus geeignet, den Gegnern Deutschlands als willkommene Propaganda gegen den deutschen Ostraum zu dienen. Ist Hermann Wirth in die Gedankenwelt seiner Studierstube so sehr eingesponnen, daß er diese arge Schädigungsmöglichkeit völlig übersehen hat? Hätte er bei verantwortungsbewußter Prüfung nicht vielmehr aus einer so unsinnigen, völlig aus der Iuft gegriffenen Behauptung der “Chronik” Zweifel an der Echtheit eben dieser Chronik schöpfen müssen?
Nun aber der Kern, der eigentliche geistige Gehalt dieser Chronik: Man sollte annehmen, daß jeder, der auch nur einziges Eddagedicht, eine einzige altisländische Familiensaga, nur wenige Zeilen des altdeutschen Hildebrandliedes mit wachen Sinnen gelesen hat, in dem törichten Geschwätz dieser Uralinda Chronik keinerlei Zusammenhang mit germanischem Wesen, weder der Vorzeit noch der Jetztzeit, zu erkennen vermag. Nur jemand, der dem wirklichen Germanentum rein akademisch, völlig instinktlos, gegenüber steht, ist imstande, in dem wortschwallreichen maralisierenden Getön der Uralinda Chronik ein Denkmal germanischer [8] Überlieferung zu finden. Germanische Denkungsart zeichnet sich von Alters her bis auf den heutigen Tag durch knappe und schlichte, aber gewichtige Rede aus, eine Rede, die mit wenigen Worten den Nagel auf den Kopf trifft, die das Moralisieren als unmännlich haßt, die alles, was sich der Hörer selbst denken kann, als überflüssig verschweigt. Die Darstellung der Uralinda Chronik ist demgegenüber wortreich süßlich moralisierend und geschwätzig. Die Begebnisse in ihr sind schemenhaft ungreifbar, die Menschen völlig blutleer und erregen in uns keinerlei menschliche Teilnahme. Die alten Germanen dieser Chronik — oder vielmehr die alten Friesen; denn nur um diese geht es dem Verfasser — sind edelmuttriefende Wesen, die einem blutleeren Pazifismus huldigen und von Frauen beherrscht werden. Geschöpfe solcher Art hat es gewiß auf der ganzen Welt nie gegeben, und am allerwenigsten unter unsern Altvordern. Edda und Saga und Hildebrandlied zeigen uns Männer und Frauen von Fleisch und Blut, mit gewaltigen Leidenschaften im Guten und Bösen, immer ganze Kerle, die uns Respekt einflößen. Diese Uralindier aber sind blasse Jämmerlinge, die bei den “Burgmaiden” und “Müttern” Sühne für ihre kleinen Verbrechen suchen, Menschen, deren Nachkommen zu sein, wir uns im Innersten schämen müßten. Gottlob sind es aber nur künstliche Gebilde eines belesenen und humorvollen Phantasten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, dem wir nicht einmal ernstlich böse sein können.
Nicht scholastische Kathederweisheit ist’s, die dieses halb trübe, halb lustige Machwerk nicht ernst nehmen will; denn dazu bedarfs keiner Gelehrsamkeit. Nein, nur instinktlose Bücherstubenweisheit konnte auf den Gedanken verfallen, dem deutschen Volk ein solches Zerrbild seiner Vorfahren als wahr hinzustellen. Traut Herr Professor Wirth der deutschen akademischen Jugend und dem ganzen deutschen Volke wirklich eine solche Instinktlosigkeit zu?
Prof. Wolfgang Krause, Universität Königsberg.
Mit der Bitte um Verbreitung in der Presse und in volkstümlichen Zeitschriften, Lehrerzeitungen usw.
Fachbeitrag Wegner
[9] Der Prozeß Ura-Linda.
