DE202.06 Reintia
Z. Zeitalter Askar
Reintjas Traum
Wirth 1933
[/123] Sobald die Dänemärker, die sich selber hoch über allen anderen trutzlich Seekämpen hießen, von den ruhmreichen Taten Askars gehört hatten, wurden sie darob neidisch, dermaßen, daß sie die See und seine Lande mit Krieg überziehen wollten. Sieh hier, wie er den Krieg vermeiden konnte.
Zwischen den Trümmern der zerstörten Burg Stavia hauste noch eine kluge Burgmaid mit ihren Maiden. Ihr Name war Reintja, und es ging ein großer Ruf von ihrer Weisheit aus. Diese Maid bot Askar ihre Hilfe an unter Bedingung, daß Askar die Burg Stavia wieder aufbauen ließ. Als er sich dazu verpflichtet hatte, ging Reintja mit den drei Maiden nach Hals; sie reiste zur Nachtzeit und am Tage redete sie auf allen Märkten und allen [124] Dorfauen. Wralda, sagte sie, hätte ihr durch Donner zurufen lassen, daß alles Fryas-Volk Freunde werden sollte, wie es Schwestern und Brüdern geziemet: sonst würde Findas Volk kommen und sie allesamt vertilgen. Nach dem Donner wären Fryas sieben Wachmaiden ihr in ihrem Traume erschienen, sieben Nächte nacheinander. Sie hätten gesagt: »Über Fryas Land dräut Unheil mit Joch und Ketten. Darum müssen alle Völker, die aus Fryas Blut entsprossen sind, ihre Zunamen[1] wegwerfen und sich selber nur Fryas Kinder oder Volk heißen. Fürder müssen alle aufstehen und Findas Volk von Fryas Erbe vertreiben. Wollen sie das nicht tun, so werden die fremden Herren ihre Kinder mißbrauchen und geißeln lassen, bis das Blut sickert in eure Gräber. Dann werden die Schatten eurer Vorfahren kommen, euch zu wecken und euch zu tadeln ob eurer Feigheit und Sorglosigkeit.«
Das dumme Volk, das durch Betreiben der Magjaren schon vieler Torheit gewohnt war, glaubte alles, was sie sagte, und die Mütter preßten ihre Kinder an ihre Brust. Als Reintje den König von Hals und alle anderen Menschen zur Eintracht überredet hatte, sandte sie Boten an Askar und zog selber die Baldasee[2] entlang. Von dort ging sie zu den Hlith-hawar (Litauern). Die Litauer sind Ausgewanderte und Geächtete aus unserem eigenen Volke, das in den Twisklanden sitzt und umherzieht. Weiter ging sie hinter den Sachsenmarken, quer durch die anderen Twisklande hindurch, und verkündete allewege dasselbe.
Nachdem zwei Jahre herum waren, kam sie den Rhein entlang heimwärts. Bei den Twiskländern hatte sie sich selber als Mutter ausgegeben und gesagt, daß sie als freie und franke Leute wiederkommen dürften; aber dann sollten sie über den Rhein gehen und die Golen-Folger aus Fryas Südlanden verjagen. So sie dies täten, würde ihr König Askar über die Schelde ziehen und dort das Land abgewinnen. Bei den Twiskländern haben sich viele übele Sitten von den Tartaren und Magjaren[3] eingeschlichen, [125] aber auch viel sind unseren Sitten treu geblieben. Dadurch haben sie noch Maiden, die die Kinder lehren und den alten Rat erteilen. Im Anfang waren sie Reintja feindlich gesonnen, aber zuletzt folgten und dienten sie ihr, und sie wurde alleweg von ihnen gepriesen, wo es nützlich und nötig war.
Fußnoten
- ↑ Die im Laufe der Zeit angenommenen Sonderstammesnamen.
- ↑ Es ist unsicher, welche See damit gemeint ist. Die Bezeichnung mare balticum (Baltisches Meer) wird zuerst von Adam von Bremen (gest. 1076) nach der von Plinius Balcia oder Baltia genannten Insel gebildet, deren Lage noch nicht bestimmt ist. Wilser vermutet, daß sie identisch mit Bornholm. Für Ostsee wird S. 45 »Astarse« gebraucht.
- ↑ Vgl. Anmerkung S. 48.
DE198.19 Blut ᐊ vorherige/nächste ᐅ DE205.01 Askar