Hermann Wirth hat die Ura-Linda Chronik, die 1872 zum ersten Male ans Licht trat und sofort von der Forschung als das Machwerk eines Fälschers erkannt wurde, wieder aufgegriffen und in ihr eine Offenbarung über die Geisteserbmasse des deutschen Volkes gesehen. Erneut haben sich ernsthafte Forscher gegen die Ectheit der Chronik ausgesprochen, ohne bisher Wirth von seinem Irrtum überzeugen zu können. Darum ist man dem Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht zu Berlin und der Gesellschaft für deutsche Bildung zu außerordentlichem Danke verpflichtet, daß sie in der Form einer öffentlichen wissenschaftlichen Aussprache über den Geschichts- und Quellenwert der Ura-Linda Chronik, die am 4. Mai in der neuen Aula der Universität stattfand, den Weg beschritten haben, die langersehnte Eindeutigkeit des Urteils endlich öffentlich kundwerden zu lassen. Die Aula war mit einer tausendköpfigen Menge gefüllt und die nie erlöschende Anteilnahme an der über vier Stunden dauernden Aussprache zeigte, daß es sich hier um brennende Fragen unserer Weltanschauung handelt. Zuerst wiederholte Professor Neckel seinen Nachweis der Fälschung, den er vor kurzem in den Nationalsozialistischen Monatsheften Heft 48 veröffentlicht hat. Er bezeichnte die Ura-Linda Chronik als ein Mittelding von naiver Geschichtsklitterung friesomanen Zuschnitts und von dichterischer Phantasie. Neckels Stellungnahme gewann deswegen eine besondere Bedeutung, weil er selbst einmal für Wirth eingetreten war, jetzt aber entschieden von ihm abrückte. Nach ihm sprach Dr. Th. Steche, der als Vorkämpfer gegen die Echtheit der Ura-Linda Chronik schon im Völkischen Beobachter vom 11. Januar 1934 mit Nachdruck betont hatte, daß man Hermann Wirth und die Ura-Linda Chronik auf keinen Fall mit der nationalsozialistischen Weltanschauung und der heutigen Staatsführung in Verbindung bringen dürfe. Die Ura-Linda Chronik könne keineswegs als eine Offenbarung über unser Ahnenerbe gelten.
Nach diesen beiden Rednern trat Hermann Wirth erneut für die Echtheit der Chronik ein und da er mit sachlichen Beweisen nichts auszurichten in der Lage war, versuchte er die von ihm betriebene Geistesurgeschichte in Gegensatz zu stellen gegen die Forschungsgebiete der Vorgeschichte und der deutschen Sprachforschung und diese letzteren in ungerechter und unsachgemäßer Weise als Auswüchse des liberalistischen Zeitalters anzuschwärzen. Überhaupt war es auffällig, daß Hermann Wirth wenig zur Sache sprach, sondern als [10] Ausflucht mit neuen symbolgeschichtlichen Phantasien seine Zuhörer zu betören versuchte. Als zweiter Verteidiger sprach als ein sehr wendiger Advokat für die Echtheit der Chronik der Münchner Indologe Professor Walther Wüst. Statt sich nüchterner sauberer Sachlichkeit verpflichtet zu fühlen, war ihm vor allem daran gelegen, Erfolg und Gunst beim Publikum zu erhaschen. Die Rolle des Verführers lag ihm näher als diejenige eines ehrlichen Führers des Volkes. Er stelle es als das Ziel der weiteren Forschung über die Ura-Linda Chronik hin, eine kritische Ausgabe der Chronik zu schaffen, um mit ihrer Hilfe den echten alten Kern herauszuschälen.
Der Direktor des Landesmuseums Hannover brachte die Gründe vor, welche von seiten der deutschen Vorgeschichtsforschung gegen die Echtheit der Ura-Linda Chronik erhoben werden. Er griff die Bemerkung Hermann Wirths auf, daß zwischen seiner Geistesurgeschichte und der deutschen Vorgeschichtsforschung ein Unterschied bestehe, und bekräftigte diese Unterschiede in der Geisteshaltung und der Methode. Durch sachliche Kritik widerlegte er die irrigen Ausdeutungen von Denkmälern der deutschen Frühzeit. — Als Letzter versuchte Dr. Otto Huth vom Reichsbund für Volkstum und Heimat die Echtheit der Ura-Linda Chronik durch das Vorkommen des Vestakultes, des Kultes des ewigen Feuers oder Lichtes, das von jungfräulichen Priesterinnen bewacht wird, zu beweisen. Seine wissenschaftlich unhaltbaren Ausführungen wurden von scherzhaften Zwischenrufen wie “Kopf hoch”, “mehr Feuer” und “Huth ab” begleitet.
In den meisterhaften Ausführungen des Berliner UniversitätsProfessor Arthur Hübner fand die Aussprache ihren würdigen und dem Ernst der ganzen Fragestellung angemessenen Ausklang. Er vermochte selbst in dieser späten Stunde die Aufmerksamkeit der Zuhörer so sehr zu fesseln, daß keiner seiner wichtigen Einwände gegen die Echtheit dieses Machwerks überhört werden konnte. Er wies nach, daß man in der Ura-Linda Chronik nicht einen echten Kern und spätere Überschichtungen zu unterscheiden habe, sondern daß die einheitliche und geschlossene Abfassung dieser Fälschung sich an den durchgehenden gleichbleibenden Bauprinzipien erkennen lasse. Er wies nach, daß die Einheit dieses Werkes in der geistigen Welt des 19.Jahrhunderts begründet sei, daß es in der Gedankenwelt der französischen Revolution und der Aufklärung mit ihrer von Moral triefenden Tugendlehre, mit ihrer Humanitätsidee, ihrer Vernunftreligion und ihrer Anschauung vom Naturrecht verwurzelt sei. Und endlich vermoch[11] te er es zur Wahrscheinlichkeit zu erheben, daß der Urheber dieser Fälschung der viel gebildete Cornelius Over de Linde gewesen sei, in dessen Besitz die Handschrift zum Vorschein kam. Wir besitzen ein Verzeichnis seiner Bibliothek und finden in ihre alle diejenigen Bücher, deren Gedankengut durch die Chronik verarbeitet wurde. Zum Schluß deutete Hübner auf die Tragik hin, die darin liege, daß gerade das Werk, das ganz im aufklärerischen liberalistischen Geist des 19.Jahrhunderts verwurzelt sei, als die Offenbarung unseres Ahnenwerkes gelten solle. — Der Leiter der Aussprache. Prof. F. Neumann, der ebenfalls zugab, daß er nicht an die Echtheit glauben könne, sprach im Schlußwort von der Fruchtbarkeit, die in einer solchen Aussprache liege; worauf es heute ankomme, das sei die tätige Wissenschaft, in welcher Wahres und Fruchtbares sich decken müssten.
Damit sind die Akten über die Ura-Linda Chronik geschlossen. Dies Machwerk ist als eine Fälschung entlarvt und zum Tode verurteilt worden; die Hinrichtung wurde vollstreckt. Mögen Schwarmgeister getrost die schöne Leiche einbalsamieren und auch weiterhin vor dem Glassarg dieser Phantasterei in Anbetung knien. Die Hauptsache bleibt, daß das Leben des deutschen Volkes durch diesen Fall nicht mehr vergiftet wird.
Max Wegner
Fachbeitrag Buttler 2
[12] Herman Wirth und die nat.-soz. Weltanschauung.
Durch unsere Zeit geht ein Suchen und Sehnen nach neuen Werten, besonders die akademische Jugend bereitet sich zu neuem Aufbruch vor. Hand in Hand damit geht ein Forschen nach den völkischen Gesetzen unserer Vergangenheit, aus denen wir Kräfte für den Aufbau der Zukunft schöpfen wollen. In all diesen Dingen sind wir aber noch weit von den letzten Erkenntnissen entfernt, wir stehen gerade am Beginn, und da ist es verständlich, wenn in einer solchen Zeit falsche Propheten auftreten und auf die suchende und gläubige Laienwelt einen starken Eindruck machen.
In besonderem Maße ist dies der Persönlichkeit des Vorzeitforschers Herman Wirth gelungen, dessen Bücher seit einigen Jahren die Öffentlichkeit in steter Spannung halten. In seinen Hauptwerken, dem Aufgang der Menschheit, der heiligen Urschrift der Menschheit und der Neuherausgabe der Ura Linda Chronik erscheint er als begeisterter Prediger nordischer UrHerrlichkeit, versucht die Entstehung der menschlichen Kultur in der Arktis, auf dem untergegangenen Erdteil Atlantis, nachzuweisen und läßt von da die nordische Rasse sich über den ganzen Erdball verbreiten.
Die Ura Linda Chronik, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Holland auftauchte, wurde damals sofort als eine Fälschung erkannt. Wirth verschließt sich dem Bedenken der damaligen Kritiker nicht ganz, sieht aber in der Chronik einen echten Kern, der durch vielerlei Überarbeitungen entstellt sei. Er betrachtet sie als eine uralte heilige Überlieferung der Friesen, die historische Nachrichten bis zurück zum Jahre 2193 v.Chr. zusammenstellt und daneben in der Hauptsache religiös weltanschauliche Weistümer aufzeichnet. In einem langen archäologischen Anhang zum Text der Chronik versucht Wirth, ihre Echtheit zu beweisen, weil nach seiner Ansicht darin Dinge enthalten sind, die der angebliche Fälscher am Anfang des vorigen Jahrhunderts noch nicht wissen konnte, die aber durch die moderne Vorgeschichtsforschung bestätigt worden seien.
Von der Fachwissenschaft wird Herman Wirth allgemein abgelehnt. Einer der wenigen Gelehrten, die seine Ergebnisse bis zu einem gewissen Grade anerkennen wollte, war Prof. Neckel in Berlin, doch ist dieser nach dem Erscheinen der Ura Linda Chronik entschieden von Wirth abgerückt. Für den unbefangenen Leser ist nämlich jetzt die Entstehung des Wirth’schen Lehrgebäudes völlig klar. Wirth sagst in der Chronik selbst, daß er schon vor 10 Jahren in Vorträgen für die Echtheit dieser “Germanenbibel” eingetreten sei. In den letzten 10 Jahren ist aber gerade sein wissenschaftliches System entstanden, mit dessen Hilfe er jetzt die Echtheit der Chronik beweisen will. Der Tatbestand kann also nur so sein, daß Wirth von vorn herein die Chronik für echt gehalten hat und nun die darin enthaltenen Angaben über die Runen, die heilige Schriftreihe auf Grund des Sonnenlauf-Jahres usw. zu beweisen suchte. Zu diesem Zwecke erfand er ein Forschungssystem, das dem Laien überaus gelehrt und ansprechend vorkommt, das aber nichts ist als ein Kartenhaus von Hypothesen und Theorien, die er ohne ernsthafte Beweise in die Welt setzte. Merkwürdigerweise ist in den beiden umfangreichen Bänden, dem Aufgang der Menschheit und der heiligen Urschrift der Menschheit, die Ura Linda Chronik mit keinem Wort erwähnt, obwohl er sie kannte und auf ihr aufbaute. Jetzt aber sollen seine Forschungen dazu herhalten, die Echtheit der Chronik zu beweisen (weil seine Ergebnisse mit ihrem Inhalt völlig übereinstimmen). Das ist ein Zirkelschluß übelster Art, der viele seiner bisherigen Anhänger stutzig gemacht hat. Auf eine Kritik der Wirthschen Theorien und Arbeitsmethode möchte ich hier nicht eingehen, ich verweise auf die Schrift “Herman Wirth und die deutsche Wissehschaft” herausg. Fr. Wiegers, Verlag Lehmann München.
Trotzdem hat Wirth besonders unter der akademischen Jugend begeisterte Jünger, und es empfiehlt sich daher, seine Persönlichkeit näher zu beleuchten.
[13] Herr Wirth hat in den Hamburger Nachrichten vom 11.1.34 einen Artikel veröffentlicht, in dem er der Fachwissenschaft schwere Vorwürfe macht. Weil sie seinen Forschungen nicht zu folgen vermag, spricht er von ihrem geistig-seelischer Unvermögen. Er setzt seine Forschungen gleich Nationälsozislismus, die der Fachwissenschaft gleich Liberalismus und behauptet, daß die akademische Jugend sich zu ihm bekenne.
Diese Feststellungen verdienen allerschärfste Zurückweisung. Denn Wirth weiß genau, daß ihm auf dem Gebiet der Vorgeschichte und Germanistik seit jeher nat.-soz. Kämpfer gegenüber gestanden haben, für die der Vorwurf des Liberalisnus eine unerhörte Beleidigung bedeutet. Wenn Wirth behauptet, die Fachwissenschaft kenne in ihren geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Disziplinen nur das mechanische Prinzip, nicht aber das seelische Moment, so ist das vielleicht richtig, wenn man einige Vertreter der älteren Hochschulgereration mit ihrer rationalistisch-evolutionistisch Weltanschauung betrachtet. Es ist aber unerhört wenn er die in Jahrzehntelanger mühseliger Forschungsarbeit aufgebauten Methoden der Wissenschaft mit dem gleichen Schlagwort “Liberalismus” äbtut. Die Methoden der Wissenschaft sind immer exakt, sie beruhen auf logischem Denken, klarem und nüchternem Gedankenaufbau und dem Willen zur Selbstkritik. Bei jeder Aufstellung einer neuen Theorie ist es nötig und auch allgemein üblich, das Für und Wider ausführlich darzulegen und sich zum Schluß für eine Möglichkeit zu entscheider. Es ist bei den Geisteswissenschaften seibstverständlich, daß das nicht nach einem mechanischen Prinzip erfolgt, sondern daß das seelische Moment eine große Rolle spielt. Die Arbeitsmethode Wirths aber verzichtet auf diese allgemein anerkannten Grundbedingungen jeder wissenschaftlichen Beweisführung, er sagt mit prophetischer Klarheit: Ich erkläre das so und so, also ist es so. Seine Methode leidet also unter dem völligen Mangel an Selbstkritik, dem Unvermögen logisch zu denken, einer allzu üppig ins Kraut schießenden Phantasie und einem vorgefaßten Schema, in das er alles hineinpresst und so lange zurechtbiegt, bis es zu seinen Theorien paßt. Wirth behauptet in dem erwähnten Zeitungsartikel, daß er “durch den Aufbruch einer geistigseelischen Erbmasse zu seiner Forschungsart befähigt und berechtigt sei”, daß er “aus einer organischen Geisteshaltung und Schau heraus” spreche. Damit stellt sich Wirth aus der Wissenschaft heraus und muß es sich gefallen lassen, daß er nicht anders beurteilt wird, als die von ihm so genannten “Germantiker” Guido von List u.a.
Wir nat.-soz. jungen Wissenschaftler müssen diese Art von Forschung ablehnen. Nat.-soz. Wissenschaft unterscheidet sich grundsätzlich von liberaler Wissenschaft, denn im Gegensatz zu dem Chaos der früher herrschenden Lehrfreiheit gelten für uns als letzter Maßstab die Erkenntnisse unserer Weltanschauung, Rasse, Volk und Volkstum. Das ist der feste Rahmen, in den alles einzuordnen ist. Nat.-soz. Wissenschaft aber darf und wird niemals dazu übergehen, bei ihren Methoden Logik und kritisches Denken auszuschalten, wie es Wirth tut, um gewissermaßen bei dem Rauschen der heiligen Eichen auf die Eingebung des “Erberinnerns” zu warten. Diese Art von Kismet Wissenschaft hat mit Nat.-Soz. nicht das geringste zu tun.
Wenn Herman Wirth sich berufen fühlt, dem deutschen Volke eine neue Religion zu verkünden, wenn er sich für einen Seher und Propheten deutschen Geisteserbes hält, so mag er ais Prediger unter das Volk gehen und seine Gedanken verkünden. Er soll aber aufuören, diese Lehre in das Gewand einer Pseudo-Wissenschaft zu kleiden und sie mit seinen Forschunsen zu begründen. Religionen und Weltanschauungen lassen sich nicht beweisen, sie müssen geglaubt werden. Das Begründen haben Rationalismus und Liberalismus versucht und sind daran gescheitert. Das mag sich Herr Wirth einmal vor Augen halten. Zur Verkündigung einer Religion genügt ein innerlich ergriffener Mensch, der seine Gottessendung fühlt und eine gläubige Masse. So und nicht durch Runenforschung haben Christus und Mohamed ihre Lehren geschaffen.
[14] Wirth sollte es im übrigen vermeiden, sich mit uralter nat.-soz. Einstellung zu brüsten, wie er es in den Hamburger Nachrichten tut, denn er scheint von unserer Weltanschauung eine ganz besondere Auffassung zu haben: Im Jahre 1929 hat er sich für seine Forschungen von dem jüdischen Ölmagnaten Jul. Schindler aus Hamburg 17 000.- Mark schenken lassen und hat über Schindler noch versucht, von Max Warburg, dem Inhaber der internationalen Weltbank ein Darlehen von 50 000.- Mark zu erhalten. In dem Bettelbrief, aus dem diese Angaben hervorgehen, empfiehlt er seinen jüdischen Gönnern eine Besprechung seines “Aufgang der Menschheit”, die in der Frankfurter Zeitung (1929 Nr. 419/420) erschienen war. Darin ist der Wert der Wirthschen Forschungen für die Bekämpfung des Antisemitismus besonders hervorgehoben, da Wirth bekanntlich nur 2 Rassenpole gelten läßt und alle übrigen Rassen durch Mischung erklärt. Überdies glaubt er in der altjüdischen Kultur Palästinas eine Menge ur-nordischer Beziehungen zu sehen. Wenn dies alles stimmen würde, hätte das Judentum Wirth damals sicher vor seinen Karren gespannt. Max Warburg hat aber nach gründlicher Prüfung der Wirthschen Werke diese als wissenschaftlich unhaltbar erkannt und jede geldliche Unterstützung abgelehnt. Die jüdische Intelligenz hat also darauf verzichtet, sich mit Wirth zu blamieren und ihn den “Völkischen” überlassen. Und wie stellen wir Deutschen des Dritten Reiches uns dazu?
Es kann nach allem nicht verwundern, wenn sich Wirth in seiner Kritik- und Instinktlosigkeit auch zum Werkzeug der Freimauerei gemacht hat. Er erklärt nämlich in seinen Forschungen die aus dem Orient stammenden Zeichen und Symbole der Freimauerei als ur-nordisch, und so glaubten die Logen in Wirth einen guten Rückhalt gegen den Nat.-Soz. zu haben. Sie ließen ihn Vorträge halten, weihten ihn in ihr Brauchtum ein und füllten ganze Hefte ihrer Zeitschriften mit seinen Forschungen. Wirth scheute sich nicht, in einem Vortrag bei der Nordhauser Loge zu erklären: “Nicht orientalisch sondern nordisch-atlantisch ist ihr Brauchtum! Sie fußen auf nordischer Tradition. Das muß den Leuten klar gemacht werden!” (Deutsch-christl. Orden, Heft 6, Juni 1933). Unser Staat hat aber die Schliche der Freimauerei erkannt und die Logen sind doch aufgelöst worden, trotz Herman Wirth.
Die Jugend unserer Universitäten hat in solchen Dingen einen besseren Instinkt als Herr Prof. Wirth und man darf ihr getrost das Urteil überlassen. In einigen Jahrzehnten wird man sich fragen, wie es möglich war, daß ein solcher Mann ernst genommen werden konnte. Man wird ihn als das erkennen, was er wirklich ist: Einer der vielen großen Geister, die in bewegten Zeiten immer auftreten in Verfolgung einer an sich guten Sache, über das Ziel hinausschießen und so zu falschen Propheten werden.
W. Buttler, Köln.
Noten
- ↑ Sehe auch [19/2241] 8-2-1937 Eckhardt an Himmler: “Anbei Studie + Richthofen an Köhler.” K = Mitarbeiter (Unterscharführer im SD-HA). Warnt „vor jedem Eintreten für das hoffnungslose Machwerk Ura-Linda-Chr.”. Diskutiert Wirths Leistung.; und [id.] 25-2-1937 Antwort Himmler, u.A. “Richthofen u.a. nicht in der Lage, Echtheit Ura-Linda-Chr. zu überprüfen.”; 12-3; 30-3.